Einzelbild herunterladen
 

M 45

Samstag, den 23. Februar 1895.

22. Jahrgang

FMMWZkiMg

mit Untrrhaltungs-Keilage „Sterne und Klumen".

Ersthrint täglich, ®»n» und Feiertag« ausgenommen. — Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringeriohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Aarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

*

nebst der illustrirten Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen^ von allen Postanstalten, sowie Landbrief­trägern, Zeitungsträgern und von unserer Expedition (Harmonie) zum Preise von 50 Pf. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.

V Wochenrundschau.

Das Jesuitengesetz aufgehoben — wenn es von dem Reichstage allein abhinge! In dritter Lesung hat der Reichstag abermals dem Anträge Graf Hompesch auf Beseitigung dieses alten, gehässigen Kulturkampfsgesetzes zugestimmt, sogar mit sehr großer Mehrheit, denn das Centrum war natürlich, wenn man von den durch Krankheit u. s. w. durchaus ver­hinderten Mitgliedern absieht, vollzählig zur Stelle, während die anderen Parteien überaus schwach ver­treten waren. Gegen den § 1 des Antrags erhoben sich höchstens 6 Abgeordnete von links und rechts. Von einer Debatte war überhaupt nicht die Rede: Abg. Graf Hompesch hatte kurz um Annahme des Antrags gebeten, und es erhob sich kein Widerspruch, es konnte sogleich zur Abstimmung geschritlen werden. Im vorigen Jahre kostete es noch viel mehr Kampf und Geschick, den Antrag durch die Fährlichkeiten der drei Lesungen zu bringen, heute findet der Antrag nur noch sehr schwachen Widerstand, kaum daß die Gegner sich ein­finden, um ihr Votum gegen den Antrag in die Wag­schale zu werfen; viele, sehr viele ziehen es bereits vor, der Abstimmung fern zu bleiben, und besonders die rechte Seite des Reichstags war am Mittwoch fast ganz unbesetzt, bis der Antrag Hompesch erledigt war, dann füllte sich auf jener Seite rasch der Saal. Zweifel­los wären auch von Denen, die glauben, gegen den Antrag stimmen zu müssen, Viele froh, wenn her An­trag und also auch das Jesuitengesetz endlich aus der Welt geschafft wären. Der Bundesrath würde ganz gewiß nicht nur uns Katholiken gegenüber Gerechtigkeit üben, wenn er dem Antrag endlich seine Zustimmung ertheilte, sondern noch vielen Nichtkatholiken einen großen Gefallen damit erweisen, und zwar nicht nur den­jenigen, die aus Gerechtigkeitssinn gegen die Katholiken das Jesuitengesetz verdammen, sondern auch vielen, die uns keineswegs „grün" sind, aber doch politische Ein­sicht genug besitzen, um die ganze Verkehrtheit des Fortbestchenlassens eines solchen Gesetzes zu erkennen, das dem Protestantismus absolut nichts nützen kann und nur dazu dient, die Katholiken zu erbittern. Wir glauben auch ganz bestimmt, daß diese Erwägungen, wenn denn die Gerechtigkeit bei uns nicht mächtig genug ist, um für sich allein entscheidend zu wirken, in ab­sehbarer Zeit zur Aufhebung des Jesuitengesetzes führen müssen. Das Centrum wird jedenfalls nicht ablassen, seinen Antrag so lange immer wieder einzubringen, bis

Kr btn Wend Wy

werden Abonnements auf die

s er angenommen ist. Da sollte sich doch der Bundes- - rath sagen: Wenn wir doch einmal den Antrag an­nehmen müssen, dann lieber sogleich, denn dann ge­winnen wir den Dank der Katholiken, während wir sie durch abermalige Ablehnung nur wieder erregen würden. Wir möchten dem Bundesrathe dringend rathen, sich diesen Gedankengang zu eigen zu machen. Wer bald gibt, gibt doppelt! Und eine Ablehnung würde uns ja doch nicht einschüchtern, denn wir wissen, daß wir endlich unser Recht erhalten werden, wenn wir es nur standhaft fordern. Die Standhaftigkeit im Ablehnen muß doch schließlich Nachlassen; es müßte ja dem Bundesrathe selbst nicht wohl dabei zu Muthe bleiben, wenn er das Unrecht verewigen wollte. Will er das?!

