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Freitag, der 1. März 1895.

22. Jahrgang

ulimtrWZeitiiiig

mit Untrrhaitmrgs-KeUasr .Lternr «nd yiumrn“.

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Deutsches Reich.

Berlin, 27. Februar.

* Der Kaiser wird nach den bisherigen Bestim­mungen morgen (Freitag) von Wien hierher zurückkehren.

* Die Ordre zur Berufung des Staatsraths auf den 12. März ist, der ,Kreuzztg/ zufolge, von dem Kaiser vollzogen worden.

* Die „Umsturzkommission" trat heule in die Berathung des § 130 der Umsturzvorlage ein (Be­schimpfungen der Monarchie, Religion, Ehe, Familie und des Eigenthums). Abg. Rintelen (Ctr.) brachte feinen bereits angekündigten Antrag in einer etwas veränderten Fassung ein, wonach bestraft werden soll, wer den Glauben an Gott oder die Unsterblichkeit der menschlichen Seele oder den religiösen und sittlichen Charakter der Ehe angreift. Abg. Rintelen begründet in längerer Rede seinen Antrag, der an die Stelle der unbestimmten Ausdrücke der Vorlage klare, konkrete Begriffe setze und die wirkliche Gefährdung von Reli­gion, Sitte u. s. w. durch die moderne „Wissenschaft", Literatur und Kunst treffe, während die Vorlage nur „beschimpfende" Aeußerungen bedrohe, die gar nicht gefährlich sind. Wer nach dem Worte des Kaisers Wilhelm I. dem Volke die Religion erhalten wolle, müsse sich auf den Boden seines Antrags stellen. Natürlich wurde der Antrag von Seiten der Freisin­nigen, Nationalliberalen und Sozialdemokraten als „Angriff auf die moderne Geistesfreiheit" heftig be­kämpft, während die Konservativen zwar platonische Sympathien für denselben kundgaben, aber sich an ihm vorbeidrückten mit dem Vorwande, daß er nicht in den Rahmen des Gesetzes passe. Auch Staatssekretär Nieberding erklärte, daß der Centrumsantrag sich nicht mit der Tendenz der Regierungsvorlage decke; u. A. müsse nicht nur die religiöse, sondern auch die bürger­liche Grundlage der Ehe geschützt werdem Also die Civilehe! Da sieht man, wie nöthig es ist, sich vor­zusehen ! — Die Weiterberathung wurde schließlich auf den 1. März vertagt.

* Der auswärtige Handel hat sich im Januar nicht ungünstig gestaltet. Die Einfuhr belief sich auf 21,23 Millionen Doppelcentner gegen 22,23 Mill, im Januar 1894; der Rückgang betrifft hauptsächlich die landwirthschaftlichen Produkte und Kohlen. Die Aus­fuhr beträgt 17,59 Mill. Doppelcentner gegen 16,42 im Januar 1894 und 13,79 im Jaimar 1893. Zu­genommen hat die Ausfuhr von Getreide um 270,000, von Eisen um 200,000, von Zucker um 490,000 Doppelcentner.

* Der kommandirende Admiral v. d. Goltz liegt im Sterben. Zu der Lungenentzündung ist heute Nacht noch Brustfellentzündung hinzugetreten. Die Aerzte haben den Kranken aufgegeben.

* Auf die an auswärtige Mächte ergangene Ein­ladung zur Eröffnungsfeier des Nordostseekanals haben diese Mächte bereits zugesagt. Auch Frankreich wird sich durch einen Admiral vertreten lassen, unter dessen

Kommando zwei Kriegsyachten neuester Konstruktion stehen werden. Ebenso wird ein russischer Admiral mit zwei Kriegsschiffen kommen. Der,Italic' zufolge wird sich ein italienisches Geschwader unter dem Oberbefehl des Admirals Accinni im Juni nach Hamburg begeben, um den Festlichkeiten anläßlich der Einweihung des Nordostseekanals beizuwohnen.

* Freiburg i. Br., 25. Febr. Die Konferenz der Präsides und Delegirten derkatholischenArbeiter- vereine, welche am 20. d. M. unter dem Vorsitz des Diözesanpräses in Offenburg stattfand, hat die Gründung eines Diözesanverbandes einstimmig be­schlossen und sich über Normalstatuten für die einzelnen Vereine geeinigt.

Ausland.

