49 Mittwoch, den 20. Februar 1895. 22. Jahrgang
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mit Unterhatttmss-Kritage »Ktrrne und Klnmen".___________________
Köpfe dadurch verwirrt werden; deshalb ist es dringend
nothwendig, diesen wandernden Flugblättermenschen nach Möglichkeit entgegenzutteten, wie und wo es qeschehen kann. Eine ländliche sozialdemokratische Partei wird auf diese Weise aber nicht hergestellt werden können, dazu ist die lebendige Berührung mit dem Volke vermittelst des gesprochenen Wortes noth- wendiq. Um diese zu erreichen, wird verschiedentlich das andere schon angedeutete Mittel angewendet: die Agitation in Anlehnung an die Industrie. Mehr und mehr werden die ländlichen Bezirke rn den Bereich der Industrie gezogen, bald hier, bald dort bildet sich eine Fabrik-Enklave, und diese wird sofort von der Sozialdemokratte zu einer rothen Brutstätte zu machen gesucht. Die Sozialdemokraten sagen sich, wenn eine Gegend erst angeseucht sei, werde sie auch
verfolgt, hat sie schon öfters Erfolge errungen, wo sie anfangs fast ausgeschlossen erschienen. Zunächst wird der eine oder andere sozialdemokratische Arbeiter m solche Bezirke einzuschmuggeln versucht, der sich anfangs still hält, forgfälltig das Terrain erkundet, Einfluß zu erlangen strebt, dann Hilfstruppen heranzieht und den Apparat der Partei in Thätigkeit treten läßt. Mit der Zeit geht es dann auch auf das flache Land; m welcher Weise die Agitation unter den Landleuten betrieben wird, hängt dabei zumeist vom Ermessen und der Fertigkeit des Agitators ab; natürlich kommt Alles in der Hauptsache darauf hinaus, Unzufriedenheit zu erregen, denn diefe ist die eigentliche Nährmutter der Sozialdemokratie. Auf dem rheinischen
nicht den sozialdemokratischen Standpunkt sofort hervorkehren, sondern zunächst den Bauer sprechen und ihn über seine Unzufriedenheit klagen lassen, dann erst sei es Zeit, ihn für die sozialdemokratische Partei zu gewinnen — nach diesem Rezepte toird in der Praxis ziemlich allgemein verfahren. , . .
Mit einem außerordentlich regen Eifer arbeitet die Sozialdemokratie zur Zeit im Westen Deutfchlands, um in landwirthschaftlichen Bezirken Boden zu gewinnen; wie groß der bisherige Erfolg ist, läßt sich nicht übersehen, aber unter allen Umständen ist es erforderlich, die Augen dieser Agitation gegenüber offen zu halten und ihr entgegenzutreten, wo und wie es angängig ist. Namentlich auch die Fabrikherren und industriellen Unternehmer, auch in kleinen Betrieben, haben allen Grund, gegenüber den fremden sich anbietenden Arbeitern vorsichtig zu sein, damit sich keine Elemente einfchleichen, welche auf die übrige Arbeiterschaft und die ganze Umgebung leicht von verderblichstem Einflüsse sein könnten.
Herrn v. Ploetz. Auf die von Letzterem überreichte und verlesene Adresse erwiderte der Kaiser: „Dem Beispiel der ostpreußischen Landwirthe, welche im Ottober v. I. zu Mir kamen, folgend, sind auch Sie nun erschienen, um Mir Ihre Wünsche vorzutragen. Ihr Empfang ist Ihnen Beweis, wie ernst es Mir um das Wohl und Wehe Meiner Bauern zu thun, und daß mein Wort, daß Meine Thür jedem Unter- thanen offen stehe, keine leere Formel ist. . In dem Eifer, sich selbst zu helfen und den auf der Landwrrth- chaft lastenden Druck allen Kreisen des Volkes klar zu machen, haben sich Mitglieder Ihres Bundes in )em verflossenen Jahre zu einer Agitation tn Wort und Schrift verführen lasten, die, über den Rahmen des Zuläfsigen hinausgehend, Mein landesväterliches Herz tief kränken mußte. An dem heutigen Tage jedoch haben Sie gleichwie Meine Ostpreußen dieses Vorgehen wieder gut gemacht. Aus der bevorstehenden Berufung des Staatsraths, dem alle einfchlagenden Fragen zur Berathung vorgelegt werden, mögen Sie ersehen, tote ich hoffe, unter Mitwirkung von Landwirthen aller Stände Ersprießliches für die Hebung der Landwirth- schaft zu erwirken. Mein landesväterlicher Rath geht deshalb dahin, daß die Herren jeder sensationellen Agitation sich enthalten und mit Vertrauen der Arbeit des Staatsraths folgen mögen. Wir wollen Gott bitten, daß diese Bemühungen zum Heil der Landwirthschast ausschlagen und daß Ihnen ein gutes Jahr bescheert sein möge."
