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Mittwoch, den 6. März 1895.
22. Jahrgang
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Hirtenbrief
des Hochw. Herrn Bischofs von Fulda.
(Fortsetzung.)
Der Geist Jesu Christi weiht ferner die Arbeit der Familie. Die Arbeit ist das Gesetz unserer Natur. Gott hat den Menschen von Anfang an zur Arbeit bestimmt und seit dem Sünden- falle ist sie zugleich Sühne und Schutz. Um für die Sünde genugzuthun, muß man arbeiten; um vor der Sünde sich zu bewahren, muß man arbeiten; denn „Müßiggang ist aller Laster Anfang." Dieses strenge und doch so wohlthätige Gesetz ist Regel in der christlichen Familie. Vater, Mutter und Kmder unterwerfen sich ihm, weil es eine Uebung der Liebe zu Gott ist, und weil er will, daß die Eltern für das Wohl der Kinder und die Kinder zur Ehre und Freude der Eltern arbeiten und sich für ihren Lebensberuf vorbereiten. Und wenn die Arbeit schwer auf Dich drückt, christlicher Vater, christliche Mutter, höre, was Dein Glaube Dir verkündet: „Alle Augenblicke Deiner Mühen, alle Schweißtropfen Deiner Sorgen, alle Schwachheiten Deines Leibes sind gezählt; alles wird seine ewige Vergeltung finden. Gott selbst wird Dein unermeßlich großer Lohn sein." So ist die Arbeit in der christlichen Familie geheiligt, so ist die unscheinbarste und geringfügigste groß, indem sie Gott zum Ziele hat. Darum kennt die christliche Familie nicht Kinder, die ihre Ausbildung aus Trägheit und Müßiggang versäumen, verspäten; nicht Väter, welche aus Müßiggang ihre Lebensstellung schädigen, pflichtvergessen sind in der Sorge für die Ihrigen und durch ihre Schuld in ihrem Vermögen zurück- gehen; nicht Mütter, welche in müßigem Gerede und Umherziehen die Fürsorge für alle Einzelheiten des Hauswesens außer Acht lassen, und wenn sie im geringen Stande sind, die Mühe scheuen, ihre Kinder durch ihre Hände Arbeit stets reinlich und sauber zu halten. ~ .
Aber das menschliche Leben erfordert nicht nur Arbert, es will auch seine Erholung haben und in der christlichen Familie fehlt auch diese nicht. Ihre Freude aber findet ihre Richtschnur in dem Worte des Apostels: „Gaudete, gaudete in Domino." Freut Euch, freuet Euch im Herrn!" Gott gestattet die Freude, die Abspannung von Körper und Geist zur Vorbereitung auf neue Anstrengung, aber er setzt ihr strenge Grenzen durch das christliche Sittengesetz, das nur edle, reine Freuden will. Darum kehrt in der christlichen Familie kein Väter heim, nachdem er Genüssen gefröhnt, die ihn vor den ©einigen verächtlich machen; darum fehlt nicht in der christlichen Familie die Mutter ihren Kindern, weil sie ihren Neigungen und Freundschaften nachgeht; darum verlassen in ihr nicht Söhne und Töchter das Haus, um sich ohne Borwissen der Eltern zu vergnügen; zu vergnügen vielleicht in Gesellschaften und an Orten, wo der Tempel ihres Herzens entweiht wird. Nein, alle Erholungen der Kinder sind von den Eltern bestimmt, gewußt, beaussichtigt; die Kleinen werden nicht zu zweideutigen, gefährlichen Kinder- Vergnügungen geschickt, die Heranwachsenden Söhne und Töchter dürfen nicht ohne Aufsicht mit dem anderen jugendlichen Geschlechte verkehren, nicht ohne Borwissen der Eltern Bekanntschaften anzetteln, nicht sich in eine LMüre vergraben, welche ihr Gewissen beflecken und ihre zarte Frömmigkeit verletzen kann. Die Eltern aber selbst legen sich im Angesichte ihrer Kinder Maß, Entbehrung, Selbstbeherrschung in ihren Erholungen auf.
