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Samstag, den 2. März 1895.

22. Jahrgang

mit Unterhaltnngs-Keiiage »Ltrrne und Ktuwen".

Erichemt täglich, 6ew unb Feiertage ausgenommen. — Bierteljährlicher Abonnernentspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Loretto-Wallfahrt.

Aus Anlaß des 600jährigen Jubiläums der lieber« tragung des „Hl. Hauses" nach Loretto wird dem Beschlüsse der vorjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands entsprechend und nach Ver­einbarung des Zeitpunktes mit dem Festkomitö in Loretto der deutsche Pilgerzug den 29. April Morgens von München aus abgehen, vom 2. Mai Nachmittags bis 3. Nachmittags in Loretto weilen und Samstag den 4. Mai gegen Abend in Rom eintreffen.

Die hl. Stätten in Padua, Bologna und Assisi wer­den auf der Pilgersahrt mit entsprechendem Aufenthalt besucht werden.

Bezüglich alles Näheren verweise ich auf das Pilgerbüchlein, welches von der A. Focsser'schen Ver- lagshandlunq in Frankfurt a. M. ä 50 Pfg. (auch in Briefmarken) zu beziehen ist.

Kleinheubach, den 26. Februar 1895.

Der Kommissär der Generalversammlung: Karl Fürst zu Löwenstein.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Februar.

* Wie aus Wien gemeldet wird, hat der Kaiser den Kaiser Franz Joseph zum General - Feld­marschall ernannt.

* Der Kaiser, welcher heute Morgen aus Wien hierher zurückgekehrt ist, fuhr unmittelbar nach seiner Ankunft beim Reichskanzler vor, um dessen Vor­trag entgegenzunehmen.

* Der Aufsichtsrath der deutsch-ostafrikauifchcn Ge­sellschaft genehmigte gestern einstimmig den Vertrag mit der Kolonial-Abtheilung des Auswärtigen Amtes und mit der Deutschen Bank über die Vorarbeiten für eine deutsch-ost afrikanische Central-Bahn.

* In der Justiz - Kommission des Reichstages wurde heute die Berathung der Novelle zum Ge­richtsverfassungs-Gesetz zu Ende geführt. Auf Antrag desAbg. Spahn (Centr.) wurde zu § 77 ein Zusatz angenommen, wonach zu Mitgliedern der Straf­kammern, sowie zu deren regelmäßigen Vertretern nur ständig angestellte Richter (also keine Assessoren) be­stimmt werden dürfen. Des Weiteren wurde der Re­gierungs-Vorlage entsprechend die Besetzung der Straf­kammern mit nur drei Mitgliedern für die erste In­stanz beschlossen. In der Berufungs-Instanz muß dagegen die Kammer mit fünf Richtern besetzt sein. Die weiteren Beschlüsse waren weniger wesentlich und mehr von formaler Bedeutung.

* Die Petitionskommission des Abgeordnetenhauses trat heute Vormittag zusammen, um über 7 Petitionen katholischer Geistlicher zu verhandeln, denen die Leistungen aus Staatsmitteln auf Grund des Sperr­gesetzes gesperrt worden waren und die trotzdem eine

Vir tzrMmg des TodtmMbns.

Roman von H. v. Remagen.

(14. Fortsetzung.)

In Paris fand Hilda sich plötzlich in einer für sie ganz neuen Welt. Die ersten Monate fühlte sie sich, von Fest zu Fest, von Theater zu Theater geführt, immer müde, erschöpft, fast betäubt. Alles erschien ihr neu und außerordentlich verschieden von dem, was sie bis dahin gesehen. Oft, wenn sie mehr als einen starken Geist in frivolem Spott sich äußern hörte, fragte und überlegte sie bei sich selber:

„Meine Erziehung wäre also wirklich lächerlich gewesen? Ich wäre in absurden, abgeschmackten, aber­gläubischen und bäuerischen Begriffen aufgewachsen?"

Und Aufklärung suchend, wandte sie sich an Ubald; dieser aber, dem nichts mehr zuwider war als ein ernstes Gespräch, antwortete stets mit einem Scherze und gab ihr, um sie zu zerstreuen, irgend einen be­liebten Tagesroman zu lesen.

