22. JahMM
Landwirthe, die in dem Bunde vereinigt seien. Dann weist die Adresse auf die trübe Lage der Landwrrth- fchast hin, die heute dahin gelangt sei, daß selbst m aut geleiteten Wirthschasten auf besten Böden em Be- ttiebsverlust sich einstelle und daß auch schuldenfreie Besitzer deshalb bei einer Fortdauer der jetzigen schwierigen Lage ihrer Zukunst mit Sorgen entgegensetzen. Aus dem Empfinden dieser Gefahren — fo fährt die Adresse fort — sei der Bund der Landwirthe entstanden, der seitdem bemüht gewesen sei, in ernster Arbeit zu ermitteln, auf welche Weise die heutige Nothlage der deutschen Landwirthschast beseitigt werden könnte. Der Kaiser möge dies aus den überreichten Druckschriften entnehmen. Mancher der hierin enthaltenen Vorschläge werde der Verbesserung noch bedürfen. Doch werde alles Schaffen und Können vergeblich fern, wenn der Arbeit des Bundes nicht der besondere Schutz des Kaisers gesichert sei, um dessen mächtige Hilfe der Bund also bitte. — Der Audienz der Abordnung beim Kaiser folgte Nachmittags 2 Uhr die Generalversammlung des „Bundes", die sich emes überaus starken Besuches zu erfreuen hatte. Herr v Plötz eröffnete die Versammlung mit einer längeren Ansprache, die mit einem Hoch auf den Kaifer schloß.
Beurcheilung der Antwort des Kaisers auf die Adresse des „Bundes" ist wenig zu sagen. Der Kaiser schlägt einen versöhnlichen Ton an, er zögerte aber auch nicht, mit scharfem Tadel auf die Hetzereien hinzuweisen, deren sich der „Bund" im vorigen Jahre schuldig gemacht habe. Der Kaiser verschmähte es auch, dem „Bunde" bestimmte Zusagen zu machen, geschweige denn auf die' bekannten Forderungen des „Bundes irgendwie einzugehen. Er wies nur. auf die bevorstehende Berufung des Staatsrathes hin und knüpft daran den Rath, sich jeder austegenden Agitation zu enthalten und mit Vertrauen der Hoffnung des Staatsrathes zu folgen. Diesem Rathe wird sich Jeder, der , es mit der Landwirthschast sowohl rote mit dem offent- ■ lichen Frieden wohl meint, anschließen müssen. Daß s die gegenwärtige Regierung das Beste der Landwirth- schaft will und daß sie auch, was das Können an- ‘ belangt, in Herrn v. Hammerstein-Loxten eine hervorragend tüchtige Kraft besitzt, also durchaus das Vertrau e n der deutschen Landwirthe verdient, wird wohl von keiner Seite bestritten werden. Einer solchen Regierung darf man zutrauen, daß sie alle Vorschläge, die im landroirthschaftlichen Interesse gemacht werden, sorgfältig prüft und gewiß nicht verwirft, wenn dieselben 1) ausführbar sind, 2) irgend welchen Nutzen in Aussicht stellen. Lehnt sie schließlich einen Vorschlag ab, so darf man überzeugt sein, daß sie die dringendsten Gründe dafiir hat, diesen Vorschlag entweder für unausführbar oder für zwecklos zu halten. Den parlamentarischen Körperschaften liegt dann ja immerhin noch die Nachprüfung solcher Vorschläge ob, wenn sie auch nicht in ihrer Mitte gemacht werden. Jedenfalls eignen sich aber bei diesem Stande der Dinge, wo etwas Vernünftiges nur bei gegenseitigem Berttauen,
,Nun?"
''(Sie ist in Deutschland geboren. Sehr jung nach Amerika gegangen, heirathete sie dort einen Millionär und ist jetzt Wittwe und sehr reich."
„Wer hat Dir diese, der Wahrheit nahe kommende, aber doch nicht ganz wahre Geschichte erzählt?"
„Die Kammerjungfer der reichen jungen Dame."
Bofak schüttelte ungläubig den Kopf.
„Aber man sagt, sie sei eine fteundliche und verständige Dame."
„Ich hätte sie für eine Dame von zweifelhaftem Rufe gehalten. „
„Wenn Ew. Gnaden es sagen, wird es so fern.
„Ich sage nichts, ich behaupte nichts."
Bruno wagte nichts zu erwidern und blieb unbeweglich auf seinem Posten.
„Und die dunkelgekleidete Dame? fragte Bofak nach kurzem Stillschweigen.
