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JVi 29

Dienstag, den 5. Februar 1895.

22. Jahrgang

FuIdaerMZeituiiß

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Der Schwerpunkt der parlamentarischen Verhandlungen

liegt augenblicklich wieder im preußischen Abgeord­netenhause, und hier sind es wieder die land- wirthschaftlichen Fragen, welche den vornehmsten Gegenstand der Debatten bilden. Sie knüpfen an die Berathung des Etats der landwirthschaftlichen Ver­waltung an, der als erster des Spezialetats die zweite Lesung des Etats eröffnet. Es ist ja be­kannt, welche politische Bedeutung heute gerade den landwirthschaftlichen Fragen zukommt, hat man doch den Sturz des Grafen Caprivi und nach ihm des Landwirthschastsministers v. Heyden vielfach am letzten Ende auf den Wunsch des Kaisers, die „Agrarier" des Ostens versöhnlicher zu stimmen, zurückgeführt. Damit stimmt überein, daß sich der neue Reichskanzler und preußische Ministerpräsident gleich von Anfang an die größte Mühe gegeben hat, sich als einen warmen Freund der Landwirth- schast zu empfehlen. Aber Herr v. Hammerstein- Loxten, der neue Landwirthschaftsminister, hatte noch nicht gesprochen, und es ist klar, daß man sehr auf fein erstes Auftreten vor der Oeffentlichkeit gespannt war. Auf der rechten Seite des Abgeordnetenhauses sah man diesem ersten Auftreten nicht nur mit Spann­ung, sondern sogar mit den größten Erwartungen und Hoffnungen entgegen, wußte man doch, daß Herr v. Hammerstein offen gegen die Caprivi'sche Handels­politik aufgetreten war. Herr von Hammerstein trat am Dienstag in der That sofort mit einer längeren, fehl eingehenden Programmrede — sie dauerte fast 2^2 Stunden — hervor, aber das Ergebniß war eine Enttäuschung derjenigen, welche die ausschweifend.sten Hoffnungen auf den neuen Mann mit Ar und Halm gesetzt und von ihm die Förderung einer einseitigen Jnteressenpolitik erhofft hatten. Wer es aber wirklich mit der Landwirthschaft gut meint, wer ihre Pflege und Erhaltung will, ohne den Bauern durch die Vor­spiegelung unerfüllbarer Träume nur neue Ent­täuschungen zu bereiten und dadurch ihre Zuversicht und ihren Much, ihr Gott- und Selbstvertrauen zu untergraben, der kann die Rede des neuen Landwirth- schaftsministers nur mit Freude begrüßen. Auch auf der rechten Seite mußte anerkannt werden, daß Herr v. Hammerstein ein warmes Herz für die Landwi'rth- schaft hat, daß er ohne Einschränkung ihre Nothlage zugibt und rückhaltlos die Verpflichtung anerkennt, alles zu thun, um ihr über die schweren Zeiten hinwegzuhelfen. Aber Herr von Hammerstein er­klärte zugleich, daß hierzu Vertrauen nöthig ist, Vertrauen zu den Regierungen und zu der Mehrheit im Reichs- und Landtage, Vertrauen auf die eigene Kraft und nicht zuletzt Vertrauen auf Gott. Es ist durchaus richtig, daß die fortwährende Schürung des Mißtrauens und der Hoffnungslosigkeit der Landbevöl­kerung schließlich den Muth und die Energie lähmen

Die Tochter des Hooses.

18 Erzählung von C. Borges.

(Schluß.)

Barbara hatte längst die Zeilen gelesen; — sie las sie wieder und wieder, bis Freudenthränen ihre Augen netzten und sie nicht mehr sehen konnte, dann eilte sie davon, sie mußte allein sein, und hier drückte sie ihren kleinen Schatz an ihre Lippen. Jetzt ver­stand sie, warum Onkel Arthur „so langweilig ge­worden war und nicht mehr spielen wollte", wie die Kinder sich beklagten.--

Es war ein heißer Nachmittag. Frau von Garkau schlug einen Spaziergang in ein nahes Wäldchen vor, und da die Wege dort nur sehr schmal waren, wußte sie es geschickt einzurichten, daß sie mit den Kindern voranging, und Arthur und Barbara folgten. Vorher jedoch hatte sie ihm leise zugeflüstert:

„Sie hat die Hand des Grafen ausgeschlagen, Ar­thur; also guten Muth, Du hast noch Hoffnung."

Doch der Oberst hatte nur traurig sein Haupt geschüttelt; er gedachte des unbeantworteten Briefes. Aber dennoch schlug sein Herz laut und unruhig, als er jetzt nach langen Monaten allein an ihrer Seite ging.

