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Freitag, den 25. Januar 1895.
22. Jahrgang
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[] Bon der Etatsberathung im Abgeordnetenhause.
Die Debatte vom zweiten Tage der Etatsberathung kann ihrem Inhalte nach in der Hauptsache in drei Theile zerlegt werden: zunächst in ein Machspiel zu der vom Abg. Richter am Montag >angeschnittenen Erörterung über die Unsicherheit innerhalb der Regierung, ferner in eine land- wirthschaftliche und drittens eine kirchenpolitische Debatte. Die eigentlichen Finanzfragen, wie j auch die Reichssteuergesetzgebung, traten in den Hinter- • gründ. Bemerkenswerth ist in dieser Hinsicht nur, ein- jmal, daß der Abg. Bachem erklärte, das Centrum halte unter allen Umständen an der Franckenstein'schen Klausel und an dem Versprechen der Regierung fest, ^.Kosten der Militärvorlage auf die stärkeren Schultern jw-- legen; und zweitens, daß der konservative Abg. jb. Erffa deutlich genug die „Reichsregierung" zu einem Staatsstreich aufforderte, indem er erklärte: Kie verfahrene Reichsmaschine dürfe nicht mit preußischem geschmiert werden; tauge die Konstitution des Reiches nichts, so müsse sie durch eine bessere ersetzt werden. So oder doch ähnlich sprach sich der konservative Redner aus, ohne zu bedenken, daß dadurch der im Volke ohnehin schon weit genug verbreiteten Beunruhigung neue Nahrung zugeführt wird. Da kann es wenig helfen, daß Fürst Hohenlohe, der sich inzwischen auch auf eine Erwiderung der gestrigen Angriffe des Abg. Richter besonnen hatte, ermahnte, alle beunruhigenden Meldungen — er sprach freilich zunächst von den Krisengerüchten — von sich abzuschütteln, wie die Tropfen vom Regenmantel. In seiner heutigen Rede, dem Nachspiel zu den gestrigen „kritischen" Erörterungen, verbreitete sich der Fürst recht behaglich über die Erfahrungen, die er früher selbst mit solchen Krisen-Meldungen gemacht hat, Erfahrungen, aus denen er den Schluß zieht, daß alle solche Meldungen dem unbefriedigten Ehrgeiz von Leuten entspringen, die sich für große Staatsmänner halten und ihre speziellen Freunde in dieses oder jenes Amt bringen Hüöchten. Bei dieser Gelegenheit entschlüpfte ihm das Wort, als bayerischer Ministerpräsident habe er diese Erfahrungen nicht gemacht, da seien die Zeiten zu ernst dazu gewesen, und er sei schließlich „durch ein mich ehrendes Mißtrauensvotum" beseitigt worden. Daraus könnte man ja beinahe schließen, es thue dem Fürsten Hohenlohe doch nicht leid, daß er damals eine kulturkämpferische Politik getrieben, denn gegen diese richtete '.sich das Mißtrauensvotum der bayerischen Kammer! 'Der Herr Fürst wird sich jedenfalls über diesen Punkt - bei nächster Gelegenheit noch etwas spezieller äußern müssen.
Den breitesten Raum in der heutigen Verhandlung nahmen die landwirthschaftlichen Fragen ein. Abg. Dr. Bachem erkannte die einste Nothlage der Landwirthschoft vollkommen an und erklärte deshalb,
Die Tochter des Hooses.
10 Erzählung von C. Borges.
Nachdruck verboten.
4. Kapitel.
Tage waren vergangen. Barbara hatte weder den jungen Offizier noch Fräulein Rosen gesehen, denn wenn Gesellschaft im Schlosse war, mußte die Gouvernante im Schulzimmer bleiben.
Da pochte es an die Thür.
„Ich bin's, darf ich hereinkommen?" fragte leise eine geheimnißvolle Stimme.
„Es ist Onkel Arthur," erklärte Eveline.
Die drei Kleinen saßen wie gewöhnlich um Barbara geschaart, die aus einem Märchenbuche vorlas.
Wieder ertönte das Klopfen.
„Herein!" rief Barbara.
„Habt Ihr hier ein Plätzchen für mich, Kinder?" . fragte scherzend der Oberst.
,-Sa — ja!" ertönte es aus drei hellen Kehlen ^und jauchzend sprangen die Kinder auf, den geliebten Cnfeljrt ihre Mitte ziehend.
