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Sonntag, den 10. März 1895.

22. Jahrgang

mit Unterhaltnrtgs-KeUage ,Sterne und Klnrnerr".

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Erscheint täglich, 6ee* wtb Feiertag« anagenomme*. — Biertei jährlich er Abouuemestsprei« ahne Bringerlohn und Beftellgell» in Fulda und auswärt« 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Aarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

fV* Hierzu eine Beilage.

* * Wochenrundschau.

(Schluß.)

Der hl. Vater hat am Sonnabend sein 85. Lebens­jahr vollendet und bei den Geburtstagsfeierlichkeiten, bei den Audienzen und den Ansprachen, die er gehalten, wiederum eine bewundernswerthe geistige und körper­liche Frische bewiesen. Kaiser Wilhelm hat ihm ein herzliches Glückwunschtelegramm gesandt. Möge Gott uns Papst Leo XII1. noch lange erhalten.!

Kaiser Franz Josph von Oesterreich soll, wie ein Berliner Blatt behauptet, bei seinem jüngsten Aufenthalt in Südfrankreich von einem anarchisti- schenAttentat bedroht gewesen, der Attentäter aber noch rechtzeitig verhaftet worden sein. Die offiziösen Wiener Blätter erklären diese Nachricht jedoch für er­funden. — Die Judenliberalen in Oesterreich gaben sich in der letzten Zeit große Mühe, durch Ver­mittelung des Koalitionsministeriums Windischgrätz den h l. V a t e r zu einer Stellungnahme gegen die Christlich- Sozialen zu bewegen. Die österreichische Regierung hat sich durch ihre Nachgiebigkeit gegen die Juden­liberalen aber nur eine empfindliche Blamage zugezogen, da der hl. Stuhl jene Zumuthung entschieden'zurück­wies. Ja, ein christlich-soziales Blatt erhielt dieser Tage sogar den päpstlichen Segen. Das Koalitions­ministerium bietet überhaupt ein klägliches Schauspiel dar. Die verschiedenen Bestandtheile der Koaliten zu- sammenzuhaltev, wird immer schwieriger und ist über­haupt nur durch gegenseitige Preisgabe von Grund­sätzen möglich. Dabei fahren natürlich diejenigen am besten, die ihre Forderungen am höchsten schrauben und am zähesten festhalten. Seit langer Zeit spukt nun schon die „Frage" des Gymnasiums in Cilli (Steiermark). Das Gymnasium ist deutsch. Die Slovenen, die dort sehr zahlreich sind, verlangen nun slovenische Parallelklassen von unten auf. Die „deutsche" Linke mag natürlich darauf nicht eingehen; andererseits beharren die Slovenen, die als Bestandtheil des Hohen­wartklubs ebenso wie die „deutsche Linke" der Koalition angehören, hartnäckig auf ihrer Forderung. Und so kommt es, daß wegen etlicher Gymnasialklassen die ganze Koalition in ihrem Bestände gefährdet ist! Ueber kurz oder lang muß die unnatürliche Parteiklitterung, die sich „Koalition" nennt, jedenfalls auseinanderfallen.

In Rußland ist an Stelle des verstorbenen v. Giers der bisherige russische Botschafter in Wien, Fürst Lobanow, zum Minister des Auswärtigen ernannt worden. Die Wiener Blätter sprechen sich über diese Ernennung sehr befriedigt aus. Große Enttäuschung herrscht dagegen in England, wo man fest geglaubt hatte, daß der dortige russifche Botschafter v. Staat zum russischen Minister des Auswärtigen ausersehen sei, von dem sie sich eine sehr engländer-freundliche Politik versprachen. Auch die Franzosen wissen nicht recht, ob sie von dem Fürsten Lobanow viel Gutes zu erwarten haben.

In Frankreich haben die Chauvinisten freilich jetzt einen ergiebigeren Stoff, um die öffentliche Meinung zu bearbeiten. Die französische Regierung hat sich nach einigem Zögern entschlossen, die Einladung sdes deutschen Kaisers, sich mit einigen Schiffen an den Feierlichkeiten zur Eröffnung des Nordostseekanals zu be- theiligen, anzunehmen. Außerdem hat die sogenannte „Marsfeld-Gesellschaft" französischerKünstler — im Gegensatz zur „Gesellschaft" der elysäischen Felder — beschlossen, an der internationalen Kunst­ausstellung, die 1896 in Berlin stattfinden soll, theilzunehmen. Das ist natürlich nach den Hetzblättern so gut wie Verrath des Vaterlandes. Sie finden aber beim Pariser Publikum nicht mehr viel Anklang mit ihren Hetzereien. Eine versöhnlichere Stimmung ge­winnt allmählich Oberhand, wofür besonders die deutsch­freundliche Haltung der Boulevardblätter, vorab des ,Figaro' spricht, die stets eine „seine" Witterung für die Neigungen ihres Publikums haben und sich aus­schließlich durch diese bestimmen lassen.