„Sie ist unverheirathet. Die verwaiste Tochter eines Beamten in badischen Diensten, ist sie Lehrerin geworden, um ihre Familie zu unterstützen. Lange Zeit war sie in der Familie eines österrelchlichen Generals, um dessen Töchter zu erziehen; nachdem diese sich verheirathet haben, kam sie hierher, um eine Stelle zu suchen. Vielleicht hat sie in der Hoffnung, hier eine günstige Gelegenheit zu finden, sich im
Großen Hotel eingemiethet. Man sagt, sie sei grob, stolz und geizig." . ,
,Es ist eine gute Dame; wir werden sehen, ob ich mich täusche . . . Sage mir, wie viel Uhr es ist; hat es schon Mitternacht geschlagen?"
„Noch nicht, Herr Graf."
„Um fo bester ... Gib mir mein Tagebuch."
Bruno gehorchte augenblicklich. Er nahm aus einem Koffer einen dicken Quartband, in schwarzen Sammet gebunden und mit einer schön gearbeiteten silbernen Spange verschlossen, an welcher em Schlößchen h"^Das Buch, wenn gleich mit einem Schlüssel verwahrt, war fein Geheirnniß sür den alten Diener ; er wußte daß der Graf darin seine Gedanken, seine Betrachtungen und Beobachtungen niederzufchreiben pflegte; dennoch, hätte er es auch einmal offen gefunden, er würde für alles Gold der Welt keine Seite darin gelefen haben.
Bofak nahm das Buch und öffnete es ; er blätterte darin und las bald hier, bald da; während er es wieder verfchloß, fragte er von Neuem:
„Hat es zwölf Uhr gefchlagen?"
„Noch einige Minuten, dann werden Ew. Gnaden die Uhr schlagen hören."
K> Die antisemitische „Einigkeit".
Als im vergangenen Sommer die verschiedenen anüfemstifchen Abgeordneten oder Führer — sie sind ja alle „Führer" — in Kastel und dann m Eisenach zufammenkamen, um sich zu einer „großen antifemiti- schen Partei zu vereinigen, da gehörte mcht die geringste Prophetengabe dazu, um der „geeinigten Parte eine nur kurze Zeit des Bestehens vorauszusagen. Die antifemitischen Blätter fchwelgten allerdings tn den Wonnen des Triumphes, daß das Eimgungswerk gelungen, daß jetzt endlich eine Fraktion un Reichstage zustandekornrne, die stark genug sei, um eigene Anträge ru stellen und einen Vertreter in die größeren Kommissionen zu entsenden. Einige Schwierigkeiten machte freilich die Frage: was soll mit Ahlwardt geschehen. Auf der einen Seite hatte man guten Grund, vorder Aufnahme dieses anrüchigen Herrn tn die Fraktion rurückzuschrecken, auf der anderen Seite mußte man aber den Einfluß fürchten, den der „Rektor aller Deutschen" (a. D.) immerhin noch tn vielen Gegenden, besonders aber in Berlin, befaß. Man half sich also damit, daß man in keineswegs sehr einladender Weife Herrn Ahlwardt zwar die Fraktwnsthür öffnete, ihm aber bedeutete, daß er weiter nichts zu fagen habe, er sei nur „Hofpitant". Ahlwardt, der damals noch in Plötzensee Gelegenheit hatte, über seine nächsten „Enthüllungen" nachzudenken, ließ sich vorerst wohl oder Übel diese Behandlung gefallen. Sowie er aber den Kerkermanern den Rücken gekehrt hatte, war es mit feiner Gefügigkeit aus. .
Stets machte er Propaganda für fern besonderes Bundschuh "-Programm, das auf Dühring'schen Lehren beruht und daher mit dem Programm einer fm stlichen und monarchischen Partei, wie es die deutsch-soziale Reformpartei doch sein will, absolut nicht verträglich ist; ja, er sagte seinen Anhängern, er werde nur dann in der Fraktion bleiben, wenn sie fein Programm annehme u. dgl. Daneben griff er die Fraktion oft genug in sehr wenig kollegialer Weise an, spielte sich tn Bayern als Partikularisten und Preußenfresser auf _ kurz trieb die üppigste Demagogie. Stellte ihn bann die Fraktion zur Rede, so leugnete er einfach Alles ab. Als es den Herren Zimmermann, Werner, Liebermann v. Sonnenberg u. s. w. endlich doch gar rn toll wurde, „flog" der Rektor a. D. „hinaus . Und Herr Böckel, der freilich nichts mehr zu verlieren hat. verknüpfte sein Schicksal mit dem des „Bundschuh"- maunes, und vereinigt, den DerlinerjWirthshaus- und Radauantisemitismus hinter sich, fordern sie die Frak- ttou in die Schranken.
