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22. Jahrgang
Samstag, den 26. Januar 1895.
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Deutsches Reich.
Berlin, 24. Januar.
* Die Berufung des Staatsraths soll nunmehr nahe bevorstehen. Es heißt, daß der Kaiser bei Berathung landwirthschaftlicher Fragen im Staatsetat den Vorsitz desselben persönlich zu übernehmen gedenkt.
* Beim Kriegsminister General Bronsart von Schellendorff findet heute ein parlamentarisches Essen statt, dem im Laufe der nächsten Woche noch verschiedene folgen werden. Geladen sind dazu stets Abgeordnete aus verschiedenen Fraktionen des Reichstags.
* In der Hauptversammlung des Vereins Berliner Künstler wurde beschlossen, im Jahre 1896 eine große internationale Kunstausstellung in Berlin zu veranstalten. Anton v. Werner wurde zum Ehrenmitgliede gewählt.
* Der Reichstag setzte vor schwach besetztem Hause die Berathung der Zolltarifnovelle fort, wobei es zwischen dem Abg. Grafen Kanitz (kons.) und dem Staatssekretär Frhr. v. M a r s ch a l l über die Wirkungen des russischen Handelsvertrags zu Auseinandersetzungen kam. Letzterer bemühte sich, den Vertrag zu ver- theidigen, der einen Aufschwung des Exports vieler unserer Jndustrieerzeugnisse zur Folge gehabt habe. Die in Rußland an den Vertrag bezüglich Ausfuhr von Getreide zu höheren Preisen geknüpften Erwartungen hätten sich nicht erfüllt. Der russische Roggen sei seit dem Vertragsabschluß von 45 auf 25—30 Kopeken pro Pud gefallen. Die russische Roggenausfuhr betrug im vorigen Jahr nur 2/s des Exports in früheren normalen Jahren, an russischem Hopfen kamen seit Abschluß des Vertrages nur 317 Doppelcentner nach Deutschland, während 4300 Doppel- centner deutscher Hopfen nach Rußland gingen. Die wirthschaftliche Depression sei ein allgemeines Uebel, das ebenso in Europa wie in Amerika bestehe. Von der Nothwendigkeit der Gesunderhaltung der Land- wirthschaft sei die Regierung ebenso überzeugt wie Graf Kanitz. Auch die Abgg. Dr. Barth (fr. Vrg.) und Möller (ntl.) suchten die Handelsverträge zu rechtfertigen. Im Uebrigen drehte sich die Debatte wesentlich um die Forderung eines Zolls auf Que- brache-Holz und die vorgeschlagene Einführung des Zolltarifs auf Baumwollsamenöl. Die Vorlage ging
Die Tochter des Houses.
11 Erzählung von C. Borges.
Nachdruck verboten.
Die Freifrau blickte in die vom Spiel hoch ge- röcheten Wangen und in die freudestrahlenden Augen ihrer Lieblinge, die den stets zum heiteren Spiel bereiten Onkel wie einen verzauberten Prinz aus dem Märchenbuche betrachteten.
„Ihr Alle verwöhnt mir die Kinder", schalt sie lachend.
„Erzähle uns noch eine Gespenstergeschichte", rief Edmund. „Mama, er weiß so viele schaurig schöne Geschichten, die alle wahr sind."
„So, wirklich? Weißt Du denn nicht, daß Gespenstergeschichten nur erdacht sind, Edmund? Aber zuerst wollte ich mit Dir über einen Brief sprechen, Arthur, den ich soeben bekommen habe. Olga und ich kamen gerade deshalb hierher. Da fällt mir ein, Olga, daß ich Dir unsere neue Gouvernante noch nicht vorgestellt habe. Fräulein Norden — Fräulein Rosen!"
Die beiden jungen Damen verneigten sich. — Die elegante Haltung, überhaupt das ganze unleugbar hübsche Aeußere Olga's verfehlte nicht den günstigsten Eindruck auf Barbara, und dennoch lag etwas in ihrem Wesen, in ihrem Antlitz, was ihr nicht gefiel.
schließlich an eine 21er - Kommission. Morgen: Binnenschifffahrtsgesetz.