Sie erreichten eine kleine Anhöhe. Ein schmaler Fußsteig schlängelte sich den Abhang hinab, um unten

muß, die doch unumgänglich nöthig sind, wenn sie die herrschende Krise überwinden will. Es geht nicht an, fortwährend zu hoch gespannte, unausführbare Forde­rungen zu erheben und dann, wenn diefe sich nicht erfüllen lasien, zu fügen: Seht, ihr Bauern, daß man euch nicht helfen will? Herr v. Hammerstein ließ die Möglichkeit offen, daß sich bei der Berathung im Staats- rathe auch mancher brauchbare und ausführbare Ge­danke in dem Anträge Kanitz finden könne, erklärte jedoch zugleich, daß die Handelsverträge eingehalten werden müssen und daß deshalb wesentliche Punkte des Antrages Kanitz unausführbar sind. Der Minister mahnte ferner, doch die sogenannten „kleinen Mittel" nicht zu verachten, insbesondere nicht diejenigen, welche auf der Selbsthilfe, namentlich in der Bildung von Genossenschaften, beruhen, und wies in dieser Hinsicht auf die fegensreiche Wirksamkeit des von seinem „Freunde v. Schorlemer-Alst" gegründeten westfälischen Bauern­vereins hin. Daß der Minister nicht bloß schöne Worte hatte, sondern auch Thaten Seitens der Regierung in Aussicht stellte und eine große Reihe praktischer Vor­schläge zur Hebung der Landwirthschaft machte, sei hier nur angedeutet. Diese Rede rief unverkennbar einen starken Eindruck im Abgeordnetenhaufe hervor. Ent­sprach sie auch nicht den Hoffnungen der Konservativen, so war doch ersichtlich, däß diese sich dem Eindruck der Rede des neuen Ministers für Landwirthschaft nicht ganz zu entziehen vermochten. Die Worte, mit denen ihre Redner später vom Antrag Kanitz sprachen, klangen durchaus nicht mehr so entschieden und kategorisch, wie das seither der Fall war. Man begnügte sich zumeist, die „Grundgedanken" des Antrags zu vertheidigen. Sehr sympathisch berührte die Rede des Ministers im Centrum und Abg. Herold gab, selbst einLand- wirth, dieser Empfindung warmen Ausdruck; aus den Ausführungen des Abg. Herold ergab sich auch sachlich eine weitgehende Uebereinstimmung mit den Anschauungen des Ministers.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Februar.

* Die Umsturzkommission nahm mit 14 gegen 13 Stimmen das Duell unter die Verbrechen, deren Ver­herrlichung strafbar sein soll, auf und nahm dann § lila mit 19 gegen 6 Stimmen an, doch erklärten die Konfervativen und Nationalliberalen mit Rücksicht auf die Aufnahme des Duells in den Paragraphen, sich ihre definitive Stellung Vorbehalten zu müssen.

* Ahlwardt ist von der Fraktion der deutsch- sozialen Reformpartei im Reichstage ansge- schloffen worden. Die Fraktion will diesen Schritt, zu dem sie durch wahrheitswidriges Verhalten Ahl- wardt's veranlaßt, in einer ausführlichen Denffchrift begründen. Nun kann Ahlwardt sich ja eine eigene Partei gründen, was er schon lange erstrebte.

zu einer kleinen Quelle zu führen, neben welcher eine Rafenbank freundlich zur Ruhe winkte.

„Lasien Sie uns hinunter gehen", bat Barbara mit zitternder Stimme. „Ich bin müde, und dort können wir ausruhen."

Er folgte ihr schweigend. Wie im Traume um­fangen lauschte er auf die plätschernden, traumhaften Melodien der krystallenen Quelle; vor seinem seelischen Auge stand die liebliche Mädchengestalt, die mit leuch­tenden Augen und freudig gerötheten Wangen so munter mit den Kleinen im Schulzimmer gespielt hatte.

Er erschrak, als eine kleine Hand jetzt leise seinen Arm berührte und Barbara leichenblaß ihre Augen bittend zu ihm erhob.

„Herr Oberst", flüsterte sie, vor Erregung bebend, „erst heute habe ich diesen Brief gelesen."

Sie reichte ihm den Brief. Erstaunt, verwirrt nahm er das Papier; er schien kaum den Sinn ihrer Worte zu verstehen, bis er es entfaltete und seine eigene Handschrift erkannte. Da leuchtete es wie heller Sonnenschein in seinem Antlitz. Mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit blickte er auf das Mädchen herab, die an allen Gliedern bebend auf der Rasenbank saß.

„Barbara!" rief er und erfaßte ihre beiden Hände, „was meinen Sie? Was bedeuten Ihre Worte?"

Mit zu Boden gerichtetem Blick wiederholte sie: „Ich las ihn erst heute. Meine Stiefmutter gab

* Die Universitäts-Behörde verbot eine Studenten- Bersammlung, welche von Anhängern des Prof. Wag­ner geplant war und das Thema besprechen wollte: Was geht die Studentenschaft die soziale Frage an?

