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Dienstag, den 29. Januar 1895,

22. Jahrgang

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mit Untertzaltunss-Kriiagr ,Sterne und HLumen".

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Deutsches Reich.

Berlin, 26. Januar.

* Der Kaiser empfing heute Mittag auf dem An- Halter Bahnhofe den König von Sachsen und be­suchte mit demselben die Geweihausstellung im alten Reichstagsgebäude. Abends empfing der Kaiser den König von Württemberg.

* Der Kaiser hat gestern Abend den japanische« Gesandten Vicomte Aoki empfangen und aus dessen Händen die Insignien der Kette des Kaiserlich japa­nischen Chrysanthemum - Ordens entgegen genommen. Der Audienz wohnte der Staatssekretär des Auswär­tigen Freiherr v. Marschall bei.

* Wie die ,Post' hört, schweben zwischen den ein­zelnen Fraktionen Verhandlungen, welche die von der Reichstagsbaukommission in Aussicht genommene In­schrift des Reichstagsgebäudes: „Dem deutschen Reich" nochmals einer Aenderung unterwerfen wollen. Es soll die Inschrift: „Dem deutschen Vaterlande" in Aussicht genommen sein.

* Die Abgg. Ancker und Gen. (sreis. und südd. Volkspartei) haben den Antrag auf Gewährung von Diäten und Reisekosten an die Mitglieder des Reichs­

tages wieder eingebracht.

* Im Hinblick auf die sich mehrenden Zeitungs­nachrichten über bevorstehehende Hochwassergefahren, insbesondere an der Weichsel und am Rhein, hat der Reichskanzler Fürst Hohenlohe der ,N. A. Z.' zufolge nähere Untersuchungen darüber veranlaßt, • inwieweit die in der Presse geäußerten Besorgnisse ge- • rechtfertigt erscheinen.

* Die Budgetkommission des Reichstags trat gestern in die Berathung des Postetats ein. Trotz des Widerspruchs des Staatssekretärs v. Stephan und seines Direktors Dr. Fischer wurden die auf 257,170,000 M. angesetzten Einnahmen an Porto und Telegraphen­gebühren nach dem Vorschläge des Abg. Richter und unter Zustimmung der Abgg. Lingens (Ctr.) und Möller (natl) auf rund 259 Milionen angesetzt. Staatssekretär v. Stephan theilte mit, daß Verhand­lungen wegen Abänderung des Postzeitungstarifs im Gange seien; bei der Schwierigkeit des Gegenstandes werde es aber kaum gelingen, noch in der gegenwärtigen Session eine Gesetzesvorlage zu machen. Abg. Dr. Hammacher beantragte, die Einnahmen aus dem Telephon besonders anzusetzen. Abg. Dr. Lingens (Centr.) befürwortete eine Erhöhung des Maximal­gewichts für Briefe bei einfachem Porto auf 20 Gramm und die Einführung von Kartenbriefen. Staatssekretär v. Stephan erwiderte, die Erhöhung des Briefgewichts auf 20 Gramm würde einen Ausfall von etwa 4 Millionen M. bewirken. — Die übrigen Einnahmetitel wurden hierauf nach dem Voranschläge genehmigt, und über den Antrag Hammacher zur Tages­ordnung gegangen. Die vorliegenden Petitionen wurden dem Reichskanzler zur Erwägung überwiesen.

Die Tochter des Hauses.

13 Erzählung von C. Borges.

Nachdruck verboten.

Schnell kleidete sie sich an und eilte in das Kranken­zimmer, in dem Barbara sie auf der Schwelle er­wartete.

„Der Zustand hat sich verschlimmert, Frau von Garkau."

Beide näherten sich dem Bette. Dort lag das arme Kind und wälzte sich stöhnend umher. Die Wangen waren hoch geröthet; die Augen glänzten im Fieber. Als die Mutter sich über sie beugte, jammerte sie: „Oh, mein Hals — mein Hals."

„Warum hat man mich nicht eher gerufen?" fragte die Mutter streng und blickte vorwurfsvoll bald Barbara, bald Gretchen an. „Hat sie die ganze Nacht in diesem Zustande gelegen?"

„Oh nein, gnädige Frau," versicherte die alte, treue Magd. „Ich war so oft hier, und das Kind fchlief. Fräulein Norden hat sie erst vor einigen Minuten in diesem Zustande gefunden."

Frau von Garkau blickte Barbara an.

„Ja," beantwortete diese die unausgesprochene Frage, „ich war ost hier, aber Eoeline schlief, und wiewohl unruhig, hoffte ich auf Besserung wenn sie erwachte. Kaum vor zehn Minuten traf ich sie in diesem Zustande."

