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Umlage Mv Wulöaev Zeitung.

jg 52 Sonntag, den 3. Mörz 1895. 22. Jahrgang

Aus -em Reichstage.

48. Sitzung vom 28. Februar 1895, 1 Uhr.

Die zweite Etatsberathung wird mit dem Marineetat fortgesetzt.

Die Mehrforderungen für Personalvcrmehrung tm Oberkommando der Marine werden auf Antrag der Budget­kommission (Referent Dr. Lieber) gestrichen.

Beim Kapitel „Seelsorge und Garnisonschulwesen" klagt

Abg. Dr. Lingens (Ctr.), daß für die Seelsorge für die katholischen Mannschaften nicht genug geschehe, und fordert ver­mehrte Sonntagsruhe, Sonntagsgottesdienst für die katholischen Mannschaften auf den Schiffen und für die Mannschaften die Erlaubniß, in den Häfen die Kirchen am Orte zu besuchen.

Das Kapitel wird genehmigt nebst einer Resolution aus Befferstellung der an den Marineschulen angestellten Bolksschul- lehrer.

Gemäß dem Anträge der Kommission werden trotz wieder­holter Empfehlung der vollen Forderung seitens des Staats­sekretärs Hollmann 618,500 Mark von dem Kapitel „Be­trieb der Flotte", ca. 5000 Mark von dem Kapitel „In­standhaltung der Flotte und Werftanlagen" abgefctzt.

Bei letztgenanntem Kapitel klagt

Abg. Rickert (frs. Bgg.) über die plötzlichen Entlassungen von Werftarbeitern.

Staatssekretär Hollmann erwidert, die schwankende Zahl von Arbeitern hänge von den schwankenden Aufträgen ab, welche die Werftverwaltung gemäß den Beschlüssen des Reichstags zu geben gezwungen sei.

Abg. Legi en (Soz.) klagt nochmals über zu starken Wechsel in der Beschäftigung der Arbeiter, besonders über Ent- laffungen nach Ablaus des Winters.

Staatssekretär Hollmann erwidert, nach Ablauf des Winters, während desien die Schiffe reparirt würden, hörten natürlich die Reparaturarbeiten auf. Es gebe da nur zwei Möglichkeiten: entweder Arbeiter entlassen oder alle Arbeiter behalten und die Arbeitszeit, also auch den Arbeitsverdienst kürzen. Gerade das paffe aber den älteren Arbeitern nicht, welche Familie haben.

Abg. v. Kardorff (Rp): Die Sozialdemokraten seien am wenigsten zu Klagen über Arbeiterentlassungen berechtigt, denn sie verweigerten ja die Mittel zum Bau neuer Schiffe, die den Arbeitern Beschäftigung geben würden.

Abg. Dr. Hammacher (natl.) spricht sich im gleichen Sinne aus.

Abg. Legten (Soz.): Nach der Aussage des Staats­sekretärs seien die plötzlichen Entlassungen doch nicht eine Folge der Verweigerung neuer Schiffsbauten, sondern kehren alljährlich wieder mit dem Aufhören der Reparatur« beiten. llebrigens feien die entlaßenen Arbeiter ganz damit einverstanden, daß die Sozialdemokraten die Schiffsneubauten ablehnten; möchten die Nationalliberalen und Reichsparteiler nur ebensoviel Rücksicht aus das Gemeinwohl nehmen, wie diese armen entlassenen Ar­beiter !

Staatssekretär Hollmann betont, daß auch der Mangel an Neubauten an den Arbeiterentlaffungen schuld fei.

Nach einigen weiteren unerheblichen Debatten wird das Kapitel, sowie der Rest der laufenden Ausgaben nach den Vor­schlägen der Kommission erledigt.

Nachdem sodann Abg. Dr. Lieber über die einmaligen Ausgaben Bericht erstattet, wird die Weiterberathung auf Freitag 1 Uhr vertagt, außerdem der Militäretat auf die Tagesordnung gesetzt. -

Aus de« preutz. Abgeordnetcnhause.

30. Sitzung vom 28. Februar, 11 Uhr.

Die Berathung des Kultusetats, Kapitel „Elementar- schulwesen" wird fortgefetzt.

Abg. Dr. Frhr. v.Heereman (Ctr.) bedauert den schroff abweisenden Ton, den der Minister den polnischen Abgeordneten gegenüber in diesem Jahre angeschlagen.

Minister Dr. Bosse erwidert, das liege nur an dem Ton, den die polnischen Herren ihm gegenüber angeschlagen.

