mit Unterchaltungs-Krttage „Sterne und Klumen".
Samstag, den 9. Februar 1895.
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringcrlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmond;eile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Ps.. bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
* Der Untergang der „Elbe".
Das entsetzliche Schiffsunglück ist, das steht nach allen bis jetzt vorliegenden Zeugnissen außer Zweifel, verschuldet durch das englische Schiff „Crathie". Der Kapitän hat, wie das von englischen Seeleuten schon zu Hunderten von Malen leider ungestraft gethan worden, gegen das Seereglement gefehlt, hat sich um die ihm gemachten Zeichen gar n-cht bekümmert und ist nach dem Zusammenstöße mit empörender Rücksichtslosigkeit sofort davongefahren. Hätte der Dampfer seine Pslicht gethan, so wäre das Unglück nicht geschehen, und wenn bei dem schweren Wetter ein Unglück eingetreten wäre, so hätte das Schiff durch sofortige Hilfe die größte Zahl derer retten können, die jetzt auf dem Meeresgründe den Todesschlaf schlafen.
Ein Schrei der Entrüstung geht durch das deutsche Land. Die von unseren Politikern seit mehreren Jahren so verwöhnten und verhätschelten „angelsächsischen Stammesgenossen" beuten die Zuvorkommenheit aus, mit welcher ihnen begegnet wird. Das Volk verlangt diesmal einen entscheidenden Schritt, es fordert mit gerechter Entrüstung die strengste Bestrafung des pflichtvergessenen Schiffers und die Ahndung seiner empörenden Rohheit, es verlangt die größtmöglichste Entschädigung von dem Rheder, der dieses Subjekt als Kapitän angestellt hat.
Ueber unsere Grenzen hinaus gibt sich die Empörung über den erschütternden Vorfall kund. Die französische Presse, die doch wahrlich freundschaftlicher Gefühle für unsere armen Landsleute nicht verdächtig ist, ist wie wir aufs äußerste erregt über das Verhalten des Engländers. „Es sei Zeit", meint die ,Patrie", „England zu zwingen, seinen Seeleuten die Sitten civilisirter Völker beizubringen. Der englische Kapitän soll sich damit entschuldigt haben, er hätte in einer bestimmten Zeit die Ueberfahrt machen müssen und hätte sich deshalb nicht aufhalten können!! obwohl er von seinen Leuten auf die Rothsignale der „Elbe" aufmerksam gemacht wurde."
Alle Zeugnisse bekunden, daß das Schiff „Crathie" die Schuld an dem Unglück hat. Im Namen der engl. Admiralitätsbehörde wurde die erste vorläufige Untersuchung obgehalten. Die Offiziere der „Elbe", von der Oberzollbchörde verhört, sagten aus: Das Unglück fand am Mittwoch Morgens 5 Uhr 40Min. statt, als die „Elbe" im südwestlichen Kurse gegen Hurst hinunterfuhr. Die Geschwindigkeit war 15 Knoten. Als man ungefähr 40 Meilen von Terschilling- Leuchtschiff entfernt war, sah man ein unbekanntes Schiff etwa 21/a Punkte vom Backbordlug der „Elbe" herannahen. Der Kurs des unbekannten Schiffes war
Km armer Sänger.
war im Dorfe Hochzeit, Die Gäste schmausten und sprangen; Da kam zu dem frohen Feste Auch ein armer Sänger gegangen.
Hei! was man dem jungen Paare Für reiche Geschenke beschied! Der Sänger brachte zum Feste Nichts als ein kleines Lied. — Das Hochzeitspaar und die Gäste Sind längst im Grabe verdorrt; Verwittert sind alle Geschenke; Das Lied — lebt immer noch fort.
Kustav-MWVertiu - Somsatius Verein.
Nachklänge zum Schweden-Jubiläum.*)
Es war am 6. November 1832, da hatten sich auf dem Schlachtfelde zu Lützen bei dem sogen. Schwedenstein zur Erinnerung an den 200jährigen Todestag des Schwedenkönigs Gustav Adolph eine große Anzahl Prediger und viele Tausende Theilnehmer zusammengefunden. Die Begeisterung für den „Retter des evangelischen Glaubens in Deutschland" (!) erzeugte bei den Versammelten den Wunsch, dem gefallenen Fürsten ein würdiges Denkmal zu setzen. Auf Veranlaffung des Dr. Großmann von Dresden entschloß man sich, dem Schwedenkönig ein lebendiges Denkmal zu errichten durch die Gründung eines Unterstützungs-Vereins
*) Zum Theil nach „Leuchtkugeln" von Diefenbach.
