56 ' Freitag, den 8. März 1895. 22. Jahrgang
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mit Uiltrrhaltrmgs-Keilage „Sterne und Ktumrn"._____
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Dentsches Reich.
Berlin, 6. März.
* Dem Vernehmen nach hielt der Kaiser bei der Rekrutenvereidigung in Wilhelmshaven eine Ansprache, worin es ungefähr heißt:
Ihr seid hierhergekommen. Mir den Eid der Treue zu leisten. Es war eine alte Sitte unserer Vorfahren und galt als heilige Pflicht, den Eid der Treue zu erfüllen. Sowie Ich als Kaiser und Herrscher Mein ganzes Thun und Trachten für das Vaterland hingebe, habt Ihr die Verpflichtung, Euer ganzes Leben für Mich hinzugeben, denn Ihr habt den Schwur als Christen geleistet; christlich ist zu Euch durch beide Diener Gottes gesprochen. Ihr erblickt in der Kriegsflagge den Adler, das vornehmste Thier der Welt. Muthig und verjüngt erhebt er sich hoch in die Luft bis unter die Strahlen der Gottesionne; er kennt keine Furcht und Gefahr. So muß auch Euer Sinnen und Trachten sein. Ihr kommt jetzt in eine Zeit, wo im Ernst des Dienstes Anforderungen, welche an Euch gestellt, Euch schwer fallen, wo manche Siunde kommt, wo Ihr der Aufgabe nicht gewachsen zu sein glaubt. Dann denkt wieder, daß Ihr Christen seid denkt an die Eltern, als die Mutter Euch da« Vaterunser gelehrt. Im Auslande seid Ihr terusen, das Vaterland zu vertreten durch Würdigkeit und gutes Betragen. Unsere Marine ist äußerlich zwar klein, aber was uns stärker macht wie andere Marinen, ist die Disziplin und der unbedingte Gehorsam gegen die Vorgesetzten. So wird unsere Marine gedeihen und groß werden in der Friedensarbeit zum Nutzen und Wohle des Vaterlandes, und im Kriege, so wir zu Gott hoffen wollen, um den Feind zu vernichten. Seid wie die alten Brandenburger!"
Der Kaiser ist an Bord des „Kurfürst Friedrich Wilhelm" heute früh 67a Uhr nach Helgoland abgereist. An Bord der das Geleit gebenden Schiffe „Fritjof" und „Prinz Wilhelm" hatte sich das Gefolge eingeschifft. Nach den bisherigen Bestimmungen gedenkt der Kaiser von Helgoland, wo er die durch die Sturmfluth verursachten Uferbefchädigungen besichtigen will, am Donnerstag die Fahrt nach Brunsbüttel und am Freitag nach Bremerhaven fortfetzen. In Bremerhaven ist die Besichtigung der neuen Hafenanlagen in Aussicht genommen.
* Wie nunmehr feststeht, wird der Kaiser den Staatsrath am 14. März persönlich mit einer Anrede eröffnen.
* Dem .Vorwärts' zufolge soll der Präsident des Oberverwaltungsgcrichtes in Folge der neulichen Kritik des Ministers v. Köller seinen Abschied nachgäsucht haben.
• Bezüglich einer „Ehrung" Bismarcks hatten die ,Leipz. Neuest. Nachr.' auch an den Vorsitzenden der Centrumsfraktion im Reichstage, den Grafen Hompesch, und an den Abg. Dr. Schädler Anfragen gerichtet. Der Erstere antwortete: „Der verehrlichen Redaktion erwidere ich ergebenst, daß der 80. Geburtstag des Herrn Fürsten Bismarck mir keine Veran- lafsung gibt, die vorgelegten Fragen zu beantworten." Herr Dr. Schädler schreibt: „Ew. Hochwohlgeboren beehre ich mich ergebenst mitzutheilen, daß in Rückerinnerung an den Kulturkampf und die dadurch be- thätigte Vergewaltigung der Katholiken in Deutschland obige Fragen für mich gegenstandslos sind." Beide
Hit ErMluug des WtenMers.
Roman von H. v. Remagen.
(18. Fortsetzung.)
„Mein Bruder?" fragte Friedrich mit zitternder Stimme.
„Er ruht in dem Saale der Bibliothek etwas aus; ich wagte nicht, ihn in seine früheren Zimmer zu führen," erwiderte Bruno, eine vergeblich zurückgedrängte Thräne abwischend.
„Und das Weib? ... Ist es Euch nicht möglich gewesen, sie einzuholen?"
„Unmöglich, Herr Graf ... In jener verfluchten Nacht wartete ein Wagen auf die Frau Gräfin jenseits des Parkes; die Flucht war ganz erstaunlich überlegt und ausgeführt; wer sollte das geahnt haben!..... Wir waren in höllischem Galopp hinterher; mein edler Gebieter richtete umsonst sein schönes Pferd zu Grunde; alle Mühe war vergeblich. Wir galvppirten die ganze Nacht und beim Anbruch des Morgens hielt der Graf müde in einer Herberge, wo zum Glück uns Niemand kannte.....Ach, was habe ich gelitten an jenem
Orte! Mein armer Herr war außer sich vor Verzweiflung; er wollte sich umbringen, mich umbringen, die ganze Welt umbringen. Endlich beruhigte er sich, Gott sei Dank! und nach drei Tagen der äußersten Entkräftung erholte er sich wieder und kehrte, folgfam
Herren haben mit ihrer kühlen Abweisung des vorlauten Fragers genau so gehandelt, wie die deutschen Katholiken es von ihnen erwarten konnten.