„Fräulein Norden," begann er, als er das Buch in Barbara's Hand sah, „lesen Sie weiter, bitte. Ich böre gern Geschichten und wollte mich hier ein wenig amüsiren. Unten ist's entsetzlich langweilig. Herr von Garkau sieht kaum von seiner Zeitung auf und Fräu-
daß — umgekehrt wie in den letzten Jahren — von jetzt ab die Mittel des Staates vorwiegend der Landwirth- schast zu Gute kommen müssen. Daraus ergibt sich, daß der konservative Abg. v. Erffa absolut keine Berechtigung hatte, dem Centrum vorzuhalten, daß es nur gute Worte für die Landwirthschaft habe, nun endlich aber auch Thaten fehen lassen müsse. Freilich verstehen die Herren von der Rechten unter „Thaten" ja immer nur den Antrag Kanitz, den wir allerdings sowohl aus grundsätzlichen, wie aus praktischen Gründen durchaus ablehnen müssen. Die kirchenpolitische Debatte knüpfte an die Wiederholung der Paritätsbeschwer den durch den Abg. Bachem an, bei deren Nennung es den Herren auf. der Rechten schon unge- müthlich wurde. Dadurch, daß wir unsere Klagen jedes Jahr wiederholen müssen, werden sie gewiß nicht unbegründeter, sondern ihre Berechtigung wächst, je länger die Regierung, wie die anderen Parteien den moralischen Muth nicht finden können, dieselbe anzuerkennen und demgemäß unseren Beschwerden gerecht zu werden. Es ist bezeichnend, daß sowohl von links wie von rechts, vom Abg Rickert wie vom Abg. v. Erffa, die Berechtigung unserer Klagen, ja überhaupt der bloßen Forderung der Parität geleugnet wurde; man ersieht daraus klar, daß wir, wenn es darauf ankommt, den Katholiken ihr Recht zu geben, diese den ganzen Protestantismus, die „Liberalen" wie die „Orthodoxen" gegen sich haben, daß sie auf Hilfe, insbesondere von rechts, nicht zählen dürfen. Nicht minder bezeichnend ist auch, daß Herr Miquel von paritätischer Verwendung der staatlichen Mittel nichts wissen wollte; gibt es einen besseren Beweis für die Nothwendigkeit einer stärkeren Vertretung der Katholiken innerhalb der Regierung? So lange die katholische Abtheilung des Kultusministeriums nicht wiederhergestellt ist, werden wir — das geht aus der Abweisung seitens des Herrn Miquel hervor — nicht darauf rechnen dürfen, daß auch unsere katholischen Bedürfnisse mit der nöthigen Entschiedenheit innerhalb der Regierung, speziell auch dem Finanzminister gegenüber, zur Geltung gebracht werden. Darum gilt auch in diesem Punkte: Restitutio in integrum ! Volle Wiederherstellung dessen, was vor dem Kulturkampf unser Recht und unser Schutz war!
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Januar.
* In der Budgetkommissivn des Reichstags wurde gestern bei der Weiterberathung des Militäretats vom Staatssekretär Graf Posadowsky eine Verbesserung der Bestimmungen über die Entschädigung von Flur- j schäden in Aussicht gestellt. Ferner wurde auch i endlich die längst vom Reichstage verlangte Neurege- ! lung des gänzlich veralteten Reisekosten- und j Tagegelderwesens der höheren Beamten u. s. w. j jetzt fest versprochen. Im Uebrigen war die Ver-
lein Rosen unterrichtet meine gute Kousine über die neueste Mode. Tas konnte ich nicht länger ertragen und flüchtete mich hierher zu Ihnen."
„Erzähle uns eine Gespenster - Geschichte, aber so schrecklich, wie Du sie nur weißt. Fräulein Norden fürchtet sich nicht so, wie früher Fräulein Müller," baten die Kinder.
„Wirklich nicht?" scherzte er mit einem bedeutungsvollen Blick auf Barbara. „Dann kann ich ja wohl die schauerigste erzählen, die ich weiß. — Für diese kleinen Trabanten ist nichts haarsträubend genug, das weiß ich aus Erfahrung."
Er setzte sich in einen Sessel, gerade Barbara gegenüber, die beiden Knaben auf seinen Knieen schaukelnd.
Er war ein vorzüglicher Erzähler, der es wohl verstand, seine Zuhörer in Spannung zu halten. Die ! Kinder lauschten athemlos seiner selbsterdachten Gespenster-Geschichte, die er in den grellsten Farben ausmalte.
Doch lange konnte die kleine Schaar nicht still sitzen, und Onkel Arthur, welcher der Anstifter aller erdenklichen Spiele war, freute sich, wenn es recht lustig und toll im Schulzimmer herging. Die Zeit war ihm hier so schnell verflogen, daß er momentan erschrak, als plötzlich die Thür sich öffnete und seine Kousine mit Fräulein Rosen auf der Schwelle erschienen.
„Nun, hat man je in der Welt einen solchen Lärm ■
j Handlung ohne allgemeines Interesse; Abstriche wurden ■ heute nicht gemacht.