anscheinend West-Nordwest. Nach dem Seefahrreglement hätte das unbekannte Schiff links steuern und den Hintern Theil der „Elbe" passiren sollen. Es heißt jedoch, daß beide Schiffe ihren Kurs beibehielten. Die „Elbe" wurde unmittelbar hinter dem Maschinenraum getroffen. Der Bug des unbekannten Dampfers drang in die Schlafkajüte der 2. Klaffe hinein. Die Erschütterung war sehr gering. Der gerettete Passagier Hofmann sagt, wenn die „Crathie" Hilfe geleistet hätte, würden die meisten Paffagiere der „Elbe" gerettet worden sein. Der gerettete Offizier Stoll- berg erklärt, der andere Dampfer habe sich außerhalb des Kurses befunden; er habe das grüne Licht von dessen Backbordseite gesehen. — Das Verhalten des Kapitäns des Dampfers „Crathie", der das Unglück verschuldet, wird als elende Feigheit bezeichnet. Die geretteten Passagiere der „Elbe" sahen den Dampfer „Crathie" noch lange nach dem Zusammenstoß in der Nähe der Unglücksstätte; er machte einen Umweg um den sinkenden Lloyddampfer, aber er that nichts, um den in den Wellen mit dem Tode Ringenden zu Hilfe zu kommen. Einstimmig herrscht die Ansicht, daß bei Beachtung der Raketen und Lichtzeichen, welche die mit Rettungsgürtel Schwimmenden gaben, cs dem Kapitän des fremden Schiffes ein Leichtes gewesen sein müßte, noch zahlreiche Menschenleben zu retten; statt dessen geschah nichts. Die „Elbe" feuerte vor dem Unfälle, da furchtbarer Sturm war, in kurzen Zwischenräumen Raketen ab, um andere Schiffe von ihrer Nähe zu benachrichtigen. Um Punkt 6 Uhr sah der Mann im Lugloch, daß sich ein Dampfer näherte. Es wurden weitere Signalraketen abgelassen, aber der Dampfer schenkte denselben keine Beachtung und setzte seinen Kurs auf die „Elbe" zu fort. Dann wurde ein furchtbarer Krach hörbar: Durch daß in die Breitseite gerissene ungeheuere Loch strömte die gurgelnde See, überfluthete den Maschinenraum und füllte denselben im Augenblick gänzlich.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Februar.
* Die Kaiserin Friedrich trat heute Vormittag ihre Reise nach England an. Der Kaiser und die Kaiserin sowie Prinz und Prinzessin Heinrich geleiteten ihre erlauchte Mutter nach dun Bahnhof.
* Der preußische Staatsrath wird dem Vernehmen nach den 16. d. M. einberufen.
* Der Jesuitenorden und mit ihm die ganze katholische Kirche begeht heute das Gedächtniß des berühmten Generals des Ordens von der Gesellschaft Jesu, Pater Joh. Peter Beckx. Vor 100 Jahren, am 8. Febr. 1795, erblickte derselbe das Licht der Welt zu Sichem für arme Glaubensgenossen. Dieser Verein sollte den Namen Gustav Adolph's führen. In den ersten Jahren beschränkte sich der Verein auf das Königreich Sachsen; erst im Jahre 1841 wurde derselbe auf ganz Deutschland ausgedehnt.
Hofprediger und Prälat Zimmermann in Darmstadt ließ im Jahre 1841 einen Aufruf ergehen an die Fürsten und Stände des protestantischen Deutschlands mit der Bitte, zusammenzuwirken zur Gründung eines Vereins der Gustav-Adolph-Stiftung für ganz Deutschland, welche sich der in katholischen Ländern befindlichen hilfsbedürftigen und verlassenen Glaubensbrüder annehmen sollte im Anschluß an den in Sachsen schon bestehenden Verein.