* Die Umsturzkommission debattirte nochmals drei Stunden über § 130, ohne zur Abstimmung zu kommen. Es liegen neue Anträge vor.
* Das Abgeordnetenhaus genehmigte heute nach unwesentlicher Debatte den Rest des Bergetats und wandte sich dann dem Etat der Handels- und Gewerbe- Verwaltung zu. Bei dem Titel „Handelsminister" kam es zu einer Generaldebatte, die sich hauptsächlich um die Handelsverträge drehte. Neues wurde nicht vorgebracht. Bemerkenswerth ist nur, daß Minister Frhr. v. Berlepsch erklärte, daß er zu einer Revision der Handelsverträge die Hand nicht bieten würde, da er gerade in der Stabilität für 10 Jahre das Hauptver- dienst der Verträge erblicke. Am Donnerstag wird die Berathung fortgesetzt.
* Die polnische Fraktion des Abgeordnetenhauses hat einen Antrag auf baldthunlichste Aufhebung des Ansiedelungsgesetzes von 1886 eingebracht.
* Die Srkundiirbahnvorlagc ist fertiggestellt und soll demnächst dem Abgeordnctenhause zugehen. Sic wird einen Betrag von mehreren Millionen zur Unterstützung des Baues von Kleinbahnen enthalten.
'* In der Petitions-Kommission des Reichstags gelangten dieser Tage wiederum die Petitionen bezüglich der Lage der Militär- nnb Kriegsiuvalidcn zur Besprechung. In einer früheren Sitzung, in welcher der Abg. Graf Oriola das Referat über diese Angelegenheit erhalten hatte, war eine Unterkommission zur Sichtung des Materials eingesetzt worden. Graf Oriola berichtete über die Lösung der gestellten Aufgabe und führte das Material gruppirt der Kommission vor. Die Kommission neigte ihre Meinung dahin, das ganze übersichtlich geordnete Material dem Kriegsministerium zur Einsicht und Prüfung zugehen zu lassen und das Kriegsministerium um Entsendung von Regierungs-Kommissarien zu der betreffenden künftigen Kommissions-Verhandlung zu ersuchen. Diese Sitzung wird abgehalten werden, sobald die Wünsche der Kommission bei der Regierung wohlwollende Aufnahme gefunden haben. .
* Ist Tabak lediglich ein Luxusartikel? Die freisinnige Zeitung' zitirt aus dem bekannten Buche des Militärschriftstellers Hoenig: „Der Volkskrieg an der Loire 1870" die folgende Stelle (1. Band, S. 78): „Eigentlichen Mangel' hat die zweite Armee auf ihrem ganzen Marsche nicht gelitten, jedoch gebrach es, seitdem die Aube erreicht war, durchweg an Tabak. Es ist eigenthümlich, wie niederdrückend das auf das Ge- müth des Mannes wirkte; man fah keine fröhliche, singende Marschkolonne mehr; die Mannschaft versuchte sogar den Kaffeesatz zu rauchen. Sobald die Mannschaft wieder rauchte, begegnete man überall fröhlichen, singenden Marschkolonnen."
und den Rath schlügen seines alten Dieners gehorchend, hierher zurück, und jetzt ..."
„Und jetzt?" wiederholte Friedrich mit tödtlicher Angst.
„Jetzt sagt er nichts ... er ist ganz ruhig und ..."
Ein tiefes Stöhnen erstickte dem guten Bruno das Wort in der Kehle.
„Ich will ihn sehen," sagte Friedrich in resolutem Tone.
„Nein, um Gotteswillen, nein! . . . Morgen, Herr Graf, morgen!" rief der Diener und stellte sich vor die Thür.
„Auf der Stelle will ich ihn sehen," wiederholte Friedrich
„Morgen, morgen, Herr Gras. Vielleicht, daß während der Nacht ..."
„Jetzt, jetzt!" rief Friedrich und eilte, ohne auf die Bestürzung des Bedienten zu achten, stürmisch die Treppe hinab, durchlief zwei Vorzimmer und eine Gallerte und gelangte in eine Bibliothek.
In dem weiten Raume flackerte ein fchwaches Licht, dessen Strahlen die Umrisse des Grafen Ubaldus, des alten Lehrers und der Kammerstau Hilda's nur noth- dürflig erkennen ließen.
Der Graf faß im Hintergründe, den Nacken gegen die Sefsel-Lehne gestützt, und während die Augen starr zur Decke gewandt waren, zerriffen die krampfhaft ge-
ÄlWllO.
