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Donnerstag, den 7. März 1895,
22. Jahrgang
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• Hirtenbrief des Hochw. Herrn Bischofs von Fulda.
(Schluß.)
Ich habe Euch nun, geliebte Diöcesanen, die Grundzüge der wahrhaft christlichen Familie entworfen, die Entstellungen aber, welche der Geist der Zeit und der heutigen Welt in den Familien bewirkt, nur flüchtig gestreift. Wozu auch alle die traurigen Verheerungen, welche das Autichristenthum in der Familie anrichtet, Euch vorsühren? Ihr kennt sie selbst nur zu gut und gebe Gott, daß sich solche nicht in Euren eigenen Familien vorflnden! So schauet denn auf das Vorbild, das Euch gezeigt worden ist, und fraget Euch ernstlich im Gewissen, ob Ihr dasselbe in Euren Familien nachzuahmen bestrebt seid. O möge kein Vater, keine Mutter sagen müssen: „Meine Familie ist von diesem Vorbilde weit entfernt; weder sind die Beziehungen unter uns Gatten, unter Eltern und Kindern vom Geiste übernatürlicher Liebe geordnet, noch ist unser Leben in Arbeit, Freud und Leid von jener Glaubensauschauuug getragen, welche Alles an das letzte Ziel, an die ewige Bestimmung kettet." Daun freilich kein Wunder, wenn so mancher Zwiespalt, so manches Aergerniß sie entehrt, so wenig Zufriedenheit, Genügsamkeit und Frömmigkeit in ihr wohnt, so viel Bitterkeit und Schmerz über ungeratene Kinder Euer Herz verwunden, so viele Söhne aus ihr hervorgehen, welche sich zum Werkzeug gottloser, Staat und Gesellschast bedrohender Bestrebungen hergeben; so viele Söhne und Töchter endlich, welche Verbindungen eingehen, auf denen von vornherein der Fluch der Sünde ruht.
O liebe Eltern, liebe Kinder! noch ist es, so will ich hoffen, für Euch Zeit, das Versäumte nachzuholen. Die hl. Vorbereitungszeit auf das Fest der Auferstehung legt Euch diese Pflicht ohnedies auf, benützet sie wohl! Ach wie bald ist die kurze Spanne Menschenleben vorüber! Und was ist es denn in der Stunde des Abschiedes von dieser Welt mit all' den Täuschungen, Leidenschaften, Verblendungen, die jetzt Euren Blick verwirren und Euer Gewissen tödten? Alles, alles, was Ihr besessen und genossen, woran Ihr Euch erfreut habt, ist Euren Händen entschwunden, wenn es nicht mit dem Siegel Gottes bezeichnet, wenn es nicht auf das letzte Ziel gerichtet war. Ihr tretet vor den ewigen Richterstuhl, um Rechenschaft abzulegen Über jede mißbrauchte Gnade, über jede Abirrung von der Berufspflicht. Wehe Über jene Unseligen, welche Schuld tragen, daß ihre Familie eine entchristlichte war mit all' den sittlichen Unordnungen und lchweren Versündigungen unchristlicher Gatten, Eltern und Kinder! „Wehe dem Menschen, durch welchen Aerger- niß kommt; es wäre besser für ihn, nicht geboren zu fein!" Aber auch welch' ein Lohn, welch' eine Krone für die Tugend und das erbauende Beispiel einer wahrhaft christlichen Familie! O daß ihr Alle dieses ewigen Lohnes würdig sein möchtet!
Ich schließe, indem ich als wirksamstes Mittel, die Anbetung und Liebe Jesu Christi zum Mittelpunkte Eurer Familien zu machen, eine kindliche und innige Liebe und Verehrung zur jungfräulichen Gottesmutter allen Gliedern der Familie empfehle. Denn diese Verehrung ist der Schild, welcher die christliche Familie deckt, die golbeue Sette, die sie mit Jesus Christus, in dem allein unser Heil gegeben ist, verbindet. Alle Heiligen haben sich in der Schule Marias gebildet und auch wir müssen uns an sie hatten, die Gott uns zur Schützerin verliehen hat. Stiemanb kann die Mutter lieben, ohne daß zugleich sein Herz von Liebe gegen den Sohn erfüllt wäre, und Niemand kann den göttlichen Sohn lieben, ohne daß die Liebe zur Mutter in ihm wächst. Wenn alle Werke Gottes ihn lobpreisen und der Schöpfer auf die Erde schauend, die er gemacht, sprach, daß Alles gut, sehr gut sei, Wie viel mehr loben ihn die Werke, die er in Maria vollbrachte und die Fülle der Gnaden und Vorzüge, die er über sie aus- gegoffen. Sie wählte er vor Ewigkeit, seine Mutter zu sein. Was will das sagen? Alle möglichen Geschöpfe standen vor seinem Geiste, um aus ihnen diejenige zu wählen, die ihm am nächsten kommen soll, die das Recht und die Pflicht haben sollte, ihn mehr und inniger zu lieben, als irgend ein Geschöpf. Und er wählte unter allen — Maria! Wie groß muß also ihre geistige
Bit tzrWmg des litttigtibtts.
