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Dienstag, den 5. März 1895.

22. Jahrgang

Erscheint täglich, 6eem- und getertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonuementspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Aarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzcile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Hierzu eine Beilage.

Georgms Ignatius durch Gottes Barmherzigkeit und des Apostolischen Stuhles Gnade

Bischof von Fulda,

Hausprälat Sr. Heiligkeit des Papstes,Dr. der Theologie, entbietet der hochwürdigen Geistlichkeit und allen Gläubigen des Bisthums

Krirß und Segen im Kenn!

(SML^ls ich, geliebte Diözesanen, im verflossenen Jahre vor -fy Beginn der heiligen Fastenzeit in meinem Amte als Bis- K_SO thumsverweser der verwaisten Diözese die Fastenordnung verkündigte, erklärte ich, daß ich es mir versage, das Hirtenwort des soeben Heimgegangenen in Gott ruhenden Bischofs über die hl. Familie fortzuführen. Heute glaube ich als dessen Nach­folger im Hirtenamte diese Aufgabe aufnehmen und jenes Glied der hl- Familie als Vorbild der christlichen Familie Euch vor­stellen zn sollen, dem alle gläubigen Herzen in Andacht und Liebe entgegenschlagen — die seligste Gottesmutter. Aber wie schwer ist es, von ihr nur in etwa würdig zn reden! von ihr, die zur Sieheimnißvollen Stunde, da Niemand noch den kannte, den te in ihrem jungfräulichen Schooße trug, für alle Zeiten den Ausspruch that: „Selig werden mich von nun an preisen alle Geschlechter." O ja, alle Jahrhunderte haben sich vereinigt, die Wunder, die in Maria beschlossen sind, zu feiern. Ihr Lob ist bereits erklungen in den Grab- und Gebetsstätten der ersten Gläubigen, in den Katakomben der hl. Priscilla und Domitilla zu Rom am Ende des ersten Jahrhunderts, an bereit Wänden sich Inschriften und Abbildungen finden, deren monumentale Sprache ihr nach ihrem göttlichen Sohne den ersten Rang in den Hebungen der christlichen Frömmigkeit einräumen, und in der langen Reihe der folgenden Jahrhunderte haben Wissen­schaft und Kunst gewetteifert, ihr zu huldigen. Glaube und Liebe haben Meisterwerke geschaffen, welche die wachsende Verehrung des christlichen Volkes gegen die Gottesmutter zum Ausdruck brachten. Doch ich habe mir nicht vorgenommen, das Lob der Gottesmutter im Allgemeinen Euch zu verkünden, sondern ich will sie in ihrer stillen Häuslichkeit zu Nazareth als Vorbild der christlichen Familie Euch vorstellen. Auch in dieser Stellung ist sie durch erhabene Schöpfungen der Kunst verherrlicht, aber wenn man auch Stunden lang vor ihnen bewundernd gestanden, bis das Auge sich mit Thräneu füllt, so geht man fort, über­zeugt, daß auch der einfachste, ungebildete Gläubige ein Bild von ihr, schöner als es der größte Künstler zu schaffen vermag, verwirklichen kann und soll, ein Herz, das sie liebt und nach­ahmt. Biele Tugenden sind eS nun, welche die heiligste Gottes­mutter im Hause zu Nazareth übte; aber der Mittelpunkt, um den all' das Denken, Wollen und Wirken dieses einzigen Lebens sich unablässig bewegte, ist die ununterbrochene Anbetung und Liebe ihres sichtbaren göttlichen Sohnes. Seht da auch den Mittelpunkt für das Leben der christlichen Fami- lie, die Anbetung und Liebe Jesu Christi in allen Beziehungen und Vorkommnissen der Familie: im Ver- hältniffe der Glieder zu einander, in Arbeit, Freud und Leid! Dies sei der Gegenstand meines diesjährigen Hirtenwortes.

Stellt Euch, geliebte Diözesanen, das kleine Haus von Nazareth vor, das die christliche Welt noch jetzt in ihrer Mitte besitzt. Im verfloffenen Jahre wurde das 600jährige Jubiläum feiner wunderbaren Uebertragung nach Loreto gefeiert. Die hl. Familie hat nach der Rückkehr aus Aegypten dort ihren Wohnsitz

Heyt zu Joseph!

Geht zu Joseph, Erdenpilger!

Er gibt sicheres Geleit

Durch das dunkle Thal der Thränen Bis an's Thor der Ewigkeit.

Geht zu Joseph, all' ihr Armen, Wenn euch drücket Sorg' und Noth, Er hat ungeheure Schätze, Spendet gerne Kleid und Brod.