Abg. Pleß (Ctr.) klagt, daß die Kinder heutzutage viel zu viel mit unnützem Gedächtnißkram überlastet, anstatt mit praktischen Kenntnissen im Rechnen, Schreiben u. s. w., sowie in der Religion verfehen würden. Der Religionsunterricht müsse einen besseren Platz einnehmen und von den Geistlichen ertheilt werden.

Abg. Segeth (ftk.) greift die oberschlesischen Geistlichen an, die das Polnische förderten und das Deutsche unterdrückten.

Die Abg. Dr. Porsch (Ctr.) und Stanke (Ctr.) weisen diesen Vorwurf energisch zurück. Wenn Herr Segeth sich über den Gebrauch des Polnischen beim Religionsunterricht be­schwere, so verstehe er eben vom Religionsunterricht nichts.

Abg. Herrmann (Ctr.) betont ebenfalls die Nothwendig- keit, den polnischen Kindern den Religionsunterricht in ihrer Muttersprache zu ertheilen.

Abg. Frhr. v. Zedlitz (frk.) nimmt sich seines Fraktions­genoffen Segeth an, indem er die Unbefangenheit der Vorredner bezweifelt und meint, das Centtum fei so erregt gegen Herrn Segeth, weil dieser bei der letzten Wahl dem Centrum einen alten Wahlkreis entrissen habe. (Unruhe im Centtum, Bravo! rechts.)

Die Abgg. Dr. Porsch (Ctr.) und Dr. Frhr. v. Heere- man (Ctr.) weisen diese Unterstellung zurück und betonen, daß die polenfeindliche Politik nicht nur ein politischer, sondern auch ein pädagogischer Fehler sei.

Das Kapitel „Elementarschulwesen" wird hierauf bewilligt.

Bei dem Kapttel „Schulaufsicht" rügt

Abg. Stanke (Ctt.) die Stellung katholischer Schulen unter die Aufsicht evangelischer Geistlichen, ja sogar evangelischer Laien. Daß es einmal umgekehrt so sei, habe man noch nie gehört.

Minister Dr. Bosse erwidert, es mangele vielfach an ge­eigneten kath. Geistlichen; auch könne die Regierung solchen kaih. Geistlichen, die ihr ganzes System bekämpfen, doch selbst­verständlich keine Schulinspektion übertragen.

Abg. Dauzenberg (Ctt.) beantragt, die Mehrforde­rung von 43,000 Mk. für neue Kreisschulinspektionen zu streichen, und empfiehlt statt desien, mehr katholifchen Geistlichen die Schulaufsicht zu übertragen, die gegenüber den proteftaMilchen Geistlichen zurückgefetzt würden.

Abg. Dasbach (Ctr.) tritt dem Minister entgegen und betont, daß auch in der Rheinprovinz noch vielfach die katholi­schen Geistlichen von der Schulaufsicht ausgeschloffen würden, obwohl ein Mangel an geeigneten Geistlichen nicht vorhanden fei.

Minister Dr. Bosse erklärt, daß die Regierung ihre Er­nennungen nicht tend-nziös einrichte, und bittet um Ablehnung des Anttages Dauzenberg.

Der Antrag wird abgelehnt, das Kapitel unverändert genehmigt.

Bei dem Kapitel „höhere Mädchenschulen" bittet

Abg. Dr. Dittrich (Ctt.) dringend, dafür zu sorgen, daß sich die höheren Mädchenichulen nicht einfeitig nach der gelehrten Seite hin, gewissermaßen zu Universitäten entwickeln, und mehr Gewicht auf die religiös-sittliche Erziehung zu, legen.

Abg. Dr. Frhr. v. Heereman (Ctr.) beklagt das viele Reglementiren bei den höheren Töchterschulen und verlangt, daß hier mehr Freiheit gegeben werde, befonders für die Privat- fchulen. Die Art, wie der Religionsunterricht reglementirt werde, sei eine stille Fortsetzung des Kulturkampfes.

Reg.-Kommissär Schneider erwidert, den Privatschulen könne nicht volle Freiheit gewährt werden, da unbedingt gewiffe Ansordernngen an ih-e Leistungen gestellt werden müßlew Das Bestreben der llnterrichtsverwaltung gehe dahin, daß die Schüle­rinnen zu geistig gesunden, körpeilich kräftigen, religiös-sittlich erzogenen Jungfrauen herangebildet würden. Dem Hause würden die Mädchen heute zu früh entzogen, die Mutter fei die beste Haushaltungslehrerin. (Bravo!)

Abg. v. Schenckendorff (natl.) will dies nicht ableugnen, meint aber, daß doch auch mit dem Haushaltungsunterricht recht gute Erfolge erzielt worden seien.

