Mittwoch, den 30. Januar 1895.
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)-( Die Finanzvvrlagen.
Die Tabaksteuervorlage und die sogenannte „Finanzreform"-Vorlage sind nun in neuer Auflage dem Reichstage wieder zugegangen. Wir sagen: in neuer Auflage — in verbesserter, das wird sich kaum behaupten lassen, wenn man auf das Wesen der Dinge achtet und sein Urtheil nicht von Eigenschaften zweiten Grades abhängen läßt Das Wesen ist aber bei beiden Finanzvorlagen dasselbe geblieben, also bei der einen: Vermehrung der indirekten Steuern und damit verhältnißmäßig stärkere Belastung der schwächeren Schultern im Gegensatz zu dem bei der Militärvoriage gegebenen Versprechen; bei der anderen: thatsächliche Beseitigung der Franckenstein'schen Klausel und des Budgetrechts des Reichstages.
Eine Betrachtung der Vorlagen wird dieses Urtheil bestätigen. Die Tabaksteuervorlage bezweckt eine Vermehrung der Einnahmen aus der Tabakbesteuerung von seither 55 auf 91 Millionen Mk. Brutto, also um 36 Millionen Mark, oder Netto um 32 Mill. Mark nach Abzug der Unkostensteigerung, die 4 Mill, betragen soll. Diew 32 Millionen Mark sollen aufgebracht werden thei's durch eine Erhöhung des Zolls auf ausländischen Tabak u. s. w., theils durch Umwandlung der bisherigen Rohtabalsteuer in eine Tabak fabrikat steuer, die also von den fertigen Fabrikaten zu erheben wäre. Der Zoll auf ausländischen Tabak soll — wie in der vorigjährigen Vorlage auf 40 Mark für 100 Kilo, der Zoll auf Cigarren und Cigarretten, der jetzt 270 M. beträgt und in der ersten Vorlage auf 400 bezw. 500 M. erhöht war, soll auf 900 M. erhöht werden, der Zoll auf andere Tabakfabrikate (jetzt 180 M., in der vorjährigen Vorlage 250 M.) soll eine Erhöhung auf 450 M. erfahren. Dagegen sollen die ausländischen Fabrikate, im Gegensatz zu der vorjährigen Vorlage, nach der Verzollung der Fabrikatsteuer nicht weiter unterworfen werden. Die Fabrikatsteuer soll betragen für Cigarren und Cigarretten 25 Prozent, für Rauch-, Schnupf- und Kautabak 40 Prozent des Fakturawerths; die vorigjährige Vorlage schlug vor für Cigarren und Cigarretten 33*/s Prozent, Kau- und Schnupftabak 50 und Rauchtabak 662/b Prozent. Die wesentlichste Aende- rung gegen die frühereVorlage ist also die Ermäßigung der Rauchtabaksteuer von 662/s auf 40 Prozent. Das ist.das Zugeständniß, das den süddeutschen Regierungen gemacht wurde. Nun sagt man, diese Ermäßigung käme gerade den ärmeren Klassen zu Gute, weil diese meist die Abnehmer von Rauchtabak sind. Zugegeben — aber trotzdem bleibt bestehen, daß die Tabaksteuervorlage die schwächeren Schultern verhältnißmäßig mehr belastet, als die stärkeren. Denn 1) beträgt der Werth aller Rauchtabake überhaupt nur 34 Millionen Maik, derjenige aller Tabakfabrikate aber 256 2/z Millionen Mark, so daß der Werth der Rauchtabake noch nicht '/? des Gesammt-
Die Tochter des Hauses.
14 Erzählung von C. Borges.
Nachdruck verboten.
Frau v. Garkau trocknete ihre Thränen und versuchte zu lächeln.
