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44 Freitag, den 22. Februar 1895.___ 22. Jahrgang

mit WntrrhaUimgs-Krttage „Steine und plunicn".

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Dkntlches Reich.

Berlin, 20. Februar.

* Der Kaiser empfing heute Mittag den Kardinal- Fürstbischof Kopp von Breslau, der ihm für die jüngste Ordensverleihung dankte.

* Die im Juni d. I. stattfindende Eröffnung des Nord-Ostsee-Kauals wird eine Feier von europäischer Bedeutung werden. Wie man hört, werden alle deutschen Fürsten und alle seefahrenden Nationen im Auftrage des Kaisers Einladungen zu der im großen Stile zu veranstaltenden Eröffnungsfeier erhalten.

* Unter Führung des Lieutenants Choltitz vom 11. Dragoner-Regiment ging heute ein Kommando zur Verstärkung der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika von Berlin per Bahn nach Triest ab. Von Triest erfolgt die Weiterreise mittelst Dampfers des österreichisch­ungarischen Lloyds via Brindisi nach Ostafrika.

* Die 20. Generalversammlung der Vereinigung der Steuer- und Wirthschaftsreformer wurde gestern Vormittag 10 Uhr im großen Saale des Architekten­hauses durch den Freiherrn v. Manteuffel mit einer Ansprache eröffnet, in der er auf die sich mehrenden Anzeichen einer für die deutsche Landwirthschaft er- fteulicheren Zukunft hinwies. Als solche Zeichen nannte er insbesondere die Annahme des Währungsantrages im Reichstage, die sich bessernden Aussichten des An­trages Kanitz, das wiederholt kundgegebene Wohlwollen des Kaisers für die Landwirthschaft, das u. A. auch in einem besondern, beim Neujahrsgottesdienst der Schloßkapelle eingelegten Gebete Ausdruck gefunden hat. Die Ansprache schloß mit einem Hoch auf den Kaiser. Sodann erfolgte die Verhandlung über die agrarpolitischen Aufgaben der Gegenwart unter Berücksichtigung der preußischen Enquete des Jahres 1894 über die „Agrarfrage" und über die Reichs­enquete über die „Währungsfrage."

* Zu den verschiedenen Mittheilungen über die Berufung des Herrn v. Köller zum Minister des Innern bemerkt die ,Straßb. Post': Richtig ist daran, daß die Berufung v. Köller's nicht durch den Fürsten Hohenlohe, sondern durch den Kaiser erfolgt ist. Trotzdem wird man nicht sagen können, daß Herr v. Köller dem Fürsten Hohenlohe aufgedrungen worden sei. Herr v. Köller galt schon seit mehreren Jahren als Kandidat für diesen Ministerposten. Wie

Nie (Mlilung des goMtagrüto.

Roman von H. v. Remagen.

(7. Fortsetzung.)

Bosak erkannte das Haus nicht wieder und gab nicht im Geringsten Acht auf die schwach erleuchteten Fenster; er war schon beinahe vorbeigegangen, als er eine Thür sich öffnen und ein Kind auf der Schwelle erscheinen sah.

Es war Theodora, das arme Mädchen, welches heiße Thränen weinend, ein Licht neben die Hausthür setzte und auf die Straße trat.

„Fräulein, wohin gehen Sie? warum weinen Sie?" fragte Bosak, auf das Mädchen zugehend.

Theodora crschrack, und als sie den Freund des Vetters ihrer Mutter erkannte, trat sie ängstlich zurück. Nach einigen Augenblicken faßte sie jedoch Muth und stammelte unter Schluchzen: „Mit der Mutter steht es schlimm; ... ich gehe den Arzt rufen."

„So ganz allein?"

„Ach Gott! ... ich habe an die Thüren im zweiten Stock geklopft, dann im dritten, keiner ant­wortete mir . . . Alles schläft ... Ich muß gehen! Die Mutter stirbt. Gestern Abend wollte sie nichts zu sich nehmen; sie hustet mehr als gewöhülich, konnte kaum athmen, und als ich mich zu ihr in's Bett legte, war sie ganz kalt. Sie wollte nicht, daß ich Jemand

mag wohl — Fürst Bismarck über den Fall denken. In der Hauptsache wird die bisherige Nachricht be­stätigt, daß die Berufung des Ministers des Innern nicht auf Wunsch und Vorschlag des Ministerpräsi­denten erfolgt ist, daß dieser vielmehr erst nachträg­lich von der vollzogenen Berufung in Kenntniß gesetzt worden ist. Ob dies der Stellung eines Minister­präsidenten, selbst wenn derselbe mit der Berufung ein­verstanden war, vollständig entspricht, mögen die in solchen Dingen mehr bewanderten Hamburger Nach­richten' entscheiden.