* Die „Umsturz-Kommission" berieth gestern sehr eingehend über § 111 a der Umsturz-Vorlage. Derselbe lautet: „Gegen Denjenigen, welcher auf die im § 110 bezeichnete Weise ein Verbrechen oder eines der in den §§ 113 bis 115 (Hausfriedensbruch), 124, 125 (Landfriedensbruch), 240 (Nöthigung), 242 (Diebstahl), 253 (Erpressung), 305 (Zer­störung von Bauwerken), 317 (Störung von Telegraphen- Anlagen), 321 (Störung von Wasserleitungen u. s. w.) vorgesehenen Vergehen anpreist oder als erlaubt dar stellt, finden die Straf-Vorschriften Anwendung, die nach § 111 Absatz 2 für den Fall der Aufforde­rung zur Begehung einer folchen strafbaren Handlung gelten." Dieser § 111 Absatz 2 ist inzwischen von der Kommission abgelehnt worden. Abg. Greiß und Gen.(Centr.) beantragendagegen, § 111 afolgender­maßen zu fassen: „Gegen Denjenigen, welcher auf die im § 110 bezeichnete Weise ein Verbrechen oder eines der in den §§ 115, 124, 125, 166 (Gottesläste­rung und Beschimpfung einer christlichen Kirche), 167 (Störung des Gottesdienstes), 172 (Ehebruch), 201 (Herausforderung zum Zweikampf), 205 (ZweikamPf), 242, 305, 317, 321 vorgesehenen Vergehen anpreist oder als rühm­lich darstellt, um zu deren Begehung anzu­reizen, finden die Straf-Vorschriften Anwendung, die nach § 111 Absatz 2 für den Fall der Aufforderung zur Begehung einer solchen Handlung gelten." Abg. Dr. Barth (frei). Verein) beantragt, in § lila die aufgeführten §§ 124 und 253 zu streichen, dagegen die gegen das Duell gerichteten §§ 201, 202 und 205 aufzunehmen. Abg. Boltz (kons.) beantragt da­gegen folgende Fassung: „Die Straf-Vorschriften, die nach §111 Absatz 2 für den Fall der erfolglosen Auf­forderung gelten, finden auch gegen Denjenigen An­wendung, welcher auf die im § 110 bezeichnete Weise ein Verbrechen oder eines der in dem Paragraphen vorgesehenen Vergehen (Widerstand gegen die Statsgewalt) unter Umständen anpreist oder als erlaubt darstellt, die geeignet sind, Andere zurBegehung solcher strafbaren Handlungen anzuregen." Im Laufe der Debatte erklärte Staats­sekretär Nieberding, die Anträge des Cen­trums und des Abg. Barth seien für die Re­gierung unannehmbar. Dem Staatsanwalt müffe die Möglichkeit gewahrt bleiben, die verbrecherische Ab­sicht nachweisen zu können, deshalb müsse auch die indirekte Aufforderung unter Strafe gestellt werden. Sollten die Anträge Greiß und Barth angenommen werden, dann sei § lila für die Regierung gegen­standslos und dann habe auch das ganze Gesetz für sie kein Interesse mehr. — Abg. Spahn hielt an dem Grundgedanken des Antrags Greiß fest, der indessen im Einzelnen ja noch eine bessere Fassung erhalten könne. Die Debatte wurde schließlich auf Montag vertagt.

* Der Bundrsrath trat heute Mittag zu einer

Frau von Garkau kniete neben dem Betlchen und preßte ihre kalte Hand auf die brennende Stirn des kranken Kindes.

„Evy, mein Liebling, sage Mama, was Dir fehlt," flüsterte sie ihr so liebevoll zu, wie es das Kind wohl noch nie von der Mutter gehört haben mochte.

Das Kind öffnete seine Augen nnd lächelte matt. Barbaras Augen füllten sich unwillkürlich mit Thränen, sie verstand, wie sehr das Herz des Kindes sich nach der Mutter sehnte.

„Mein Kopf, — mein Hals," stöhnte das Kind.

„Was mag ihr nur fehlen, Gretchen?"

Frau von Garkau hatte in der Krankenpflege wenig Erfahrung. Die Kinder waren bis jetzt immer gesund gewesen. — Gretchen stand sprachlos; sie war alt, hatte die Kinder stets gewissenhaft beabsichtigt, aber sie war keine gute Krankenwärterin.

Barbaras scharfer Blick erkannte sogleich die Ursache des heftigen Fiebers. Schnell entblößte sie die Brust der Kleinen und fand, was sie befürchtete: das Kind war über und über mit feurig rothen Fleckchen bedeckt. — Sie zeigte dieselben ihrer Stiefmutter.

„Ich halte es für gut, wenn der Arzt so bald wie möglich gerufen wird, Frau von Garkau," sagie sie ganz bestimmt, „Eveline scheint Scharlachfieber zu haben. — Ich hatte es selbst in meinen Kinderjahren, fürchte daher keine Ansteckung, — Gretchen sagt mir, die Krank­

Sitzung zusammen, in welcher über die Tabaksteuer­vorlage und über die Ausschußanträge betreffs der Einführung der Sonntagsruhe für die Indu­strie abgestimmt worden sein dürfte.