Roman von H, v. Remagen.
(17. Fortsetzung.)
Dort aber, ach! dort wollte das Herz in der Brust ihm zerspringen; sah er ja immer vor sich das blonde Haar Sophias, ihr süßes Engelsgesicht, ihren Mund mit den rosigen Lippen, mit dem süßen Geplauder, das nun für immer verstummt war.
Nichts blieb ihm übrig als zwei Gräber und eine lange, traurige Zukunft, voll der qualvollsten Erinnerungen ! Das Haus, wo er so glücklich gewesen war, kam ihm jetzt so entsetzlich vor; eine Bente der grausamsten Verzweiflung überschritt er seine Schwelle, und nicht im Stande, den Anblick alles dessen, was ihn an die Vergangenheit erinnerte, zu ertragen, eilte er in die oberste Etage und schloß sich in ein großes, verlassenes Zimmer ein.
Lange blieb er hier, fast besinnungslos, und keine Thronen kamen, ihn zu erleichtern; keine Thräne kam, seine vertrockneten, brennend heißen, von bläulichen Ringen umzogenen Augen zu baden.
Viele unzusammenhängende Gedanken stürmten auf ihn ein und verwirrten ihn, bis auf einmal die Thür sich öffnete und der Erzieher mit einem Lichte in der Hand eintrat.
Schönheit fein, wie groß ihre Heiligkeit, wie groß ihr Vorrecht, ihre Erhöhung? Sie werben unermeßlich fein, ba Gottes Macht unb Gottes Weisheit unb Gottes Liebe sie aus ber Fülle möglicher Wesen erwählt hat. O wunberbares Geschöpf, wer kann sich genug vor dir verdemüthigen, wer ganz unb recht dich lieben, dich, welche Gott von Ewigkeit so sehr liebt! Darum soll und muß die Andacht zur Gottesmutter in uns immer mehrzunehmen, stark werden wie eine tugendhafte Gewohnheit, immer inniger unb zarter werden bis zur Stunde, in ber sie kommt unb uns helfen wirb, gut zu sterben und das schreckliche Gericht in der Ewigkeit zu bestehen.
Diese Andacht muß aber in der christlichen Familie feste Formen annebnten, am besten und naturgemäß jene, welche die Kirche eingeführt und durch ihre Guadeufchätze ausgezeichnet hat. Da ist es zuerst die Feier der Muttergottes-Feste, an denen in sinniger Andacht wenigstens ein Glied der Familie sich mit ihrem Sohne in der heil. Kommunion vereinigt. Da ist es das heil. Rosenkranz-Gebet, das gemeinsam alltäglich, wenn auch nur tn einemTheile, int häuslichen Kreise verrichtet wirb, um bie großen Geheimnisse des christlichen Glaubens voll frommer Betrachtung ber Seele vorzuführen. Da ist es das Aveläuten, das dreimal jeden Tag bas Geheimniß der Menschwerdung in's Gedächtmß ruft. Dieses Aveläuten zumal, wenn ber Tag sich neigt, Ber» breitet anbädjtige Ruhe über die ganze katholische Welt. Die Geschäfte hören auf, die Arbeit wird niebergelegt und über allen Familien schwebt ber heil. Geist, wie ehebem über ben Wassern ber Schöpfung, es ist der Geist bes Hauses von Nazareth; unb schöner als die Harmonie, welche ber Slang ber Glocken beim stillen Sonnenuntergang bem Ohre bietet, ist das andachtsvolle Gebet der Gläubigen. Wollte Gott, daß Ihr, liebe Eltern, Eure Sinder in dies ergreifende, rührende Coneert ber katholischen Welt täglich einzustimmen gewöhntet!