* Der nationalliberale Abgeordnete Herr Ernst v. Eyneru hat es nicht unterlassen können, in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses von Gustav Adolf von Schweden und dem General Tilly, den er einen „Mordbrenner" nannte, zu reden. Es wundert uns nur, fagt die,Germania', daß er nicht auch wieder vom „geweihten Degen des Generals Daun" gesprochen hat. Wir wollen nicht verfehlen, auf diesem Wege den geehrten Herrn darauf aufmerksam zu machen, daß in demselben Buche, in dem sein „geweihter Degen Dauns" kalt gestellt worden ist, auch die Anklage gegen Tilly als „Mordbrenner" widerlegt ist: in den „Geschichtslügen", die bei Schöningh in Paderborn erschienen sind. In der 8. Auflage des Jahres 1889 ! Seite 548 u. ff. ist die Geschichtsforschung des Abg. ! v Eyneru betreffs des „Degens von Daun" ins rechte i Licht gesetzt, und S. 480 ff. wird die gegen Tilly er- ■ hobene Anklage, er habe Magdeburg zerstört, widerlegt ; und mitgetheilt, daß sogar protestantische Schrift- ! steiler zugegeben, daß die Zerstörung entweder durch ! die Bürger der Stadt selber oder durch die Schweden | erfolgte. Ob Herr v. Eynern nun widerrufen wird?
* Die Abänderung des preußischen Bereinsgesetzes als Ergänzung der Umsturzvorlage gilt als sicher, wenngleich eine diesbezügliche Vorlage nicht offiziell angekündigt ist. Jedenfalls wird es für die Beur- theilnng der Umsturz- und Oppositiousvorlage, die für das ganze Reich bemesfen ist, von wesentlichem Werthe sein, schon jetzt authentisch festzustellen, welche weiteren Schritte zur „Bekämpfung des Umsturzes" parallel mit der Reichsgesetzgebung einzelne Landes- gesetzgebungen zu thun beabsichtigen, noch viel wünschens- werther wäre es, wenn bei derselben Gelegenheit zugleich festgestellt werden könnte, in welcher Weise besonders seitens der preußischen Regierung eine positive Aussührung des kaiserlichen Ausrufs zum Kampfe für Religion, für Sitte und Ordnung ins Auge gefaßt worden ist.
* Der Centralvorstand des Evangelische» Bundes erläßt wieder einmal eine geharnischte Erklärung. Diesmal richtet sie sich gegen den Abg. Gröber, weil der im Reichstage von den „Mordbrennereien des schwedischen Eroberers, des Königs Gustav Adolf" gesprochen. Das lächerliche Aktenstück, in dem mit besonderem Eifer die Person des Kaisers ins Gefecht geführt wird, schließt mit der Betonung der „Pflicht für alle deutschen Evangelischen, dem unheilvollen Treiben dieses römischen Ultramontanismus entgegenzutreten," und der Pflicht solcher deutschen Katholiken, „welche nächst Gott das Vaterland über alles lieben, endlich einmal auch hiergegen ihre Stimme laut zu erheben." Also die Vaterlandsliebe fordert die Verherrlichung eines fremden Eroberers, der unsägliches Elend über Deutschland gebracht hat? Sonst war man doch zufrieden, ihn als Retter des „Evangeliums" zu
— Sie warf einen flüchtigen Seitenblick auf den Oberst, der den Brief seiner Kousine las und dachte bei sich selbst:
„Wird er die Wünsche und Hoffnungen erfüllen, die meine Stiefmutter in ihn setzt und Fräulein Rosen zur Gattin wählen?"
„Nun, Eveline, was wünschst Du denn, daß ich thun soll?" fragte er den Brief zurückreichend. „Du weißt, ich bin kein Spielverderber und komme immer in der Absicht hierher, mich den verschiedensten Situationen anzupaffen. Befiehl also über mich; ich Dein gehorsamer Diener will jedem Deiner Winke Folge leisten."
„Fräulein Norden könnte uns gut helfen, wenn sie wollte," sagte die Freifrau, einen vielsagenden Blick auf Barbara werfend.
„Gewiß will ich helfen, — von Herzen gern. Um was handelt es sich, Frau vou Garkmi?"
„Lesen Sie diesen Brief."
Es war eine Bitte der Gräfin Wertfeldt, zur bevorstehenden Verlobungsfeierlichkeit der ältesten Tochter ein altdeutsches Quartett aufzuführen.
„Die Gräfin ist mir eng befreundet, und ich mag ihr diese Bitte nicht gern absagen, denn es wird von allen Gästen erwartet, daß sie nach Kräften zur Unterhaltung beitragen", erklärte die Freifrau. „Es werden Tableaux gestellt, kleine Lustspiele aufgesührt und viel
feiern. Es scheint wirklich an der Zeit, als Gegenstück zu den Ultramontanen für die Schweden-Freunde die Bezeichnung Ultramarine zu wählen. Es scheint ja den Herren jenseits der Ostsee ausgezeichnet zu gefallen.