Die Fraktion gibt sich die erdenklichste Muhe, auch in Berlin der Ahlwardtlente Herr zu werden. Fast alle Tage finden Versammlungen in Berlin statt, bie stets einen überaus lärmenden und stürmischen Verlauf nehmen. Ein klares Bild von der Stärke der beiden Gegenparteien läßt sich aus diesen Versammlungen kaum gewinnen. Denn je nach der Parttistel-
W Whluug des Todleugriibtts. Roman von H. v. Remagen.
(6. Fortsetzung.)
IV.
Es war eine Stunde vor Mitternacht; Bosak saß in seinem Schlafzimmer im Hotel und war, die Ellbogen auf ein Tischchen, den Kopf auf die Hände gestützt, in tiefes Nachdenken versunken.
Eine brennende Kerze warf ein schwaches Licht auf seine weißen, wohlgeforrnten, wirklich aristokratischen Hände.
In einer dunklen Ecke des Zimmers stand der Mann mit den seidenen Strümpfen und den Schnallenschuhen aufrecht. Er fchaute mitleidig, mit traurigen, fast thränenvolleu Augen auf das braune Haupt seines Herrn.
„Bruno!" rief der Sinnende, das Haupt erhebend.
„Hier bin ich, Herr Graf", antwortete der Diener öortretenb.
„Bruno", wiederholte Bosak, „wer ist jene schöne junge Dame, welche an der runden Tafel zu speisen pflegt?"
„Da ich weiß, daß Ew. Gnaden gern Alle, mit denen Sie zusammentreffen, kennen, habe ich mich nach der Dame schon erkundigt."
hing der Sinberufer pflegt auch die Majorität dieser Versammlungen bald ahlwardttsch und bald „ftakttonell zu sein. Wie lieb man sich gegenseitig hat, geht u. A. auch aus den liebenswürdigen Zwischenrufen hervor, die man sich an den Kops wirst; „Lumpen", Schafs- föpfe“ — das sollen noch die salonfähigsten barunter jein. Erbauliche Geschichten kommen habet zum Vorschein, auf beiben Seiten fucht man sich mit „Enthüllungen" zu erdrücken. Diese „Enthüllungen" sind freilich von sehr verschiedenem Werthe und von sehr verschiedener Glaubwürdigkeit, und besonders Ahlwardt und Böckel ist noch nicht der hundettste Thefl von dem, was sie sagen, zu glauben. Was man dagegen über diese Herren erfährt, verdient schon an sich mehr Glauben; theilweise können wir es auch aus eigenem Wissen bestätigen.
Das ist z. B. eine niedliche Geschichte, die Herr Zimmermann am Freitag Abend in einer Versammlung nun Besten gab, und die wir unseren Lesern doch nicht vorenthalten möchten, weil sie so recht geeignet ist, die wirklichen Beweggründe so mancher ,, Volks- männer", antisemitischer wie sozialdemokratischer Observanz, zu beleuchten. Außerdem betrifft sie Herrn Ahlwardt — wenn Herr Zimmermann auch den Namen verschwieg —, und Herr Ahlwardt hat ja sogar in katholischen Gegenden, am Rhein und anderwärts, Versammlungen (®ntre 20-50 Pf.) abgehalten. Also Herr Ahlwardt ging sofort, als er ausgeschlossen war, nt einem hochkonservativen, hochadligen, reichen Mitgliede der konservativen Partei und bat um einige (angeblich um „lumpige" zehn) Tausend Mark zur Unterstützung des Blattes, das er mit Böckel herausgeben will'(und wovon er wieder eine Zeitlang leben will). Man ließ ihn aber gar nicht em — und da ging er in edler Entrüstung fort mit den geflügelten Worten: „Nun aber gegen Junker und Juden! Der hochadelige Herr, der den Liedermann diesmal Mahren ließ und beffen Namen Herr Zimmermann nicht nennt, ist fein Anderer als fein früherer Gönner, Herr Dr. Frhr. v. Langen. Also biefer ist Herrn Ahlwardt untreu geworden — „nun aber gegen die Junker!" Immerhin verdient Herr Ahlwardt jetzt wieder schweres Geld, beim er hat ja jetzt Anlaß genug in Versammlungen mit erhöhtem Eintrittsgeld, das „sie" bann einkassiert (unb auch größtentheils verbraucht), Reden zu halten. Und Herr Böckel klammert sich an Herrn Ahlwardt — um auch etwas zu profitiren. Ja, beim Geldbeutel hört nicht bloß die Gemüthlichkeit, sondern auch die antisemitische Einig- keit aus! ...
Deutsches Keich.
Berlin, 19. Februar.
* Die Adresse, welche Herr v. Plötz bei ber Audienz einer Abordnung des Bundes der Landwirthe bem Kaiser überreichte, beginnt mit einer Bethenerung ber „unwandelbaren deutschen Treue" der 200,000