Unb nun segne, erhabene Gottesmutter — das ist meine demüthige Bitte zu dir — alle Familien meiner Diöcese unb laß bie innige Verehrung zu dir für alle Glieder derselben das kostbare Unterpfand fein, das ihnen den Segen des Himmels verbürgt; das Bollwerk, an bem die Einflüsse einer gottentfrem- beten Welt abprallen; bas siegreiche Panier, unter dem alle ihre Mitglieder, wenn sie hinaus in's Leben treten, in ben Stürmen und Verführungen desselben Glaube unb Unschuld bewahren! Erflehe diesen Familien, daß sie ber Mahnung ihres höchsten Oberhirten, des hl. Vaters, folgen und dem Vereine der heil. Familie sich anfchließeu, damit dieser immer mehr werde die gewaltige Streitmacht, welche der Christenheit die höchsten Güter erhält, die ihr dein göttlicher Sohn gebracht hat: Licht und Kraft im Leben, Trost int Tode unb bie Bürgschaft einer ewigen Beseligung! Laß alle ©lieber der Familien in bem stillen Frieden von Nazareth lernen, ihr Herz unb ihre Siebe nicht bem zuzu- wenben, was vergeht, fonbern das mit aufrichtiger ernster Gesinnung über Alles zu umfassen, was ewig ist! Dann werden sie sich das Glück verdienen, bas du ihnen gnädig erflehen wollest, im Kusse des Gekreuzigten zu sterben unb mit dem Namen deines göttlichen Sohnes, mit dem heutigen und dem deines hochheiligen Bräutigams auf den Lippen aus dieser Welt zu scheiden! Amen.
Fulda, am 27.Januar, bem Feste ber hl. Familie, 1895.
f Georg Ignatius.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. März.
* Der Kaiser hat sich sehr bitter über die Konservativen ausgesprochen, die in der Frage der vier neuen Kreuzer einen Standpunkt eingenommen haben, der vollständig dem Ausdrucke entspricht, den einer der Ihrigen einige Tage vorher in einer Versammlung gebraucht hatte: „Ohne Kanitz keine Kähne!" Diese äo ut äos-Politik, so hat sich der Kaiser, dem ,Hamb. Korresp.' zufolge geäußert, vertrage fich nicht mit den äußerlich fo zur
„Mein Sohn," sagte der Greis mit jener Vertraulichkeit, welche in solch einem Augenblicke dem treuen Herzen von selbst sich aufdrängt und jeglichen Unterfchied der Geburt und des Ranges vergessen läßt, „mein Sohn, ich komme, mit Dir zu weinen."
Und der Greis streckte, in Schluchzen ausbrechend, beide Arme dem unglücklichen Manne entgegen.
Der erste Eindruck, den der Anblick des Erziehers auf Friedrich machte, war ein Gefühl des Zornes gegen den, der kam, ihn zu stören; als er aber das von den Spuren des Alters durchfurchte Gesicht des ergrauten Mannes mit bitteren Thränen bedeckt sah, als er den treuen Führer seiner Jugend, seinen Lehrer, der ihm mehr als Lehrer, der ihm Vater gewesen, laut aufschluchzen hörte, da durchzogen andere Gefühle feine Brust, seine Lippen begannen zu zittern, und auch er fand endlich Thränen.
Eine Zeit lang hörte man nichts anderes im Zimmer als heftiges Schluchzen; dann folgte ein tiefes Stillschweigen, und Friedrich weinte leise fort, indem er die brennende Stirn an die Schulter seines greisen Freundes lehnte.
Plötzlich fuhr der Unglückliche, wie von der peinlichen Erinnerung an ein fast vergessenes Unglück gestachelt, in die Höhe, und die Hand seines Lehrers ergreifend, fragte er nach Ubald.
Schau getragenen patriotischen Gesinnungen.
♦ Für die Berathungen des Staatsrathes sollen 14 Tage in Aussicht genommen sein.
