39 Samstag, den 16. Februar 1895. 22. Jahrgang
FuldaerMZeituiiß
mit Unterhaltnngs-KeUage „Sterne und KLnmen".
LrKbeint täalicb Sorm- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementsvreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig a Jnferate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt
%* Wochenrundschau.
Der Reichstag ist in dieser Woche in die zweite Lesung des Etats emgetreten. Erledigt hat er bis jetzt nur die Spezial-Etats des Reichstags und des Reichskanzlers, während er in der Berathung des Etats des Reichsamts des Innern noch begriffen ist. Besonderes Aufschen erregte ein Zwischenfall bei der Berathung des Reichstags-Etats. Herr v. d. Gröben- Arenstein, der Führer der Konservativen im Wahlkreise Lyck-Oletzko, wo eine Nachwahl stattzufinden hat, bei der (sehr gegen den Wunsch der Führer des Bundes der Landwirthe und der „landwlrthschafts- bündlerischen" Konservativen) der handelsvertrags- sreundliche Oberpräsident Graf Stolberg kandidirt, hatte einen recht merkwürdigen Brief an Herrn v. Manteuffel oder Herrn v. Plötz gerichtet und darin gebeten, doch den Minister v. Köller zum Eingreifen zu veranlassen. Mit anderen Worten: Herr v. Köller soll'; den Grafen Stolberg als seinen Untergebenen anweisen, i auf die Kandidatur in Lyck zu verzichten. Dieser Brief ; ist zur öffentlichen Kenntniß allerdings auf sehr un- ! reinlichem Wege gelangt: Herr von Plötz ließ ihn j am vorigen. Donnerstag in einem Waschraum des j Reichstags liegen, und kurz darauf erschien er in der l sozialdemokratischen Leipziger ,Volkszeitung', deren Re- i dakteur der Abgeordnete Dr. Bruno Schönlank ist, - abgedruckt. Diesen Vorfall brachte Frhr. v. Man- ■ teuffel am Montag zur Sprache. Herr Schönlank ; suchte sich damit herauszureden, daß der Brief der ; Redaktion in Abschrift zugegangen sei, war aber so , thöricht, hinzuzufügen, daß aus dieser Abschrift — die ' Aechtheit hes Briefes zu erkennen gewesen sei! Uebrigens ; hat, wie wir bestimmt wissen, Herr Schönlaick bereits ; am Freitag und Samstag im Reichstage damit renom- ! mirt, daß am Sonntag sein Blatt etwas Vertrauliches ? von großer Bedeutung veröffentlichen werde. Nun ist | aber am Sonntag nichts Anderes derart als jener : Brief in dem Leipziger Blatte veröffentlicht worden — = die weiteren Schlüsse zieht sich Jeder selbst. Bei den . Sozialdemokraten ist ja bekanntlich Vieles im Partei- J interesse erlaubt. Daß sie mit solchen Dingen nur die Geschäfte der Gewaltpolitiker ä la Stumm besorgen, scheinen sie nicht zu begreifen.
Im Abgeordnetenhause ist die Etatberathung ! schon länger im Gange. Nach sehr ausgedehnten Er- ' örterungen, die mehrere Tage in Anspruch nahmen, ist : nun der Justizetat an die Reihe gekommen, der I natürlich auch sehr lange Debatten veranlaßt. Wenn man bedenkt, daß das juristische Element in unseren Parlamenten sehr stark vertreten ist, kann das nicht Wunder nehmen.
Am fleißigsten wird gegenwärtig in beiden Parlamenten von den verschiedenen Kommissionen gearbeitet. Die „Umsturzkommission" hat sich freilich eine längere Pause gegönnt. Um so eifriger war dieBudget- kommission des Reichstags thätig, und zwar ;
Kit tzWlimg des WtkMiidns.
Roman von H. v. Remagen.
(2. Fortsetzung.)
II
„Gebrochen ist mein Geist, meine Tage erloschen, und einzig noch übrig ist mir das Grab."
Diese traurigen Worte kamen, unterbrochen von heftigen Hustenanfällen, aus dem Munde einer jungen und schönen, aber bleichen und kraftlosen Frau, welche nahe daran war, die irdische Laufbahn zu schließen und den Flug gegen den Himmel zu erheben.
Die Arme befand sich in einem kleinen, sauberen und trotz der bescheidenen Möbel, mit denen es ausgestattet war, fast eleganten Gemache; zurückgelehnt in einem Sessel von antiker Form, streckte sie ihre weißen, fast bis zur Durchsichtigkeit mageren Hände gegen den Kachelofen aus, in welchem einige lieber» reste von Torfkohlen brannten.
Es war gegen Sonnenuntergang, und ein matter Strahl des scheidenden Tagesgestirns fiel schräg auf das blonde Haupt der Kranken und umgab dasselbe mit einem glänzenden Schein.