Geht zu Joseph, all' ihr Kranken! Er kann lindern jeden Schmerz; Trösten wird er und erheben Euer Sinnen himmelwärts.

Geht zu Joseph, aff’ ihr Sünder! Er wird Gnaden euch erfleh'n, Wird euch lehren, Jesum lieben Und den Weg des Heiles geh'n.s Geht zu Joseph, aff' ihr Kinder! Euer Lehrer wird er sein, Wird euch durch des Lebens Wüste Führen in den Himmel ein.

Geht zu Joseph, Jüngling, Jungfrau, Zu dem engelreinen Mann, Der im wilden Weltgetriebe Eure Reinheit schützen kann!

Geht zu Joseph, aff' ihr Väter! Seht, wie treu, mit welchem Fleiß

genommen, und dieses Haus, dieses Nazareth, von dem nach der Meinung der Zeitgenoffen nichts Gutes kommen konnte, wird nun Zeuge beständiger Wunder sein, die selbst für den Geist der Engel unerschöpflich sind, die Heimath von Jesus, Maria und Joseph! Die Schönheit des irdischen Paradieses, wohin Gott in den Stunden der Abeudkühle kam, um mit seinen unschuldigen Geschöpfen zu wandeln, war ein dürftiger Schatten von der Lieblichkeit dieses Paradieses, worin die Herzen von Nährvater, Mutter und Kind wie ein Herz zusammenschlagen in gegenseitiger, übernatürlicher, heiliger Liebe, worin die schein­bar gewöhnlichste, niedrigste Tagesbeschäftiguug von Nährvater, Mutter und Kind unermeßlich groß ist vor Gott und dem ganzen Himmel; worin die heilige Freude in Gott das tägliche Opferleben von Nährvater, Mutter und Kind verklärt. Schaut jetzt die Mutter insbesondere in dieser stillen verborgenen Häus­lichkeit ! Sie blickt auf ihren Sohn, der den Nährvater in seinem Handwerke unterstützt. Ihr Herz strömt über von der Liebe einer irdischen Mutter, aber es geht sofort in anbetende Liebe über; denn sie weiß, daß es Gott ist, den sie in ihrem Sohne liebt. Wäre es nicht ein hoffnungsloses Bemühen, jene Summe von Akten der Andacht, Anbetung und Liebe zu ermessen, welche dieser Verkehr im Herzen Maria's hervorbrachte? Die Reize jeder Handlung des Jesukiudes, die Tiefe und Schönheit seiner Worte, der Anblick seines entschleierten Herzens sind ebenso viele Quellen der Gnaden, die stündlich in ihr Herz sich ergossen. So lange Zeit in sichtbarer Verbindung mit Gott sein und wissen, daß es Gott ist; so lange Jahre den Schöpfer der Welt sehen, hören, berühren und von ihm berührt werden, — ist es für die Sprache möglich, die Geheimnisse eines solchen Lebens zn erschließen? In jenen Jahren rollten die unermeßlichen Himmels­körper auf ihren Bahnen durch das Weltall dahin und ver­herrlichten die Größe des Allerhöchsten bei Tag und Nacht; die Chöre der himmlischen Geister sandten unablässig ihre Lobes­hymnen zum Throne der Glorie ihres Herrn und Königs, — aber was war die ganze Schöpfung gegen dieses kleine Haus, was war der Chor der Engel gegen die Gebete und Gesänge der hl. Familie, die aus dem abgelegenen Winkel Galiläas emporklangen?

Doch diese Reihe von Jahren größter Freude der Gottes­mutter in der beständigen Nähe ihres göttlichen Sohnes waren auch ebenso viele Jahre tiefen Leides und Wehes. Denn immer lagen die Schatten des Kalvarienberges auf dem Herzen der Mutter, immer war das Sonnenlicht unterbrochen durch die dunkle Wolke am Horizont; denn sie erkannte und wußte in jedem Augenblicke, daß dieser liebliche Knabe, der vor ihren Augen austvuchs, zur grausamen Opferung auf Golgatha empor­wuchs. Das Kreuz vor den Thoren Jerusalems stand in blutiger Vision unablässig vor ihren Augen. Das Schwert Simeons, das in ihr Herz gestoßen, wird nicht herausgezogen, die Wunde brennt unvermindert fort. Gleichwohl herrscht in diesem Herzen wie in dem des Sohnes die volle Hingebung an den Willen des Vaters und wenn es von unsäglichem Wehe gepreßt ist, sein innerer Friede bleibt und gleicht der glatten Fläche des ruhigen Meeres.