Wenn auch die christliche Familie nicht ohne Freude und Erholung sein kann, so fehlt ihr noch weniger der Schmerz, das Leid. Früh oder später tritt dieser ungebetene Gast über ihre Schwelle. Wer wird da trösten und helfen, wenn er die Herzen trifft, wenn er mit Entbehrung und Sorge, mit Krankheit und Tod sie verwundet und niederschlägt? Ihr rechnet auf Eure Verwandte und Freunde. Gewiß', Ihr sollt auf sie rechnen. Aber die Treuesten und Besten ermüden sobald und ziehen sich vom Hause der Trauer und Trübsal zurück. Und wenn sie nicht
Sie ErWm- des tokngrüto.
Roman von H. v. Remagen.
(16. Fortsetzung.)
„Ew. Gnaden können sich beruhigen. Vor einigen Minuten hörte ich ganz leise Schritte auf der Treppe; ich bin gewiß, daß die gnädige Frau in dem Augenblick durch die Galleriethür zurückgekommen und auf ihr Zimmer gegangen ist."
„Danke, Bruno, Du beruhigst mich; ich gehe, sie zu treffen; ich gehe, mich zu überzeugen, ob Du die Wahrheit sprichst."
Und der Graf flog mehr, als er ging, die Treppe hinauf, überschritt die Schwelle seines Gemaches, und da er die Gräfin nicht fand, fiel er vernichtet auf einen Stuhl und stammelte mit zitternder Stimme:
„Ach, mein Gott .... was mag das bedeuten? . . . . was ist aus ihr geworden?"
Und sich erhebend, ließ er seine Blicke umherschweifen; da fiel sein Auge plötzlich auf einen versiegelten Brief, der recht auffällig auf einer silbernen Platte lag und den er vorher übersehen hatte; zitternd öffnete er denselben. Kaum hatte er einige Zeilen gelesen, so überfiel ihn jene schreckliche Verzweiflung, wie sie nur aus den schwersten und unvorhergesehenen Heimsuchungen hervorgeht; der Brief entsank feiner Hand; die Hände vergruben sich in das Haar und zerrauften es mit wilder Wuth, und leichenblaß, zer-
in ihrer Theilnahme nachlassen, — auch ihr Trost bringt nicht hinab in die Tiefe, wo der Schmerz wohnt und vermag ihn nicht zu heilen. Aber der gekreuzigte Gott, der in der christlichen Familie Mittelpunkt der Anbetung und der Liebe ist, er kann in die geprüften Herzen süßen Trost senken. „Diejenigen — spricht er leise und doch so wirksam zu ihrem Herzen, — diejenigen, welche mich lieben, müssen Trübsal erdulden; diejenigen, welche hier trauern, werden dort getröstet werden ; diejenigen, welche bestimmt sind zu meiner ewigen Herrlichkeit, müssen Theil nehmen an meiner Erniedrigung, an meiner Kreuzigung." So spricht der gekreuzigte König zur christlichen Familie und sie versteht diese Sprache und findet das Weh und Leid, so groß es auch ist, wenigstens erträglich. Ja, selbst wenn der Tod kommt und die Mutter in namenloser Angst über das geliebte Kind sich hinneigt, wenn die Schatten des Todes über sein Angesicht sich ausbreiten und der Mutter der Boden unter ihren Füßen zu schwinden scheint: die Arme des Gekreuzigten halten sie umfangen und der Glaube flüstert ihr zu, daß Gott ihren Liebling hinwegnahm, auf daß das Böse sein Herz nicht verkehre, daß es nun in Gottes Vaterhaus seine Heimath gefunden. Und wenn der unerbittliche Tod Gatte vom Gatten, Eltern von Kindern losreißt und vor solchen Schicksalsschlägen die menschliche Weisheit rathlos steht, — es schwebt über denselben wie ein tröstender Engel das Wort: „Selig sind die Tobten, die in dem Herrn sterben; nun ruhen sie aus von ihren Mühen." Das ist die hohe Auffassung des Schmerzes in der christlichen Familie.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 4. März.
