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Samstag, den 9. März 1895.

22. Jahrgang

FilldacrWZeitiiiig

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** Wochenrundschau.

Der Reichstag ist, nachdem er den Marine­etat am letzten Samstag erledigt hatte, in die Be- rathung des Militäretats eingetreten. Die General­debatte, die sich auch in diesem Jahre an das Gehalt des Kriegsministers und das Kapitel der Milttär- Justizverwaltung knüpfte, war weder sehr aufregend noch an sich sehr bedeutsam. Offenbar herrscht das Bestreben vor, die Etatsberathung möglichst rasch zu fördern, wofür allerdings gute Gründe sprechen. Wenn die Sozialdemokraten nicht das Bedürfmß fühlten, ihre üblichen Agitationsreden zu dem Fenster hinaus zu halten, so wäre in diesem Jahre überhaupt jede Generaldebatte unterblieben. Auch so verlief dieselbe noch recht matt, einmal, weil die von Herrn Bebel vorgebrachten Klagen nicht neu und zudem gering­fügiger als in früheren Jahren waren, dann aber, weil die anderen Parteien eine so große Zurückhaltung beobachteten, daß die Debatte sich wesentlich als em Zwiegespräch zwischen dem Abg. Bebel und dem Kriegsminister darstellte, für welches das Interesse natürlich rasch erlahmte; denn beide Parteien hatten ihr Pulver ja gleich Anfangs verschoffen. Der Kriegs­minister, General Bronsart von Schellendorff, versteht es durch überraschende Wendungen, kühne Attaquen, denen er dann wieder durch eine humorvoll-versöhnliche Wendung die persönliche Seite abbricht, seine Hörer zu fesseln und besonders auf der rechten Seite „leb­haften Beifall" und „große Heiterkeit" zu erwecken. Anders Herr Bebel. Er geht vielleicht noch scharfer zum Angriff vor, als der Kriegsminister, aber ihm fehlt die Gabe des Humors; um so mehr jedoch besitzt er eine große, zuweilen leidenschaftliche Eindringlichkeit der Redeweise. Mit Recht hat man ihn, als er den bekannten Streit mit Vollmar hatte, den „ehrlichen Fanatiker" genannt. So erscheint er auch als Redner. Er spricht mit großem Eifer, zu überzeugen, aber man merkt, daß er auch selbst von dem, was er spricht, vollkommen überzeugt ist — ein Eindruck, den man bei anderen sozialdemokratischen Rednern nicht immer hat; er ist von seinen Reden selbst ergriffen, er be­geistert sich an seinen eigenen Worten. Darum weiß auch Bebel seine Hörer zu fesseln, aber — der gute Eindruck verflüchtigt sich bei den Wiederholungen, die in seinen Zwiegesprächen mit dem Kriegsminister un­vermeidlich waren. Sachlich, besonders bezüglich des Duellunfugs in der Armee, hatte Bebel größten- theils von vornherein die bessere Position, und was der Kriegsminister dagegen sagte, waren nur matte Versuche, die Anklagen Bebels als Uebertreibungen hinzustellen, für die betreffenden Offiziere auf „mil­dernde Umstände" zu plaidiren - aber eine Rechtfertigung des Duells versuchte er, wohl­weislich, gar nicht erst. Wenn wir im Vorhergehenden die Erörterungen über den sozialdemokratischen Antrg, auf Einführung des Milizsystems (der „Volksbewaff­nung") an Stelle der stehenden Heere nicht erwähnt

3.

Eine Irage.

Säst Du schon im Kindesauge Jene Himmelsschrift gelesen, Wenn verklärt vom Engelshauche Dir erschien sein trautes Wesen?

Sahst Du wohl in seinem Blicke Dieses Wort vom hohen Frieden?

Vom verschwund'nen Edenglncke Jst's ein Abglanz noch hienieden.

In der Alpen See erscheinet Klar ein Bild der lichten Sonne; In des Kindes Äug' vereinet Liegt der Strahl der Himmelswonne.

Lies, was Gott ihm eingeschrieben! Dieser Glanz soll Alle fragen, Ob wie Kindlein sie geblieben In des Lebens rauhen Tagen!

Kindesauge, klar und offen, Sei Dir Sonne, sei Dir Leben! Kindesftieden, Kindeshoffen Möge selig Dich umschweben!

Kindesunschuld, Kindesauge, Mahnruf Du vom Vater drüben: Möge nie vom Erdenhauche Dir Dein Himmelsglanz sich trüben!

B.

haben, so werden unsere Leser dies verstehen; der Antrag war eben nur eine leere Demonstration, dre auf keiner Seite Unterstützung fand.