* Die Bndgetkommissiou des Reichstags hat am Militäretat im Ganzen 10,666,964 Mark gestrichen.
* Die Justizkommission des Reichstags lehnte heute die in der Justiznovelle beantragten Aenderungen der §§ 61—63 des Gerichtsverfassungsgesetzes (Ver- theilung der Geschäfte und Besetzung der Sammern durch die Justizverwaltung statt, wie bisher durch die Präsidien) ab. c „
* Die „Umsturzkommission" wandte sich am Samstag dem § 126 der Umsturzvorlage zu, welcher lautet:
Wer durch Androhung eines Verbrechens (bisher nur: „gemeingefährlichen" Verbrechens) den öffentlichen Frieden stört, wird nut Gefängmß bis zu einem Jahr bestroft. Hat der Thäter in der Absicht gehandelt, auf den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staatsordnung hinzuwirken, oder darauf gerichtete Bestrebungen zu fördern, so tritt Zuchthausstrafe bis zu 5 Jahren ein; auch kann auf Zuläfsigkeit von Polizeiaufsicht erkannt werden." (Absatz 2, der hier gesperrt ist ist neu.) Abg. Spahn (Ctr.) erklärte diesen Zusatz für unannehmbar. Die Freisinnigen, Sozialdemokraten und das antisemitische Kommissionsmitglied erklären sich gleichfalls gegen die Neuerungen, die von den Konservativen und Nationalliberalen befürwortet wurden. Den Vorwurf des Abg. Enneceerus (natl.), das Centrum besorge die Geschäfte der Sozialdemokratie, wies Abg. Spahn entschieden zurück. (Für
halten, und als er sah, daß dieselbe Anstalten machte, die Tafel zu verlasten, bot er ihr den Arm mit den Worten:
„Erlauben Sie mir, Sie zu Ihrem Zimmer zu geleiten."
Das Mahl war zu Ende. Die Engländer verließen den Saal, die braungekleidete Dame folgte ihnen. Bosak und Boto blieben allein auf ihrer Stelle; Ersterer starrte den Tisch an, als wenn er Betrachtungen über die leeren Schüsseln anstellte, Letzterer hielt die Augen auf die Thür gerichtet, durch welche der Baron von Hauser und Sibilla verschwunden waren.
„Beim Satan! das Geld ist doch ein überaus schönes Ding! denn es macht denjenigen, der es besitzt, immer willkommen."
„Das ist eine alte Geschichte", entgegnete Bosak.
„Sie kann so alt sein, wie sie will, ich bin darum nicht weniger erbittert, wenn ich einen Krösus von der Sorte dieses Jakob von Hauser erblicke. Welcher Ton, als er sich an mich wandte! Wie intim sprach er mit dieser reizenden, jungen Dame, die das Aussehen eines Edelfräuleins hat!"
Bosak lächelte.
„Der Baron ist mir wirklich zuwider", Hub Boto
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Februar.
wieder an, „zuwider seit langer Zeit. Meine Familie wohnte viele Jahre hindurch in der Nähe feine« Schlosses, eines wahren Fledermausnestes. Sem Vater war ein armer Zweitgeborener und mußte sich kümmerlich genug durchschlagen. Nach dem Tode seines Vaters segelte Jakob nach Amerika. Dann segnete einer seiner Onkel kinderlos das Zeitliche und er wurde Besitzer eines ungeheuren Vermögens. Nach dem, was er eben sagte, hat er in Amerika die Bekanntschaft der jungen Dame gemacht."
„Gefällt diese Ihnen?" fragte Sofat
„Wem sollte sie nicht gefallen? Welche schonen Augen; welch prächtiges Haar! . . . Morgen werde ich sie im Wagen spazieren fahren fehen; der Baron wird zu Pferde neben ihr sein. Ich kenne ihn, er ist voller Eitelkeit; er wird sich etwas darauf zu Gute thun, in Gefellschaft einer so schönen, eleganten und jungen Dame sich sehen zu lassen. O, wäre ich nicht ein armer Rechtsstudent! hätte ich auch einen schönen englischen Renner! . . . Was würde ich nicht Alles thun, um reich zu werden! Nichts könnte mich zurück- halten, vor nichts würde ich zurückschrecken!"
In Boto's Augen leuchtete ein unheimliches Feuer in diesem Augenblicke; auf feinem wild erregten Gesichte prägten sich deutlich die teuflischen Gefühle
Weise der rotnen ngnanon gering uiyitu ju i»««, i * Der Kaiser empfing heute in Gegenwart der namentlich liegt die Gefahr nahe, daß jugendliche | Minister des Innern und der.Landwirthschaft eine Ab- Kövse dadurck verwirrt werden; deshalb ist es dringend nung des Bundes der Landwirthe un.er Führung des
Fl Rur sozialdemokratischen Landagitation in Westdeutschland.