* Wien, 26. Febr. Bei günstigem Wetter fand das Leichenbegängniß für Erzherzog Albrecht statt. Es war so imposant, wie Wien seit dem Tode des Erzherzogs Karl es nicht gesehen hat. Der Leichen­zug hatte einen rein militärischen Charakter. Hinter dem von sechs Schimmeln gezogenen vergoldeten Leichen­wagen schritt Kaiser Wilhelm, welcher die Uniform seines österreichischen Hufaren-Regiments mit dem Attila trug, neben Kaiser Franz Joseph zu dessen Rechten; dann folgten die fremden Fürstlichkeiten, die Erzherzoge, die fremdländischen Offiziers-Deputationen, die Generali­tät und das dienstfreie Offtzierkorps. In den Straßen war die gesammte Wiener Garnison aufgestellt. Das Menschengedränge war beängstigend. Nach polizeilicher Schätzung sollen 300,000 Menschen der Leichenfeier beigewohnt haben. An manchen Stellen kam es zu einem Durchbrechen des Spaliers und zu Konflikten des Publikums mit dem Militär und den Wachen. — Kaiser Wilhelm begab sich um 5 Uhr aus der Hof­burg zu Fuß in das Auswärtige Amt und stattete dem Grafen Kalnoky einen halbstündigen Besuch ab. Nach dem Familiendiner verabschiedete sich der deutsche Kaiser von den Mitgliedern des Kaiserhauses und fuhr zum deutschen Botschafter, Grafen Eulenburg, wo er bis Mitternacht verblieb. — Der vom Kaiser Wilhelm für den Erzherzog Albrecht gespendete kostbare Kranz wurde auf den Sarg des Kronprinzen Rudolf nieder­gelegt, da die letzte Verfügung des Erzherzogs Albrecht, der sich bekanntlich das Spenden von Kränzen verbeten hat, streng respektirt wird.

* Rom, 27. Febr. Der Papst begann gestern mit dem Empfange des diplomatischen Korps anläßlich des Jahrestags seiner Krönung. Die Aerzte ersuchten den Papst, seine Audienzen auszusetzen, um sich für die Feierlichkeiten des 2. und 3. März, welche sehr er­müdend sein werden, zu schonen. Am 2. März wird nämlich Leo XIII. eine Ansprache halten vor dem hl. Kolleg und am 3. einer Ceremonie in der sixtinischen Kapelle beiwohnen. Von den 263 Päpsten haben nur elf länger regiert als Leo XIII. — Giolitti ist hier angelangt; er zeigt sich über feine Angelegenheit keines­wegs besorgt. Er äußert sich voller Bewunderung

über Berlin und dessen städtische Einrichtungen und will, sobald die Verhältnisse es ihm erlauben, dorthin zurückkehren.

* Kopenhagen, 27. Febr. Das russische Kaiser­paar uud die Kaiserin-Wittwe werden hier im Mai erwartet.

* Warschau, 25. Febr. Die 24 kathol. Geist­lichen, welche zur Verbannung nach Sibirien Der» urtheilt wurden, haben durch Vermittlung des hochw. Erzbischofs Popiel ein G n a d e n g e s u ch an den Zaren gerichtet.

* Lowestoft, 26. Febr. Die Leichenschau der bei dem Untergange der „Elbe" Verunglückten wurde gestern wieder ausgenommen. Das Handelsamt, der Nordd. Lloyd, der Eigenthümer und Kapitän der „Crathie" sind durch Rechtskundige vertreten. Kapitän Donner vertritt die deutsche Regierung; vom Han­delsamt ist Kapitän Wilson als Sachverständiger in Schifffahrts-Angelegenheiten anwesend. Fräulein Böcker und der britische Lootse, die sich auf der „Elbe" be­fanden, waren ebenfalls anwesend, ebenso der Ober- Ingenieur und verschiedene Mitglieder von der Mann­schaft der „Crathie". Im Verlaufe der Verhandlung wurde beschlossen, wegen des in Rotterdam schwebenden Civil-Prozesses die Untersuchung vorläufig auf die Er­eignisse nach dem Zusammenstöße zu beschränken. Fräu­lein Böcker erzählte bei ihrer Vernehmung ihre be­kannten Erlebnisse und erklärte, es hätte keine Verwir­rung geherrscht. Ein Offizier habe erklärt, es wäre hinreichend Zeit vorhanden gewesen, die Rettungsboote herunterzulasien. Der Lootse Gr een Ham sagt aus, die Mannschaft der „Elbe" hätte die Befehle des Kapi­täns ohne Konfusion ausgeführt. Greenham fügte ferner aus, nach seiner Beurtheilung des grünen und weißen Lichtes des fremden Dampfers sei dieser 1la—3/i Meilen entfernt gewesen. Die „Elbe" blies in Zwischenräumen mit dem Dampfhorn, so lange Dampf vorhanden war. Er habe sich binnen 3 Minuten nach dem Zusammen­stöße auf Deck befunden; die Maschine gab Gegendampf. Die „Elbe" feuerte Raketen ab und zündete blaue Lichter an. Er sah die Lichter des ftemden Schiffes ungefähr noch eine Stunde nach dem Untergang der „Elbe". Hätte die „Crathie" guten Ausguck gehalten, fo hätte man dort möglicherweise die brennenden Papiere gesehen, die Greenham, um Aufmerksamkeit zu erregen, abbrannte, obgleich es nur alte Briefe waren. — Der Kapitän des Dampfers „Crathie" sagte aus: Die „Crathie" wurde durch den Zusammenstoß mit der „Elbe" fo schwer beschädigt, daß sie Nothsignale gab. Kurz nach dem Zusammenstoß sah der Kapitän die Umrisse eines großen, davonfahrenden Schiffes und dachte daher, das Schiff fahre weiter, nachdem es wegen seines eigenen Schadens Vorsorge getroffen hatte. Er sei entrüstet gewesen, daß das Schiff der „Crathie" keinen Beistand geleistet habe. Die weitere Verhandlung wurde auf einen Monat vertagt.