„Einzig noch übrig ist mir das Grab," wiederholte sie; in demselben Augenblicke vernahm man ein heftiges Schluchzen; ein Mädchen von dreizehn ^Jahren kam hinter dem Damastvorhaug hervor, welcher eine halb
entwickelte sie zu unserer Freude eine sehr entschiedene Sparsamkeit in Beschneidung der militärischen Forderungen. Von den einmaligen Forderungen des Militäretats ist eine lange Reihe, vorwiegend Kasernen- bauten, gestrichen worden. Auf diese Weise kommt die Kommission dem vom Centrum bei der ersten Lesung des Etats vorangestellten Ziele: Ausgleichung des Etats ohne neue Steuern, immer näher, und um so geringer werden also auch die Aussichten der Tabaksteuervorlage.
Peinliche Empfindungen hat in vergangener Woche ein an sich nicht sehr bedeutender, aber als Zeichen der Zeit freilich sehr bemerkenswerther Vorfall auf einem Hofballe bei den deutschen Katholiken erweckt. Die Umgebung des Kaisers bat es für passend gehalten, zu diesem Balle den Exjesuiten Grafen Paul v. Hoensbroech nicht nur einznladen, sondern dem Kaiser auch vorzustellen. Der Kaiser hat sich dann längere Zeit, mehr als eine Viertelstunde, mit dem ©raren unterhalten, und zwar, wie besonders hervorgehoben wurde, „sehr leutselig". Ob die Umgebung des Monarchen diesen über die Persönlichkeit des Grafen gehörig aufgeklärt hatte, wissen wir nicht, müssen es aber nach diesem Vorgänge, der allgemein als Auszeichnung des Exjesuiten aufgefaßt wurde, bezweifeln.' Denn sonst dürfen wir es doch kaum für möglich halten, daß der Kaiser einen Mann so ausgezeichnet härte, der ihm nach mehr als einer Richtung hin nicht im besten Sinne bekannt hätte sein müssen, wenn er über ihn richtig iuformirt worden wäre. Es ist lächerlich, wenn jetzt protestantische Blätter der katholischen Presse vorwerfen, sie wolle es dem Kaiser verwehren, einen „evangelischen Edelmann", der wegen seines Uebertritts zum Protestantismus von den Katholiken und seinen eigenen Verwandten sogar „verfolgt" (!?) werde, zu empfangen. Handelte es sich nur darum, daß Graf Hoensbroech zum Protestantismus übergetreten ist, so würde sich bei uns kein Mensch weiter um ihn gekümmert haben, wenn er nicht selbst dafür sorgte, nicht selbst immerfort sich bemühte, nur ja nicht in Vergessenheit zu gerathen. Und w i e bekundet er dieses Bestreben, sich in Erinnerung zu bringen bei uns und anderswo? Dadurch, daß er, kaum aus dem Jesuitenorden ausgesprungen, diesen fortwährend beschimpft. Wir fühlen uns peinlich berührt, nicht weil der Kaiser einen protestantisch gewordenen Katholiken, sondern weil er einen erbitterten und erklärten Feind des Katholizismus ausgezeichnet hat. Wir wiederholen, daß wir bezweifeln müssen, ob der Kaiser über den Charakter des Grafen völlig aufgeklärt worden ist, denn fönst müßte nns deffen Auszeichnung auffällig erscheinen. Jedenfalls beweist der Vorfall, daß wir Katholiken das fortwährende Verlangen nach „Vertrauen" zu den regierenden Kreisen nicht anders beantworten können als mit der Gegenforderung: Weckt das Vertrauen in uns durch völlige Beseitigung der Kulturkampfsreste, durch Gerechtigkeit, die uns als gleichberechtigte Staatsbürger ansieht und behandelt,
geschlossene Thür verdeckte, und stürzte sich zu den Füßen der Leidenden, legte das Köpfchen in ihren Schooß und weinte bitterlich.
„Was ist Dir, Theodora? Warum weinst Du, mein süßer Engel?"
Theodora erhob das Gesicht. Unbeschreiblich schön waren die Züge des Kindes. Goldenes Lockenhaar umrahmte ein Cherubsangesicht. Die blauen Augen schimmerten in thränenfeuchtem Glanze; die korallenen Lippen zitterten krampfhaft, und Ströme von Thränen fielen auf die Schürze von ungebleichtem Seinen, welche ein niedliches Kleidchen aus weißer Wolle theilweise bedeckte.
„Nun, sag' mir doch, warum weinst Du so sehr?" fragte die Frau von Neuem.
„Ich weine, weil ich Dich vom Grabe sprechen hörte. Ach, liebe Mutter, sprich doch diese häßlichen Worte nicht wieder aus, wie konntest Du nur darauf kommen?"
