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Donnerstag, den 31. Januar 1895.

22. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 29. Januar.

* Die jüngsten Kaiserl. Erlasse, welche der,Reichs­anzeiger' in einer Extra-Ausgabe veröffentlichte, konnte der sozialdemokratische .Vorwärts' größtentheils gleichzeitig mit dem amtlichen Blatte inhaltlich bekannt geben.

* Aus Anlaß seines Geburtstages hat der Kaiser eine Reihe von Ordensauszeichnnnge» und Ranger­höhungen verliehen, von denen wir nachstehend die bemerkenswertheren anführen: Den Rothen Adler-Orden 1. Klasse hat der Geschichtsmaler Professor Dr. Adolf Menzel erhalten, den Stern zum Rothen Adler- Orden 2. Klasse mit Eichenlaub die Minister von Köller und Schönstedt, der Oberlandstallmeister Graf von Lehndorff und der Generalintendant der Königl. Schauspiele Graf von Hochberg. Den Rang eines Staatsministers erhielt der Staats­sekretär des Reichspostamts Dr. von Stephan, den „Rang unmittelbar hinter den Staats­ministern" der Geh. Kabinetsrath Dr. von Lu­ca nus. „Wirklicher Geheimer Rath" mit dem Prä­dikat „Excellenz" wurde Professor Dr. von Gneist. Das Großkreuz des Rothen Adler-Ordens mit Eichen­laub erhielt Minister Thielen, den Stern zum Rothen Adler-Orden 2. Klasse mit der Krone Minister von Hammerstein-Loxten, sowie der Erbprinz Kraft zu Hohenlohe-Oehringen. Prinz Frie­dri ch von Sachsen-Meiningen erhielt den Rothen Adler-Orden 1. Klasse, Graf Gerhard von Dön­hoff den Kronenorden 1. Klaffe. Den Rothen Adler- Orden 1. Klaffe mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe bekam der Generallieutenant von Winter­feld (Gardekorps) und der Generallieutenant von Lindequist, Kommandeur der 26. (1. Königl. Württembergifchen) Division.

* In den höheren Kommandostellen der Armee sind unterm 27. d. M. folgende Veränderungen erfolgt: Graf Fink von Finken st ein, General­lieutenant und Kommandeur der 17. Division, unter Beförderung zum General der Infanterie, zum koin- mandirenden General des 1. Armeekorps (Ostpreußen), von Bülow, Generallieutenant und Kommandeur der Großherzoglich Hessischen (25., Division, unter Beförderung zum General der Infanterie, zum kom- mandirenden General des 8. (rheinischen) Armee­korps, von Winterfeld, Generallieutenant, beauf­tragt mit der Führung des Gardekorps, unter Be­förderung zum General der Infanterie und unter Belassung in dem Verhältniß als Generaladjutant des Kaisers, zum kommandirenden General des Garde­korps ernannt.

' Den Professor Adolf Wagner haben wir zu günstig beurtheilt. Aus einer Berichtigung, die er der ,Post' geschickt hat, geht hervor, daß er die Duell- forderung des Frhrn. von Stumm nicht abgelehnt hat, sondern daß sein Beauftragter bei demjenigen des

Auf den Tod.

des Herrn Regens

Prof. Dr. Heinr. Hillenbrand.

Von einem Alumnus.

Droben flohen hin die Wolken Düster, wie in stillem Trauern, Und ein tiefes, tiefes Schweigen Ruhte auf den Klostermauern.

„Mit dem Guten geht’s zu Ende,“ Zog es flüsternd durch die Runde, Betend in den hohen Gängen Harrten wir der letzten Kunde.

Laut und lauter schlug des Herzens Banges, ungestümes Fragen. — „Hoffnungslos!“ — Und doch wir hofften; Liebe kann ja nie verzagen.

„Seine edle, grosse Seele Ist nun friedlich heimgegangen.“ 0, wie uns die bitt’ren Worte Schmerzlich durch die Seele drangen!

Wie verwaiste, arme Kinder, Die sich um die Todte einen, Um ihr Weh und ihre Trauer Still zusammen auszuweinen,

Ja, — so standen wir zusammen, Durch das gleiche Leid verbunden, Einig in derselben Liebe, — Einig in denselben Wunden.--

Aber heute ? — Soll ich klagen ? — Klage, wer da klagen wolle!