Der Winter ist die Zeit der Landagitatton der Sozialdemokratie. Von den verschiedensten Seiten kommen ans ländlichen Bezirken die Nachrichten von Versuchen der Umsturzpartei, unter der ländlichen Bevölkerung Boden zu gewinnen; ein Unterschied zwischen katholischen und protestantischen Bezirken scheint diesmal nicht gemacht zu werden. Im Westen wersen die Rothen sich in diesem Winter mit besonderem Eifer auf das protestantische Ostwestfalen und das katholische Rheinland. Als Brennpunkte, von denen die Strahlen der sozialdemokratischen Erleuchtung ausgehen, treten Bielefeld und Köln hervor. Bei dem ganzen Vor- . ZiT'kl 'im'h der auker-
gehen merkt man aber eine gewisse Unsicherheit; die über kurz ober lang verseucht, um bei der außer fierrtcfiaften wissen nicht recht, wie sie ihre Netze nut ordentlichen Zähigkeit, nut der die Partei ihre Ziele Erfolg auswerfen follen, der Frankfurter Parteitag ' hni fip tonrt hfter§ ®rMae errunaen, wo sie
hat die Unklarheit bezüglich der Methode ja auch deutlich hervortreten lassen. Auf dem kürzlich m Duisburg abgehaltenen rheinischen Parteitage begegnete man derselben Erscheinung: Der Reichstagsabgeordnete Meist sprach sich entschieden gegen die Vollmar'schen Ideen ans, desgleichen Dr. Sütgenau, Gewehr-Elberfeld war wegen des Erfolges überhaupt fehr zweifelhaft, während Harm-Elberfeld sich ganz im Vollmar- fchen Sinne äußerte. Diese theoretischen Erörterungen haben aber weniger Bedeutung, in der Praxis kümmern sich die Agitatoren nicht darum, sie suchen sich zu helfen, fo gut sie können, und da wird im Wesent-
Literatur aller Art, fowie mit der Agitation im ! fnimrhcmnfnihicben r-tandvunkt sofort oer-
Auschlusse an die industrielle Arbeiterfchaft.
Mit Flugblättern re. werden weite Bezirke, wie man in der Tagespreffe öfters liest, geradezu überschwemmt, aber meist sind es alte Lagerhüter, die gar nicht für die betreffende Gegend passen, oder ihr Inhalt ist so, daß er auf den Landmann, wenn derselbe sich noch die Mühe nimmt, sie genauer durchzusehen, ohne wesentlichen Eindruck bleibt. Auf dem Hallenser sozialdemokratischen Parteitage ist die Schaffung einer besonderen Agitations - Literatur für die Landbezirke beschlossen worden, an Masse des Fertiggestellten hat es auch nicht gefehlt, aber die besten Kenner ländlicher Zustände im sozialistischen Lager gestehen selber, daß Wirkungsvolles kaum dabei zu finden sei. Die Sozialdemokratie ist eben eine den Interessen der ländlichen Bevölkerung direkt entgegengesetzte Partei, alle Versuche, im Rahmen des Parteiprogramms ste für den Landmann genießbar zu machen, sind bisher gescheitert. dl,,« diesem Grunde sind es auch die mehr etfrtgen als erfahrenen Genossen, welche mit den Flugblättern aufs Land ziehen und um so mehr glauben geleistet zu haben, als sie ziffermäßig an den Mann brachten oder irgendwo ausstreuten. Es wäre thöncht, diese Weise der rothen Agitation gering achten zu wollen,
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Die EWlmg des Wtengriiders.
Roman von H. v. Remagen.
(5. Fortsetzung.)
Boto hörte das vorstehende Zwiegespräch aufmerksam an, obwohl er sich stellte, als sei er ins Essen vertieft; fein Gesicht war plötzlich düster und zornig geworden, als sei auch ihm die Gegenwart des jungen Barons unangenehm.
In der That war es ihm unmöglich, ohne Neid den Neuangekommenen so vertraut mit der Dame sprechen zu hören; überdies erröthete er angesichts dieses eleganten Herrn über seine Studentenjacke und fühlte sich beschämt und gedemüthigt.
„Wenn ich nicht irre, sehe ich Herrn Boto Seuelk", sagte unversehens der Baron, seine Augen umher- wersend und mit gleichgiltigem Ausdrücke auf dem jungen Manne hasten lastend; dieser erwiderte aufgebracht:
„Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, Herr Jakob v. Hauser."
Der Baron that, als merke er nicht, daß der Student absichtlich den ihm von Geburt zukommenden Titel ausgelassen hatte, und erwiderte den Gruß höflich; dann begann er wieder mit Sibilla sich zu unter-