Die Weiterberathung wird sodann ans Freitag 11 Uhr vertagt.

W ErMlnns des TodleugMers.

Roman von H. v. Remagen.

(15. Fortsetzung.)

„Wenn Sie noch nicht genesen sind, so werden Sie es mit Gottes Hilfe in Kurzem sein," sagte Fried­rich, sichtlich bewegt.

„Es kann sein," erwiderte Sophia in traurigem Tone, „es kann sein; allein ich wage es nicht zu hoffen, ich fürchte vielmehr, daß meine Leiden nicht eher endigen als mit dem Tode. Ach, ich wollte, es wäre bald!"

„O, sagen Sie das nicht!" rief Friedrich, und die so lange im Herzen verschlossene Liebe brach mit Ge­walt hervor; „sagen Sie das nicht! Wenn Sie stürben, würde auch ich von Gott den Tod erflehen. Ohne Sie würde mir die Erde wie eine Wüste erscheinen. Ich liebe Dich, wie man im Himmel liebt, Du himm­lisches, unglückliches Mädchen!"

Bei dieser unerwarteten Erklärung ward die Jung- ftau bleich wie Wachs; sie zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, und da sie fühlte, daß sie ohnmächtig wurde, schrie sie voll beklemmender Angst:

„Johann! Johann! schnell, schnell!"

Der Bediente ließ die Zügel des Pferdes los und eilte herbei; aber Friedrich kam ihm zuvor und fing die Schwankende in seinen Armen auf.

„Das Fräulein ist ohnmächtig geworden," sagte der Diener, gewohnt, seine Herrin in diesem Zustande zu sehen. „Wir wollen sie in's Schloß tragen, Herr Graf; das böse Nebel befällt sie wieder; welch' eine Qual für die Frau Gräfin!"

Friedrich war außer sich; mit dem Ausdruck des höchsten Schmerzes sah er auf die arme Sophia, welche an seiner Brust lehnte, und aus Furcht, den kleinen, zu Eis erstarrten Körper zu berühren, wagte er fast nicht, sich zu bewegen.

„Wir müssen sie ohne Aufschub ins Schloß bringen", wiederholte der Diener und nahm die arme, junge Dame auf seine Arme; auf dem Wege zum Schlosse wich der Graf von Barges nicht von seiner Seite, sondern schwankte, kaum weniger bleich als die Ohnmächtige, neben ihm einher.

„Das arme Kind", seufzte die Gräfin zu Friedrich, während Sophia in dem Nebenzimmer von heftigen Krämpfen geschüttelt wurde; „das arme Kind! ich muß sie bezahlten Händen überlassen, da ich, lahm und blind wie ich bin, nichts für sie thun kann . . . Aber wie ist das Uebel ihr zugestoßen?"

„Ich war die Ursache, Madame", erwiderte der Graf, den Kopf auf die Brust senkend.

„Sie? unmöglich!" rief die Gräfin.

„Ich war die Ursache", wiederholte Friedrich. „Ich bekannte ihr meine Liebe zu ihr, die mich verzehrt, und sie wurde ohnmächtig!"

Ein Strahl der Befriedigung erhellte das gram­durchfurchte Gesicht der Gräfin. Eine Liebeserklärung von Seiten eines so edlen, rechtschaffen denkenden, jungen Mannes, wie Graf Friedrich von Barges, kam einem Heirathsgesuche gleich.

„Dank", sagte die Gräfin, zu Thränen gerührt. „Dank für Ihre Liebe zu meinem unglücklichen Kinde. Gott möge Sie dafür belohnen in diesem Leben und im Himmel... Jetzt kann ich ruhig die Augen schließen!"

„Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihre Enkelin,

Fräulein King, zu lieben und an meinen Bruder zu schreiben um seine Einwilligung zu unserer Hochzeit?"

Die Alte streckte dem jungen Manne beide Hände entgegen; sie wußte sich nicht zu fassen vor Freude.

Die Einwilligung derer von Barges ließ nicht lange auf sich warten; und eines schönen Tages trat Sophia, ganz weiß gekleidet, das goldgelockte Haar von einem Myrthenkranz durchflochten, zum Altar.

Es war ein Freudentag für alle Bewohner des Schlosses. Ubald und Hilda waren gekommen, der Ceremonie beizuwohnen; der Erstere war weniger auf­geräumt als früher und sagte zu dem alten Erzieher, als er beim Hochzeitsmahle sich niedersetzte: „Sie hatten Recht, mein lieber Lehrer, die Lust mancher Städte verdirbt das Herz. Meine Hilda ist phantastisch, düster und launisch geworden! Es wird für Hilda gut sein, daß ich sie wieder auf's Land bringe."