„Oeffne die heilige Schrift und suche im Buche Job, da wirst Du finden, was vor mir schon der fromme Dulder ausgesprochen. An dieses Vorbild der Geduld dachte ich, als ich seine Worte wiederholte; zum Sterben werden wir geboren, Kind, und der Gedanke an das Grab darf uns nicht erschrecken, da ja unsere Seele unsterblich ist."
Das Mädchen ließ das Köpfchen auf die Brust
bann wird auch beikuns das verschwundene Vertrauen wiederkehren. % . " :’-
Der Streit unter den Antisemiten hat uns abermals mit einem neuen p olitischen Duell „beglückt". Herr Böckel hatte dem Herrn Liebermann von Sonnenberg Wahlkreisschacher vorgeworfen und dieser hat darauf mit einer Forderung auf Pistolen geantwortet, und Herr Böckel hat diese angenommen. Wenn die Herren absolut raufen wollen, warum begnügen sie sich dann nicht mit der Reitpeitsche, die fie doch alle Beide vollauf verdient haben? Während es fo bei uns mit dem Antisemitismus bergab geht, macht er in
Frankreich unverkennbare Fortschritte. Die Juden sorgen dort freilich auch, daß dem Antisemitismus der Stoff nicht ausgeht. Der ehemalige Polizeipräfekt Andrieux beschuldigte jüngst den ehemaligen Direktor der Geheimpolizei, Jesaias L e v a i 11 a n t, einen Juden, sich an den unsauberen Geschäften der Gebrüder Schwob, gleichfalls Juden, beteiligt und dem edlen Brüderpaar in einem gegen sie angestrengten Prozeß durch Bestechung der Richter aus der Patsche herausgeholfen zu haben. Der Fall wurde in der Kammer vorgebracht, der Ministerpräsident Ribot, der sich bombastisch auf die Religionsgleichheit bezog, um die jüdischen Beamten zu decken, verlangte Vertagung der Interpellation um einen Monat, und diesem Verlangen wurde ftattgegeben, aber freilich nur mit der geringen Mehrheit von 268 gegen 208 Abgeordnete. Wie man sieht, ist der Antisemitismus in Frankreich schon ziemlich stark geworden.
In Bulgarien sollte nach einem aus Serbien stammenden Gerüchte eine Revolution ausgebrochen und Fürst Ferdinand außer Landes geflüchtet sein. Diese Meldung hat sich jedoch als eine böswillige Erfindung erwiesen.
Die Japaner sind jetzt endlich int Besitze von Wei- Hai-Wei mit Ausnahme einiger Forts auf der Insel i Lmkungtao und — was die Hauptsache ist — auch der chinesische Admiral Ting hat sich mit der ganzen Flotte ergeben. Jetzt werden die Japaner wohl kaum ablasien, bis sie den Chinesen den Frieden in Peking selbst diktirt haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Februar.
* Kardinal-Fürstbischof Kopp ist heute früh aus Breslau hier angekommen und im Hotel Royal ab- geftiegen.
* lieber die Einwirkung der zweijährigen Dienstzeit auf die Disziplin der Soldaten machte die Militärverwaltung in der Budgetkommission des Reichstages am Samstag eine interessante Mittheilung. Abg. v. Kardorff bemerkte, daß man vor Einführung der zweijährigen Dienstzeit die Befürchtung ausge- fprochen habe, es möge der Umstand, daß jeder Soldat finken, legte die kleinen Hände zusammen und fuhr, wenig getröstet durch die Worte der Mutter, still für sich zu meinen fort.
„Es ist schon spät, und die gute Dame, die mir versprach, meinen Perlenschmuck zu verkaufen, läßt sich noch nicht sehen," fing die Kranke nach kurzem Schweigen wieder an.
„Sie wird später kommen."
„Wenn sie aber nicht käme? Wovon sollen wir morgen leben?"
„So werden wir sterben! . . . Auch ich will sterben!" sagte das Mädchen ungestüm.
„Der Will! Gottes wird geschehen und nicht der Deine", erwiderte die Mutter in ernstem Tone, und sie zog das blonde Köpfchen ihres Kindes an sich und schwieg.
„Es ist dunkel. Soll ich das Licht anzünden?" fragte die Kleine sich auf richtend.
„Warte. Es ist gut so. Vielleicht sehe ich im Dunkeln wieder, was ich vor Kurzem sah."
„Was hast Du denn gesehen?" fragte Theodora, ängstlich sich umsehend.
„Es war ein Traum . . . Während Du mit der Zubereitung des Essens beschäftigt warst, dachte ich hier, allein mit meinen Sorgen, an Deine Zukunft. . . Plötzlich ward ich von meiner gewohnten Schwäche überfallen; ich schloß die Augen und da (wie merk-