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Dienstag, den 26. Februar 1895.
22. Jahrgang
mit Unterhaltrrngs-Keiiage „Sterne nnd Hlnmen".
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Deutsches Reich.
Berlin, 23. Februar.
* Der Kaiser hat, wie alljährlich, an dem Festmahle theilgenommen^ das der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, Staatsmimster Dr. v. Achenbach, in jedem Jahre den Mitgliedern des brandenburgischen Provinziallandtags zu geben pflegt, und der Kaiser hat, wie bisher, auch in diesem Jahre wieder als Antwort auf das ihm dargebrachte Hoch eine politisch bedeutsame Rede gehalten. Nach einigen einleitenden Worten über das Vertrauen der Brandenburger zu ihrem Markgrafen fuhr der Kaiser fort: „Die Fragen, welche im Augenblick die Gemüther bewegen, betreffen vorwiegend den Bauernstand. Wie dieselben angefaßt werden sollen, ist Ihnen zur Genüge aus meinen letzten Auslassungen bekannt. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß es mir gelingen wird, dauernd Nützliches für Sie zu schaffen, und mit ganzer Kraft will ich dafür einireten. Ich möchte aber dringend davor warnen, überspannte Hoffnungen zu hegen oder gar die Verwirklichung von Utopien zu verlangen. Kein Stand kann beanspruchen, auf Kosten des anderen besonders bevorzugt zu werden, des Landesherrn Aufgabe ist es, die Interessen aller Stände gegen einander abzuwägen und mit einander zu vermitteln, damit das allgemeine Interesse des großen Vaterlandes dabei gewahrt bleibe.. Der Schluß richtete sich dann wieder an die Brandenburger spezieller und lief in einen Trinkspruch auf die Mark und die Brandenburger aus. Die mitge- theilten Worte, insbesondere die kräftige Betonung, daß es Sache der Staatsgewalt ist, die verschiedenartigen Standesinteressen auszugleichen, nicht aber einen einzelnen Stand zu bevorzugen, verdienen durchaus die ernste Beachtung, die der Kaiser ihnen jedenfalls beigelegt wissen will. Während in früheren Jahren die Reden, die der Kaiser vor den Mitgliedern des Brandenburgischen Provinziallandtages hielt, nicht selten Widerspruch Hervorrufen mußten, verdient und findet das, was der Kaiser in diesem Jahre gesagt hat, gewiß die Billigung und lebhafte Zustimmung Aller, denen der leidige Jnteressenkampf unferer Zeit nicht schon unwiederbringlich den Blick für Wahrheit und Recht getrübt hat. Möchte das monarchische Gefühl, das ja die Plötz, Rösicke u. s. w. für sich
Die SrMlmg des WtmMm.
Roman von H. v. Remagen.
(10. Fortsetzung.)
„Es ist Jemand, der nach Frau Müller fragt," erwiderte Boto und stieg einige Stufen hinab, wo er sich einem alten Weibe in der Nachthaube gegenüber befand.
„Ei, ei", sagte schlecht gelaunt die mürrische Alte, „da müßt Ihr auch gerade hierher kommen, um Frau Müller zu finden? Wollt Ihr die besuchen, dann müßt Ihr auf den Kirchhof gehen."
„So ist sie tobt!" rief Boto bestürzt.
„Gestern gegen Mitternacht ist die arme Haut hinübergegangen; heute gegen Sonnenuntergang hat man ihre Leiche zu Grabe getragen."
„Und Theodora?"
„Was weiß ich davon?"
„Wie? Haben Sie denn die Kleine nie gesehen?"
„Ich habe sie gesehen und weiß, daß sie schön und gut ist. Das arme Kind! sie vergaß kein einziges Mal, mir gute Nacht sagen zu kommen. Diesen Morgen, als ich den Todesfall erfuhr, lief ich sofort herbei und stieß auf einen verdrießlichen Alten, der hier Wache hielt. Ich fragte ihn nach Theodora, und
immer ganz besonders in Anspruch nehmen, bei diesen Führern des „Bundes der Landwirthe" und ihren Anhängern auch einmal nicht bloß in Hochrufen und Loyalitätsbetheuerungen, sondern in ernster Würdigung der durchaus gerechtfertigten Mahnung und Warnung des Kaifers sich bekunden! ___
* Die Budgetkommission des Reichstags hat heute die verlangten 4 neuen Kreuzer mit 16 gegen 10 bezw. 18 gegen 8 Stimmen bewilligt, nachdem Staatssekretär v. Marschall erklärt hatte, das Auswärtige Amt könne die Verantwortung nicht dafür tragen, mit den ihm jetzt zu Gebote stehenden Mitteln die ihm obliegenden Aufgaben zu lösen. J SPW M
* Die Wahlprüfuugskommissiou des Reichstags hat die Wahl des Abg. Colbus (12. Elsaß-Lothringen, Saargemünd) beanstandet.
