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Donnerstag, den 24. Januar 1895. 22. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 22. Januar.

* In der gestrigen Sitzung der Umsturz-Kommission standen zunächst die §§ 111 u. Illa zur Erörterung. Staatssekretär Nieberding erklärte, der Kommission werde noch heute Abend das durck den Antrag Spahn gewünschte Material über die bezüglichen Bestimm­ungen in den anderen Staaten zugehen. Die zweite, in jenem Anträge enthaltene Forderung — Material zur Begründung der beantragten Verschärfungen des geltenden Rechts — könne die Regierung aber nicht erfüllen, sie müsse sich darauf beschränken, bei den ein­zelnen Paragraphen die nöthige Aufklärung zu geben. Abg. Spahn (Ctr.) beantragte eine Milderung in § illa dahin, daß nicht nur Gefüngnißstrase, sondern statt derselben auch Geldstrafe zulässig ist. Zu Be­schlüssen kaum es heute noch nicht; die Kartellparteien waren mit den vorgeschlagenen Bestimmungen einver­standen, die indessen Herrn v. Stumm noch nicht weit genug gingen. — Abg. Spahn (Ctr.) hat außerdem einen Antrag eingebracht, der bezweckt, zum Schutze der Sittlichkeit im Wesentlichen die Bestimmungen der fallengelassenen lex Heinze in das Gesetz zu über­nehmen.

* Die halbamtliche,Berliner Korrespondenz", welche in dem unter der Oberleitung des Ministers des Innern stehenden Königlichen Literarischen Bureau heraus gegeben wird, hatte in ihrem kurzen Reichstags­bericht den Abgeordneten Graf Hompesch als „der ultra­montane Abgeordnete" bezeichnet. Dazu machte die,Germania" folgende durchaus zutreffende Bemerkung: „Wir brauchen uns freilich nicht zu schämen, wenn wir deutsche Katholiken wegen unseres treuen Fefthaitens an den Lehren und Satzungen der katholischen Kirche mit ihrem sichtbaren Oberhaupte in Rom „ultramontan" genannt werden, und der Vorsitzende der Centrums­fraktion des Deutschen Reichstags, der hochverehrte Graf Hompesch, wird erst recht in diesem Sinne an der Bezeichnung „ultramontan" keinen Anstoß nehmen. Aber anders kommt in Betracht, daß die Bezeichnung der Katholiken als „Ultramontane" und die Bezeich­nung des Centrums als „ultramontane Partei" von den Gegnern im K u l t u r k a m p f e erfunden und als eine beschimpfende Bezeichnung in Anwendung ge-

Die Tochter des Hauses.

9 Erzählung von C. Borges.

Nachdruck verboten.

Dämmerung war eingetreten. Im behaglich durch­wärmten Speisezimmer saß Freifrau v. Garkau, ihr gegenüber der soeben angekommene Vetter Arthur Dorn­burg.

„Na, dies ist mal wieder ein Sonnenblick in meinem Leben, Eveline, es athmet hier bei Dir die rechte Hei- mathsluft; ich bin so gern hier und seit meinem letzten Besuche ist schon geraume Zeit verflossen."

Oberst Dornburg schob mit diesen Worten seine Tasse zurück und streckte behaglich seine Glieder.

„Nu, was hat sich denn hier Neues zugetragen?" fuhr er heiter plaudernd fort. „Gottfried hat sich ge­wiß wie gewöhnlich in seinem Arbeitszimmer unter seinen Büchern vergraben! Hast Du mir nicht von seiner neuen Gouvernante geschrieben? Hoffentlich ist sie nicht so hartherzig und erlaubt mir ab und zu einen Besuch in's Schulzimmer! Fräulein Müller tvar früher ganz entsetzlich böse, wenn ich mich dort nur blicken ließ."

„Fräulein Norden ist durchaus nicht mit Fräulein Müller zu vergleichen, lieber Arthur/ versicherte die Kousine. „Sie ist jung und lebenslustig, die Kinder schwärmen für sie; aber leider wird sie nur wenige Monate bei uns bleiben."