An uns Katholiken könnten sich übrigens gewisse Leute ein Beispiel nehmen, wie man standhaft und fest sein kann in seinen Forderungen, wie man rastlos und unablässig sie geltend machen kann, ohne sich darum einer verhetzenden Agitation schuldig zu machen. Von den Rittern von der traurigen Gestalt, die im „Evangelischen Bunde" wider Rom streiten, j läßt sich das gewiß nicht sagen. Ein anderer „Bund", j obwohl keine bloße Kampfvereinigung, treibt es freilich ? nicht besser als der „Evangelische", obwohl sein Ar- i beitsfeld kein konfessionelles ist, auf dem überwallende i Agitationen schon eher begreiflich scheinen, sondern ein ; rem wirihschastliches: wir meinen den „Bund der ; Landwirthe." Die wüsten Agitationen dieses „Bun- i des", welche (unter der Regierung des Grafen Caprivi) an Maßlosigkeit die der Sozialdemokratie noch über­trafen, sind heute, nachdem der Kaiser mit den Führern des „Bundes" mehrfach scharf ins Gericht gegangen, in der Form allerdings etwas gemäßigter geworden, in der Sache aber sind sie heute ebenso maßlos, wie früher. Durch den Sturz Caprivi's ist dem Plötz und Genossen der Kamm gar gewaltig ge­schwollen, und ihre Forderungen werden immer dreister. Zwar wissen sie nicht mehr ganz genau, ob sie sich an den Antrag Kanitz festklammern sollen, aber sie haben schon wieder neue Forderungen. Auf ihrer General­versammlung, die sie dieser Tage in Berlin abgehalten, fordern sie ".kurzer Hand" die Kündigung aller Meist­begünstigungsverträge, obwohl sie natürlich wissen, daß diese Forderung auf Jahre hinaus ganz unerfüllbar ist, wenn nicht durch einen Wortbruch! Und so treiben sie es, nachdem ihnen soeben der Kaiser eine Audienz gewährt, in der er ihnen gesagt, wie sehr ihn ihre Agitation im vorigen Jahre verletzt, und ihnen dringend anempfohlen, sich jeder „sensationellen", d. h. aufregenden Agitation zu enthalten. Und müssen nicht deren Agitationen, die wesentlich in der Rührung un­erfüllbarer Hoffnungen bestehen, aufregend und schließlich durch die unausbleiblichen Enttäuschungen volksver- bitternd und volksvergiftend wirken, der Sozialdemo­kratie zu Gute kommen? Das sollten sich auch gewisse Herren am Rhein merken, die sich jetzt — vielleicht ohne, daß sie es wissen und wollen — von dem rein protestantischen „Bunde der Landwirthe" dazu

Die EkMlmg des Wtengrädtts.

Roman von H. v. Remagen.

(8. Forrsetzung.)

„Sie brauchen nichts zu sparen, mein Herr, ich bin reich."

Der Arzt verneigte sich von neuem ehrerbietig vor Bosak, und dieser wickelte die ohnmächtige Kleine in seinen Mantel und nahm sie mit, indem er sie auf seinen Armen trug, mit der zärtlichen Sorgfalt einer Mutter, die ihr Kind an die Brust drückt und lachte ihre Arme um dasselbe schließt.

Etwa eine Stunde später betrat der Freund des Studenten, vom Hause des Arztes zurückgekehrt, wieder das große Hotel.

Schweigend und geräuschlos wie ein Gespenst durch­eilte er den langen Korridor; in seine Zimmer gelangt, setzte er sich und blieb eine Zeit lang in Sinnen ver­sunken ; die Hand an die Stirn drückend, sprach er endlich^ laut denkend zu sich selber: „Morgen, am Tage meiner unheilvollen Erinnerungen, werdei ich Niemanden sehen, für Niemanden zu sprechen sein. Ich will aufschreiben, was für die Tochter des armen verstorbenen Weibes geschehen soll . . . War dasselbe tugendhaft oder schuldbeladen? Räthsel! ..."

Tie Uhr schlug drei Stunden nach Mitternacht. Bosak fuhr zusammen. „Das „Morgen" ist schon da," sagte er mit dumpfer Stimme, und ein furchtbarer Schmerz spiegelte sich auf seinem Gesichte.

Endlich raffte er sich auf und begann zu schreiben und schrieb bis zur anbrechenden Morgenröthe.

' V.

Es war ein prächtiger Tag, etwas kalt, aber schön; in den Nachmittagstunden durchlief Boto ärgerlich, mit großen Schritten, murrend und fluchend vor Un­geduld, den Hof seines Gasthauses. Seit dem Morgen schon hatte er wiederholt vergeblich an Bosak's Thür geklopft; vergeblich hatte er den alten Bedienten ge­sucht; wütheud vor Zorn sah er Sibilla, prunkvoll zum Spaziergang gekleidet, in eleganter Karosse das Große Hotel verlassen.

Und das versprochene Pferd? Er wartete vergeblich darauf und verwünschte bei sich Bosak und Bruno und Alle, welche ihr Versprechen nicht halten; in seiner neuen Jacke lief er wie rasend auf und ab, zog sich an der Kravatte und biß sich, Flüche zwischen den Zähnend murmelnd, in die Lippen.