* Ein Urtheil über den „Kulturkampf". In den kürzlich erschienenen Briefen von Gregorovius an den preußischen Staatssekretär H. v. Thile (Berlin 1895) findet sich in einem Schreiben vom 2. Okt. 1881 folgender Satz: „Ich fürchte, daß man in Berlin einen großen Fehler begangen hat, indem man bei jenen gewaltsamen Angriffen/ nicht in Rechnung brachte, daß die Kraft der Kirche in zwei Dingen besteht: in der Verfolgung felbst und in der Zeit, die sie sich nehmen kann, sie auszuhalten."

Ausland.

* Wien, 19. Febr. Erzherzog Albrecht hat vor seinem Tode noch eine Bestimmung getroffen, welche wirklich ein Beweis des schlichten Sinnes des Verstor­benen ist, der jedem leeren Prunk abhold war. Die offizielle Mittheilung — vom österreichischen Kriegs­ministerium ausgehend — lautet: „Zufolge bestimmter Willensäußerung des verblichenen Erzherzogs Albrecht werden Blumenspenden dankend abgelehnt. Das Geld für die zugedachten Kränze möge den Armen zugewen­det event. für heilige Seelenmessen bestimmt werden." — Zur Beisetzung des verstorbenen Erzherzogs wird sich auf Befehl des Kaisers Wilhelm eine Deputation des Grenadier-Regiments König Friedrich Wilhelm I. (2. Ostpreußisches) Nr. 3, dessen Chef der Verstorbene war, nach Wien begeben; auch hat der Kaiser für das Regiment eine mehrtägige Trauer angeordnet.

'* Graz, 19. Febr. 500 bis 600 Arbeiter zogen gestern spät Abends vor das Rathhaus, um dort zu demonstriren und in die Rufe auszubrechen: Heraus mit dem Wahlrecht! Nieder mit dem Kapital! Die Polizei zerstreute die Ansammlungen.

* Die italienische Regierung hat, wie bereits ge­meldet, die Anklage gegen Herrn Giolitti erhoben und ihn dadurch im Genüsse seiner Charlottenburger Winterfreuden gestört. Er will, wie er sich zu seinem Schwiegersohn geäußert hat, sich in Rom dem Gerichte stellen, nrnn ein Haftbefehl gegen ihn ergeht. Er kann's ruhig thun — denn seine Sache gehört, da er Mini­sterpräsident war, vor den Senat als Staatsgerichtshof, und dort hat Signor Crispi keineswegs alle Macht. Außer Giolitti ist noch sein Unterstaats-Sekretär Ro­sano vorgeladen. Beide sind beschuldigt, unter Aus­beutung ihrer Macht-Befugnisse 6 Polizeibeamte ange­stiftet zu haben zur Entwendung von Schriftstücken, die

rufen sollte; ich gehorchte, konnte aber nicht ein­schlafen . . . Jetzt sagt sie schon länger als eine Stunde nichts mehr, sie ist so still und unbeweglich, als sei sie schon tobt."

Das arme Mädchen konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen.

„Wohnt Ihr Arzt weit?" fragte Bosak.

„Nicht sehr," antwortete das Kind.

Bosak wandte seine Augen umher, Jemand suchend, dem er das Mädchen anvertrauen könnte, und ge­wahrte sofort einen bis an die Nasenspitze in einen schwarzen Mantel gehüllten Menschen, der mit wohl­bekannter Stimme ehrfurchtsvoll zu ihm sagte: „Ich bin hier, Herr Graf."

„Du bist mir gefolgt?" rief Bosak in zornigem Tone; dann setzte er ruhiger hinzu: „Ich will Dich jetzt nicht tadeln, weil Deine Gegenwart sehr gelegen kommt. Folge dem Fräulein, und wenn ihr Arzt nicht mitkommen will, suche einen andern auf; Du kennst viele Leute hier in der Stadt; geh, eile Dich, Du wirst mich bei Deiner Rückkehr hier treffen."

Bruno und Theodora machten sich auf den Weg.

Allein zurückgeblieben, wandte Bosak die Augen nach den Fenstern der Maria Müller, und ein düsterer schmerzlicher Ausdruck verdunkelte seine Züge. Er fühlte sich tief bewegt bei dem Gedanken, daß in dieser armseligen Wohnung eine jener Unglücklichen

auf den großen Bank Prozeß Bezug haben. Die sechs sind der damalige Quästor Felzani und die Polizei- Kommissare Bo, Magnetti, Perfetti, Pezzi, Rinaldi. Die Vertheidiger dieser Beamten haben nun die Vor­führung von Giolitti und Rosano beantragt.