„Du bist thöricht, Arthur, wirklich ganz thöricht! Wie willst Du's denn anfangen, um mit einer Gattin standesgemäß zu leben ? Ohne Vermögen, nur auf Deine Gage angewiesen, ist das kaum denkbar. Aber zürnen kann ich Dir darum doch nicht! Ich sollte Dich freilich nicht in Deinem Vorhaben bestärken, aber dennoch verspreche ich Dir, das Briefchen richtig abzuliefern, obgleich ich dabei gegen mein Gefühl handele. Was würde aber geschehen, wenn sie Deine Hand verweigern sollte? Ich würde es nicht ertragen können, wenn Du unglücklich würdest — Graf Eckernstein —"
„Ich weiß, was Du sagen willst; glaubst Du denn, ich sei blind gegen die Aufmerksamkeiten gewesen, die er ihr zollte? Er ist gewiß ein guter, ehrlicher Mensch, und kein Wort zu seinen Ungunsten soll über meine Lippen kommen, aber dennoch, ich kann ihn mir nicht als Barbara's Galten denken! Sie ist nicht ein Mädchen, das sich durch Titel oder Rang blenden ließe. Der Himmel schütze sie. Wenn sie ihn aufrichtig liebt — nun — so möge sie glücklich mit ihm sein, selbst wenn
werths der Fabrikate aus Tabak darstellt, so daß also ferner eine Ermäßigung der Steuer auf dieses Siebentel nicht allzu hoch angeschlagen werden darf. 2) Den weitaus größten Theil aller Tabakfabrikate bilden, auch dem Werthe nach, die billigen Cigarrensorten, die 4-, 5- und 6-Pfennig-Cigarren Auf diese entfällt also auch der größte Theil der Fabrikatsteuer, die mithin der Hauptsache nach von den Verbrauchern der billigen Cigarren, den ärmeren oder doch minder wohlhabenden Schichten der Bevölkerung, getragen werden müßte. In Berlin z. B. rauchen die Arbeiter fast ausnahmslos 5-Pfenuig-Cigarren; wenn man auch nur vier Cigarren täglich für den Einzelnen rechnen wollte, so ergäbe sich daraus ein Verbrauch von 1460 Cigarren jährlich, die jetzt insgesammt 73,00 M. kosten und nach Annahme der Tabakfabrikatsteuer ganz gewiß im Einzelverkauf sich aus nicht weniger als 7 Pfennig das Stück, also im Ganzen auf 102,20 M. stellen würden. Ein solcher Arbeiter hätte also für die Tabakfabrikatsteuer nicht weniger als 29,20 M. jährlich aufzubringen, also ungefähr ebensoviel, wie er an Staatseinkommensteuer zahlen müßte, wenn er 2000 M. Einkommen hätte. Man frage aber einmal Herrn Miquel, wie viel Arbeiter es in ganz Preußen geben mag, die ein Einkommmen von 2000 M. versteuern? Nun wird man uns entgegenhalteu: 7-Pfennig-Cigarren werden diese Arbeiter usw. nicht rauchen, sie werden schlechtere Cigarren rauchen, die auch versteuert nicht mehr als 5 Pfennig kosten, oder sie werden sich dem Rauchtabak zuwenden oder weniger rauchen. Das mag sein, dann aber wird die Tabakfabrikatsteuer nicht die erwarteten Einnahmen bringen, ihren Zweck also nicht erfüllen. In jedem Falle bleibt aber eine verhältnißmäßig stärkere Belastung der ärmeren Volksschichten bestehen, schon deshalb, weil die Steuersätze sowohl für Cigarren u. s. w. wie für Rauchtabak nicht dem Werthe nach abgestuft, sondern für alle Sorten, die feinen wie die geringen, gleich sind, wenigstens im Verhältniß gleich sind, während sie progressiv (verhältnißmäßig höher für die theuren Sorten) und degressiv (verhältnißmäßig niedriger für die billigeren) sein müßten, wenn sie dem Grundsätze der verhältnißmäßig stärkeren Belastung der kräftigeren Schultern und der Schonung der schwächeren entsprechen sollen. Die einfache prozentuale Berechnung entspricht diesem Grundsätze nicht.
Es kommt aber noch hinzu, daß die gegenwärtige Vorlage noch mehr als die vorigjährige die Tabakindustrie ganz einseitig belastet und auf's Schwerste schädigt. Denn während einerseits der Zoll auf ausländischen Rohtabak, der von der deutschen, insbesondere norddeutschen Tabakindustrie, vorwiegend verarbeitet wird, der gleichen Erhöhung wie im Vorjahre unterliegen soll und zwar ohne jede Abstufung dem Werthe nach, ist andererseits im Interesse der süddeutschen Tabakproduktion die Fabrikatsteuer auf Rauchtabak gegen die frühere Vorlage bedeutend herabgesetzt, den vorwiegend in Norddeutschland (Hansestädte, Wests.) fabrizirten Cigarren mein kurzer Liebestraum auch elendiglich Schiffbruch darunter litt. Doch nun genug, leb' wohl, Eveline!"
Oberst Dornburg hatte das Schloß verlassen. Noch einen langen, schmerzlichen Blick warf er nach den dicht verhangenen Fenstern im obern Stockwerk, hinter welchen er wußte, daß Barbara treue Krankenwache hielt, dann trat er seufzend seine Rückreisö an.
Die Freifrau übergab sogleich ihrem Versprechen gemäß Barbara das Briefchen. Jedoch Eveline, die nur aus der Hand ihrer geliebten Erzieherin die Arznei nehmen wollte, nahm sie so sehr in Anspruch, daß sie, ohne es weiter zu beachten und ohne die Aufschrift zu lesen, die Zeilen in Evelinen's Geschichtenbuch auf einen Seitentisch legte.
Der arme, enttäuschte Oberst! Täglich und stündlich wartete er auf Antwort und seine Unruhe wurde immer unerträglicher. Er konnte ja nicht ahnen, daß um die übergroße Sorge für die Kinder das Briefchen vollständig vergessen und noch ungelesen in Evelinen's Geschichtenbuch lag.