Im englischen Parlament hat der Staatssekretär für Irland, John Morley, eine neue Bill (Vorlage) zur irischen Landakte eingebracht, die eine Er­leichterung des Landankaufs durch die Pächter bezweckt. Die Vorlage ist im Unterhause ziemlich günstig aus­genommen worden.

Den belgischen Kammern ist eine neue Wahl­ordnung für die belgischen Gemeindewahlen zugegangen, die das 30. Jahr als Beginn der Wahl­fähigkeit festsetzt und dreijährigen Wohnsitz im Wahl­orte zur Bedingung macht. Jeder Wähler kann bis 4 Stimmen erhalten, als Bürger, Familienvater, Steuerzahler und Grundbesitzer.

Spanien geht mit großer Energie an die Unter­drückung des Aufstandes auf Kuba. Schon jetzt haben die spanischen Truppen auf Kuba, die noch weitere bedeutende Verstärkungen erhalten, einige nicht unbedeutende Erfolge errungen; bei Jaguay Grande haben sich die Aufständischen ergeben. In einem Theile des Landes gilt der Ausstand schon als beendet. In­dessen wird Spanien gut thun, sich dadurch nicht in trügerische Sicherheit wiegen zu lassen, denn es scheint säst, als wenn die Aufständischen von den Vereinigten Staaten aus insgeheim unterstützt würden. Dort blickt man ja schon lange begehrlich nach der „Perle der Antillen" hinüber.

Die Japaner haben sich in der Mandschurei lange Zeit in der Defensive gegen die Chinesen be­funden, die mehrere energische Vorstöße auf die Armee des Generals Nodzu gemacht haben, allerdings ohne Erfolg. Jetzt schcinen^die Japaner zum Angriff vor­gehen zu wollen, denn es wird gemeldet, daß die 3. japanische Division von Haitscheng sich am Samstag mit der 5. Division von Fenghuangtschang, 20 Meilen südlich von Liargang, vereinigt hat. Inzwischen hat Li-Hung-Tschang Peking verlassen, um sich als Friedens­vermittler nach Japan zu begeben.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. März.

* Zum siebenten Male kehrt morgen der Tag wieder, an welchem Kaiser Wilhelm I. sein Haupt zur Ruhe gelegt und für immer die Augen geschloffen hat, die so unablässig über Preußen und Deutschland gewacht haben. Seit jener Stunde, da fast alle Völker des Erdballs sich in Trauer mit uns zusamnienfanden, sind die Geschicke ernst über das Vaterland dahingerollt. Inmitten der Kämpfe des Tages ist dem deutschen Volke der 9. März ein Tag der Einkehr und der Sammlung. Wir hören im Geiste wieder die Glocken klingen, sehen die schwarzen Fahnen sich entfalten und die Blicke haften weymuthsvoll an dem Antlitz des tobten Kaisers. Die Einheit der Trauer und der Erinnerung umfängt wieder die Herzen. Trotz aller Gegensätze, die der Tag bringt, finden wir uns zu­sammen in dem Andenken an des Reiches Gründer, dem siegreichen Feldherrn, den Vater des Volkes.

* Der Kaiser hat, wie die ,Saale-Ztg.' in Halle aus bester Quelle erfahren haben will, zu Freiherrn v. Manteuffel nach dem Festmahl des brandenburgischen Provinziallandtages in Bezug auf den Antrag Kanitz wörtlich geantwortet: „Ich kann den armen Leuten das Brot? nicht vertIeuern." Das ,Volk' gibt die Aeußerung des Kaisers in folgender Fassung, die es als die richtige bezeichnet, wieder. Der Kaiser habe zu Frhrn. v. Manteuffel gesagt: „Sie können mir nicht zumuthen, daß ich Brodwucher treibe."

* Zum Rücktritt des Oberpräsidenteu Graf Stolberg verlautet, daß der Kaiier über die offen ausgesprochene Zustimmung des Grafen Stolberg zum Antrag Kanitz sehr unzufrieden gewesen sei und den Rücktritt des Grafen Stolberg selbst als Wünschenswerth bezeichnet habe.

* Die „Umsturzkommission" hat heute den § 130 der Umsturzvorlage in der Fassung der Regierung einstimmig abgelehnt, nachdem zuvor auch alle Anträge abgelehnt worden waren, und zwar der Antrag Rintelen mit allen gegen die Stimmen des Centrums und des polnischen Mitgliedes, der Antrag Roon mit 13 gegen 12 Stimmen, nachdem derselbe zuvor durch Annahme einiger Unteranträge mehrere Aenderungen erfahren hatte. Dagegen wurde der Antrag Broekmann (Cir.) auf Streichung des § 130a (Kauzelparagraphen) mit allen gegen die nationalliberalen Stimmen an­genommen. Das Centrum kann daher trotz Ab­lehnung des Antrags Rintelen mit dem Ergebniß dieser Sitzung zufrieden sein. Die Nationalliberalen haben sich wieder einmal als tue ärgsten, unverbesserlichen Kulturkämpfer bewiesen.