* Karlsruhe, 23. Jan. Die ,Karlsruher Zeitung' bestätigt, daß die Bundesraths-Ausfchüsse die Tabaksteuer ohne die Zollerhöhung, aber unter namhafter Herabsetzung des Steuersatzes für Rauchtabak annahmen. Letzteres entspräche laut offiziöser Mittheilung den Petitionen der Tabakpflanzer und den Beschlüssen der /kürzlich stattgehabten Konferenz im Ministerium des Innern.
Ausland.
* Pest, 22. Jan. Das ungarische Abgeordnetenhaus hat gestern den bisherigen Justizminister von Szilagyi mit 207 gegen 145 Stimmen zu seinem Präsidenten gewählt. Der Gegenkandidat war Julius Justh, den alle außerhalb der liberalen Partei stehenden Gruppen gemeinsam aufgestellt hatten. Zum Vlze- präsidenten wurde Berzeviczy mit 214 gegen 152 Stimmen gewählt. — Der Kaiser Franz Joseph ist gestern in Pest eingetroffen.
* Brüssel, 23. Jan. Das offiziöse ,Handelsblad' bestätigt die Absicht des Königs, im Falle der Verwerfung der Kongo-Vorlage abzudankeu und sich nach England zurückzuziehen. Die Nachricht ruft großes Aufsehen hervor.
* Triest, 23. Jan. Die ,Gazetta di Venezia' meldet: Ausländische Manifeste laden die italienischen Anarchisten zu dem am 15. Februar stattfindenden Kongreß nach Zürich ein. Für den Kongreß gibt sich unter den italienischen Anarchisten Oesterreichs ein lebhaftes Interesse kund. Auch Nichtitaliener werden an dem Kongreß theilnehmen können.
* Athen, 24. Jan. Die Ernennung der Mitglieder des von Delyannis gebildeten Kabinets ist unter der Bedingung erfolgt, daß die Minister während der nächsten Parlaments-Wahlen nicht als Kandidaten auftreten.
* London, 23. Jan. In Evesham fand nach -er— gestrigen Ersatzwahl ein blutiger Zusammenstoß zwischen Konservativen und Liberalen statt; ein Konservativer schoß auf Liberale und verwundete vier Personen tödtlich. Kurz darauf erfolgte seine Verhaftung.
* New-Uork, 22. Jan. Die durch den Ausstand der Tramway-Beamten in Broklyn geschaffene Lage wird immer ernster. Die Ausständischen zertrümmerten einige Wagen, und es kam mehrfach zu Zusammen- stößen zwischen ihnen und der bewaffneten Macht. Dabei wurden eine große Zahl Männer, Frauen und Kinder zu Boden gerissen. Einige wurden durch Bajonettstiche verwundet; auch mehrere Soldaten erlitten Verletzungen. Vor den Eingängen zu den Stallungen wurden Kanonen aufgefahren. Die Bevölkerung
musizirt. — Zum Glück kommt morgen Graf Udo von Eckernstein, er singt Baß; — Du, Arthur, hast einen vorzüglichen Tenor. Ich singe Sopran; es fehlt uns also nur der Alt. Wollen Sie diese Stimme übernehmen, Fräulein Norden?"
„O ja! von Herzen gern. Ich bin Ihnen sogar aufrichtig dankbar, daß Sie auffordern."
„Das ist gut, und wäre also zur Zufriedenheit abgemacht. Kommen Sie nach dem Abendessen — um neun Uhr — in den Salon, dann können wir ein wenig üben. Olga, ich fürchte, Du wirst zuhören müssen, — es ist doch schade, daß Du nicht musikalisch bist, - hoffentlich wird es Dir nicht allzu langweilig."
Fräulein Rosen lächelte und versicherte, daß es ihr Freude mache, zuzuhören, jedoch der mißmuthige Blick strafte ihre Worte Lügen.
Als der Oberst am Abend in den Salon trat, fand er seine Kousine bei der Durchsuchung der Noten.
„Warum lächelst Du, Arthur?" fragte siegihn, „hast Du etwas Belustigendes gehört?"
„Gerade nichts Besonderes, Eveline. Aber ich will's nur gestehen: — ich lachte über Dich. — Du hast mich verschiedentlich gewarnt, Fräulein Nordens Gesellschaft zu meiden und jetzt arrangirst Du selbst eine ganz allerliebste Zusammenkunft. Wenn ich mich