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Freitag, den 1. Februar 1895.

22. Jahrgang

»ldaerMZeitung

mit Nnterhaltrrngs-Kettage .Lterue uni) Klnmrn".

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<? Einjähriger Militärdienst der Bolksschullehrer.

Eine kaiserliche Ordre bestimmt, daß die mili­tärische Ausbildung der Volksschullehrer und Kandidaten des Volksschulamts auf einen vollen Jahreskursus ausgedehnt und so gestaltet werde, daß die Heranbildung derselben soweit als thunlich zu brauchbaren Unteroffizieren erfolge. Der Kriegsminister wird beauftragt, dem Kaiser in dieser Hinsicht Vor­schläge zu unterbreiten. — Wie diese Maßregel in den Kreisen der Volksschullehrer ausgenommen werden wird, das wird nun wesentlich von der Art der Vor­schläge abhängen, die vom Kriegsminister gemacht und von dem Kaiser genehmigt werden. Es ist bekanntlich seit einiger Zeit von einem Theile der Volksschullehrer des Oefteren der Wunsch geäußert worden, daß ihnen das Recht der einjährigen Dienstzeit an Stelle der bisherigen zehnwöchentlichen Uebung gewährt werde. Die Budgetkommission des Reichstags hat kürzlich auch eine dahingehende Resolution beschlossen. Worauf es den Volksschullehrern, die das Recht des einjährigen Dienstes verlangen, ankommt, ist nun freilich nicht so­wohl eine bessere militärische Ausbildung, auf die in der kaiserlichen Ordre das Hauptgewicht gelegt wird, als vielmehr die Gleichstellung der semina­ristischen Bildung mit derjenigen, die seither das Recht des einjährig-freiwilligen Dienstes gewährte. In Bayern ist diesem Wunsche bereits dadurch entsprochen, daß dort die Lehrerseminarien auf Verlangen mit dem Reifezeugniß zugleich die Berechtigung zum einjährig­freiwilligen Dienste ertheilen können. Aber nur ein verschwindender Bruchtheil der bayerischen Volksschul­amtskandidaten hat seither von dieser Berechtigung Gebrauch gemacht. Der Grund liegt einerseits darin, daß der kurzen Uebungszeit von 10 Wochen von den Meisten doch der Vorzug vor dem einjährigen Dienste gegeben wird, andererseits in der Kostspieligkeit des Letzteren. Denn die Berechtigung zum einjährig­freiwilligen Dienste kann bekanntlich nur Denjenigen ertheilt werden, die sich verpflichten, während ihrer Dienstzeit sich selbst auszurüsten, zu kleiden, zu be­köstigen und sich auch auf eigene Kosten eine Wohnung zu verschaffen. Nur dann, wenn nach Ertheilung der Berechtigung die Vermögensverhältnisse des Betreffenden sich nachweislich (laut Bescheinigung der Orts­behörden) so verschlechtert haben, daß die Selbstver­pflegung u. s. w. ihm'unmöglich wird, hat die Militär­behörde, um Härten zu vermeiden, seither die Nachsicht geübt, solchen Gestellungspflichtigen die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienste zu belassen und die­selben während ihrer Dienstzeit auf Kosten ihres Truppentheils zu verpflegen und in den Kasernen ein­zuquartieren. Diese Vergünstigung auf einen ganzen Stand, wie den der Volksschullehrer auszudehnen, geht doch wohl kaum an und wäre vermulhlich den Volksfchullehrern selbst nicht recht. Es scheint nun gar nicht in der Absicht der preußischen Militärver-

Die Tochter des Houses.

16 Erzählung von C. Borges.

Nachdruck verboten.

6. Kapitel.

Wochen waren vergangen. Ungewöhnlich srüh war der Winter gewichen, und das frische, erste Grün des kommenden Frühlings sproßte lustig auf Wiesen und Feldern.

Die Kinder waren genesen und standen jetzt nach langer, schwerer Krankheit am Fenster und sahen dem munteren Spiel der Sperlinge zu, die, von Barbara täglich gefüttert, schaarenweise sich eingefunden hatten.

Frau v. Garkau's Herz strömte über von Glück und Dankbarkeit. Sie sah ihre kleinen Lieblinge sich täglich kräftigen, sogar Eveline, die früher so bleich und schwächlich gewesen war, schien nach der über­standenen Krankheit gesund und stark zu werden, wie die Brüder. Noch mehr aber, — sie hatte die Liebe ihres Gatten gewonnen, der jetzt eifrig bemüht war, seine frühere Kälte durch verdoppelte Aufmerksamkeit zu sühnen.