* Paris, 6. März. Der oberste Kriegsrath tritt am 20. März unter dem Vorsitze des Präsidenten der Republik zusammen. Zum ersten Male geschieht es, daß der Präsident der Republik dem Kriegsrath präsidirt. — General Duchesne, Kommandant der madagassischen Expedition, wird, einer offiziösen Note zufolge, in der ersten Aprilhälfte mit seinem Generalstabe nach Madagaskar abreisen.
* Rom, 5. März. Der Papst empfing heute den preußischen Gesunden v. Bülow, der Glückwünsche zum Jahrestage der Krönung des Papstes überbrachte.
* London, 6. März, Der Kolonialminister Lord Ripon bat vom Gouverneur von Trinidad die Nachricht erhalten, daß ein großer Theil der Stadt durch eine gewaltige Feuersbrunst zerstört worden ist. Der Schaden wird auf zehn Millionen Mark berechnet. Von den englischen und amerikanischen Schiffen wurden Mannschaften gelandet, welche den Rest der Stadt retteten.
* London, 6. März. Wie der .Times' aus Peking gemeldet wird, ist Li-Hung-Tschang von Peking nach Tientsin abgereist, um sich nach Japan zu begeben. Das Beglaubigungsschreiben Li-Hung-Tschang's ist von Japan genehmigt worden. Die Unruhen in verfchiedenen Theilen China's nehmen allgemein zu. In der Provinz Schantung wurde General Who, welcher die Plünderung zu unterdrücken versuchte, von seinen Soldaten enthauptet.
* Yokohama, 6. März. Die dritte japanische Division hat Anhongtscheng auf dem Wege nach Mukden ohne Widerstand besetzt.
* New-York, 6. März. Die .World' meldet aus Colon: Die Aufständischen rücken auf Colon vor, zahlreiche unbeschäftigte Arbeiter vom Panamakanal schließen sich ihnen an. Fünfzig gefangen genommene Aufständische, darunter 16 Offiziere, wurden erschofsen.
Aus dem Reichstage.
52. Sitzung vom 5. März 1895, 1 Uhr.
Die Berathung des Militäretats wird bei dem Kapitel „Militär.Justizverwaltung" fortgesetzt.
Kriegsminister Brousart v. Schellendorff |ud)t einige der gestrigen Bemerkungen des Abg. Bebel richtigzustellen. Der Lieutenant Ratzel, den Bebel erwähnte, habe seinen Schwager im Duell erschossen, nachdem ihn dieser mit dem Knüppel in« sultirt. sei dann zu zwei Jahren Festung verurtheilt, aber nach 3 Monaten vom Kaiser begnadigt worden. Sie (zu den Sozialdemokraten) wollen freilich von dem Gnadenrecht der Krone nichts wissen. Aber wenn Sie vom Standrecht zum Tode ver- urtheilt sein sollten, würden Sie auch über das Begnadigungs- recht anders denken! Herr Bebel sprach ferner gestern von dem Osfizier in Hamburg, der gelegentlich eines Streites auf dem Pferdebahnwagen einem Civilisteu einen Denkzetü l mit dem Säbel ertheilte. Auch hier lag eine thätliche Insulte vor, wie drei Civilisten bezeugten, die sich dem Offizier fofort als Zeugen anboten und keine Barone u. s. w. waren, sondern ein Glas- Händler ein Schuhwaarenhändler und ein Kausmanu. Nach dem Bericht des .Vorwärts' soll gestern bei Erwähnung dieses Falles der Ruf „Feigheit" auf Ihrer Seile gefallen sein. Ich habe den Ruf nicht gehört. (Singer: Aber wir!) Es thut
ballten Hände den Fransen-Befatz seines bequemen Sitzes. Beim Anblicke Friedrich's sagte er kein Wort, aber nicht so der Erzieher, welcher einen schwachen Schrei ausstieß, und die Kammerfrau rief gleichfalls:
„Ach, Gott im Himmel! Welch' ein Schlag für ihn!"
Ein tödtliches Schweigen folgte, man hörte nur die Schritte des Neuangekommenen und deren Nachhall in dem weiten Gemache; als die beiden Brüder sich einander gegenüber befanden, auch da rührte der Erstgeborene derer von Vargcs sich nicht, nur die starren, gläsernen Augen rollten umher und die Fransen des Sessels zerreißend und unzusammenhängende Worte murmelnd, 'brach er plötzlich in ein lautes, mehr als unvernünftiges, wahnsinniges Gelächter aus.
Die Schuld eines treulosen Weibes hatte zwei Opfern das Leben, einem dritten das schönste Gottesgeschenk geraubt: Ubald war wahnsinnig!
Acht Tage nach der Rückkehr des aimen Irrsinnigen befand sich Friedrich bei schon vorgerückter Stunde im Bibliothek-Saale in der Unterhaltung mit einem braun gekleideten Herrn; derselbe war schon bei Jahren und hatte em ernstes, gedankenvolles Aussehen; mit leffer, bewegter Stimme fragte ihn Friedrich: „Der Herr Professor sind also der Ansicht, daß nicht jede Hoffnung verloren sei?"
„Ich möchte jedoch darum nicht, daß der Herr Graf zu viel hofften," erwiderte der Profesfor und setzte nach