Das ist also in wenigen Zügen das Bild der hehren Gottes­mutter int Hanse von Nazareth, voll geistiger Pracht und Schön­heit. Und dieses Bild soll das Vorbild der christlichen Familie fein? Ist das nicht ein vermessenes Unterfangen? O nein, so will sie es, so will es ihr göttlicher Sohn. Und wenn auch die innere Größe und Heiligkeit des Hauses von Nazareth unerreich­bar ist, so erscheint sie doch nach Außen so menschlich liebens­würdig und fesselnd, daß sie die Herzen anzieht und gewinnt. Ja, das Leben der christlichen Familie soll täglich und stündlich in der Anbetung und Liebe Jesu Christi verfließen, welche sich vor Allem in den gemeinsamen Andachten des Hauses alle Tage erneuert und aus ihnen ihre Kraft schöpft, auf daß alle Glieder, Jung und Alt, in ihren Beziehungen zu einander, in ihrer Arbeit, ihrer Freude, ihrem Leiden geheiligt werden.

Ich sage zuerst: in ihren Beziehungen zu einander. Es gibt gewiß schon in der natürlichen Ordnung eine Liebe, welche die

Er die Mutter und das Kindlein Ueberall zu schützen weiß! Geht zu Joseph, aff' ihr Zagen, Die da fürchten bösen Tod! Er, dem Christus beigestanden, Hilst auch euch in letzter Noth. Geht zu Joseph, aff' ihr Pilger! Er gibt sicheres Geleit Durch das dunkle Thal der Thränen In des Himmels Herrlichkeit.

H. H. Mönch.

Die KrMmg ins goMtngtäbtts.

Roman von H. v. Remagen.

(15. Fortsetzung.)

Rasch enteilte die Zeit; der Jahrestag der Ver­mählung Friedrichs und Sophiens rückte heran; noch einige Monate und das junge Paar sollte einen Sohn erhalten.

„Ubald will den gesegneten Tag, an welchem wir vereinigt wurden, festlich begehen," sagte Friedrich, und er schrieb an seinen Bruder, um ihn für den Tag zu sich einzuladen; auch viele Freunde wurden zu dem Tage bestellt.

Mit kindlicher Freude leitete "Sophia die Vor­bereitungen; schön wie ein Engel, lächelte sie ihrem Gatten zu; und als der ersehnte Tag gekommen, eilte

Vorsehung in die Herzen von Vater, Mutter und Kind gelegt hat, und sie bildet einen natürlichen Schutzwall ihrer Einheit und Einigkeit. Aber in der Menschennatur und in der Welt sind es der Ursachen zu Trennung und Unfrieden so viele, daß diese Einheit einer höheren Stütze und Kraft bedarf. Die Eltern, welche am Altäre ihrer Verbindung die Gnade des Sakramentes erhalten haben, und welche in beständiger lebendiger Vereinigung mit Jesus Christus durch Gebet und den Empfang der Sakra­mente diese Gnade erneuern, sie vermögen die ganze Last zu tragen, welche in dem Schwure ewiger Liebe und Treue liegt. Wohl mag es vorübergehende Störungen in der Harmonie der Herzen geben, wohl mag die Blüthenzeit äußerer Vorzüge im Herbste des Lebens nach und nach verschwinden, aber in ihrer Frömmigkeit und ihrem lebendigen Glauben bewahren sie die Flamme, welche das Heiligthum der Familie gegen ernste Er­kaltungen und traurige Zerwürfnisse schützt. Da find alle Auf­tritte ausgeschlossen, welche die Würde der Eltern vor den Kindern blosstellen, jedes Wort der Kränkung und Bttterkeit, alle die gegenseitigen Vorwürfe und leidenschaftlichen Ausbrüche des Zornes und der Abneigung, welche die Herzen trennen. Das Wort des Apostels ist der Wahlspruch christlicher Gatten: „Es trage Eines des Anderen Last und Bürde, so werdet ihr das Gesetz Jesu Christi erfüllen."