Die Freude der Kinder, als ihnen begreiflich ge­macht wurde, daß Fräulein Norden nur ein ange­nommener Name, in Wirklichkeit aber die geliebte Gouvernante ihre Schwester Barbara sei, kannte keine

waltung zu liegen, den Volksschullehrern die Berech­tigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienste zu ertheilen. Wenn, wie es nach der kaiserlichen Ordre vom 27. d. M. der Fall zu sein scheint, alle Volks­schullehrer ein Jahr dienen sollen, so kann damit, da doch nur wenige von ihnen im Stande sein dürsten, sich auf eigene Kosten auszurüsten und zu verpflegen, wohl nur eine einfache Ausdehnung ihrer bis­herigen 10 wöchentlichen Dienstzeit auf 52 Wochen ge­meint sein, und dafür spricht auch der Wortlaut der Ordre, die ebenfalls die Worte „auf einen vollen Jahreskursus ausd ehnt" gebraucht. Immerhin ist es möglich, daß die Volksschullehrer vor den übrigen „Gemeinen" eine bevorzugte Stelle, ähnlich derjenigen der jetzigen „Einjährig-Freiwilligen" erhalten sollen; denn ihre militärische Ausbildung soll ja „so gestaltet werden, daß die Heranbildung der Bolksschullehrer und Kandidaten des Volksschulamtes soweit als thun­lich zu brauchbaren Unteroffizieren erfolgt." Da­zu aber wird cs nöthig sein, ihnen neben der allge­meinen Ausbildung noch einen besonderen Unterricht zu ertheilen, um sie zu der Aufgabe als Korporals­schafts- und Gruppenführer, die ihnen als Unter­offizieren zufallen muß, vorzubereiten; es gehören dazu ferner besondere praktische Uebungen, sowie anch baldige Verwendung der Betreffenden zum Unter­offizierdienst, also alles das, was heute für die Ein­jährig-Freiwilligen gilt. Es würde also gewissermaßen eine zweite Klasse von Einjährigen geschaffen. Oder will man die Volksschullehrer nur in eine ganz be­schränkte Zahl von bestimmten Truppentheilen ein­stellen und sie bei diesen etwa zu besonderen Lehrer- Kompagnien vereinigen, wie das in der jüngsten Zeit bereits während ihrer zehnwöchentlichen Uebungen geschehen ist? Diese Lehrerkompagnien ließen sich ja allerdings ohne Schwierigkeit den zwei Kompagnien der vierten (Halb-) Bataillone angliedern. Man wird also abwarten müssen, welcher Art die Vorschläge sein werden, welche von dem Kriegsministerium dem Kaiser zu unterbreiten sind, bevor man beurtheilen kann, ob sie den Wünschen der Bolksschullehrer ent­sprechen werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Januar.

* Die „Präsidentenkrisis" im Reichstage wird vielleicht doch noch vermieden werden. Man möchte um dieser Sache willen nicht uunöthig die Lage ver­schärfen und ungewollte Wirkungen Hervorrufen. Viel­leicht findet man, daß die Ausschließung eines Mitgliedes von einer Sitzung oder für einen Tag doch zngestanden werden kann, zumal da diese Verschärfungen der Dis­ziplinargewalt vermuthlich mehr auf dem Papier stehen, als in der Praxis zur Anwendung kommen würden. Steht doch auch die Entziehung des Wortes in der Geschäftsordnung, aber wer erinnert sich eines Falles,

Grenzen. Es bäuchte ihnen fast so unglaublich, wie ein schönes Märchen aus ihrem Geschichteubuche.

Eveline wollte kaum von ihrer Seite weichen. Das Kind fühlte sich jetzt so froh und glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Sie war dem Grabe so nahe ge­wesen, daß jetzt, nachdem ■ sie neu dem Leben und ihren Eltern wiedergeschenkt war, das Herz der Mutter mit derselben Liebe an der Tochter, wie an den Söhnen hing. Auch hatte Barbara in schonender Weise den Eltern angebeutet, wie tief das kleine Herz die Zurück­setzung gegen die Brüder gefühlt hatte.

Barbara selbst war der Liebling der ganzen Familie.

„Ihr verwöhnt mich Alle ganz schrecklich," pflegte sie oft lächelnd zu bemerken, wenn sie sah, wie ein Jeder bemüht war, ihr einen Wunsch von den Augen abzulesen.

Nur Tante Agnes war unzufrieden. Sie schrieb ihrer Nichte einen Klagebrief nach dem andern und flehte inständig, zu ihr zurückzukommen, so daß Barbara ihr endlich einen längeren Besuch mit Eveline in Aus­sicht stellte.

Von Oberst Dornburg wurde wenig gesprochen. Sein Brief lag noch unberührt und uneröffnet in Eveline's Geschichtenbuch. Als die Kleinen außer Ge­fahr waren, hatte er in herzlichen Worten seiner Cousine seine Freude ausgedrückt. Dann hatte die kleine Eveline

wo sie erfolgt ist? Ein „Kompromiß" zur Beilegung des überflüssigen Streites ist also nicht ausgeschlossen.