* Peking, 26. Febr. Unter dem Vorsitz des K a i s e r s wurde am Sonntag der Große Rath adgehalten. Es

Die Lrsthlmig des Mttugrabra.

Roman von H. v. Remagen.

(13. Fortsetzung.)

So vergingen viele Jahre. Aus den beiden Knaben waren vollendete Edelleute geworden, elegante Kavaliere, geliebt und geachtet von ihren Untergebenen, in großem Ansehen bei Allen. Ungeheuer reich, Besitzer von weit ausgedehnten Gütern, Erben eines berühmten Namens, lachte das Leben sie freundlich an, und die Zukunft erschien ihnen in rosigem Lichte.

Ubaldus war ein schöner, leichtdenkender Jüngling von wenig gediegener Bildung, im höchsten Grade frivol in seinen Ansichten. Er wußte nur zu sprechen von Wettrennen und Jagden, von Vergnügungen und Ausschweifungen, er hatte sich sozusagen imprägnirt mit Allem, was unser Jahrhundert Unsinniges und Verderbliches hervorgebracht hat. Nichtsdestoweniger hütete er sich, aus einem, für ein noch nicht gänzlich verdorbenes Gemüth natürlichen Schamgefühl seine Grundsätze seinem Bruder Friedrich zu offenbaren.

Ubald brachte den Wmter in Paris zu; im Sommer hielt er sich in seiner väterlichen Burg auf, wo er, die Wahrheit zu gestehen, sich entsetzlich langweilte; denn gewöhnt an ununterbrochene Vergnügungen und Lust­barkeiten, erschien ihm das Landleben schlimmer als

ein Klosterleben. Mit Friedrich konnte er sich durch­aus nicht unterhalten; denn dieser ging entweder auf einsamen Spaziergängen feinen beim Studium ver­weilenden Gedanken nach oder sprach mit seinem alten Lehrer von Dingen, die einen jungen Mann von Ubald's Art zum Gähnen bringen mußten: was lag ihm auch an der Formation der Erde, am Firmament, an der Geschichte der alten Völker! Ja, wenn man von einer Schönheit nach der Mode, von einem im Wettrennen Sieger gebliebenen Pferde, von einer skandalösen Anek­dote gesprochen, ja, da würde er schon dreingeredet, tausend witzige und bissige Einsälle zum Besten gegeben und sich kostbar amüsirt haben, aber so ernste und langweilige Dinge ekelten ihn an. Daher ging er Friedrich und dessen Lehrer aus dem Wege, und weil er nichts Besseres zu thun fand, durchstreifte er das Land und die umliegenden Ortschaften, und kam er nach Haus, so pries er den Winter und gelobte sich, das Landschloß für immer zu verlaffen.

Plötzlich wurden die Ausflüge des jungen Grafen nicht nur häufiger, sondern auch länger, so daß er erst gegen Abend ins Schloß zurückzukehren pflegte; und anstatt bann wie sonst vor Langeweile und Schlaf zu gähnen, trällerte er fchwermüthige Liebeslieder oder blieb mit leuchtenden und verklärten Augen unbeweg­lich in Betrachtung des Himmels verfunken. Am Morgen

sprang er dann wieder in den Sattel, ganz geputzt, fein frifirt und parfümirt; und der alte Erzieher, wenn er ihn ansah, bemerkte lächelnd: „Der Herr Graf geht auf Eroberungen aus; er will unseren armen Bäuerinnen den Kopf verdrehen."

Eines Tages, als Friedrich mit dem Buche in der Hand in den einsamen Wegen des Parkes auf und ab ging, trat Ubald zu ihm und hielt ihn an.

„Bruder," sagte er, „kennst Du die Gräfin King?"

„Dem Namen nach," entgegnete der gedankenvolle Jüngling, das Buch schließend, „nur dem Namen nach. Sie wohnt drei Meilen weit von uns aus ihrer Burg. Wenn ich mich aber recht erinnere, hat man sie mir als ziemlich bei Jahren und sehr besorgt für ihre Ge­sundheit geschildert."

„Und von ihren Enkelinnen weißt Du nichts?"

„Was soll ich davon wissen? Ich kümmere mich wenig um die Angelegenheiten Anderer."

„Du kennst die schöne Hilda und die sanfte Sophie nicht?"

„Weder die Eine noch die Andere. Ich habe sie nie gesehen und verlange auch nicht danach, sie zu sehen."

„Was bist Du für ein Mensch? Ich glaube, klares Wasser rinnt durch Deine Adern!"

Friedrich lächelte und schwieg.