* Die GefchästsordnungskomMission des Reichstags hat sich gestern über die Reihenfolge (Priorität) der Initiativanträge dahin geeinigt, daß alle innerhalb der ersten 10 Tage der Session eingebrachten Anträge als gleichzeitig eingebracht gelten sollen; über die Reihenfolge ihrer Berathung soll der Senioren - Konvent entscheiden. Wenn die Berathung eines Antrages an einem „Schwerinstage" nicht fertig wird, so soll sie nicht, wie bisher, erst am nächsten „Schwerinstage", sondern gleich am folgenden Tage fortgesetzt werden.
* Behufs Besprechung des ministeriellen Reformplans, betreffend die Handelskammern, fand gestern eine Besprechung preußischer Handelskammern statt. Auf Wunsch des Handelsministers sind die Verhandlungen vertraulich.
* Der Reichstag setzte die neulich abgebrochene Berathung der Anträge, betr. Organisation des Handwerks (Handwerker-Kammern und Befähigungs Nachweis), fort. Abg. Bedek (frs. Vp.) verwarf die Handwerker-Kammern, den Befähigungs-Nachweis und die Innungen. Nur Fleiß und Sparsamkeit könnten dem Handwerk helfen. Abg. M etzn e r (Centr.) verlangte Befähigungs- Nachweis und Zwangs-Innungen. Wenn die Regierung jetzt noch nicht wisse, was sie für das Handwerk > thun solle, so werde sie es auch nach Anhörung der ’ Handwerker - Kammern nicht wissen. Die Regierung solle endlich ihre alten Versprechen erfüllen, anstatt nur hin und wieder dem Handwerk einen Knochen vorzuwerfen. Staatssekretär von Bötticher suchte dies zurückzuweisen. Die Handwerker seien auf die Ber- lep'scheu Vorschläge nicht eingegangen, es mußte also an neue Vorschläge herangegangen werden. Nach seinen Feststellungen will die Mehrheit der Handwerker, namentlich in Süddeutschland, von Zwangs-Innungen nichts i wissen. Daß sich der Befähigungs-Nachweis inOester- ; reich nicht bewähre, werde von sachverständiger Seite anerkannt. Nachdem sich noch die Abgg. Schneider (frs. Vp.) und Kühn (Soz.) gegen und Lotze (Antis.) und Kropatsche! (kons.), letzterer im Schlußwort, dafür ausgesprochen, wurde der Antrag, betr. Einführung des Befähigungs-Nachweises, angenommen. Die Berathung der Anträge, betr. die Konsum - Vereine, wurde abgesetzt, nachdem Staatssekretär v. Bötticher mitgetheilr hatte, daß dem Bundesrathe ein Gesetzentwurf, betr. Abänderung des Genossenschasts - Gesetzes, zugehen werde. Morgen: Zolltarif-Novelle, Binnenschifffahrts-Gesetz.
* Das Abgeordnetenhaus setzte auch heute die erste Lesung des Etats fort. Abg. Motty (Pole) beschwerte sich über angeblich ungerechte Behandlung der Polen. Abg. v. Eynern (nl.) klagte über zu harten Steuerdruck und über zu scharfe Veranlagung, sprach für Konvertirung der 4 prozentigen Konsols, wünschte größere Aufwendungen für den Kleinbahnbau und gehört!" schalt die Freifrau mit finsteren Blicken, doch unwillkürlich flog ein Lächeln über ihr Antlitz, als sie die Situation überschaute.
Die Kleinen spielten ein ganz neues Spiel, Onkel Arthur's höchst eigene Erfindung, auf die er nicht wenig stolz war. Der Tisch war bei Seite geschoben. Onkel Arthur kauerte auf Händen und Füßen darunter; er stellte einen bissigen Hund dar, der am Tischfuße angebunden war. Knurrend und bellend versuchte er, die Kinder zu erhaschen, die sich in wilden Sprüngen dem Tische näherten und jedesmal laut aufjauchzten, wenn sie glücklich entwischt waren.
Barbara hatte sich entschieden geweigert, an diesem wilden Spiele theilzunehmen, aber sie freute sich über das Vergnügen ddr Kleinen und lachte herzlich mit.
„Fräulein Norden! Wie können Sie einen solchen Spektakel hier dulden!"
Es lag etwas in dem Tone der Stiefmutter, was Barbara sogleich wieder an ihre untergebene Stellung erinnerte. Sie hatte in diesem Augenblicke ganz vergessen, daß sie ja nur die arme Gouvernante war, die nicht in harmloser Weise mit dem jungen Offizier lachen und scherzen durfte.
Fräulein Rosen, ein zierliches, junges Mädchen mit hellblonden, krausen Haaren und unschuldig blickenden wasserblauen Augen, stand in sprachlosem Erstaunen wie angewurzelt da Sie hatte selbst keine kleineren Ge-