' Das Ausscheiden des Gouverneurs Freiherrn von Scheele aus dem Koloniald^enst wird jetzt auch offiziös bestätigt, mit dem Hinzufügen, daß, da die Berathung des Kolonialetats in der Budgetkommission des Reichstags unmittelbar bevorstehe, die Regierung zweifellos die Gelegenheit benutzen werde, um die Gründe des Ausscheidens zu erörtern. U
* Der Magistrat von Berlin hat beschlossen, dem Fürsten Bismarck zu dessen 80. Geburtstage eine Adresse zu überreichen. Sämmtliche Innungen Berlins, sowie die auswärtigen, dem Centralverbaude angehörigen Innungen, unternehmen am 17. April eine Huldigungsfahrt mit Bannern und Emblemen zum Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh. Die bedeutendsten Männergesaugvereinigungen Berlins feiern den 1. April durch einen gemeinsamen großen Kommers.
* Der Präsident des Landesausschusses in Elsaß- Lothringen, Dr. Schlumberger, ist in den Adelsstand erhoben worden.
* Nachdem durch kaiserliche Verordnung das Inkrafttreten der Sonntagsruhe-Bestimmungen für Industrie und Handwerk auf den 1. April d. I. festgesetzt ist, werden sich bie. von ihnen betroffenen Gewerbetreibenden darauf einrichten müssen. Offiziös werden ihnen folgende Rathschläge gegeben: Das Gewerbe muß sehen, die Befolgung der Vorschriften ohne große Störung des Betriebes zu ermöglichen. Dabei wird es zunächst darauf ankommen, sich möglichst eingehend mit den Ausnahmevorschristen vertraut zu machen, welche vom Bundesrathe auf Grund des § 105 d der Gewerbeordnung erlassen sind, und die Betriebsweise darauf einzurichten. Für eine ganze Reihe von Berufszweigen jedoch würden sich die etwa nothwendig werdenden Betriebsänderungen erst dann endgiltig Herausstellen, wenn die höheren Verwaltungsbehörden von ihrer Befugniß zum Erlaß von Ausnahmebestimmungen Gebrauch gemacht haben. Hierauf wird, wie verschiedentlich versichert wird, in manchen Gewerbekreisen bereits gewartet. Allgemein einrichten konnten sich die Gewerbetreibenden früher schon auf die Sonntagsarbeiten, welche durch den § 105 c der Gewerbeordnung ausdrücklich zugelassen sind, und wer
er gab mir in dumpfem, widerwärtigem Tone zur Antwort: „Das arme Kind hat eine mildthätige Person gefunden, die sich ihrer annimmt, sie ist m guten Händen unter sicherem Schutze."
„Haben Sie denn nicht mehr zu erfahren gesucht?"
„Versteht sich! Ich fragte nach dem Namen, nach der Wohnung, nach Stand und Geschlecht der mild- thätigen Person, allein der alte Griesgram hieß mich auf eine so unverschämte Weise schweigen, daß einem die Galle überlaufen mußte; wahrhaftig, wie gern hätte ich ihm die Augen ausgekratzt! . . . Vor einer halben Stunde kam ein Todtenwagen hierher, um die Leiche der Verstorbenen anfzunehrnen; man hätte glauben sollen, es wäre für eine große Dame gewesen. Dann hat der Alte die Thür verschlossm und sich füll davon gemacht."
„Hören Sie, gute Frau," Hub Boto nach einem augenblicklichen Ueberlegen an, „ich bin ein Vetter der Frau Müller, ich liebe Theodora, als wenn ich ihr Vater wäre, und habe ein Recht, zu wissen, was aus ihr geworden. Wenn jener Mensch noch einmal znrück- kommen sollte, so fragen Sie ihn in meinem Namen und suchen Sie den Aufenthalt der Kleinen zu erfahren; das wird ein Werk der Barmherzigkeit sein, und Sie verdienen sich damit den Himmel."
