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Donnerstag, den 28. Februar 1895.

22. Jahrgang

FuldaerMZeituiift

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-I-Arbeitervertreter zum Arbeiterpapst, i

Auf der Versammlung der Präsides der katholischen | Arbeitervereinigungen am 7. Febr. d. I. zu Köln lag außer anderen Anträgen (Delegirtentag der katholischen Arbeitervereine am Dreifaltigkeitssonntage, Einrichtung von Zuschußkrankenkassen und Anschluß an eine Central­kasse) ein Antrag des Kommissars der deutschen Katho­likenversammlungen, Fürst Löwenstein, vor, bezüglich Betheiligung der Arbeitervereinigungen an der deutschen Pilgerfahrt nach Loreto und Rom gelegentlich der lauretanischen Jubelfeier. Da ein besonderer Arbester- pilgerzug, wie ihn andere kath. Nationen in's Werk gesetzt, und den voriges Jahr lebhaft ein Theil der kathol. Presse auch für die deutschen Arbeiter wünschte, zur Zeit nicht ausführbar ist, so beschloß die Präsides- versammlung im Sinne des Fürsten Löwenstein, die kath. Arbeitervereine und Kongregationen einzuladen, sich durch Delegirte an der deutschen Pilgerfahrt zu betheiligen. Es wurde besonders hervorgehoben, daß auch Nichtarbeiter und Nichtmitglieder der Vereine mit der Vertretung beauftragt werden können, wie auch an den Arbeiterpilgerzügen viele Nichtarbeiter theilge- nommen haben. Die Bedeutung einer solchen Ver­tretung eines Theiles der deutschen Arbeiterwelt ist nicht zu verkennen. Die in sozialer Hinsicht wichtigsten Kundgebungen des hl. Vaters geschahen gelegentlich der Äudienzen solcher Vertreter der Arbeiter, sei es bei Pilgerzügen oder in Privataudienzen; so z. B. bei der Pilgerfahrt der französischen und schweizer Arbeiter, gegenüber den Vertretern von 10,000 Kon- greganisten und bei anderen Gelegenheiten mehr. Wie viel mehr wird der hl. Vater deutsche Arbeiter und ihre Vertreter beachten, die nach Loreto, Assisi und Rom pilgern, zum ersten katholischen Arbeiterheim, zur hehren Stätte der heiligen Arbeiterfamilie von Nazareth zu Loreto, zum „Armen des Volkes", dem hl. Franziskns nach Assisi und zum Arbeiterpapst nach Rom, ihm hier zu danken für seine besondere Vaterhuld und Liebe gegen die am meisten durch die geistige Führer­schaft der deutschen Sozialdemokraten bedrohten deutschen Arbeiter. Wie werden sich deutsche Arbeiter stärken am Grabe der Apostelfürsten, die arme Arbeiter und Handwerker wie sie waren! Daß sich Gesellen-, Hand­werker- und Bürgervereine anschließen, wurde im vorigen Jahre schon besonders betont. Die Mitglieder des Vereins von der hl. Familie und der großen Franziskanerfamilie, des 3. Ordens, haben Gelegenheit, wenn sie selbst nicht zu ihren Patronen und deren Hauptorte mitziehen können, durch Unterstützung der Delegirten sich zu betheiligen. Sie würden dadurch beitragen, daß ganze Vereine in ihren Vertretern im katholischen Glaubensbewußtsein und engem Anschluß an Rom gestärkt werden. Dieses Letztere: das durch persönlichen Verkehr mit Rom und dem Papste fester geschlungene Band, das durch das Betreten der hl. Orte, wo die Apostel geblutet, wo die Urkirche ent­standen, eines Kolosseums und der Katakomben, von

Die SrMmg des Todtrngrädcrs.

Roman von H. v. Remagen.

(12. Fortfetzung.)

Es war eine furchtbar stürmische Nacht; eine jener Nächte, welche in der Seele ein banges Gefühl wach­rufen, selbst bei denen, die bequem in den Federn liegen. Die Gräfin, welche schon seit dem vorigen Tage an einem leichten Fieberanfall litt, ward zusehends von Minute zu Minute schlimmer und begaffn zu phanta- siren.

Der Arzt aus dem benachbarten Städtchen war gegen Abend auf dem Schloß gewesen und hatte die emste Krankheit irriger Weise nur für eine ganz geringe Unpäßlichkeit gehalten und den Grafen ganz beruhigt verlassen. Allein die Ruhe des armen Gatten war von kurzer Dauer. Bald sah er mit Schrecken ein, daß das liebel furchtbare Fortschritte machte und ihm seine ge­liebte Gemahlin zu entreißen drohte.

„Schnell den Braunen in die Kutsche gespannt!" schrie er, die Säle durcheilend, „schnell, ich will selbst den Arzt holen! . . . Unsere Bedienten würden unter­wegs zu viel Zeit verlieren."