* Der Reichstag, dem die Tabaksteuer- und die Finanzreformvorlage zugegangen sind, überwies die Vorlage betreff, die privatrechtlichen Verhältnisse der Binnenschifffahrt und der Flößerei an eine besondere Kommision. Die Abgg. Zimmermann (dtsch. soc.), Wellstein (Ctr.) und Dr. Hahn (b. k. Fraktion) stimmten darin überein, daß die Interessen der Schiffer bei der Binnenschifffahr svorlage nicht ausreichend be­rücksichtigt worden seien. Abg. Gerisch (Soc.) er­klärte die Flößerei-Vorlage für unannehmbar, weil sie die Floßmannfchasten nicht vor Ausbeutung schütze. Es folgte die erste Berathung der-Vorlage über die Gewerbezählung. Abg. Dr. Schönlank (Soc.) ver­langte eine weitergehende Spezialisirung. Die Kom­mission müsse die Formulare für die Zählung vor­schreiben und ein Volks- und Berufszählungsgesetz schaffen, als wie es in Oesterreich längst exiftire. Unter­staatssekretär Dr. von Rottenburg wies die Be­hauptung Schönlanks zurück, daß der Bundesrath die Zählung fürchte, weil sie die Richtigkeit der socia- listischen Lehre ergeben würde. Die Formulare für die Berufszählung feien bekannt und würden im ,Reichsanzeiger' veröffentlicht werden. Ueber eine Volkszählung sei noch kein Beschluß gefaßt; werde eine solche beschlossen, so werde sie jedenfalls Anfangs Dezember stattfinden. Abgg. Dr. Hasse (ntl.) und Hitze (Ctr.) bemängelten die ungenügende Vorbe­reitung der Vorlage, die schließlich einer 14er-K o rn- mission überwiesen wurde. Schließlich wurde de Vorlage betreff. Zollzuschlag auf spanische Provienzen in 1. Lesung erledigt. Abg. Sali sch kündigte Na­mens der Konservativen einen Antrag für die 2. Lesung an, wonach Spanien gegenüber auch zollfreie Gegen­stände mit einem Zoll belegt werden sollen. Abg. Dr. Hammacher hat hiergegen gewisse Bedenken, empfahl aber die Regierung zu ermächtigen, den Zoll­zuschlag für zollpflichtige Gegenstände über 50 Prozent zu erhöhen. Die zweite Lesung findet Dienstag statt, außerdem erste Lesung der Gewerbeordnungsnovelle.

* Der gestern vom Bundesrathe angenommene Gesetzentwurf über die Finanzreform im Reiche be­stimmt, daß die Matrikular-Beiträge — ausschließlich der von einzelnen Bundesstaaten der Reichskasse zu zahlenden besonderen Ausgleichungs-Beiträge — nur in der Höhe in den Reichshaushalt - Etat einzustellen sind, welche den veranschlagten Gesammt - Betrag der dem Bundesstaate zustehenden Ueberweisungen aus den Zöllen der Tabaksteuer, der Reichsstempel-Abgaben und die Verbrauchs-Abgabe für Branntwein nicht übersteigen. Ergibt sich für ein Etatsjahr ein höherer Betrag an Ueberweifungen, als er veranschlagt worden, so ver­bleibt der Mehrbetrag dem Reiche. Erreichen hingegen die Ueberweisungen nicht die festgesetzte Höhe der heit soll unten im Dorfe herrschen; viele Kinder sind schon davon befallen."

„Scharlach?!" ächzte die Freifrau und wurde leichenblaß, „und Alex--ist er auch krank? Ich

muß sofort zu ihm!"

Sie erhob sich und, vor Schreck gelähmt, würde sie ohnmächtig zusammengebrochen sein, wenn Barbara sie nicht mit starken Armen aufgefangen und sanft auf ein Ruhebett niedergelegt hätte. Gretchen eilte mit kaltem Wasser herbei.

„Laß nur, Gretchen, kümmere Dich nicht um mich, gehe nach den Kindern," hauchte die Freifrau matt

Gretchen blickte erst Fräulein Norden an, die ge­rade einem reitenden Boten den Befehl gab, schnell den Arzt zu holen; auf ihren Wink entfernte sie sich und ging zu Eoeline, die jetzt ruhiger geworden war. — Jetzt war Barbara fest entschlossen, die Stellung als älteste Tochter des Hauses einzunehmen, die ihr rechtmäßig zukam.

„Liebe Frau von Garkau," sagte sie daher besänf­tigend, „beruhigen Sie sich. Vielleicht tritt die Krank­heit nicht heftig auf, und die Kinder sind ja kräftig und gesund, sie werden sie schon Überstehen."

Sie hatte leise ihren Arm um den Hals der Stief­mutter gelegt, und diese Berührung schien wohlthuend auf sie einzuwirken. Sie trocknete ihre Thränen, trank das dargereichte Wasser und richtete sich wieder auf.