Eines Abends kamen sie im Wagen aus dem Theater zurück, wo sie einer dramatischen Vorstellung beigewohnt hatten, welche den Ehebruch verherrlichte und ihn des Mitleids werih schilderte: eine wahre Apologie auf dieses Familien verheerende Verbrechen. Hilda fragte chren Gemahl:

„Was hältst Du, mein Freund, von diesem Drama?" „Es ist schön", entgegnete der Unvorsichtige, seinen

Entschädigung für die Einbuße nach dem Gesetz vom 24. Juni 1891 (Ausschüttung der gesperrten 16 Mill. M) nicht erhalten haben. Die Mehrheit der Kom­mission entschied sich trotzdem, über diese Petitionen zur Tagesordnung überzugehen mit der Begründung, daß es sich im vorliegenden Falle nur um solche ge­sperrte Leistungen handle, welche nicht in den Sammel- fonds geflossen seien, das Gesetz vorn 24. Juni 1891 aber solche von der Rückerstattung ausgeschlossen habe. Allerdings habe der Artikel 4 dieses Gesetzes es in das freie Ermessen der Verwendungskommission gestellt, ob und zu welchem Betrage die einzelnen Ent­schädigungsanträge zu berücksichtigen seien; allein !die Kommission habe über die 16 Millionen verfügt, ihre Arbeit sei zu Ende, und ein Fonds zu weiteren Ent­schädigungen sei nicht vorhanden. — Das ist ja richtig, aber daraus folgt doch nicht, daß nunmehr die Ent- fchädigungsansprüche der zu Unrecht um ihre Bezüge gekommenen Geistlichen nicht berücksichtigt werden müßten oder könnten. Es liegt hier eine moralische Verpflichtung des Staates vor, jene Geistlichen zu entschädigen, denn er durste nicht die Leistungen, zu denen er verpflichtet war, einfach in feine Tafche stecken, und da er dies dennoch gechan hat, sv ist er jedenfalls verpflichtet, wieder herauszuzahlen, was er sich unrechtmäßig angeeignet hat. Ist der Sperrgelder­fonds verbraucht, so haften eben die allgemeinen Staatsfonds, denen s. Z. ja auch die gesperrten Ge­hälter der petitionirenden Geistlichen widerrechtlich zu­geführt worden sind. Nöthigenfalls müßte der Kultus­minister mit einer Nachtragsforderung vor den Landtag treten, um die geschädigten Geistlichen entschädigen zu können.

* Der Verein „Berliner Presse" hat gestern mit 72 gegen 21 Stimmen einen Protest gegen die sog. Umsturz-Vorlage beschlossen.

* Hannover, 28. Febr. Der deutsch-hannoverschen .Volkszeitung' geht eine Erklärung von mehr als zwanzig Studirenden der Universität Göttingen zu, wonach auch unter den Studirenden der Göttinger Hoch­schule eine größere Anzahl Protest erheben zu müssen glaubt gegen die Auffassung, als sei das dem Fürsten Bismarck zu seinem 80. Geburtstage darzubringende Geschenk ein solches der „gesummten deutschen Studentenschaft."

Msland.

* Paris, 28. Febr. Die Zeichen, daß die Spannung zwischen Frankreich und Deutschland nachläßt, haben sich während der letzten Tage in erfteulicher Weise vermehrt. Die Vernünftigen und Gemäßigten gewinnen in Frankreich immer mehr die Oberhand. Es handelt sich jetzt nicht mehr blos darum, mit Deutschland Frieden zu halten, man will auch während des Friedens in guten Beziehungen leben. Das ist an sich nicht viel, und kein Franzose verzichtet auf Elsaß-

Arm um die schlanke Taille seines Weibes legend, „es ist wunderbar schön. Siebte ich Dich nicht so sehr, wirklich, ich würde mich in die Heldin dieses Stückes verlieben. Welche Lebendigkeit der Darstellung! Wie versteht der Verfasser die glühenden Leidenschaften zu schildern! Und um die Wahrheit zu gestehen, das arme Weib erscheint einem nicht blos entschuldbar, nein, sie flößt Sympathie, ja sogar Bewunderung ein, sie ist erhaben! . . . .

Sieh', liebe Hilda, die Begeisterung des Dichters, der Flug der Einbildungskraft eines Menschen von Geist kann jedwedes Gefühl verschönern und inter­essant machen. Ich will die Wiederholung dieses Stückes sehen; das zweite Mal werden wir seinen Werth noch besser zu schätzen wissen."

Hilda gewöhnte sich bald an ein Leben voll Ver­gnügungen, und diese wurden ihr zum Bediirfniß. Donnerstag Abends empfing sie in ihren Salons die Crome der aristokratischen Welt; jede künstlerische, literarische und politische Celedrität war willkommen in dem Palais der Varges, wo die schöne Gräfin, welche wie durch Zaubermacht ihre frühere Schüchtern­heit verloren hatte, als wahres Muster einer eleganten, feingebildeten Dame glänzte.