* lieber die militärische Ausbildung der Bolks­schullehrer und Kandidaten des Volksschulamtes bestimmt ein Kaiser!. Erlaß an den Kriegsminister vom 27. Januar Folgendes:

„Die militärische Ausbildung der Volkssckmllehrer und Kan- didaten des Volksschulamtes, welche ihre Besähigung für daS Schulamt in vorschriftsmäßiger Prüfung nachgewiejen haben, erachte Ich durch die seitherige Heranziehung zu einer nur zehn- wöchigen, aktiven Dienstzeit für nicht ausreichend gewährleistet, auch find die Genannten hierdurch von späterer nutzbringender Verwendung als Unterosfiziere des Beurlaubtenstandes zur Z-it gänzlich ausgeschlossen. Es ist daher Mein Wille, daß die Ein­übung mit den Waffen auf einen vollen Jahreskursus ausgedehnt und so gestaltet werde, daß die Heranbildung der Bolksschullehrer und Kandidaten des Volksschulamtes so weit als thunlich Zu brauchbaren Unteroffizieren erfolgt. Ich beauftrage Sie, Mir in dieser Hinsicht Vorschläge zu unterbreiten."

Die Budget - Kommission des Reichstages hat be­kanntlich jüngst eine Resolution gefaßt, wonach die Regierung Bestimmungen treffen soll, daß der erfolg­reiche Besuch eines Lehrer-Seminars die Berechti­gung zum Dienst als Einjährig-Freiwil­liger in sich schließt. Nunmehr ist diese Resolution für das Plenum gegenstandslos geworden. Der Kaiser!. Erlaß schafft eine neue Klasse von Einjährigen, welche vom Staate unterhalten, aber nicht Offiziere werden sollen.

* Eine Beschleunigung des Strafverfahrens bei — Preßvergehen wünscht der Herr Justizminister. Nach Ansicht der Behörde hat sich nämlich „das Ver­fahren, welches für die Mittheilung über die gericht­liche Beschlagnahme von Druckschriften bisher vorge­schrieben war, besonders seiner Langsamkeit wegen als nicht ausreichend erwiesen, um die Durchführung der auf die Unterdrückung straffälliger Preßerzeug- niffe abzielenden gerichtlichen Entscheidungen in ge­hörigem Umfange zu sichern." Der Justizminister hat daher die Ersten Staatsanwälte angewiesen: die Polizeibehörden am Orte der entgangenen Entscheidung und an dem Orte, wo das Preßerzeugviß erschienen ist, sowie die Polizeibehörden derjenigen Orte, an wel­chen es muthmaßlich in erheblichem Umfange verbreitet worden ist, von jeder Beschlagnahme unmittelbar nach der Beschlußfassung auf dem kürzesten Wege zu be­nachrichtigen und die alsbaldige Veröffentlichung der Beschlagnahme in dem in Berlin erscheinenden amt­lichen ,Centra!po!izeiblatri zu veranlassen. — Sämmt- liche Polizeiverwaltungen sind angewiesen worden, auf das Centralpolizeiblatt zu abonniren.

* Nach den im Reichsversichcruugsamt gefertigten Zusammenstellungen, die auf den Angaben der Vor­stände der Versicherungsanstalten und der zugelaffenen Kaffeneinrichtuugen beruhen, betrug am 1. Jan. 1895 die Zahl der feit dem Inkrafttreten des Inva 1 iditäts- und Altersver sichereungsgesetzes erhobenen An­sprüche auf Bewilligung von Altersrente bei den 31 Versicherungsanstalten und den 9 vorhandenen Kaffen­einrichtungen 304,840. Von diesen wurden 241,864

ihm die wunderbare Neuigkeit über Barbara mitge» theilt; er hatte dem Kinde geantwortet, gewiß nur, um ihm Freude zu machen; aber kein freundliches Wort, kein Gruß für Barbara war in feinen Zeilen zu finden.

Frau v. Garkau zweifelte nicht daran, daß Barbara den Brief gelesen und längst beantwortet habe, und schloß aus dem zurückhaltenden Wesen des Vetters, daß die Antwort zu seinen Ungunsten ausgefallen fein mußte, besonders, da er seinen Besuch auf dem Adler­horst nicht wiederholte. Sie wagte jedoch nicht, offen mit der Stieftochter über den Vetter zu reden, sie ahnte auch nicht, wie fehr sich dieselbe nach Nachricht von ihm sehnte. Tadelte er sie, daß sie sich durch Betrug in das Haus ihres Vaters eingeschlichen hatte? Dieser Gedanke warf einen trüben Schatten in ihr glückliches Leben.

So waren wieder Wochen vergangen. Da kam ganz unerwartet Graf Udo von Eckernstein. Er sehnte sich nach Veränderung, nach den heiteren, lustigen Kindern, sagte er, und wollte hier einige Zeit in diesem gastfreien Hause zubringen. Die Eltern merkten jedoch bald, daß Barbara allein der Anziehungspunkt war, die aber seine zahllosen Aufmerksamkeiten gar nicht zu beachten schien.

Am selben Tage kam ein Brief von Onkel Arthur.