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mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne und Kinmen"
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। Die Landtagswahlen in Württemberg.
□ Am Freitag haben im Königreiche Württemberg die Neuwahlen zum Landtage stattgefunden. Da der folgende Tag ein katholischer Feiertag war, so liegen nähere Meldungen über den Ausgang dieser Wahlen in den katholischen Zeitungen Württembergs noch nicht vor; wir sind also ausschließlich auf die Telegramme und Berichte von gegnerischer Seite angewiesen. Danach ist in 45 von den 70 Wahlkreisen die Entscheidung gleich im ersten Wahlgange gefallen, während in den übrigen 25 Kreisen Stichwahl erforderlich ist. Gewählt sind 16 Kandidaten des Centrums, 17 von der Volkspartei, 7 von der „deutschen" vulgo national* I liberalen Partei; unter diesen 7 befinden sich aber
| auch einige Kompromißkandidaten, von denen noch nicht
1 mit Bestimmtheit gesagt werden kann, ob sie sich auch
wirklich der „deutschen" Kammerfraktion anschließen werden. Der Verlust der „deutschen" Partei im ersten Wahlgange beträgt bereits 9 Wahhlkreise; die sogenannte „Landespartei", die ein Mittelding zwischen Nationalliberalismus und Konservatismus darstellte, ist vollständig verschwunden, denn der einzige Gewählte, der ihr bisher angehörte, schließt sich fortan der „deutschen" Partei an. Einen Gewinn verzeichnet die Volks Partei, die aber auch einige Wahlkreise, darunter drei an die neugegründete Centrumspartei, verloren hat; diese ist die Hauptgewinnerin, denn sie hat im ersten Wahlgange zu den Mandaten von 3 Gewählten, die schon bisher der Kammer angehörten und jetzt Mitglieder des Centrums sirid, noch 13 Mandate hinzugewonnen, wenn wir annehmen, daß die Meldung, die der Centrumspartei 16 der Gewählten zurechnet, richtiger ist, als jene, die ihr sogar 18 zuweist.
Bei den Stichwahlen sind die Parteien, wie folgt, betheiligt: das Centrum bei 5, die „deutsche" Partei bei 18, die Volkspartei bei 17, die Sozialdemokraten bei 5, Parteilose bei zweien. Diese Zahlen mögen sich durch spätere, genauere Angaben vielleicht noch etwas ändern, in der Hauptsache scheinen sie richtig zu sein. Unter den Wahlkreisen, in denen Stichwahlen stattzufinden haben, befinden sich u. A. Stuttgart-Stadt, Stuttgart-Amt, Cannstatt, Eßlingen und Aalen, wo überall Sozialdemokraten zur Stichwahl kommen, größtentheils mit sehr guten Aussichten, wie namentlich in Stuttgart-Stadt (bisher nationalliberal), wo der Sozialdemokrat Kloß, der am Freitag 7600 Stimmen erhielt) alle Aussicht hat, den Führer der „deutschen" Partei Dr. Schall, auf den nur 3800 Stimmen fielen neben 3500 volksparteilichen und 2000 „konservativen", mandatlos zu machen. Stichwahl ist ferner erforderlich in Heilbronn zwischen dem „parteilosen" Oberbürgermeister Hegelmeier und dem Volksparteiter Betz, in Mergentheim, wo der Minister- Plaudereien über dies und das aus der Vergangenheit.
+ Fulda, im Februar 1895.
Auswärtige Blätter brachten im Monat Dez. v. I. die Nachricht, daß in Dresden hochbetagt die Schriftstellerin Gräfin Wolf Baudissin gestorben sei— eine Frau, die seiner Zeit, als der berühmte Shakespeare- und Moliore-Uebersetzer Graf Wolf Baudissin und die zwei anderen als Schriftsteller bekannten Grafen Baudissin noch lebten, in regem Verkehr mit allen bedeutenden Männern der Kunst und Wissenschaft stand. Ihre unter dem Pseudonym „Aurelie" verfaßten Jugendschriften, die einst zahlreiche Auflagen erlebten, werden zwar heute nur noch wenig gelesen, für Fulda aber knüpft sich an den Namen insofern eine Erinnerung, als vor langen Jahren eine Tochter der genialen Familie Baudissin hier lebte. Wer von den älteren Bewohnern sollte sich nicht mehr der „Frau Marquise" erinnern, welche in den hiesigen feinen Gesellschaftskreisen einst die tonangebende Rolle spielte? — Gewiß, der ungewöhnliche Titel wird manchem Gedächtniß ein längstverblaßtes Frauenbildniß vorzaubein, das mehr und mehr Farbe gewinnt, bis endlich, von leuchtender Schönheit umflossen, von aristokratischem Parfüm umhaucht, die Marquise Isabella de Cubiöres, geborene Gräfin Baudissin, wie sie leibte und lebte, vor dem Geistesauge steht.