* Nach der Militär. - Politischen Korrespondenz' ließ der Sultan durch Schakir Pascha dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe den Brillantstern des Os- manieordens und dem Staatssekretär Frhrn. Marschall von Bieberstein den Großkordon des Medjidieordens überreichen. KW
* Der Reichstag ist gegenwärtig die Zielscheibe zahlreicher Angriffe von nationalliberaler Seite, weil er sich nicht offiziell an den Feierlichkeiten betheiligen wird, die am nächsten 1. April aus Anlaß des 80» Geburtstages des Fürsten Bismarck stattfinden werden. All' die Blätter und Blättchen, die sich in der letzten Amtszeit des Fürsten Bismarck schon scheu von dem „alternden Reichskanzler" zurückgezogen hatten, die still abschwenkten oder gar offen der Fahne des „neuen Kurses" folgten, als Fürst Bismarck Herzog von Lauenburg wider Willen geworden war: sie alle erheben jetzt ein lautes Gekläff wider „diesen Reichstag", der die Ehrung des Mannes verweigere, „ohne den der Reichstag nicht existiren würde". Was mag wohl Fürst Bismarck, dieser alte Menschenkenner und Menschenverächter, von diesen Kläffern denken, die vor nahezu fünf Jahren ihn als tobten Mann behandelten, jetzt aber, wo die berühmte Flasche Steinberger Kabinet und der Sturz Caprivi's wieder Frieden und Freundschaft gestiftet zwischen Berlin und Friedrichsruh, in Bismarckschwärmerei sich gegenseitig überbieten und diejenigen Parteien beschimpfen, die stets konfequent in ihrer Haltung gegenüber dem ersten Reichskanzler geblieben sind und die nicht die Hand küssen mögen, die sie vordem geschlagen hat? Es mag dem Fürsten Bismarck bitter genug sein, an seinem 80. Geburtstage zu erfahren, daß er es nicht verstanden hat, sich die Liebe der Mehrheit des deutschen Volkes und demgemäß eine Ehrung seitens der Mehrheit des deutschen Reichstages zu erwerben. Das mag ihn schmerzen, aber er wird es wohl verstehen, daß es so kommen mußte. Ganz anders geartet werden seine Empfindungen aber gegenüber den Lobhudeleien von jenen Leuten sein, die ihn so lange ängstlich gemieden haben, jetzt aber, wo dies „oben" nicht mehr anstößt, sondern gefällt, mit Huldigungsdepeschen überschwemmen: erwirb sie verachten, und das mit Recht!
* Frhr. v. Schorlemer-Alst ist dem Ausschuß des Bimetallisten-Bundes beigetreten.
* In der Angelegenheit des Ceremonienmeisters v. Kotze ist auf den 7. März Haupt-Verhandlung angesetzt. Das Kriegsgericht nimmt drei Tage in Aussicht. Herr v. Kotze führt felbst seine Bertheidigung.
* Graf Stolberg, Oberpräsident von Ostpreußen, dessen Name anläßlich der Wahl in Oletzko-Lyck- Johannisburg, wo er über den Bund der Landwirlhe einen unerwartet glänzenden Sieg davontrug, viel genannt wurde, soll seine Entlassung nachgesucht
„Er ist noch nicht zurück," entgegnete der Greis mit tiefem Seufzer.
Friedrich faßte mit beiden Händen an die Schläfe. Die Antwort des Lehrers weckte neue Qualen in feiner Brust; ein neuer Schmerz gesellte sich zu den großen, die ihn schon zerfleischten, und nachdem er einen Augenblick nachgedacht, sprach er langsam, als gingen die Worte mühsam über seine Lippen:
„Ubald und ich sollen keine Kinder haben und unser fleckenloser Name muß mit uns ins Grab steigen ... Die Schuld dieser Treulosen muß Allen verborgen bleiben . . . mein Bruder wird sie zurückbringen und dann mit ihr in eine ftemde Gegend ziehen . . . Außer Bruno und Hildas Kammerfrau will ich die anderen Dienstboten alle auf der Stelle entlassen. Sie, theurer Lehrer, wollen ihnen in meinem Namen den Abschied geben und sagen, daß der Graf Ubaldus binnen Kurzem nach Paris reisen wird und daß ich hier allein bleiben will. Sie mögen sich daher anderswo um Brod und Obdach umsehen; ich werde für ihren Unterhalt so lange sorgen, bis sie in einem weniger unglücklichen Hause eine Zuflucht gefunden haben werden . . . Auch die Gräfin King darf nichts von ihrer verirrten Enkelin erfahren! Sie werden zu der armen Greisin gehen und ihr sagen, daß der Graf von Barges, der fchon stark geschwächten