Mehr als mit den Verhandlungen über den Mül- täretat beschäftigt sich die öffentliche Meinung noch immer mit der Annahme der im Marineetat gefor- i)erten vier nenen Kreuzer, von denen freilich zwei zum Ersätze älterer, nicht mehr dienstfähiger Schiffe bestimmt sind. Es läßt sich nicht leugnen, daß sowohl der Staatssekretär des Reichsmarineamts tote der Staatssekretär ves Auswärtigen Amts in sehr ge­schickter und eindrucksvoller Weise diese Forderung vertreten haben. Sie konnten in der Dhat Nachweisen, daß unsere Kreuzerflotte in den letzten 10 Jahren sehr stark abaenommen hat und nicht mehr den Aufgaben gewachsen ist, welche an sie gestellt werden. Auf der anderen Seite sprach die Rücksicht auf die Finanzlage für Ablehnung der neuen Kreuzer. Dazu aber waren doch nur die Sozialdemokraten bereit, die ja alle mili­tärischen Forderungen rundweg ablehnen; die anderen Parteien aber wollten sämmtlich wenigstens 2 oder auch 3 der geforderten Kreuzer bewilligen, auch Herr Eugen Richter. Dann aber wäre die Erfpan-iß nicht mehr so groß gewesen, daß es deshalb gerechtfertigt gewesen wäre, eine an sich wvhlbegründete Forderung zurückzuweisen und dadurch Hunderte von Arbeitern auf den Werften brodlos zu machen. Der letztere Gesichtspunkt besonders war für das Centrum aus­schlaggebend. Um aber andererseits auch der Finanz­lage Rechnung zu tragen, beantragte das Eentrum (Abg MiMer-Fulda), die Kosten für das größte der geforderten Schiffe, den Kreuzer 1. Klaffe „Ersatz Leipzig", zum Theil — für dieses Jahr — auf An­leihe zu übernehnren und außerdem das von der Kom­mission bewilligte Torpedo-Divisionsboot zu streichen. Dieser Antrag wurde angenommen. Das Centrum stimmte, als vom Bundesrathstische dem ersteren An­träge zugestimmt worden war, geschlossen für die vier Knitzer, was jedenfalls einen viel besseren Eindruck machte, als das Verhalten der Konservativen. Zuerst hatte ein Theil von ihnen, der Führer des

Bundes der Landwirthe" v. Plötz an der Spitze, gegen die „Kähne" stimmen wollen, da inzwischen bekannt geworden war, daß der Kaiser von dem Antrag Kanitz nichts wissen will. Offen hatte ja wenige Tage vorher ein konservativer Abgeordneter, v Werdeck, in einer Versammlung das Loosurlgswort ausgesprochen: „Ohne Kanitz keine Kähne!" Das war auch der Grundton der Marine-Rede des Grafen Mirbach. Zwar wollte, so erklärte er, die Mehrheit seiner Partei für die vier Kreuzer stimmen, aber nur vorläufig, in 2. Lesung; sie behält sich also ihre Ent­scheidung in dritter Lesung vor. Nachdem Graf Mir­bach einige fehr deutliche Anspielungen auf die winh- schaftliche Lage und die Ungunst der Zeiten gemacht hatte, schloß er mit den sehr bezeichnenden Worten:

Also wir werden heute für die Forderung stimmen, und ich hoffe - ich sage, ich hoffe — auch m

der dritten Lesung." Also Graf Mirbach hofft, auch in 3. Lesung für die vier Kreuzer stimmen zu können, und er hofft dies, weil er hofft, daß sich die Regier­ung inzwischen zum Anträge Kanitz oder zur Doppel­währung bekehrt habe. Das war der langen Rede kurzer Sinn. Die noch oppositionslustigere Minder­heit der Konservativen enthielt sich der Abstimmung, zur großen Heiterkeit des Hauses, das vorher hatte beobachten können, wie Herr v. Köller in die Arena hinabstieg und die um Plötz beschwor, doch ja nicht gegen die vier Kreuzer zu stimmen.

Ihre Stimmenthaltung hat aber deshalb auch keinen besseren Eindruck nach oben hin gemacht. Der Kaiser hat sich vielmehr sehr bitter über die unpatriotlsche Haltung der Konservativen, die mit den Schiffen eine Art Pferdehandel zur Einheimsung des Antrags Kamtz oder der Doppelwährung vorhatten, ausgesprochen. Dieses Verhalten gereicht also den Konservativen nur zum Schaden. Der Kaiser wird sich dadurch erst recht nicht überreden lassen, dem Anträge Kanitz zuzustimmen. Dieser — das glauben heute jedenfalls auch die meisten Konservativen — ist völlig aussichtslos, mag der Staatsrath, der am nächsten Dienstag zusammen­tritt sich über den Antrag auch noch so eingehend unterhalten. Deswegen braucht aber die Arbeit des Staatsrathes nicht völlig vergeblich zu sein; denn es ist ihm noch eine ganze Reihe anderer landwirthschaft- licher Fragen zur Begutachtung vorgelegt, und wir hoffen, daß man in dieser Hinsicht nichts versäumen wird, was dazu dienen kann, Anregungen zu Maß­regeln für die Landwirthschaft, sei es auf dem Wege der Selbsthilfe oder Gesetzgebung, zu geben. Mochten die Berathungen des Staatsrathes unserem Bauern­stände zum Segen gereichen!