Präsident v. Mittnacht fein Mandat gegen den Centrumskandidaten Gemeindepfleger Hofmann zu ver- theidigen hat, und in Geislingen, wo der seitherige Kammerpräsident v. Hohl ebenfalls mit einem Centrumsmann, dem Pfarrer Schwarz, um sein Mandat kämpft.
Diese beiden letzteren Stichwahlen sind um so be- merkenswerther, als die katholischen Wähler in beiden nur die Minderheit darstellen; in Mergentheim bilden die Katholiken sogar nur 36 Prozent, also wenig mehr als ein Drittel der Gesammtbevölkerung, in Geislingen 46,3 Prozent. Außerdem kandidirten Centrumsmänner noch in 4 Kreisen, wo die Katholiken nur die Minderheit bilden, in Münsingen, Tuttlingen, Nekarsulm und Künzelsau, und es ist anzunehmen, daß sich unter diesen noch der eine oder andere Wahlkreis befindet, in dem ein Centrumskandidat in die Stichwahl kommt; nähere Nachrichten liegen uns darüber leider noch nicht vor. Außer diesen 6 Wahlkreisen mit katholischer Minderheit hat das Centrum noch in 20 Kreisen, wo die Katholiken die Mehrheit bilden, Kandidaten aufgestellt, darunter seinen Führer, den Landrichter Gröber, dessen Wahl telegraphisch gemeldet ist. Von den 26 Kandidaten, die das Centrum im Ganzen aufstellte, sind also mindestens 16 gewählt und 5 stehen zur Stichwahl, gewiß ein hocherfreuliches Ergebniß, besonders wenn man bedenkt, daß hiermit eine neugegründete Partei zum ersten Male hervortritt, den ersten Erfolg erringt. Genaue Kenner der württem- bergischen Verhältnisse hatten berechnet, daß die künftige Centrumsfraktion in der württembergischen Kammer günstigen Falls auf 20 geschätzt werden dürfte einschließlich der beiden katholischen Prälaten, welche von den 23 „privilegirten", nicht aus den allgemeinen Wahlen hervorgehenden Mitgliedern der Kammer ihren Beitritt zur Centrumsfraktion bereits erklärt haben. Wenn also gehofft worden war, daß von den zu wählenden (nicht privilegirten) 70 Abgeordneten 18 dem Centrum angehören würden, so ist dieses Ergebniß im ersten Wahlgange nahezu erreicht und kann bei eifriger Arbeit durch die Stichwahlen vielleicht noch übertroffen werden, wenn auch anzunehmen ist, daß bei den Stichwahlen die leider sehr verhetzten Protestanten überall sich gegen das Centrnm zusammenfinden werden.
Immerhin kann schon jetzt als sicher angenommen werden, daß die Katholiken Württembergs sich gleich im ersten Anlauf eine Vertretung in der Kammer gesichert haben, die ihrem Verhältniß zur Gesammtbevölkerung des Königreichs annähernd entspricht. Denn die Katholiken zählen in Württemberg 600,000 Seelen unter 1,400,000 Protestanten, bilden also nicht ganz ein Drittel der Gesammtheit. Die Centrumsfraktion der Kammer wird voraussichtlich die zweitstärkste Partei
Aber wer war diese Frau eigentlich? Und wie kam eine Marquise hierher? höre ich die jüngeren Leser fragen. Auf die erste Frage mag Einer, der sie persönlich gekannt, die Auskunft geben. „Die Marquise war", sagt er, „eine so entschiedene Schönheit blonder Art, daß sie es selber wissen mußte, und die Anerkennung, ja Huldigung derer, die in ihren Kreis traten, erwarten durfte. Und mit ihrer gewinnenden Erscheinung verband sie in hohem Grade Bildung und Talent, besonders auch für Musik und Gesang, worauf sich der Marquis ebenwohl verstand." Letzterer wird von derselben Feder gezeichnet als „ein feiner, gebildeter Mann in den besten Jahren, des Deutschen durchaus mächtig und mit der deutschen Literatur vertraut, der lange in dem Tieck'schen Kreise gelebt und es verstand, sich bei Gelegenheit in französischen Versen sinnreich und artig auszudrücken. Einst Page am Hofe der Bourbonen in Paris, gehörte der Marquis de Cubiores fpäter der französischen Gesandtschaft in Dresden an, wo er die schöne Gräfin Baudissin kennen gelernt und, von ihrer Schönheit und feinen Bildung entzückt, geheirathet hatte. Beim Sturze Karl's X. war er von der Gesandtschaft zurückgetreten, da er es als Legitimist verschmähte, unter dem Bürgerkönige Louis Philippe zu dienen. Dies war das fremde Paar, nach der Schilderung eines Zeitgenoffen.