* Dem Papst, der am Sonnabend sein 85. Lebensjahr vollendete, hat nach Meldung eines Berliner Lokalblattes Kaiser Wilhelm ein sehr langes, herzlich gehaltenes Glückwunsch-Telegramm gesandt, worin er den Wunsch ausspricht, daß dem Papste zum Heile der katholischen Christenheit noch ein recht langes Leben beschieden sein möge.
* Der Kaiser hat dem General-Adjutanten des Sultans, General Schakir Pascha, welcher bekanntlich dem Kaiser im Auftrage seines Souveräns einen Ehrensäbel überreichte, den Rothen Adlerorden 1. Klasse in Brillanten verliehen. Voraussichtlich wird der Kaiser heute Abend die Reise nach Wilhelmshafen zur Rekruten-Vereidigung antreten.
* Der König!. Hof legt heute für den Großfürsten Alexis Michailowitsch von Rußland die Trauer auf 8 Tage an.
* Wiener Blätter melden, daß der Herzog von Cumberland vom Kaiser Franz Joseph dem deutschen Kaiser während seines jüngsten Aufenthaltes in Wien vorgestellt worden sei, und daß Kaiser Wilhelm sich mit dem Herzog längere Zeit... freundlich unterhalten habe. Einige Blätter sprechen von einer völligen „Aussöhnung". Die ,Kreuzztg.' bestätigt, daß jene Unterhaltung stattgefunden habe und „keineswegs bedeutungslos" gewesen sei, will aber trotzdem für die weitgehenden Schlußfolgerungen, die hieran geknüpft werden „die Verantwortung nicht mit übernehmen".
* lieber eine Ehrung des Fürsten Bismarck durch den Reichstag anläßlich feines bevorstehenden 80. Geschlagen von der Wucht des Schmerzes, blieb er lange Zeit regungslos, säst ohne zu athmen.
Der Brief war ein Abschiedsgruß der Gräfin an ihren Gemahl, ein Abschiedsgruß der Treulosen an Den, welchen sie mit Schande überhäufte! Das pflichtver- gesiene junge Weib hatte, ihre Geburt und Erziehung mit Füßen tretend, von einer sinnlichen Leidenschaft bestrickt, ebenso lächerlich als schuldbar, eine hohle, klingende Phrase aus einem Roman abgeschrieben und warf dieselbe Jenem ins Gesicht, an welchen sie ein heiliges, unauflösliches Band fesselte!
Als der unglückliche Gatte einen Augenblick von dem schweren Schlage wieder zu sich kam, stieß er einen durchdringenden Schrei aus; hierauf stürmte er in fliegender Hast nach dem Zimmer seines Bruders.
Vor Wuth, Beschämung und Schmerz sah und hörte er nichts, er sah Bruno nicht, der in dem Vorzimmer war, stürzte wie ein Blitz an dem Diener vorbei und klopfte mehrmals heftig an Friedrich's Schlafgemach.
„Was willst Du, Bruder?" fragte der jüngere von Varges, in der Thür erscheinend; da er aber Ubald bleich wie einen Sterbenden vor sich sah, wich er zitternd vor Entsetzen und Schrecken zurück.
„Friedrich," sagte der Graf mit tödtlicher Angst und unbeschreiblicher Aufregung, „komm mit mir, wir wollen sie einholen; sie entehrt uns; ach, komm mit mir, laß uns gehen!"
burtstags hat zwischen den Parteien ein Meinungsaustausch stattgefunden, der ergebnißlos blieb, weil natürlich das Centrum seine Betheiligung nicht zusagen konnte. Wenn aber Bismarck-Blätter behaupten, das Centrum hätte, um die Ehrung zu hintertreiben, „mit einem Skandal gedroht", so ist das, wie wir auf's Bestimmteste sagen können, eine lächerliche Erfindung.
* Fürst Bismarck hat, wie die,Hamb. Nachr.' mittheilen, aus Gesundheits-Rücksichten um Dispens an der Theilnahme an den S t a at s r a t h s - Verhandlungen gebeten.