Mir scheint heute jene Stunde

Eine, hehre, freudenvolle:

Denn ich habe ihn gesehen Wie er dalag in der Bahre Mit dem Kreuze in den Händen Und dem Blüthenkranz im Haare.

Auf dem Antlitz lag ein Friede, Wie ich ihn noch nie gesehen, Wie nur dort er uns verheissen, Wo des Himmels Geister gehen.

Und mir war’s, als müsst’ ich froh sein, Froh sein mit dem lieben Todten, Froh mit dem, der ihn umschwebte — Mit dem schönen Himmelsboten.

Und nun kann ich nicht mehr trauern, Eins erbat ich nur uns Allen, — Dass auch wir so still und friedlich Einst wie er hinüberwallen,

Und wir alle, die ihn lieben, Einstens dort ihn wiederfinden, Wo mit ihm die Engelchöre Jetzt dem Ew’gen Lieder winden.

R. I. P.

Herrn v. Stumm beantragt hat, die Angelegenheit einem Ehrengericht zu unterstellen; dies lehnte der Beauftragte des Herrn v. Stumm ab. Vorher hatte sich Herr Wagner bereit erklärt, seinen Ausdruck „leicht­fertige Verleumdung" zurückzunehmen, unter der Be­dingung, daß Frhr. v. Stumm schriftlich erkläre, er habe sich in Bezug auf die thatsächlichen Unterlagen seiner Angriffe gegen die Berliner nationalökonomischen Professoren im Reichstage geirrt. Diese Bedingung war abgelehnt worden. Daraus ergibt sich, daß die beiden Gegner einander nichts vorzuwerfen haben, das „Christentyum" des Einen ist soviel werth, wie das des Andern.

* Die „Umsturzkommission" nahm am Montag den § lila in der Fassung des Antrags Boltz (kons.) an, nach welchem die Strafvorschriften des § 111 auch auf Denjenigen Anwendung finden, welcher ein Verbrechen oder eines der in den angeführten Para­graphen vorgesehenen Vergehen in solcher Weise oder unter solchen Umständen als rühmlich oder erlaubt darstellt, daß die Darstellung geeignet ist, Andere zur Begehung solcher strafbarer Handlungen anzuregen. Dieser Antrag wurde mit 20 gegen 7 Stimmen an­genommen. Unter den 20 befinden sich auch Stimmen von Centrumsmitgliedern, die der Ansicht wäre!', daß die Fassung des Antrags Boltz den Nachweis des Dolus durchaus erschöpfend sichern. Abg. Schädler stimmte gegen den Antrag, Abg. Lieber enthielt sich der Abstimmung. — Wir hätten gewünscht, daß alle dem Centrum angehörenden Mitglieder der Kom­mission wie Abg. Schädler gefthttmt hätten; das Cen­trum hätte ruhig an dem Antrag Greiß festhalten sollen — mochte die Regierung auch hundertmal sagen, daß dann die Vorlage für sie keinen Werth mehr habe. Der Antrag Boltz beseitigt u. E. den Kautschuk­charakter des § Illa durchaus nicht. Hoffentlich wird das Centrum im Plenum sich weniger nachgiebig erweisen.

* Der Präsident der Seehgiidlung hat den Bund der Landwirthe ermächtigt, die Erklärung abzugeben, daß er bereit sei, bei der jetzigen Lage des Geldmarktes den Verbänden der landwirthschaftlichen Darlehnskaffen Lombard-Darlehen gegen Sicherheit zu 2'/z Prozent zu geben.

* Die „Freie wirthschaftliche Bereinigung" soll auf Anregung des Grafen Fred Frankenberg nunmehr auch im Herrenhanse gebildet werden. Die betr. Ein­ladung ist u. a. von dem Frhrn. v. Schorlemer- A l st unterzeichnet.

* Ein Rückblick auf die Christianisirungsbestrebunge« in Afrika im Jahre 1894 läßt uns die erfreuliche Thatsache feststellen, daß wir um einen guten Schritt vorwärts gekommen sind. Die Missionare konnten überall in Ruhe und Frieden arbeiten, und was sie über ihre Erfolge berichten, macht Muth zu weiteren Anstrengungen. Als ganz besonders bemerkenswerth müssen wir die Thatsache verzeichnen, daß das Innere Afrikas, das „dunkelste Afrika", nunmehr auch

Die Tochter des Hauses.