Wie aber die legitimistische französische Familie nach Fulda gekommen, das weiß freilich Niemand mehr zu beantworten. Möglich, daß der Marquis durch den
in derselben sein, während die demokratische Volkspartei vermuthlich die stärkste Kammerftaktion, aber jedenfalls für sich allein nicht die Mehrheit der Kammer bilden wird. Das Centrum wird daher in vielen Fragen ausschlaggebend sein, und das ist ein Gewinn für die württembergischen Katholiken, den sie nur dem Zusammenschlüsse zu einer eigenen Partei zu verdanken haben. Die bisherige Kammer zählte 40 Deutsch- parteiler, 22 Landesparteiler, 18 Demokraten und 11 Parteilose; die Neuwahlen haben also eine ganz gewaltige Verschiebung der Parteiverhältnisse zur Folge gehabt, sie haben die bisherige vorwiegend nationalliberale Regierungsmehrheit zertrümmert, sie haben die demokratische Opposition verstärkt, sie werden voraussichtlich auch einige Sozialdemokraten in die Kammer bringen und sie haben zum ersten Male eine starke Centrumspartei gezeitigt. Für uns ist dieses Ergebniß ein unwiderleglicher Beweis von der unversiegten Lebenskraft, der Ueberzeug- ungstreue und Einigkeit des katholischen Volkes, von seiner Reife und Sicherheit auch im politischen Urtheil — und das ist auch für unsere Gegner, sowie für die Regierungen eine Mahnung und eine Warnung zugleich. Neben dieser wichtigen Lehre, die uns die Wahlen in Württemberg geben, kommt noch deren Bedeutung für die allgemeine Politik in Betracht. Jeder wird zugeben müssen, daß die Zunahme des scharf oppositionellen und — nationalliberal gesprochen — „p artikularisti- schen" Elements in der württembergischen Volksvertretung nicht bloß für Württemberg selbst von Bedeutung ist. Das Wahlergebniß ist eben der Beweis, daß das „Vertrauen zur Regierung", insbesondere auch zum politischen Kurse im Reiche, geradezu von der galoppirenden Schwindsucht befallen, hingegen das allgemeine Mißtrauen im Volke und die so oft geleugnete „Verstimmung" in den außerpreußischen Bundesstaaten in einem, man möchte sagen unheimlichen Wachsthum begriffen ist. Auch diese Lehre der württembergischen Landtagswahlen mögen sich Alle, die es angeht, zur Mahnung und Warnung dienen lassen und daraus die entsprechenden Schlüsse für ihr ferneres Verhalten ziehen!
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Februar.
* „Entschiedenen Einspruch gegen die Umsturzvorlage" soll, wie die ,Vosf. Ztg.' meldet, „eine Versammlung von hervorragenden Männern der Wissenschaft, Literatur und Kunst" erheben. Zu den Veranstaltern dieser Kundgebung gehören, so schreibt die „Tante Voß", „Mitglieder der verschiedenen Parteien". Vermuthlich, so bemerkt dazu die ,Rat-Ztg.',
hochseligen Bischof Johann Leonard Pfaff, der mit vielen ausgezeichneten Franzosen — u. A. auch mit dem früheren ftanzösischen Gesandten am Kasseler Hof, dem berühmten Reisenden de Cabre — in freund- schaftlichstem Verkehre stand, hierher gezogen wurde; doch wissen wir nichts Genaues darüber, da ja die herzlichen Beziehungen zwischen Fulda's damaligem Oberhirten und dem Marquis de Cubiores auch vielleicht erst hier geknüpft wurde» Das vornehme, fremde Paar hatte im „Schützenhaus" feine Wohnung genommen und hob das gesellschaftliche Leben Fulda's, indem es vielfach geistige Anregung in die stille Stadt brachte. Viele Fremde von Distinktion kamen zu Besuch und darunter auch berühmte Literaturgrößen, wie namentlich der Marquise Oheim, Graf Wolf von Baudissin, Ludwig Ticck's intimer Freund. In dem vor dem Petersthor gelegenen Hause, zu dem sonst die Schützen mit Trommeln und Pfeifen zogen, gab es nun feingeistige Genüsse aller Art, es wurde dort gedichtet, deklamirt, Musik gemacht, eS wurden lebende Bilder gestellt. Wenn just kein Besuch von auswärts da war, so ließ sich die Frau Marquise von Franz Dingelstedt dessen Gedichte vorlesen oder sie sang und musizirte mit Heinrich Henkel. Ihr ernster Gemahl aber soll derweil — wenn er sich nicht gerade liebevoll mit seinen beiden Kindern beschäftigte, für welche die gefeierte Mama wenig Zeit übrig hatte! — einsam in seinem Studierzimmer gesessen haben, um wissenschaftlichen Studien