In der That zeigte die schöne Gräfin sich stet- mürrisch und verschlossen, und als Entschuldigung für ihr sonderbares Benehmen schützte sie heftige Kopf­schmerzen vor.

Hilda saß beim Hochzeitsmahle, aber ihr Geist ver­weilte in Paris; vor sich sah sie das bleiche Gesicht, das braune, lange Haar, den braunen Bart eines jungen Gelehrten, der bei ihr für ein Genie galt und den sie für würdig gehalten, eine jener schrecklichen Leidenschaften ihr einzuflößen, wie sie ja von den Romanschreibern unserer Tage so herrlich geschildert werden. An ihn dachte sie, und keine Stimme war da, ihr zu sagen:

„Weib, mit dem Tage, wo Du vor dem Altäre den Ehebund geschlossen, gehören Deine Gedanken und Deine Handlungen Deinem Manne; Madame, ein so heiliges Band kann man nicht zerreißen, ohne sich einen Weg der Schande, der Gewissensbisse, der Qualen zu öffnen."

Das Glück ihrer Schwester sah sie nicht, an nichts dachte, um nichts kümmerte sie sich, und kein Lächeln erhellte ihre Züge, als bis man sich wieder zur Reise anschickte, zur Reise nach der Stadt ihres sehnlichsten Verlangens.

„Ich möchte ein schlechter Prophet sein", murmelte der alte Erzieher für sich, „aber ich sehe die Zukunft des Grafen Ubald sehr düster; wer Wind säet, erntet Sturm: das ist eine alte Geschichte!"

Eine Wolke begann das Glück des Erstgeborenen der von Barges zu verdunkeln, während Friedrichs und Sophiens Himmel hell und klar leuchtete. Die beiden Neuvermählten hätten nie gedacht, daß die Erde ihnen so viele Freude hätte bieten können, und zufrieden mit ihrer Liebe im stillen Landschloß, hatten sie gar kein Verlangen nach jenen geräuschvollen Vergnügungen und tollen Lustbarkeiten der großen Welt, welche fast immer den häuslichen Frieden beeinträchtigen, ja ver­bittern.

Die von Natur schüchterne Sophia mit ihrer schwachen Gesundheit, wenngleich die epileptischen An­fälle fast ganz verschwunden waren, rankte sich an ihren Gemahl wie der Weinstock an eine Ulme fest und sog aus ihm Geisteskraft, Freudigkeit und Lebens- muth; sie lebte nur in ihm, er war ihr alles.

Bald war das Glück der jungen Eheleute grenzen­los! Sophia war Mutter; die Liebe Friedrichs ging in Anbetung über. Wie zahllos waren die Pläne, wie groß die Hoffnungen für die Zukunft! Aber die Zukunft auf Erden ist kurz; nichts ist von Dauer hienieden.

(Fortfetznng folgt.)

Vermischtes.

* Heinrich Dowe ttjeitt in Bezug der von verfchiedenen Blättern gebrachten Nachricht, wonach der Kunstschütze Frank Western in Kopenhagen das Geheimniß feines kugelsicheren Banzers enthüllt habe, mit, daß Western dies nicht im Stande fei, indem das Geheimniß feiner Erfindung Niemanden anders als ihm (Dome) selbst bis zur Stunde bekannt sei. Er werde das Geheimniß nur der Regierung selbst gegen eine angemessene Entschädigung preisgeben.

* Eine ergreifende Episode zum Untergange der „Elbe" wird noch gemeldet: Mit dem Schnelldampfer „Ems" kam am 21. d. in Nordenham ein Herr an, der beim Untergang der „Elbe" feine Ehefrau und drei Kinder verloren hat. An der Unglücksstätte ließ der Kapitän den Dampfer langsam fahren und der feiner Familie beraubte versenkte einen großen mit Blei beschwerten Kranz in die See.

Literarisches.

In Nr. 8 der „Gefiederten Welt", Wochenschrift für Bogelliebhaber, -Züchter und -Händler, herausgegeben von Dr. Karl Ruß (Magdeburg, Creutz'fche Verlags-Buchhandlung, R. und M. Kretfchmann), enthält: Zum Schutz der Wald- schnepse. — Die Brillenvögel (Schluß.) — Zur Züchtung der ceylonischen Fledermauspapageichen (Fortsetzung). — lieber die Ernährung und das Trinkwaffer unserer Stubenvögel (Schluß). — Briefliche Mittheilungen. — Aus den Vereinen: Berlin. — Anfragen und Auskunft. — Briefwechsel. — Zu unserem Bilde.