* Die für die Marineverwaltung geforderten ersten Raten für 4 neue Schiffe (Kreuzer), wovon 2 als Ersatz für 25 Jahre alte ausgediente Schiffe, die anderen 2 zur Verstärkung der Flotte bestimmt sind, wurden am 1. d. M. vont Reichstag mit 145 gegen 77 Stimmen bewilligt. Das Centrum stimmte geschlossen für diese Bewilligung, jedoch erst, nachdem man sich mit anderen Parteien über den entsprechenden Abstrich weniger dringlicher anderer Marineausgaben verständigt hatte, so daß im Ganzen nicht mehr bewilligt wird an ordentlichen und außerordentlichen Ausgaben, als wie der Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Es wurden demgemäß auf Antrag der Abgeordneten Dr. Lieber und Müller-Fulda gestrichen:
1) an den regelmäßigen Ausgaben Mark 725,000 2) an den einmaligen Ausgaben:
Vermehrung der Kohlenlager . „ 250,000
8 Torpedoboote 1. Rate . . „ 2,400,000
1 Divisionsboot 1. Rate . . „ 500,000
für ein Trockendock 1. Rate . „ 1,000,000
zusammen Mark 4,875,000 davon Mark 3,375,000 auf den ordentlichen und Mark 1,500,000 auf den außerordentlichen Ausgabe- Etat der Marine entfallend. Dadurch war es möglich, dem dringlichen Bedürfniß der Fortbeschäftigung für die deutschen Wersten zu entsprechen, ohne die Ausgaben im Allgemeinen zu steigern, und die Bewilligung der für den überseeischen politischen Dienst und den Schutz der katholischen Missionen in Ostasien unentbehrlichen Schiffe zu ermöglichen, ohne die gefürchtete Mehrbelastung der Steuerzahler herbeizuführen.
* Die Polizei verbot gestern die geplante erste Aufführung des dreiaktigen Schauspiels „Christnacht" auf der sozialdemokratischen Versuchsbühne, obwohl letztere eine geschlossene Gesellschaft ist.
* In der Frage der Erweiterung der Rechte der Berufsvereine soll, nationalliberalen Blättern zufolge, Frhr. v. Berlepsch, der dieser Frage freundlich gegenübersteht, über Herrn v. Köller gesiegt haben. Die ,Nordd. Allg. Ztg? ärgert sich sehr über diese neue „Dualismuskultur" und erklärt, daß in der erwähnten Angelegenheit noch keine Entscheidung getroffen sei.
„Aber was sagst Du da? Von wem sprichst Du? .... Du machst mich zittern!" rief Friedrich.
„Hilda ist geflohen .... Hilda ist eine Elende!"
„Das ist nicht wahr; Sie lügen, Herr Graf!" sagte ein schwaches Stimmchen, zitternd vor Zorn, und Sophia vertrat Ubald den Weg.
„Ihre Schwester ist eine Elende," wiederholte Ubald düster, „Ihre Schwester..."
„O, schweig, schweig! Du tödtest sie!" schne Friedrich und fing die unglückliche Sophia, welche ohnmächtig wurde, in seinen Armen auf.
„Komm,, Bruder, ich mache es Dir zur Pflicht; oder willst Du mich auch verlassen? Komm, man entehrt Deinen Namen! komm, oder sei verflucht!"
„Geh!" erwiderte Friedrich in festem, befehlendm Tone; „geh und verfolge Dein Weib, welches flieht; ich bleibe bei dem meinen, welches stirbt!"
„Auch Du verräthst mich!" schrie Ubald, wüthend vor Zorn.
„Schnell, um des Himmels willen, Herr Graf!" warf Bruno, welcher seinem Herrn gefolgt war, dazwischen; „schnell, um Gotteswillen, damit Niemand die Wahrheit erfahre. Die Pferde werden in einem Augenblick bereit sein; wir wollen der Frau Gräfin nacheilen; ich erbitte mir nur eine Minute, um der Kammerfrau und dem Erzieher ein Wort zu sagen; - Euer Gnaden wollen mit mir kommen, im Augenblick i werden wir auf dem Wege sein!"