Ubald war unbeschreiblich glücklich; seine hübsche Gefährtin liebte er zärtlich, und in unbegreiflicher Ver­blendung ermunterte er selbst sie, sich Zerstreuung zu suchen, und bedachte nicht, daß diese Lebensweise

Lothringen. Aber im Vergleich gegen früher ist es doch ein Fortschritt. Man rückt sich langsam näher, und wenn die Franzosen wirklich etwas von uns zu fordern haben, fo läßt sich das unter Leuten, die sich näher stehen, am Ende besser ausgleichen, als unter Leuten, die sich gegenseitig mit der Faust bedrohen. — Die Blätter erörtern die Einladung zur Eröffnung des Nordostfeekanals und zur Beschickung der Berliner Kunstausstellung. Der ,Figaro', der ,Gaulois' und das .Journal des Döbats' befürworten beides. Andererseits beginnen die Chauvinistenblätter eine Reihe von wuthschnaubenden Aufsätzen, um die Regierung gegen Deutschland aufzuhetzen. ,Gil Blas' greift besonders den .Figaro' wegen seiner deutsch­freundlichen Haltung an.

* Rom, 28. Febr. Arn verflosienen Dienstag den 19. d. Mts. waren es 52 Jahre, daß Leo Xltl. in der Kirche des hl. Laurentius in Panisperna hier in Rom zum Bischöfe konsekrirt wurde. Bei genannter Kirche ist ein Clariffenkloster, und drei der Schwestern, die am 19. Febr. 1843 der Bischofsweihe des Grasen Pecei beiwohnten, leben noch. Am Mittwoch den 20. ds. sind es sodann 17 Jahre geworden, daß die im Conclave versammelten Kardinäle den damaligen Kar­dinal Pecci zum Papste erwählten. — Der Mörder der Barmherzigen Schwester Augustina, der Ende vorigen Jahres zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurtheilt worden war, ist am 19. d. an Schwind­sucht gestorben.

* Rom, 27. Febr. Der hl. Vater hat zu Rom P. Franz Ehrle 8. J. zum Nachfolger des tief be­trauerten Mgr. Garin i als Präfekt der vatikanischen Bibliothek ernannt. Der neue Vorsteher dieser be­rühmtesten Büchersammlung der Welt ist weder der Bibliothek noch den Gelehrten ein Unbekannter. Seit Jahren ist er Mitglied des besonderen Ausschusses, der die Oberleitung der kostbaren Sammlung in Händen hat.

* Die italienische Regierung ist noch nicht darüber ins Klare gekommen, zu welchem Termin nach der bald zu erfolgenden Auflösung der Deputirtenkammer die Neuwahlen ausgeschrieben werden sollen. Die Wahl­bewegung ist trotz dieser Zögerung der Regierung doch bereits vollständig im Flusse, und namentlich in den nördlichen Provinzen des Königreichs sind die Oppo­sitionsparteien äußerst rührig. In Mailand, Venedig, Turin finden unablässig Wahlversammlungen statt, bei denen die Stimmung sich scharf gegen Crispi äußert. Einstweilen hofft der schlaue Premierminister noch auf einen glücklichen Moment, der ihm die richtige Wahl­parole an die Hand gibt. Auch die Hoffnung auf eine stille Unterstützung der Katholiken hat Crispi noch nicht aufgegeben.

* In der Hauptstadt Rußlands bildet die Frage wegen der letzten Reden des Zaren das Hauptthema der Diskussion. Nikolaus II. hat sich bekanntlich ver­schiedentlich in einem Tone geäußert, der an die tyran­früher oder später das Glück seiner Ehe zerstören mußte.

Während Graf und Gräfin von Varges, von einem rauschenden Taumel tausenderlei Vergnügungen ge­tragen, ein Leben voller Jubel führten, hatte Friedrich unversehens sich in seinem ganzen Wesen geändert; er erschien nicht mehr ruhig, gedankenvoll und zurück­haltend wie vorher, vielmehr war er bald ausgelassen lustig, munter und freudig, bald ungemein heftig, reizbar und ungeduldig. Alle Nachmittage entfernte er sich von dem Schlöffe, sprengte in raschem Trabe drei Meilen weit dahin und hielt vor einer adeligen Burg, wo er sein Pferd an einen steinernen Pfosten band und schüchtern, mit hochklopsendem Herzen die Schwelle dieses alten Hauses überschritt; nachdem er sich durch seinen Diener hatte anmelden lassen, setzte er einen Fuß in einen kleinen, einfach möblirten Salon; hier saß eine alte Frau in einem mit Sammet be­legten Sessel und nickte schläfrig mit dem Kopfe, während eine jüngere Dame laut aus einem Buche vorlas.

Die Alte war beinahe blind und dazu von der Gicht gelähmt; die junge Dame war eine große Ge­stalt und mager zum Erbarmen; goldgelbe Haare be­deckten ihr Haupt, und ihre Augen hatten die tiefblaue Farbe des Himmels.

Die Erstere war die Großmutter der Gräfin Hilda von Varges, die Zweite deren Schwester.