„Wie kommt das?"

bracht worden ist. Die Kulturkämpfer und die Kulturpauker halten ja auch heute noch vielfach an diefer beschimpfenden und spöttelnden Bezeichnung fest, — was uns weniger genirt, — aber wenn eine halb­amtliche von dem Königlich Preußischen Ministerium des Innern unterhaltene und geleitete Korrespondenz sich einer Bezeichnung des Centrums bedient, die nach Ursprung und Gebrauch einen beschimpfenden Charakter haben soll, dann ist es an der Zeit, darauf öffentlich aufmerksam zu machen und dagegen mit allem Nach­druck Protest einzulegen; was hiermit geschieht. Die „versöhnenden"" Worte des neuen Reichskanzlers in seiner Programmrede und die Rede des neuen Ministers des Innern bei der Berathung der Umsturz- Vorlage scheinen im König!. Preußischen Literarischen Bureau nicht zur Richtschnur des Verhaltens und des guten Tons gemacht zu werden; sie werden nicht be­achtet, wenn in einer halbamtlichen Korrespondenz einem Centrumsabgeordneten nach dem Jargon kultur­kämpferischer Blätter die in diesem Jargon als beschimpfend gedachte Bezeichnung „ultramontan'" beigelegt wird. Wir werden uns das merken."

Daraufhin bringt nun die,Offiziöse Berl. Korresp." folgende Erklärung: „In dem Reichstagsberichte vom 16. d. M. ist ein Mitglied der Centrumspartei durch den Berichterstatter als „ultramontaner" Abge­ordneter bezeichnet worden. Dieser Ausdruck ist ver­sehentlich und ohne jede Absicht gebraucht worden, wovon die Empfänger der Korrespondenz Kenntniß nehmen wollen.

* Die Vorgänge in der Fenerwerkerschule haben, wie die ,Köln. Ztg." mittheilt, Erhebungen über die Zweckmäßigkeit der jetzigen Organisation der Schule veranlaßt. Hierbei habe sich eine gründliche innere Umgestaltung der Schule herausgestellt, und es seien darüber Gutachten der Anstalt und der General- Inspektion der Fußartillerie eingefordert.

* Nach der Nachweisung über die im Jahre 1894 neu verpachteten Domänenvorwerke betrug der Flächen­inhalt der in Frage stehenden Grundstücke vor der Neuverpachtung 18,642 ha mit einem etatsmäßigen Pachtzins von 1,030,888,49 Mark oder 55,30 Mark für den Hektar. Bei der Neuverpachtung betrug der Flächeninhalt 18,699 ha und dessen Grundsteuerrein­ertrag 468,059 Mark. An Pachtzins wurden erlangt im Ganzen 937,458,20 Mark oder 50,13 Mark für den Hektar. Nur in den Provinzen Sachsen und Han­nover war ein geringer Mehrertrag von im Ganzen 1408,79 Mark zu verzeichnen.

* Der Reichstag trat heute in die erste Lesung der Zolltarifnovelle ein, die vom Staatsfekretär Grafen von Posadowsky eingehend von Position zu Position be­gründet wurde, wobei er zum Schluffe noch hervorhob, daß diejenigen, welche die baldige Herausgabe des Waaren- verzeichnisses wünschten, dafür sorgen möchten, daß die Vorlage so schnell als möglich Gesetz werde. Abg.

„Wir hatten eine andere Dame engagirt, Fräulein Wettern, die mir besonders warm für die Erziehung der Knaben empfohlen wurde. Doch sie wurde krank und sandte Fräulein Norden in Vertretung."

„Wie sieht sie aus? ist sie jung und hübsch, oder alt und häßlich?"

„Ich finde sie ganz hübsch, wiewohl ich mir eigent­lich über die Begriffe von Schönheit kein Uriheil an­maße! sie hat jedoch rothes Haar."

„Ganz mein Geschmack," scherzte Arthur.

„Wirklich? Ich glaubte, Du bewundertest hell­blondes Haar und wasserblaue Augen!"

„Zu Zeiten auch!"

„Dann wirst Du Dich freuen, daß ich Olga Rosen eingeladen habe! Wir erwarten sie noch heute Abend!"

Der junge Offizier fchaute einen Augenblick ernst seine Kousine an, dann lachte er hell auf.

„Also da hinaus geht's, meine liebe Eveline. Haha! ich weiß jetzt Bescheid! Paß auf, ich will Dir all' Deine geheimsten Gedanken sagen: Fräulein Rosen ist jung, liebenswürdig, schön, sie ist eine reiche Erbin

„Nun, das ist doch kein Uebelstand, Arthur," unterbrach die Freifrau gereizt.

„Durchaus nicht! Es würde aber doch höchst fatal sein, wenn ich mich anstatt in Fräulein Rosen in die rothhaarige Gouvernante verliebte. — Leugne es nicht, Eveline, Du siehst, es gelingt Dir nie, Deine Gedanken zu verbergen, ich lese sie, wie aus einem

Frhr. v. Stumm (Rp.) stimmte der Vorlage zu, ver­langte jedoch auch einen Zoll auf Quebrachoholz im Jn- tereffe der einheimischen Eichenwaldungen und Lohe- Industrie, während Abg. Buddeberg (fts. Vp.) diese Forderung als eine Schädigung der Lederindustrie bekämpfte. ' .