* Wir hatten neulich mitgetheilt, daß Minister Miquel bestimmt die Konvertirung der 4pro- zentigen preußischen Konsols beabsichtigt, aber darauf wartet, daß ihm dieselbe aus dem Landtage heraus „apportirt", d. h. angeregt werde. Aus dem Reichs­tage heraus ist dies jetzt geschehen, da die „wirth- schaftliche Vereinigung" des Reichstags sich mit einem Anträge beschäftigt, wodurch der Reichs­kanzler um Vorlegung eines Gesetzentwurfs zur Um­wandlung der 31/2 und 4prozeutigen deutschen Reichs­schulden in 3prozrutige. Der Zweck dieses Antrags ist, hierdurch auch eine Herabsetzung der Hypotheken- zinfen und damit eine Verbilligung der landwirth- schastlichen Produktion zu erzielen. Die Konversion der Reichsschulden wird natürlich nicht ohne gleich­zeitige Konversion der preußischen Staatsschulden er­folgen, und deshalb braucht Herr Miquel jetzt kaum noch auf eine entsprechende Anregung aus dem Land­tage zu warten.

* Zur Beleuchtung des Duellblödsinns dient ein Fall, der sich dieser Tage in Berlin ereignet hat. Im Grünewald hat am Dienstag ein Pistole n duell zwischen dem stud. jur. Rubinstein und dem stud. phil. Lehmann stattgefunden, wobei ersterer schwer verwundet wurde und alsbald starb. Die Veran­lassung waren ein paar Ohrfeigen, die Rubinstein (Jude) bei einem Wirthshausstreit, der antisemitischen Charakter trug, von Lehmann erhalten hatte. Also: erst beschimpft und dann todtgeschossen! Rubinstein mußte die Beleidigung „sühnen", die Lehmann ihm zugefügt hatte! Der Mörder erhält nun vielleicht ein bis zwei Jahre Festung, wird möglicherweise bald begnadigt und — ist ein Ehrenmann.

* Die Abgg. Auer und Gen. (Soz.) haben zur 2. Etatsberathung und zwar zum Titel der Ein­nahmen aus Zöllen u. s. w. — Brauftcucr — eine Resolution beantragt, wonach das Brausteuergesetz von 1872 dahin abgeändert werden soll, daß bei der Bierbereitung nur Wasser, Malz, Hopfen und Hefe verwendet werden darf.

' Der Reichstag setzte gestern die Berathung des Militäretats fort. Die an die Kommission zurück­verwiesene Position Kommandantur in Altona wurde gegen die Stimmen der Linken bewilligt. Beim Kapitel Geldverpflegung der Truppen rechtfertigte Kriegsminister Bronsart von Schellendorff die Abkomman- dirung von Soldaten zu Erntearbeiten gegenüber dem Abg. v. Voll mar. Von Lohndrückerei fei dabei keine Rede. Seitens der Kommission lag der Antrag vor, die Regierungen zu veranlassen, Bestimmungen zu treffen, daß der erfolgreiche Besuch eines Lehrer­seminars die Berechtigung zum einjährigen Dienste in sich schließe. Abg. Weiß (frs. Vp.) beantragte dazu, daß die Lehrer alle Rechte der Einjährig-Freiwilligen (Wohnen außerhalb der Kaserne, Erlangung des Reserve­offizierranges) haben sollen. Staatssekretär v. Böt­ticher theilte mit, daß die Stimmung im preußischen Staatsministerium der Resolution günstig sei. Er habe aber Bedenken dagegen, daß der Reichstag da­rüber entscheiden wolle, ob die Vorbildung der semina­ristisch gebildeten Lehrer mit der Gymnasialvorbildung gleichwerthig sei. Darüber solle die Reichsschulkom- mifsion gehört werden. Der Zusatzantrag Weiß sei entbehrlich. Nachdem noch die Abgg. Dr. Lieber (Ctr.), Bassermann (nl.) und v. Kardorff (Rp.) für die Resolution der Kommission eingetreten, wurde der Antrag Weiß zurückgezogen. Abg. v. Leipziger (kons.) befürwortete gleichfalls die Resolution und gleichzeitig den Vorschlag v. Kardorff's, wonach zur Deckung der Kosten für den Freiwilligen-Dienst un­bemittelter Lehrer die Unterrichtsverwaltung beitragen soll. Abg. Bebel (Soz.) sprach gegen die Resolution, worauf dieselbe gegen die Stimmen der Sozialdemo­kraten angenommen wurde. Beim Kapitel Natural­verpflegung wünschte Abg. v. Buol (Ctr.), daß die Militärverwaltung ihren Bedarf möglichst direkt bei den Landwirthen decken möchte und empfiehlt diesen, sich zu dem Zwecke in Genossenschaften zusammen zu thun. Generalmajor v Gemmingen schloß sich dem an, indem er die Bereitwilligkeit der Verwaltung konstatirte, dem Wunsche v. Buols zu entsprechen. Hierauf tritt Vertagung ein. Der Präsident ruft den Abg. Ahlwardt wegen seiner gestrigen Rede noch nachträglich zur Ordnung. Morgen Etat.

* Der Reichstag setzte heute die Berachung des