mit Unterhaltrmgs-Hettagr „Sterne und Kinwen".
Mittwoch, den 23. Januar 1895.
22. Jahrgau q
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„Dem deutschen Reiche"
das soll die Inschrift sein, die nach dem Beschlüsse der Reichstagsbaukommission die Tafel über dem Hauptportal des neuenReichstagsgedän des „schmücken" soll. Dieser Beschluß würde keine Bedeutung haben, wenn nicht der Architekt des Hauses, Herr Paul Wallot, vorher eine aidere Inschrift vorgeschlagen Hütte, die vielbesprochenen Worte nämlich: ,',Dem deutschen Volke." Wir wollen nun keineswegs behaupten, daß diese Widmung die beste aller möglichen Inschriften gewesen wäre, aber sie wäre doch noch immer besser gewesen, als die allgemeine Firma: „Dem deutschen Reich." Etwas Allgemeineres und Unbestimmteres als diese Bezeichnung hätte gar nicht g.-funden werdeni können. Noch mehr fällt aber ins Gewicht — und dies allein gibt dem Beschlüsse der Bankommissivn seine politische Bedeutung —, daß die Fassung der gewühlten Inschrift, selbst wenn es nicht beabsicktigt wäre, einen geraden Gegensatz schafft zu dem Vorschläge Wallots, einen Gegensatz zwischen „Reich" und „Volk". Jedermann fühlt aus dem Beschlüsse heraus, daß dieser nur der Scheu der Kommissionsmehrheit, das Wort „Volk" in Anwendung zu bringen, entsprungen ist. Soweit haben wir es also gebracht, daß man schon vor der bloßen Nennung des Vo lkes zurückschreckt! Wir wiederholen, daß nur dieses negative Moment, die Vermeidung des Wortes „Volk", dem Beschlüsse der Baukommission seine Bedeutung giebt; wäre die Inschrift „dem deutschen Volke" nicht vorgeschlagen gewesen, so würde niemand an der gewählten Inschrift „dem deutschen Reiche" einen politischen Anstoß nehmen, sondern dieselbe nur vom Standpunkte des guten Geschmacks bedauern. Wir unsererseits stimmen denjenigen zu, welche weder die Inschrift „dem deutschen Volke", noch diejenige „dem deutschen Reiche" für eine glückliche Lösung der Jnschriftenftage halten können. Mit Recht ist in der Presse vielfach geradelt worden, daß auch nicht der geringste Schmuck, nicht das geringste Abzeichen an dem neuen Heim des deutschen Reichstags auf diese seine Zweckbestimmung hinweist und gleich jedem Beschauer sagt, daß dieses Haus nicht etwa ein Fürstenschloß oder ein Kanzlerpalais, sondern die Heimstätte und dasRathhaus derdeutschen Volksvertretung ist. Die leere Jnschriftentafel über dem Hauptportal hätte Gelegenheit gegeben, wenigstens in etwa diesem Mangel abzuhelfen. War
Die Tochter -es Hooses.
8 Erzählung von C. Borges.
Nachdruck verboten.
3. Kapitel.
Glücklicher Weise hatte Barbara eine vorzügliche Erziehung genossen, und ihre Kenntnisse waren so bedeutend, daß sie den vielen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, vollkommen gerecht werden konnte. Nur um Edmund schien Frau von Garkau besorgt. Er sollte in wenigen Monaten das Gymnasium besuchen, und sein Wissen war bis jetzt noch ziemlich mangelhaft. — Eveline's Fortschritte schienen ihr kaum der Bedeutung werth. Und doch hatte Barbara schon während der ersten Unterrichtsstunden erkannt, daß dem schüchternen, schwächlichen Mädchen bedeutend größere Geistesgaben verliehen waren, als dem jüngeren Bruder, der nicht einmal durch angestrengten Fleiß diesen Mangel zu ersetzen suchte.^
Der Freiherr blieb der neuen Gouvernante gegenüber gleichmäßig freundlich, aber zurückhaltend. Er schien sich an den Ton ihrer Stimme gewöhnt zu haben, und nur, wenn ihr heiteres, silberhelles Lachen an sein Ohr drang, zuckte er jäh zusammen, und sein ernst-trauriges Antlitz wurde noch bleicher. Den größten Theil des Tages verbrachte er in seinem Arbeitszimmer,