* Im Abgeordnetenhause sprach heute, bei Fort­setzung der Etatsberathung, zunächst Abg. Dr. Bachem (Centrum). Nachdem er zunächst die Krisengerichte kurz berührt hatte, konstatirte er, daß trotz der Steuer­reform der Steuerdruck nicht nachgelassen hat und überaus schwer empfunden wird. Der Auffassung, daß das Gemeindesteuerwesen zunächst auf den Realsteuem zu basiren sei, müsse er widersprechen; der Grundbesitz bedürfe vielmehr einer Entlastung. Ministerpräsident Fürst Hohenlohe nahm hierauf Veranlassung, um nochmals den Krisengerichten in der Presse engegen- zutreten, die gewöhnlich durch Staatsmänner — oder solche, die sich dafür halten — aufgebracht werden, um durch den Sturz irgend eines Ministers oder Botschafters sich an desfen Stelle zu setzen. Man sollte diese Krisengerichte so ruhig an sich ablaufen lassen, wie die Regentropfen von einem Regenmantel. Natürlich gebe es über Manches verfchiedene Meinungen innerhalb des Ministeriums, aber man bemühe sich, dieselben auszugleichen, und das gelinge auch. Abg. v. Schalscha (Centr.) schildert die Entwerthung von Grund und Boden, sowie die Zunahme der ländlichen Verschuldung und die Schädigung der Landwirthschast durch die Goldwährung. Radikale Hilfe sei noth- wendig, und diese sei nur durch Hebung der Getreide­preise möglich. Deshalb sei er für den Antrag Kanitz. Nach weiteren Ausführungen Rickerts, Miquels und Erffas wird die Debatte auf morgen vertagt.

* Die christlich-soziale Partei hielt am Freitag eine Versammlung ab, in welcher von Hofprediger a. D. Stöcker, dem Professor Adolf Wagner, dem Redakteur v. Gerlach u. A. die Angriffe des Frhrn. v. Stumm auf christlich-foziale Geistliche lebhaft zurückgewiesen wurden. Besonders scharf ging Prof. Wagner gegen Stumm vor. Er gehöre, sagte er, zu der Sorte deutscher Politiker, die ihm in innerster Seele unsympathisch seien. Was er über die Gewerbeordnung gesagt habe, die doch nur die allernothwendigsten Einschränkungen der Macht der Arbeitgeber enthalte, sei gerade so ver­hetzend und aufreizend, als was die Sozialdemokraten sagten. Mit Recht verlangten die Arbeiter höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und größere Selbständigkeit. Herr v. Stumm und seine Gesinnungsgenossen hätten dafür gar keinen Sinn. Den Leuten einfach den Mund zu verbinden, sei nicht deutsch, sondern russisch. Jeder Politiker, selbst von der beschränkten Richtung des Frhrn. v. Stumm, müsse einsehen, daß in den sozia­listischen Lehren Manches ganz und Manches theilweise richtig sei. Warum solle man denn nicht vom kollektiven Eigenthum sprechen, da wir doch Staatsforsten und offenen Buche. Doch fei nicht böse und mache Dir meinethalben keine Sorgen, ich bin nun einmal ein alter Junggeselle und werde es bleiben bis an mein Lebensende."

„Aber bedenke Deine Karriere; Du mußt hei- rathen, wenn Du als Offizier standesgemäß leben willst."

„Bah! ich nehme meinen Abschied und wandere aus. In Amerika oder in Australien fange ich dann ein ruhiges Leben als ehrbarer, biederer Landmann an; — ich würde nie eine reiche Erbin ihres Geldes willen nehmen! — Halloh! was ist denn da draußen für ein Lärm?"

„Es sind nur die Kinder, die heute mit Fräulein Norden in der Hqlle spielen. Da es den ganzen Tag regnet, können sie nicht in den Garten und baten mich, dort ihre Spiele treiben zu dürfen."

„Das ist ja herrlich! ein gutes Spiel gibt erst den rechten Appetit zum Abendessen," und ehe die Freifrau es hindern konnte, hatte Arthur die Thür geöffnet und stand in der Halle.

„Onkel Arthur! Onkel Arthur!" jubelten drei helle Kinderstimmen und umringten den Neuangekommenen.

„Halloh, Kinder, was macht Ihr hier für einen Lärm!"

„Oh, Onkel Arthur, wir haben so vielen Spaß. — Wir spielen Blindekuh, und Fräulein Norden muß uns greifen! Komm, spiele mit uns!"