* Konstantionopel, 19. Febr. Der Minister des Aeußern, Said Pascha, hat eine Beschwerde der Bot­schafter bezüglich der Unsicherheit in den Straßen Konstantinopels dahin beantwortet, daß die Regierung bereits eine Kommission unter Vorsitz des Polizei­ministers Rasim Pascha mit der Lösung dieser Frage beauftragt habe. — Die Kommission hat beschlossen, die Polizeimannschaft zu vermehren und einen strengen Patrouillendienst einzuführen.

* Hongkong, 20. Febr. Das „Reuter'sche Bureau" meldet: Das Pulvermagazin des Forts Takao ist in die Luft geflogen. 2000 Personen sind getödtet.

* Tokio, 19. Febr. Dem japanischen Landtage wird morgen eine Vorlage über die Bewilligung weiterer 10 Millionen Den für Kriegs ausgaben zugehen.

* China scheint noch immer seine Niederlagen zu unterschätze». Neulich schon sollte Li-Hung-Tschang zu den Friedensverhandlungen abreisen. Jetzt heißt es wieder, die Abreise sei verschoben aus Rück­sicht auf den bedenklichen Gesundheitszustand des Vice- königs von Nordchina. Bisher hat man immer nur gehört, Herr Li sei ein noch sehr rüstiger alter Herr. Es handelt sich also um einen neuen Verschleppungs­versuch. Dem offenbaren Wunsche Chinas, die Ver­handlungen auf chinesischem Boden zu führen, dürfte nun Japan entgegenkommen, indem es den Frieden in Peking diktirt. — Mit einem anderen Falle von chines. Unverfrorenheit wird die deutsche Regierung sich zu beschäftigen haben. Der frühere preußische Hauptmann v. Hanneken, der jetzt chinesischer General ist, hat mit Aufwendung eigenen Vermögens die Befestigungen rings um Peking erneuert und andere angelegt. Nun weigert sich die chinesische Regierung, dem Herrn die dafür als Preis ausgesetzte Summe und seine Auslagen zu be­zahlen. Trotz des Einspruchs des deutschen Gesandten beharrt die Regierung auf ihrer Weigerung. — Mit dem Admiral Ting haben sehr viele Offiziere Selbst­mord begangen, da der Kaiser dem Gouverneur von Tschifu befohlen hatte, alle an der Uebergabe Betheilig­ten erschießen zu lassen. — Die Japaner rückten auf Tschifu vor.

Aus dem Reichstage.

41. Sitzung vom 19. Februar 1895, 1 Uhr.

Die Berathung des Etats des Reichsamts des Innern, Kapitel Reichsversicherungsaint, wird fortgesetzt.

Abg. Enneccerus (natl.) betont, daß, wie die gestrigen Debatten gezeigt hätten, die Opposition gegen die Jnvaliditäts- und Altersversicherung bereits maßvoller geworden sei. Das finanzielle Ergebniß sei jedenfalls bisher ein gutes, die Ueber- schüsfe wachsen von Jahr zu Jahr. Um so erfreulicher sei es, daß sich keine Stimme erhoben habe, welche dieses günstige Er­dem Tode nahe war, deren Leben sich in die zwei, für den Egoisten nichtssagenden, für ein edelmüthiqes Herz tief bedeutsamen und erschütternden Worte fassen läßt: Arbeit und Leiden!

Bosak sah lange nach den Fenstern hinauf; dann trat er, einem plötzlichen Antriebe des Gefühls folgend, ins Haus, nahm das von Theodora zurückgelassene Licht, eilte schnell die Treppe hinan und betrat, da er die Thür unverschlossen fand, das Zimmer der Ster­benden.

Einen Augenblick zögerte er, näher zu treten, als er aber hinzu trat, sah er Maria auf dem Bette aus­gestreckt, ihre Augen starr und matt, und begriff so­fort, daß der Tod seinem Opfer nur noch wenige Minuten Frist vergönnen werde.

„Sprechen Sie, gute Frau, Ihre letzten Worte werden von mir gewissenhaft bewahrt und erfüllt werden," sagte Bosak, ans Bett tretend.

„Meine . . . Tochter," hauchte die Wittwe.

„Sie holt den Arzt."

„Boto, Boto!" rief sie dann plötzlich, wie wenn sie in ihren Phantasien den jungen Mann vor sich sähe.

„Wünschen Sie, daß ich ihn holen soll?" fragte Bosak.

„Fliehe, Theodora, fliehe!" stieß Maria in tödt- licher Angst hervor. Dann heftete sie die erstorbenen,