„Um Gotteswillen nicht! Das Wetter tobt. Ich will an Deiner Stelle gehen, lieber Vater!" sagte Friedrich, die Hand des Grafen ergreifend.

St. Petersdom und Maria Maggiores Hallen gestärkte katholische Gefühl ist wohl nicht an letzter Stelle zu betonen. Wenn die Rothen mit Vorliebe Paris be­suchen und dort ihre Umsturzversammlungen halten, wo sie ihre Kommunards, Dynamitarde und Petro- leusen verehren, dann wahrlich zieht es den katholischen Arbeiter zu seinem Mittelpuntte, zur urbis et orbis mater! Die Vortheile der Theilnahme deutscher Ar­beiter an der Romfahrt lassen sich unter diesem drei­fachen Gesichtspuntte, der zugleich die dreifache Patton- schaft des Arbeiterpatrons, des hl. Joseph ausdrückt, zusammenfassen: für den christlichen Arbeiter, die christliche Familie und die christliche Kirche. Möge besonders im Monat März der hl. Joseph, das Vor­bild in Ausübung der sozialen Tugenden: Gerechtig­keit, Arbeitsamkeit und Sittenreinheit die katholische Arbeiterwelt begeistern, als deutsche knights of labour, Ritter der Arbeit, ihrem obersten Heerführer Papst Leo XII!. ihre Huldigung und ihren Dank in ihren Vertretern darzubringen. Für die Ankunft und den Aufenthalt in Loreto ist der 2. und 3. Mai festgesetzt. Die Anmeldungen sind an die Centralstelle Köln oder die Mitglieder des deutschen Loretokomitees, dessen Vorsitzender Fürst Löwenstein, Kleinheubach a. Main, zu richten.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Februar.

* Die Rede des Kaisers vor den Mitgliedern des Brandenburgischen Provinziallandtages ist allgemein als Ablehnung der Bestrebungen des „Bundes der Landwirthe" aufgefaßt worden. Das .Berl. Tagebl.' bezieht diese Absage speziell auf den Antrag Kanitz und die erstrebte Beseitigung der Goldwährung. Dazu bemerkt die ,Kreuzztg.': „Das ,Berl. Tagebl.' hat richtig erkannt, daß die Rede des Kaisers bei den deutschen Landwirthen einen freudigen Widerhall nicht finden kann." Weiter sagt das konservative Blatt, die kon­servative Fraktion .könne, wenn nöthig, noch eine Zeit lang Zurückhaltung üben, sie sei aber nicht gesonnen, von ihrer wohlerwogenen Ueber- zeugung über die Maßregeln, die zum Heile der Landwirthschaft unerläßlich seien, auch nur einen Schritt zurückzuweichen; in dieser Unerschütter­lichkeit, nicht in der bedingungslosen Jasagerei erblicke sie die Bethätigung wahrer Königstteue. Das klingt sehr stolz und tapfer, braucht aber deswegen doch nicht übermäßig ernst genommen zu werden. Die Wahl in Lyck-Oletzko-Johannisburg hat doch eben erst gezeigt, wie abhängig die Konservativen von der Regierung sind und wie einhellig ihre Anhänger den von der Regierung begünstigten Kandidaten wählen, auch wenn die Führer der Konservativen und des „Bundes der Landwirthe" Himmel und Hölle gegen ihn in Bewegung setzen. Wo soll der Kaiser da sonderlichen Respekt vor dem Zorne der Hammerstein, Plötz und Genossen

„Wir Beide wollen gehen," fügte Ubald hinzu.

„Daß sich kein Anderer rühre; ich will es. Nur ein Diener geht mit mir . . . Müßte ich in dieser Qual auf die Ankunft des Arztes warten, jede Minute wäre ein Martyrium für mich," rief der Graf von wildem Schmerz bewegt aus.

Vergeblich waren alle Bitten Friedrichs, vergeblich alle Vorstellungen Ubald's; der Graf fuhr hinweg; er fuhr mitten in den tosenden Orkan, er fuhr hin und — er kam nicht wieder!

Die beiden Brüder knieten inzwischen bei dem Bette der Kranken und warteten aus die Ankunft des Arztes: die lethargische Ruhe, welche die Gräfin befiel, hielten sie für ein gutes Anzeichen und schöpften daraus Hoff­nung für die Genesung ihrer Mutter.

Es verfloß eine Stunde, es verflossen zwei, und der Graf war noch nicht zurück; eine schreckliche Un­ruhe bemächtigte sich der beiden Söhne, welche bleich und ängstlich sich gegenseitig fragende Blicke zuwarfen; mit Zittern horchten sie auf das zunehmende Geheul des Sturmes und eine peinliche Muthlosigkeit verwirrte ihre Sinne.