Diese durch übernatürliche Gnaden befestigte Einheit wird bei jedem Kinde, das ins Leben tritt, durch neue Baude enger geschlungen, da sie ihre Herzen inniger an Gott knüpfen. Die Kinder sind ja ein Geschenk Gottes, in ihren Seelen wohnt der hl. Geist, wie in einem Tempel, und diese Seelen sollen nach Jesus Christus gestaltet und zum Himmel herangebildet werden. Darum ist es ein Grundsatz der christlichen Familie, daß der Beruf der Heranwachsenden Söhne und Töchter von Gott ab» hängt. rPossedi hominem per Deum“, rief die Stammmutter des Menschengeschlechts bei der Geburt ihres Erstgeborenen: „Ich habe ein Kind von Gott empfangen." Das ist der Ruf des christliches Vaters und der christlichen Mutter: „Ich habe das Kind von Gott empfangen, es gehört ihm; in welchen Lebensberuf er es führt, dem soll es folgen. Sein heiliger Wille fei allein Gesetz." Mag cs vielleicht ein Beruf fein, dessen Wahl ihrem Herzen Wunden schlägt, mag Gott dieses Kind als sein Eigenthum begehren und der Welt entziehen; sie sind die Diener des Höchsten, der sein Recht verlangt und sie verweigern es ihm nicht. Wie anders freilich in der Familie, in der nicht Jesus Christus herrscht und regiert! Da ist der Ruf von Vater und Mutter nur „Possedi hominem“: „ich habe ein Kind und dieses Kind gehört mir, gehört uns; wir, wir werden für fein Glück sorgen." Aber das Kind will sich Gott schenken? „Das werden wir nicht leiden." Aber es ist höchst wahrscheinlich, ja gewiß, daß es glücklich wird! „Es darf, es soll nicht in dieser Weise glücklich werden." Eine Heirath bietet sich. Es ist vorauszusagen, daß das Kind unglücklich wird, aber Niemand widersetzt sich. O, wie wird von solchen Eltern das Recht Gottes verkannt, mißachtet! —

In der wahrhaft christlichen Familie trägt nicht minder das Verhältniß der Kinder zu ihren Eltern den übernatürlichen Charakter. Gewiß sind Vater und Mutter auch schon nach der natürlichen Ordnung ehrwürdig, weil sie die Urheber des Lebens sind, die sichtbare Vorsehung für die Kinder, die sie hervor­gebracht haben. Aber der christliche Geist sührt weiter. Er um­kleidet den Vater mit der Autorität und Würde des Höchsten, den die Kinder anbeten, und die Mutter erhält eine höhere Weihe, indem ihr Mund dem Kinde die ersten Geheimnisse des Glaubens verkündet und seine Stirne mit dem hl. Kreuze be­zeichnet. Da wird die Liebe der Kinder, ihre Ehrfurcht vor den Eltern zarter, inniger, nachhaltiger! Habt Ihr sie gesehen, die Kinder, die in der Schule der wahrhaft christlichen Familie ge­bildet sind? Wie freuen sie sich im Hause der Eltern! wie sind sie so gerne bei ihnen und den Geschwistern! wie kehren sie so freudig in's Elternhaus zurück! wie herzlich nehmen sie Antheil an Allem, was die Eltern und Geschwister berührt, an ihrem Leid, an ihrer Freude! Weich' ein Wohlgeruch durchweht ihr

sie in Hellem Gewände, mit Rosen statt Myrthen be­kränzt, in einen mit Hermelin gefütterten Mantel ge­hüllt, auf den kleinen Schloßthurm und wartete dort mit Ungeduld auf die Ankunft Ubalds und Hildas; endlich erblickte sie von Weitem einen Wagen, und ihr Herz schlug vor Freude.

Der ganze Tag war der Freude gewidmet. Ein fröhliches Fest ward begangen, obschon der Himmel rabenschwarz war und Regen androhte, obschon der Sturmwind heulend durch die Bäume fuhr, die schlanken Gipfel bog und die dürren Zweige losriß, kurz, obschon draußen das entsetzlichste Unwetter tobte.

Es wav kurz vor Mitternacht, und die Gäste waren noch in einem der schönsten Gemächer deS Schlosses in lebhafter Unterhaltung begriffen.

Sophia saß zwischen zwei Edeldamen und plauderte fröhlich mit ihnen, indem sie von Zeit zu Zeit ihre Augen zu Friedrich hinüberwandte, welcher ihre zärt­lichen Blicke mit einem Lächeln voll Liebe erwiderte.

Unterdeffen ging Ubald unruhig im Saale auf und ab und suchte Hilda; und da er sie nicht fand, befiel ihn eine gewisse Unruhe. Endlich konnte er es nicht länger aushalten und trat zur Gemahlin seines Bruders, um sie nach der Gräfin gu fragen.

„Soeben sprach sie mir von ihren gewohnten Kopfschmerzen und ging dann auf ihr Zimmer," ent­gegnete die gute Sophia.

Obfchon Ubald wußte, wie eingebildet und vor-