So vergingen Tage und Wochen in banger Angst und Sorge. Bleich, abgehärmt, aber thränenlos ging die geängstete Mutter von einem Liebling zum andern. Sie selbst war keine gute Pflegerin und bewundernd folgten ihre Blicke Barbara, welche die kleinen Leidenden mit unermüdlicher Liebe hegte und pflegte. Täg-
also eine vermehrte Konkurrenz bereitet worden. Zu dieser Schädigung der norddeutschen Tabakindustrie kommt dann noch die zweite, daß die hohe Fabrikatsteuer an sich schon einschränkend auf den Verbrauch ihrer Fabrikate wirken muß. Die Einschränkung des Verbrauchs wird aber mit Nothwendigkeit auch eine Einschränkung der Produktion herbeiführen, und diese wieder wird die Entlassung zahlreicher Arbeiter zur Folge haben. Diese Folge der Tabaksteuervorlage trifft also wiederum die ärmeren Klassen. Und ein in sozialer Hinsicht so verderblich wirkendes Gesetz wagt man dem Reichstage vorzuschlagen zur selben Zeit, wo man diesem zumuthet, den „Kampf für Religion, Sitte und Ordnung" zu führen durch ein Gesetz, das wiederum die ärmeren Volkskreise in erster Linie treffen soll und so gefaßt ist, daß der Umsturz von oben, ganz dieselben Vergehen, wenn sie von „Männern der Wissenschaft" begangen werden, geschont wird! Die sozialdemokratische Presse und Flugblatt-Literatur wird ganz gewiß nicht versäumen, diese Vergleiche, in den grellsten Farben ausgeführl, in die breitesten Massen des Volkes zu werfen.
Glücklicherweise hat die Tabaksteiiervorlage ganz und gar keine Aussicht, von dem Reichstag angenommen zu werden, sie ist todtgeboren. Das Gleiche gilt von der „Fiuanzreformvorlage", die ganz derselbe „Automat" geblieben ist wie die frühere Vorlage, mit dem einzigen Unterschiede, daß bekanntlich auf die 40 Millionen-Liebesgabe des RÄchs an die Einzelstaaten verzichtet wird. Im Uebrigen gleicht der neue Entwurf in jeder Beziehung dem früheren, braucht hier also nicht des Näheren dargelegt zu werden. Nur kurz sei deshalb bemerkt, daß der Entwurf der Hauptsache nach bestimmt, daß die Matrikularbeiträge nicht höher, als die Überweisungen, im Etat angesetzt werden dürfen, thatsächlich also fortfallen, daß die Ueberschüsse zu einem „Ausgleichungsfonds" aufgesammelt werden, aus dem etwaige Fehlbeträge anderer Jahre zu decken sind, und daß, sobald dieser Fonds bis auf 40 Millionen angewachsen ist, weitere Ueberschüsse zur Schuldentilgung verwandt werden sollen. Wie man sieht, ist diese vielgerühmte Schuldentilgung noch in weite Ferne gerückt und wird jedenfalls auch, wenn wirklich einmal mit ein paar Millionen der Anfang gemacht wird, nicht allzuviel bedeuten. Wenn die Marinepläne, die uns jetzt in Aussicht gestellt sind, verwirklicht werden sollten, dann werden die Reichsschulden in einem Tempo wachsen, daß das Bischen „Schuldentilgung" gewiß nicht wird mitkommen können. Die Hauptsache aber ist für uns, daß von der Festsetzung der Matrikularbeiträge durch den Reichstag — und das ist das ganze Budgetbewilligungsrecht unserer Volksvertretung — und damit von der Franckenstein'schen Klausel nur eine leere Form, nur der bloße Name, aber nicht der Inhalt übrig bleiben würde, wenn der Miquel'sche „Automat" Gesetz würde. Für das Centrum wird damit die Vorlage von vornherein unannehmbar.
lich setzte sie größeres Vertrauen in die Gouvernante, die ihr jetzt eine treue Freundin geworden, und befolgte sogar ihren Rath, sich Ruhe und Schlaf zu gönnen, wenn der Zustand der Kinder erträglich war.
Barbara selbst schien mit übernatürlichen Kräften begabt zu sein. Es waren ja ihre eigenen, lieben Geschwister, die sie pflegte, und dieser eine Gedanke ver- fcheuchte alle Müdigkeit, machte jede Anstrengung leicht. Der Arzt hatte längst gerathen, eine erprobte Krankenwärterin aus der nahe gelegenen Stadt kommen zu lassen, doch dieser Vorschlag war von Barbara energisch verworfen worden.
Dem Schloßherrn waren diese traurigen Wochen zum Segen geworden, denn jetzt erst, in den Tagen der Noch, brach die Liebe zur Gattin und zu den Kindern, die so lange in seinem Herzen geschlummert hatte, sich völlig Bahn. Gemeinsame Sorge, gemeinsames Gebet zur Erhaltung der Kinder hatten die Gatten fester vereint, als gemeinsames Glück es vermocht hatte. Barbara merkte es und sie freute sich. Ja, noch mehr, das Herz der Mutter schlug jetzt ebenso sehr in banger Sorge um ihr Töchterchen, sie liebte es mit derselben Innigkeit, wie die beiden Knaben.
Endlich hatte das Fieber seinen Höhepunkt erreicht; für Eveline war die gefürchtete Krisis gekommen Das Kind wälzte sich in wilden Fieberphantasien in den