„Ach, mein Gott! ich halte es nicht mehr aus!" rief Friedrich, aus dem Krankenzimmer in den benach­barten Saal stürzend, wo die Dienerinnen der Gräfin leise miteinander plauderten.

herbekommen? Uebrigens müffen wir es als eine durch nichts begründete Anmaßung zurückweifen, wenn die .Kreuzztg.' sich als Vertreterin der „deutschen Land­wirthe" schlechthin geberdet. Sie verttitt doch in Wahr­heit nur eine Minderheit der deutschen Landwirthe, und wie diese Minderheit gelegentlich noch zusammen­schrumpfen kann, das haben wir soeben in Lyck-Oletzko gesehen. Also etwas mehr Bescheidenheit! Wir haben zu der großen Mehrheit der deutschen Landwirthe trotz aller Hetzereien der Plötz und Genossen doch noch das Vertrauen, daß sie die einsichtigen und von wirk­licher Fürsorge für die Landwirthschaft zeugenden Mahnungen des Kaisers nicht in den Wind schlagen werden, zumal der Kaiser, wenn er, wie natürlich, auch unerfüllbare Forderungen zurückweisen mußte, doch entschieden genug zu erkennen gegeben hat, daß er Alles, was überhaupt möglich ist, thun wird, um den deutschen Bauernstand kräftig und leistungsfähig zu erhalten und ihn in jeder Hinsicht zu heben. Er hat vollkommen Recht, wenn er dazu vertrauensvolle Mitarbeit als durchaus nothwendig verlangt, denn nur so, nicht aber durch Verhetzungen uad maßlose Forderungen an die Allgemeinheit wird es gelingen, der Landwirthschaft wieder jene Kraft und Bedeutung zu verschaffen, die ihr unzweifelhaft im Jntereffe des ganzen Vaterlandes gebührt.

* Das Staatsministerinm trat heute Nachmittag wieder zu einer Sitzung zusammen. Nach der,Staats- bgrztg.' ist Minister v. Köller mit der Ausarbeitung einer neuen lex Heinze beschäftigt.

* Die Budgetkommission des Reichstags hat heute die Berathung des Marineetats zum Abschluß ge­bracht, ohne weitere Abstriche vorzunehmen, und sich dann auf den 5. März vertagt. — Der Marine­etat soll schon für Donnerstag auf die Tages­ordnung der Plenarsitzung des Reichstags gesetzt werden.

* In die Stempelkommission des Abgeordueteu- hauses hat das Centrum die Abg. Graw (Allenstein), Herold, Kirsch (Stellvertreter des Vorsitzenden) ent­sandt, sowie den Abg. Dziorobek von der polnischen Fraktion hineingewählt. Vorsitzender ist Abg. v. Kröcher (kons.).

* Die Tabaksteuerkouimission hat sich heute gebil­det. Die Namen der dem Centrum angehörenden Mitglieder der Kommission haben wir gestern bereits mitgetheilt. Vorsitzender der Kommission ist Abg. Fritzen-Rees (Ctr.), also ein Gegner der Vorlage, was deren Aussichten auch entspricht. Man berechnet, daß die Kommission 16« Gegner und 12 Freunde der Vorlage umfaßt.

* Die Branntweinsteuernovelle ist der ,N. A. Z? zufolge dem Bundesrath gestern zugegangen.

*^An der Hand der Gutachten, welche seitens der Bundesregierungen und interessirten Korporationen ein­gelaufen sind, ist man, wie offiziös mitgetheilt wird, „gradatim" in eine Revision des Gesetzentwurfs gegeu den unlauteren Wettbewerb eingetreten; es liege nach

„Mein lieber, junger Graf," begann eine alte Kammerfrau, „das Städtchen ist ganz nahe; das Aus­bleiben des Herrn Grafen flößt Beforgniß ein ... . es wäre gerathen, Jemand nachzufchicken. Bruno und Martin haben zwei Pferde gesattelt, und wenn Ew. Gnaden erlauben ..."

„Ich will gehen. Mama gehts besser ..."

„Du irrst," unterbrach Ubald, der in diesem Augenblicke eintrat, „es geht schlimmer; ihre Hände sind eiskalt: sie fühlt nicht mehr! ^Ach, wie lange bleibt der'Arzt!" WA LS

„Unheilvolle Nacht!" rief Friedrich voller Ver­zweiflung und stürzte eilends wie der Blitz in den Stall. In einem Augenblicke saß er zu Pferde und verließ die Burg seiner Väter in rasendem Galopp dahinjagend trotz Wind und Regen, nur gefolgt von einem Diener. Wie eine gespenstische Erscheinung jagten Herr und Diener dahin und hatten schon einen großen Theil des Weges zurückgelegt, als sie plötzlich anhielten; ein Hinderniß versperrte ihnen Den Weg: zwei Menschen lagen ausgestreckt auf dem Boden, der eine tobt, der andere schwer verwundet; nicht weit davon lag eine umgestürzte und zerbrochene, offenbar von der wüthenden Kraft eines zügellosen Pferdes herumgerissene Kutsche quer über dem Wege.