es denn wirklich ganz unmöglich, eine Inschrift zu finden, die den Zweck des Reichstagsgebäudes zu erkennen gibt? Der freisinnige Abgeordnete Brömel hatte vorgeschlagen, der Tafel die schlichte, aber deutliche Aufschrift zu geben: „Deutscher Reichstag". Es mag zugegeben werden, daß dies etwas nüchtern und geschäftsmäßig klingt; aber es lassen sich ja auch noch andere, wohlkingendere Inschriften denken, die dasselbe besagen. Etwa „den Erwählten des Volkes", oder irgend eine ähnliche Widmung wäre doch auch kaum zu lang gewesen. Auch wäre es ja nicht gerade noth- wendig gewesen, die Form einer Widmung zu wählen, es hätte sich auch wohl ein passender Sinnspruch finden lassen, der die Bestimmung des Gebäudes zu erkennen gegeben Hütte. Herr v. Levetzow z. B. ist ja groß in solchen Sprüchen, die auch eines poetischen Schwunges nicht entbehrten. Wir zweifeln gar nicht, daß auch aus unseren künstlerischen und literarischen Kreisen mancher gute Vorschlag hervorgehen könnte, wenn man ihrer Einbildungskraft Gelegenheit und Zeit dazu geben wollte. Jetzt, wo man weiß, weshalb die. Jnschriftentafel seither leer geblieben ist, drängt die öffentliche Meinung gar nicht mehr so heftig darauf, daß nur schnell die Tafel ihre Inschrift bekomme. Es eilt damit ganz und gar nicht! Statt das stolze Gebäude mit einer verunglückten Inschrift zu verunzieren, sollte man ruhig warten, bis eine glücklichere und wirklich zweckdienlichere Inschrift gefunden ist. Uebrigens können wir der ,Freis. Zig.' nicht so ganz Unrecht geben, die meint, daß die Baukommission jetzt überhaupt nichts mehr zu sagen habe, nachdem das Gebäude in aller Form dem Reichstage übergeben worden ist, sondern daß über die weitere Ausschmückung des Reichstagshauses nur der Reichstag selbst, durch seinen Vorstand, zu entscheiden habe. Wir können nur wünschen, daß der Reichstag sich dieser Auffassung anschließt und sich die Entscheidung darüber vorbehält, wie er sein Haus bezeichnen und schmücken will.
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Januar.
* Die Centrums-Fraktiouen des Reichstages und des preußischen Abgeordnetenhauses versammelten sich am Sonntag Nachmittag 4 Uhr im „Kaiserhof" zu einer Gedächtnißfeier für ihren verewigten Führer Windthorst, zugleich auch, um noch nachträglich den Geburtstag ihres Alterspräsidenten, des allverehrten „Papa Sieben", zu feiern, der im vorigen Monat sein 84. Lebensjahr vollendet hat, aber an Rüstigkeit und Frische manchen viel jüngeren Mann beschämen könnte. Nach dem zweiten Gange des gemeinschaftlichen Mahles erhob sich der Vorsitzende der Centrnms-Frak- lion des Reichstages, Graf Hompesch, zu einer von Herzen zu Herzen gehenden Gedächtnisrede auf den unvergeßlichen Führer Dr. Ludwig Windthorst, dessen
um hier durch angestrengte Thätigkeit Ruhe und Vergessenheit zu finden.
Als er vor zwölf Jahren eine neue Herrin in das Schloß seiner Väter einführte, war es der jungen Gattin wohl bewußt, daß der finstere Sonderling ihr nicht die volle Liebe eines jungen Herzens entgegenbrachte, denn noch immer hing sein Herz an seiner ersten Gattin, deren frühen Tod er durch seine Lieblosigkeit verschuldet zu haben glaubte.
Die junge, lebensfrohe Gattinchatte es sich zur Aufgabe gemacht, den ernsten, verschlossenen Mann mit seinem tieftraurigen Antlitz wieder aufzuheitern und ihm feinen Verlust zu ersetzen. — Es war ihr nicht gelungen. — Die arme Frau! Sie fühlte sich bitter enttäuscht und ward fast eifersüchtig auf die so früh Dahingeschiedene, bereit trauriges, kurzes Leben ihr nicht unbekannt war. Nach besten Kräften hatte sie ben Galten zu Überreben gesucht, Barbara zu sich zu nehmen, ober sie wenigstens zu besuchen; er hatte nicht gewollt. — Da hatte sie bann selbst ihrer unbekannten, bamals noch nicht achtjährigen Stieftochter einen Brief geschrieben, ben bas Kinb auch mit Hilfe ber Tante beantwortet hatte. — Dieser Brief lag wohl verwahrt mit ben wenigen, bie sie von ihrem Vater erhalten hatte, in einem Schreibpulte.