* Die Ceutralstelle für Arbeiter - WohlsahrtS- einrichtungeu wird ihre diesjährige Jahreskonferenz in der letzten Woche des April in Düsseldorf abhalten. Als erster Verhandlungsgegenstand steht auf der Tages­ordnung: „Die zweckmäßige Einrichtung und Aus­gestaltung der Krankenkassen", für welches Thema Prof. Dr. Hitze (Münster) als Generalreferent fungiren wird. Ferner sind als Spezialreferenten für eine Reihe von Einzelftagen gewonnen: Sanitätsrath Dr. Busch (Crefeld): Die Stellung der Aerzte in den Kranken­kassen; Stadtrath Dr. Schmid (Leipzig): Die centrali- sirten Ortskrankenkassen; Beigeordneter Dr. Wald- schmidt (Crefeld): Die nach Berufen gegliederten Orts­krankenkassen ; Fabrikdirektor Moritz Böker (Remscheid): Die Betriebskrankenkassen. — Als zweiter Gegenstand wird die Frage der „Volksernährung" zur Ver­handlung kommen, und zwar werden als Referenten zu diesem Thema Prof. Dr. I. König (Münster) über die Theorie der Ernährungslehre, Stadtrath F. Kalle (Wiesbaden) über die Popularisirung der durch die wissenschaftliche Ernährungslehre gewonnenen Grund­sätze, Korvettenkapitän Harms, Direktor der Torpedo­werkstatt (Friedrichsort) über praktische Maßnahmen zur Hebung der Volksernährung sprechen.

* Die preußischen Minister für Landwirthschaft, des Innern und i»er Medizinalangelegenheiten haben nun­mehr in einer gemeinschaftlichen Verfügung den Ober­präsidenten die Einführung einer allgemeinen Fleisch- schau anheimgestellt. Diese Fleischschau soll nach Be- dürfniß und unter Berücksichtigung der örtlichen Ver­hältnisse, sowie der Lebensgewohnheiten der Bevölkerung eingerichtet werden. Die Minister befürchten nach den in Süddeutschland gemachten Erfahrungen nicht eine Vertheuerung des Fleisches durch die Fleischschau. Als Muster wird die in der Provinz Hessen-Nassau bestehende Polizeiverordnung empfohlen, wo die all­gemeine Fleischschau bereits seit dem 1. Oktober 1892 gehandhabt wird und sich gut bewährt hat.

* Der Reichstag setzte vor leeren Bänken die Be­rathung der Gewerbeordnungs - Novelle (Wander - Ge­werbe 2C.) und der dazu gestellten Anträge des CentrumS (Groeber und Gen.) fort. Abg. v. Strombeck sprach Namens einer Minderheit des Centrums gegen den Antrag Groeber, durch den ein Stand von 26,000 Personen schwer geschädigt würde; dagegen empfahl er die Regierungs-Vorlage als maßvoll und erklärte sich insbesondere damit einerstanden, daß un­zuverlässigen Personen derHausirschein entzogen werde. Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.) steht im Allgemeinen auf dem Boden der Vorlage, kündigte einen Antrag an auf Verbot des Hausirhandels mit Nahrungsmitteln überall da, wo Markthallenzwang besteht, hielt dagegen das Verbot der Buchhändler-Kolportage für bedenklich. Abg.

ihn mir, als die Kinder sehr krank waren. Ich ahnte nicht, wer ihn geschrieben hatte, legte ihn in ein Buch und — — habe ihn vergessen. — Eveline fand ihn heute morgen."

Sie hatte leise gesprochen, aber der Oberst hatte jede Silbe verstanden. Jetzt wußte er, warum der Brief unbeantwortet geblieben war.

„Und wenn Sie ihn gelesen hätten, welche Ant­wort hätten Sie mir gegeben?"

„Barbara", fuhr er fort, als das junge Mädchen erröthend schwieg, „sage mir, ob ich für's Leben Dem treuer Beschützer sein darf! Aber jetzt ist's ganz an­ders !--Damals warst Du nur die arme Gouver­

nante, — jetzt die Tochter des Freiherrn und eine reiche Erbin! — — Ich kenne meine Soufine zu genau, hat sie Dir nicht oft genug gesagt, daß ich nur eine reiche Gattin nehmen müsse? Hat sie nicht absichtlich die kleine Olga Rosen nach dem Adlerhorst kommen lassen? Du verstandest es dazumal, ich sah es Dir an den Augen an. Aber ich liebte Dich immer; sage mir, willst Du meine Gattin werden?"

Sie ließ es ruhig geschehen, daß er ihre beiden Hände erfaßte und sie langsam an sich zog, bis ihr Köpfchen auf feinen Schultern ruhte.

„Ich kann es kaum fassen; — ich bin so glücklich, daß---"

Er ließ sie nicht ausreden. Jubelnd zog er sie an