Die Vereinigung kam zu Stande mit dem Motto: „Lasset uns Gutes thun Jedermann, am meisten den Glaubensgenossen." Die „Einheit der Liebe", nicht die Einheit des Bekenntnisses soll nach Zimmermanns Worten das gemeinsame Baud bilden. „Einer Arche gleich" soll der Gustav-Adolph-Verein alle Bekenner des „reformatorischen" Glaubens aufnehmen: „Protestanten, Lutheraner, Reformirte, Unirte, Anglikaner, und welchen Namen ihr führt, welches auch euer besonderes Glaubensbekenntniß ist, ob ihr Supernaturalisten, Rationalisten oder Vermittelnde seid, ob man euch Altlutheraner, Neuevangelische, Pietisten, Mystiker oder auch noch anders nennt; Protestanten, weiht den heutigen Tag durch den Entschluß, einen Verein für die Unterstützung hilfsbedürftiger protestantischer Gemeinden zu gründen" .... „Lasset uns ausscheiden
bei Löwen in Belgien. Unter seiner geschickten Leitung hat der Orden eine große Regsamkeit entfaltet und wachsenden Einfluß gewonnen. Im Alter von 23 Jahren (1818) trat er zu Hildesheim in den Jesuitenorden, wurde 1847 zum Prokurator der Ordensprovinz Oesterreich gewählt und wirkte, als die Jesuiten 1848 von dort vertrieben wurden, als Rektor des Collegiums in Löwen, bis die Jesuiten wieder nach Oesterreich zurückkehren konnten. Am 2. Juli 1853 wurde er nach dem Tode Pater Roothaans zum Ordensgeneral gewählt. Nach 31 Jahren eifrigen Wirkens für die Ausbreitung und Vertiefung des katholischen Glaubens legte er 1884 wegen seines hohen Alters sein Amt nieder und starb am 4. März 1887 in Rom. Sein Andenken wird in der katholischen Kirche aber weiterleben, und an seinen Werken werden sich die Katholiken aller Zungen noch lange erbauen. Das bekannteste seiner Werke, das Erbauungsbuch „Monat Maria" ist in die verschiedensten Sprachen übersetzt. Die Gnadenfüll?, die allein seine Benutzung auf die Katholiken aller Länder geschüttet, würde ihn zum Wohlthäter der Menschheit machen. Sein Andenken wird daher heute in freudiger Dankbarkeit begangen.
* Im Reichstage begründete Abg. Hitze seine Interpellation: „Welche gesetzlichen Bestimmungen sind in Ausführung der Kaiserl. Erlasse vom 4. Febr. 1890 in Bezug auf Bildung von Arbeiteroertretungen in Aussicht genommen und sind insbesondere Gesetzentwürfe betr. Anerkennung der Berufsvereine und Errichtung von Arbeiterkammern baldigst zu erwarten?" Den Arbeitern müsse die Möglichkeit gegeben werden, sich zu organisiren, um dem Bedürsniß nach Sterbekassen, Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und Arbeitsnachweis entsprechen zu können. Arbeiterkammern seien nöthig, um die Wünsche der Arbeiter kennen zu lernen. Reichskanzler Fürst Hohenlohe erwiderte, daß es die preuß. Regierung für ihre Aufgabe betrachte, den Kaiserl. Erlaß vom 4. Februar 1890 zur Durchführung zu bringen. Eine Beantwortung der Frage, ob baldigst die Vorlage eines Gesetzentwurfs im Sinne des zweiten Theils der Interpellation erwartet werden könne, sei zur Zeit nicht angängig, weil die in dieser Beziehung unternommenen Vorarbeiten zu einem endgiltigen Abschluß noch nicht geführt haben. Abg. Möller (nl.) führte aus, daß bezüglich der Arbeiterversicherung vorläufig ohne Schädigung der Industrie und des Einkommens der Arbeiter nicht noch weiter gegangen werden kann. Arbeitsnachweise und Arbeitervertretungen, wie Hitze sie wünsche, würden nur der Sozialdemokratie zu Gute kommen. Abg. Fischer (Soz.) warf der Regierung vor, sich den Interessen des Kapitalismus unterworfen zu haben. Die Staatsanstalten seien Musteranstalten für kapitalistische Ausbeutung und Knechtung geworden. Minister Frhr. v. Berlepsch er- die Unduldsamen, Streitsüchtigen, Exklusiven, hoch flattere die Fahne der Union evangelischer Liebe im Gustav-Adolph-Verein."
So lautet das Programm, mit dem der Verein am Reformationsfeste 1841 in die Oeffentlichkeit trat. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden, wenn man sich drüben bemühen wollte, nur dieses Programm — und nichts weiter — zur Durchführung zu bringen, wenn sich diese „Union evangelischer Liebe" nicht entpuppt hätte als eine Mobilmachung des Protestantismus gegen den Katholizismus. Zwar versichern die Wortführer, „der Gustav-Adolph-Verein solle keine Demonstration sein gegen den Katholizismus, er trete nicht aggressiv auf gegen die katholische Kirche" — indeß die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Die That- sachen reden eine ganz andere Sprache; von der „evangelischen Liebe" ist herzlich wenig zu merken, durch all' die vielen Vereins-Zeitschriften, die jährlichen Festreden und Festlieder zieht sich wie ein rother Faden das Thema: „Auf gegen den alten Erbfeind, auf gegen Rom." Prälat Zimmermann verkündigt: „DerGustav- Adolph-Verein ist gegründet als eine Schutzmauer gegen die Uebergriffe der römischen Hierarchie, ein starker Riegel gegen die Proselytenmacherei und die Verfolgungssucht Roms." Man redet von „Angriffen Roms", die noch nicht nachgelassen haben, vom „Feuer des Hasses" (?), das fleißige Hände gegen die evangelische Kirche schüren, von Roms mächtigen „An- und Ueber- griffen".
Im brandenburgischen Jahres-Berichte von 1884