Frau von Garkau hatte nur wenige Freunde. Sie
Verlust um so schwerer empfunden werde, je länger er entbehrt werde; doch werde das Gefühl dieses Verlustes gemildert durch das Bewußtsein, daß Windthorst für immerdar geistig unter uns fortlebt, indem sich die Fraktionen bei jeder der schwierigen Fragen der Gegenwart erinnern und danach handeln, wie Windthorst gedacht und gehandelt haben würde. (Bravo!) So lange sein Geist in ihnen lebendig sei, würden sie von ihren Freunden nicht verlassen, würden sie in treuer Einigkeit fest zusammenhalten. (Bravo!) Dem Andenken Windthorst's bat der Herr Redner ein stilles Glas zu weihen. Dann feierte Graf Hompesch auch einen Lebenden, der nie an der Krankheit des Absentismus gelitten, unfern „guten, alten Sieben" (Bravo!), unb brachte ihm einen ganzen Strauß ber schönsten Glückwünsche zu seinem Geburtstage bar. Er, ber selbst bie Cen- trums-Fraktion im Reichstag und Landtag als seine Familie bezeichnet, werde von dieser auch mit dem zärtlichsten Namen „Vater Sieden" genannt. (Bravo!) In das dreifache Hoch, das Redner auf „Vater Sieden" ausbrachte, stimmte die Versammlung begeistert ein und drängte sich bann um ben Gefeierten, um glückwünschend mit ihm anzustoßen. Frhr. v. He er em an, der Vorsitzeube der Abgeorbnetenhaus - Fraktion, brachte barauf in finnigen Worten ber Gattm und Tochter Windthorst's, die sich mit ihren Verdiensten um ben verewigten Führer zugleich um bie Partei hochverdient gemacht haben, ein Lebehoch aus. Fürst Radziwill dankte im Namen der Gäste aus der polnischen Fraktion und widmete sein.Hoch der treuen Waffengemeinschaft ber polnischen unb ber Centrnms-Fraktion. Samt erhob sich auch Papa Sieben, um für die Glückwünsche seiner Parteigenossen und besonders die herzlichen Worte des Herrn Grafen Hompesch zu danken, aber die Rührung übermannte ihn, so daß er seinen Sank in die kurzen Worte zusammenfassen mußte: „Sie jetzigen Führer, diese tapferen und liebenswürdigen Männer, diese fleißigen — und alles Mögliche! Sie leben hoch!" Es versteht sich, daß die Versammlung auch in dieses Hoch mit freudiger Begeisterung einstimmte. Noch lange blieben dann nach Beendigung des Mahles die Fraktions-Genossen in gemüthlicher Geselligkeit vereint.
* Unter ben Dekorirten des Ordensfestes steht in erster Linie ber kaiserliche Botschafter in Mabrib, Herr v. Rabowitz, ber bas Großkreuz bes Rothen Ablerorbens mit Eichenlaub unb Schwertern am Ringe erhielt. Mit ber Persönlichkeit dieses Diplomaten dürfte die politische Welt wohl noch zu rechnen haben. Es folgen dann drei unserer Kirchenfürsten, der Kardinal-Fürstbischof Kopp von Breslau und der Kardinal-Erzbischof von Köln, Krementz, die den königlichen Kronenorden erster Klasse, und der Bischof von Münster, Dingel st ad, welcher den königlichen Kronenorden zweiter Klasse erhielt. Von bekannteren Persönlichkeiten erhielten noch unter andern: Sen Stern zum Rothen Adlerorden zweiter Klasse mit Eichenlaub der kaiserliche Gesandte in Rio, Geheime Regierungsrath Sr. Krauel, der Unterstaatssekretär
wußte selbst nicht, wie es gekommen war, daß die neue Gouvernante mit ihrem ehrlichen, offenen Wesen und ihrer herzgewinnenden Freundlichkeit schon nach wenigen Tagen ihr ganzes Vertrauen gewonnen hatte. — Schon oft, wenn die Stunden beendet, kam sie zu einem traulichen Plauderstündchen ins Schulzimmer, und mehr als einmal hatte sie von ihrer entfernten, unbekannten Stieftochter erzählt, die nach dem letzten Willen eines alten, exeentrischen Oheims im nächsten Jahre zu einem bedeutenden Vermögen gelangen sollte.
„Ich hoffe, im nächsten Jahre, wenn sie zwanzig Jahre alt ist, wird mein Gatte erlauben, daß sie hierher kommt," hattx sie damals seuszend hinzugefügt, denn sie hatte um diese Gunst schon so oft gebeten, und jedesmal war der finstere Blick des Gatten drohender geworden.
Auch heute kam die Schloßherrin, jedoch später wie gewöhnlich, ins Schulzimmer. Sie sah bleich und angegriffen aus, ihr Kopf schmerzte, ihre Augen brannten.
Sie Kinder, bie gerabe nach bem Kinderzimmer geschickt wurden, kehrten auf der Schwelle wieder um, und der kleine Alex sprang jubelnd auf den Schooß der Mutter.
„Quäle die Mama heute nicht," gebot Barbara sanft, „geh' zu Gretchen!"
Sas Kind gehorchte augenblicklich. Sie Mutter