Schließlich traf er zufällig mit dem Stallknecht seines schweigsamen Freundes zusammen und befahl demselben, ohne viele Umstände, den schönen Rappen

mißbrauchen lassen, um in die bäuerliche Bevölkerung der Rheinprovinz Agitationen hineinzutragen, die inner­halb des Bauernstandes selbst scharfe Gegensätze, noch mehr aber zwischen den irregeführten Bauern und der übrigen Bevölkerung eine verderbliche, die Bauern schließlich am meisten schädigende Zwietracht Hervor­rufen müssen. „Lernet, ihr seid gewarnt!"

In Württemberg haben nun auch die Stich­wahlen zur 2. Kammer stattgefunden, worauf am 20. d. M. die Eröffnung des Landtags folgte. Bei den Stichwahlen hat das Centrum noch 2 Mandate gewonnen, sodaß es mit dm Geistlichen unter den Privilegirten über 21 Mitglieder verfügt und also die zweitstärkste Fraktion der Kammer bildet. Am stäi ksten ist die Volkspartei, die 31 Mandate inne hat, ungefähr ebensoviel wie die „deutsche" und die Landespartei einschließlich der Privilegirten zusammen zählen. Das Centrum gibt also den Ausschlag nach links oder nach rechts. Die Sozialdemokraten haben in der Stichwahl 2 Mandate gewonnen, Cannstatt und Stutt­gart. Bei der Eröffnung der Kammer glänzten die beiden Soziatdemokraien durch Abwesercheit. Die Thronrede kündigt vorzugsweise eine Reihe von Steuerreformen an. In Bezug auf die Frage der Verfasfungsänderung soll erst eine Klärung der An­schauungen abgewartet werden.

In Oxsterreich- Ungarn beklagt die Bevölkerung mit aufrichtigem Schmerze den Tod des greisen Erz­herzogs Albrecht, des „Siegers von Custozza", eines bedeutenden Feldherrn und Reorganisators der Armee, der aber nicht bloß ein guter Soldat, sondern auch ein treuer, eifriger Katholik war. Kaiser Wilhelm II, der ihn vor einigen Jahren auch zum preußischen Generalfeldmarschall ernannt hatte, widmete dem Ver­storbenen in einem Armeebefehl einen warmen, tief empfundenen Nachruf.

Italien steht vor einem politischen Skandalprozeß ersten Ranges. Giolitti, der frühere Ministerprä­sident, dmCrispi wegen der bekannten Enthüllungen über seine Beziehungen zur Bauca Romana verklagt hatte, und der sich seit einiger Zeit in Charlottenburg bei seinem Schwiegersöhne aufhielt, ist, der Vorladung des Gerichts folgend, nach Rom abgereist. Er gibt also offenbar seine Sache nicht verloren.

Die Engländer glaubten schon vor Neuwahlen zu stehen, da der Ministerrath am Dienstag plötzlich einberufen wurde, was man mit den geringfügigen Mehrheiten in Zusammenhang brachte, die das Kabinet Rosebery letzthin mehrfach in der Kammer erhielt. In­zwischen aber haben die Radikalen einen Wahlsieg in Colchester erfochten, wodurch die Regierungsmehrheit vergrößert wird. Auch heißt es jetzt, daß der Mi­nisterrath wegen Egyptens ein berufen worden sei, wo der Khedive sich bemüht, sein von den Engländern beherrschtes Ministerium loszuwerden, und engländer- feindliche Zeitungen sogar durch eigene Mitarbeit unter­stützt. Die Engländer thun freilich auch Alles, um sich am Nil verhaßt zu machen.

zu satteln und sofort an den Eingang des Hotels zu bringen.

Der Reitknecht gehorchte augenblicklich, und bald saß der Student im Sattel und bemühte sich, auf seinem gelenken Rosse in vollem Galopp dahersprengend, Sibilla's Wagen einzuholen.

Bald befand er sich in einer laugen und Breiten, von vier Reihen stattlicher Bäume beschatteten Allee, mitten unter, noblen Equipagen, galanten Kavalieren und allerlei müßigem Volk, das sich da die Zeit zu vertreiben suchte; er kam sich selbst wie ein ganz neuer Mensch vor und tummelte lustig sein Pferd.

Ach, wie glücklich fühlte er sich! Er war wie in einem Traum befangen; er dünkte sich reich, inr Besitze von Palästen und Lustschlössern. In der Hoffnung, Sibilla zu begegnen, beobachtete er aufmerksam jeden Wagen und eilte bald hier-, bald dorthin, um nach der schmachtenden Schönen zu spähen.

Es wäre nicht leicht anzunehmen, daß der Student für die von ihm am Abend vorher zuerst Gesehene in Liebe entbrannt war. Nein, sicher nicht; solche plötzliche, wie vom Himmel gefallene Liebe kommt nur in Ro­manen vor, und dann war auch Boto's Herz gerade nicht sehr empfänglich für eine zärtliche und tiefe, hingehende Neigung. Sibilla gefiel ihm; sie war um-