15 Erzählung von C. Borges.

Nachdruck verboten.

In diesen schmerzlichen Gedanken versunken, hörte der Freiherr nicht den leisen Schritt auf der Treppe, hörte nicht das Klopfen an der Thür, erst als Bar­bara leise öffnete und jetzt vor ihm stand, blickte er auf. — Sein Blick ward durch Thränen verschleiert, er sah nicht ihr freudig aufleuchtendes Antlitz; er wußte ja, daß sie ihm die Todesnachricht überbrachte.

„Sagen Sie es mir nur, Fräulein Norden, ich kann's ertragen."

»Aber das ist es ja nicht", rief sie mit vor Freude bebender Stimme, „sie sind besser--sie sind beide

besser. — Edmund wurde bald ruhiger, nachdem Sie fort waren; jetzt ist auch Alex außer Gefahr.' Beide schlafen, und der Arzt hofft, daß sie bald genesen werden!"

Das war zu viel. Die Freude nach diesem Schmerz war mehr, wie der erregte Vater ertragen konnte; er bedeckte fein Antlitz mit beiden Händen und weinte laut.

Jetzt konnte auch Barbara nicht länger an sich halten, sie kniete an seiner Seite und schlang beide Arme um feinen Hals.

„Vater! lieber Vater! weine nicht", flehte sie und versuchte seine Hände vom Gesicht zu entfernen.

Er hörte die seltsamen Worte und blickte ver­wundert und erschreckt auf. War es eine Sinnes­täuschung, ein Spiel seiner wild erregten Phantasie, die ihm in den letzten Stunden so lebhaft die Erinne­rung an seine vernachlässigte älteste Tochter vorge­gaukelt hatte? — Es war ja nur Fräulein Norden, die Erzieherin seiner Kinder, die an seiner Seite kniete. Hastig ttocknete er seine Thränen und schaute in das bleiche Gesichtchen, das sich so fest an ihn schmiegte.

„Habe ich Sie erschreckt; — war ich zu erregt, Fräulein Norden? Verzeihen Sie mir, aber — die Nachricht kam so unerwartet."

Seine Stimme zitterte; nur mühsam konnte er die Worte hervorbringen.

„Sie sind so gut gegen uns Alle gewesen", fuhr er dann tief bewegt fort. „Ich weiß nicht, was wir in dieser schrecklichen Zeit ohne Sie hätten anfangen sollen!"

„Gut — gut?" wiederholte Barbara leidenschaft­lich. „O, mein Vater! verstehst Du mich denn noch nicht? ich bin Barbara — Deine älteste Tochter Bar­bara ?"

„Barbara?!" stammelte er und wurde leichenblaß.

„Ja, ich bin Barbara! Sieh, hier ist ein Brief, den ich heute von Tante Agnes bekommen habe, und hier sind die Briefe, die Du mir früher geschrieben hast!"

Er nahm sie mechanisch in seine zitternden Hände, doch er konnte sie nicht halten — sie fielen zur Erde. Er zweifelte nicht, sein eigenes Herz sprach laut und deutlich; er schloß sie in seine Arme und schaute lange und innig in die dunklen freudestrahlenden Augen.

„Ah, jetzt »verstehe ich es auch endlich", murmelte er dann, als er sie wieder und wieder geküßt hatte. „Es war die bekannte Stimme — die leichten, zier­lichen Bewegungen — ganz wie Deine arme Mutter! Aber Du siehst ihr sonst gar nicht gleich, und dennoch fand ich einen Zug in Dir, der mich mit unwider­stehlicher Gewalt anzog. Mein Kind, ich bin Dir kein guter Vater gewesen — ich habe nicht verdient, was Du um uns gethan haft. Vergib mir, Bar­bara."

Statt aller Antwort hielt Barbara ihren Vater innig umschlungen, ihr Haupt sank auf seine Schultern und Freudenthränen netzten ihre Wangen.

„Vater — lieber Vater — ich habe Dir nichts zu vergeben", schluchzte sie. „Tante Agnes hat mir alles