es bisher unterlassen hatte, sollte damit nicht länger säumen; denn gerade bei den Bewachungs- und Jn- standhaltuugsarbeiten, bei den Arbeiten zur Verhütung des Verderbens von Rohstoffen und des Mißlingens von Arbeitserzeugniffen u. s. w. wird eine dauernde Regelung im Interesse der Arbeiter am Platze fein. Es wird darauf ankommen, die Arbeitsschichten so einzurichten, daß die Arbeiter möglichst gleichmäßig von der Sonntagsruhe Vortheil haben. So lange diese Arbeiten die Dauer von drei Stunden nicht überschreiten oder die Arbeiter am Gottesdienst nicht hindern, find besondere Maßnahmen zu Gunsten der Arbeiter weiter nicht nöthig. Auf jeden Fall aber hat der Arbeitgeber für diese Arbeiten besondere Listen anzulegen, welche den Gewerbeauffichtsbeamten jederzeit zur Einsicht vorzulegen sind. Es wird also diese Arbeitsregelung ganz genau überwacht werden können.
* Wo treibt man Konfessions-Politik? Das Organ des evangelischen Pfarrvereins in Württemberg, der Kirchliche Anzeiger', schrieb zu den Wahlen: „Ein Protestant kann jeden Parteimann wählen, nur keinen Centrums-Kandidaten. Das sollte unumstößliche Regel für alle Wahlen gelten, nnd darüber aufzuklären hat Niemand mehr Beruf, als der Geistliche. Denn hier handelt es sich nicht bloß um politische, sondern um Wahrung deutsch-evangelischer Interessen." Ganz richtig bemerkt das .Deutsche Volksblatt' zu dieser Aeußerung: Diese unumstößliche Regel wird vom protestantlschen Volke längst befolgt. Neu ist nur, daß diese Regel von protestantischer Seite bei den letzten Wahlen so offen ausgesprochen wurde. Gegen diese Konfessions - Politik hat die Volkspartei noch niemals ein Wort geäußert."
* Der Magisttat von München hat gestern beschlossen, dem Fürsten Bismarck das Ehrenbürgerrecht der Stadt München zu verleihen.
* Ein Bedürfniß nach Männerorden im katholischen Volke Württembergs kann selbst von ehrlichen Gegnern der Orden nicht mehr bestritten werden. Die Zahlen, welche von der katholischen Presse dafür angeführt werden, sind unwiderleglich. Nach einer neuesten Mittheilung aus Rottenburg an das ,Deutsche Volksblatt' sind im Jahre 1894 nicht weniger als 64 Angehörige der Diözese Rottenbnrg in auswärtige Männerklöster eingetreten. Hierunter sind diejenigen nicht begriffen, für welche sogenannte litterae testimo- niales nach der diesbezüglichen Vorschrift nicht einzuholen sind, beziehungsweise nicht eingeholt wurden. Von diesen 64 jungen Männern sind 34 bei den Benedittinern, 7 bei den Kapuzinern, 5 bei den Franziskanern, je 4 bei den Cisterziensern und bei den Missionsgesellschaften, je 3 bei den barmherzigen Brüdern und bei der Lehrgesellschaft in Rom eingetreten. Die Gesummtzahl der in den letzten zehn Jahren (1885—1895) in auswärtige Männerklöster aufgenommenen Diözesanen befragt 419.
„Seid nur ruhig. Kommt der alte Murrkopf mir nochmals vor die Augen, so werde ich ihm schon alles, was Ihr wissen wollt, aus dem Munde ziehen; der Patron muß mir, gern ober ungern, Antwort geben!"
„Gute Nacht denn! Bald sehen wir uns wieder," sagte Bodo und brummte im Hiuabgehen vor sich hin: „Da ist nichts zu machen. Wenn man sie weggebracht hat, weiß der Kuckuck, wenn ich sie wieder zu Gesicht bekomme. Zum Teufel mit den rnildthäügen Personen, die ihre Nasen in anderer Leute Angelegenheit» stecken! . . . Doch wer mag jener Alte sein?"
In Nachdenken hierüber versunken, stieg Boto in den Sattel und gelangte bald zum großen Hotel, wo er in Bosak's Zimmer eintrat.
„Ich benützte Ihr freundliches Anerbieten," sagte er zu dem Schweigsamen, „und ließ Ihren Rappen galoppiren, was das Zeug hielt."
„Von jetzt an wirb mein Pferb stets zu Ihrer Disposition sein," entgegnete Bosuk.
„Wie kann ich Ihnen danken," sagte der Student, „wie kann ich Ihnen für so viele, viele Aufmerksamkeit danken? Ohne Sie hätte ich heute armselig zu Fuß spazieren müffln, während ich nun wie ein Fürst auftreten konnte. Ich habe mich köstlich amüfirt; ich sah die junge Schöne von gestern Abend, ward von