Das Abgeordnetenhaus hat am Montag die Berathung des Kultus etats beendigt, nachdem die­selbe auch in ihrem zweiten Theile genau dasselbe Bild, wie in ihrem ersten geboten hatte: Zurückweisung jedes, auch des bescheidensten Wunsches der Centrums­partei, jeder Forderung zu Gunsten der katholischen Kirche seitens des Kultusministers sowohl wie seitens der anderen großen Parteien des Hauses. Der Herr Kultusminister wird aber die Erfahrung machen, daß er die Katholiken mit wohlwollenden Redensarten nicht mehr zu beschwichtigen vermag; er wird sehr bald ge­wahr werden — wenn er es noch nicht bemerkt haben sollte —, daß sein Beschwichtigungssystem „nicht mehr zieht" und daß die Katholiken nichts mehr auf schöne Worte geben, sondern Thaten verlangen. — Am Dienstag ist das Abgeordnetenhaus dann in die Berathung des Bergetats eingetreten, wobei Abg. Stötzel (Ctr.) den Gewerkverein christlicher Bergleute energisch gegen die Angriffe von nationalliberaler Seite vertheidigte, und hat am Mittwoch auch die Berathung des Etats der Handels- und Gewerbever­waltung bereits begonnen.

(Schluß folgt.)

Die Erzählung des Todtengräbers.

Roman von H. v. Remagen.

(19. Fortfetzung.)

In dem Wagen saßen Ubald, Bruno und der Professor; und während der Aeltere derer von Barges, des Bewußtseins seiner Leiden beraubt, mit stupidem Lachen den Sitz seiner Ahnen verließ, blieb der arme Friedrich daselbst zurück, Wittwer, allein, von tausend­fachem Kummer zerrißen; als er den Wagen das Park- qitter verlassen sah, stöhnte er laut auf; dann lief er nach dem Orte, wo die Gebeine seiner heben Tobten tagen, und fiel an Sophiens Grab auf die Kniee nieder. , ,

Es vergingen drei Jahre und in diesem langen Zeiträume gewann Ubald die Vernunft nicht wieder. Immer noch in dem Hause des Arztes, der ihn wie seinen eigenen Sohn liebte und pflegte, Begehrte er, feiner selbst unbewußt, wie eine Pflanze dahin.

Friedrich besuchte ihn von Zeit zu Zeit, kehrte aber von jedem Besuche verstimmter zurück, toeit er jeden Schimmer von Hoffnung verlor, und schloß sich in seinem verödeten Schlosse ein.

Die Gräfin King hatte in Unkenntmß über die Schuld ihrer Enkelin und über Ubald's Wahnsinn das Zeitliche gesegnet; von Hilda erfuhr man nichts mehr,

und die Lebensweise der beiden Grafen war em Ge­heimnis für alle. Rur glaubten Viele, der arme Friedrich sei durch den Tod seiner Gemahlin fast wahnsinnig geworden, daher bemitleidete man ihn in der ersten Zeit sehr; als er aber Jahr aus, Jahr ein sich von Allem zurückhielt und wie ein Einsiedler zwilchen seinen vier Mauern lebte, gerieth er allmälig ganz m Vergessenheit. , ,

Das Dasein des unglücklichen Wittwers floß traurig dahin; er, der von Natur ein so außerordentlich ge­fühlvolles Gemüth erhalten, litt nm so schrecklicher, bis zuletzt sein Herz, gleich einem vollen Gefatz, daS auch keinem Tropfen mehr fassen kann, sich gegen ,ede Regung verschloß und zu Eis erstarrte.

Wenn aber auch das Herz, von Kummer über­sättigt, den lebensfrohen Schlag der Jugend verloren hatte so arbeitete dagegen das Gehirn mit fieber­hafter Thätigkeit unablässig in den seltsamsten Ge­danken herum; vergessen waren die erhabenen Ideen seiner Jugend, erloschen die göttliche Flamme des Glaubens, sein Geist sank zu Boden als em Opfer wahnwitziger Gedankenspiele.

Eine flxe Idee, ebenso hartnäckig als thoricht, nahm ihn gefangen und ließ ihm keine Ruhe: er wollte die Rathschläge Gottes erforschen! Warum war die gute, tugendreiche Sophia gestorben in der Blüthe ihrer