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mit Urrtrrhaltrrngs-Kritagr »Ltrrne und Hlnmen".

Dienstag, den 22. Januar 1895.

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So leise auch die Worte gesprochen wurden, dem scharfen Ohr des Vaters waren sie nicht entgangen Er blickte sie durchdringend an — hatte der Ton ihrer Stimme vielleicht eine kaum vernarbte Wunde seines Herzens berührt.

Jetzt stürzten die wilden Knaben in das Zimmer scherzend und plaudernd machten sie Pläne für den neuen Tag.

Barbara sprach nur wenig; alle an sie gerichteten fragen beantwortete sie kurz und einsilbig,' denn bei

nächst näher zu treten, dagegen alle zweifelhaften Pro­jekte vorerst beruhen zu lasten.

* Der Reichstag fetzte die Berathung der Novelle zu den Justizgesetzen fort. Abg. v. Gültlingen er­klärte, daß die Reichspartei im Allgemeinen auf dem Boden der Vorlage stehe. Ihm wäre eine vollständige Revision des Gerichtsverfassungs-Gesetzes aus der Straf­prozeß-Ordnung allerdings lieber gewesen. Bedenklich sei die Verminderung der Prozeß-Garantien, empfeh- lenswerth dagegen die Uebertragung der Geschäftsver- theilung an die Landes-Justizverwaltung. Abg. Gril­len berg er (Soz.) wendet sich gegen die Verschlech­terungen, welche die Vorlage bringe: Verminderung der Besetzung der Kollegien, Einschränkung des Beweis­verfahrens, das im Gegentheil einer Erweiterung be­dürfe, Ausdehnung derBefugniß zur Inhaftnahme An- geschnldigter, Einschränkung des Wiederaufnahme-Ver­fahrens, Wiedereinführung des thatsächlichen Resumes des Vorsitzenden, Uebertragung der Geschäftsvertheilung an die Justizverwaltung, Beschränkung der Konipetenz der Schwurgerichte rc. Redner verlangt schließlich Ent­schädigung der unschuldig Verhafteten, Herabsetzung der Gerichtskosten und Einfübrung der bedingten Verurthei- lung. Abg. Werner (Antis.) schloß sich den beiden letzten Forderungen an und erklärte, für seine Freunde sei es Hauptsache, daß in Deutschland die Rechtsprechung auch durch Deutsche erfolge. Abg. Frhr. v. Buol (Centr.) hat Bedenken gegen die Berufung, welche das Strafverfahren nicht bessern könne; gebe man dem An­geklagten Cautelen für eine allseitige gründliche Er­örterung des ganzen die Strafthat betreffenden Sach­verhalts in der Vorinstanz, dann brauche man keine Berufung. Abg. Dr. v. Marquardsen (nat.-lib) ist glerchfalls gegen die Berufung, geht aber in Bezug auf dre Garantien für den Angeklagten nicht so weit wie Frhr. v. Buol. Man hätte nicht ausschließlich eine preußische Vorlage bringen, sondern vorher auch die anderen Bundesstaaten hören sollen. Abg. Lerno (Centr.) trat für die Berufung ein, die Bestimmungen über die Entschädigung unschuldig Verurtheilter hätte für Bayern wenig praktische Bedeutung, da dort die Entschädigung bestehe. Nachdem noch Abg. Hilpert (bayer. Bauernbund) für die Vorlage gesprochen, wünschte

Er sah bei diesen Worten Barbara an, die unter seinem Blick so heftig errölhete, daß sie nicht wagte, die Augen aufzuschlagen. Zitternd trat sie hinzu und legte ihre bebenden Finger in die dargereichte Hand des Vaters, doch konnte sie kein Wort hervorbrinqen,

Landestheilen polnisch protokollirt werde. Die Vor­lage wurde an eine 28er-Kommission verwiesen Dienstag: Novelle zum Zolltarif.

* Gestern fanden in Berlin acht sogen. „Arbeits- losen-Bersammlungen" statt, an denen insgesammt etwa 5—6000 Personen theilnahmen, die jedenfalls nicht lauter Arbeitslose waren. Die Versammlungen verliefen sehr ruhig, ein Vorschlag, einen öffentlichen Aufzug zu veranstalten, fand keinen Beifall.

* Die Reichstagsbaukommission beschloß in ihrer heutigen Sitzung, auf der Tafel über dem westlichen Haupteingang des Reichstagsgebäudes die Inschrift: „Dem deutschen Reiche" anzubringen. Die ursprünglich

Eveline öffnete die Thür. Oben am Tische saß die Herrin mit dem Durchlesen der soeben angekom­menen Briefe beschäftigt, hinter ihr, am Ofen stand der Freiherr, das Antlitz hinter einer großen Zeitung verborgen.

„Ahl Fräulein Norden! Haben Sie die erste Nacht unter ftemdem Dache gut geschlafen? — Gott­fried, hier ist Fräulein Norden, - unsere neue Gouver­nante."

„Hier ist Ihr Platz, Fräulein Norden, dicht an Evelmes Seite. Wünschen Sie Kaffee oder Cacaoa"

„Ich bitte um Kaffee", versetzte Barbara kaum hörbar.

„Das arme Kind ist schüchtern", dachte der Schloß­herr mitleidig, und nahm seine Zeitung wieder zur Hand. „Es wird ihr gewiß schwer werden, unter Fremden zu leben."

Es I sich ruhen, und sie wagte noch immer nicht, ihn an- 1 zusehen.

geplante Inschrift: „Dem deutschen Volke" ist also sorgsam umgangen worden.

* Die Kommission für die 2. Lesung des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs hat in ihren letzten Sitzungen den Rest der Vorschriften über den Pflicht- theil und die Vorschriften über den Erbverzicht erledigt.

* Die für Montag zur Fortsetzung der Berathung über Verstärkung der Disziplinarbefugnisse des Präsi­denten anberaumt gewesene Sitzung der Geschäfts- ordnungs-Kommisson des Reichstags ist auf Freitag verschoben worden.

* Magdeburg, 19. Jan. Der Oberbürgermeister von Magdeburg, Mitglied des Herrenhauses, Boetticher, ist heute früh hier am Schlaganfall ge­storben.

Ausland.

* Paris, 18. Jan. Die monarchistische Pro­paganda machte auch diesmal schüchterne Versuche, die Aufmerksamkeit auf den „legitimen Herrn" von Frank­reich, den Grafen von Paris, zu lenken. Natürlich sind diese Demonstrationen nicht ernst zu nehmen. In mehreren Städten wurden Plakate mit dem Portrait desselben angeschlagen. Der Graf von Paris selbst hatte sich von London nach Dover begeben und hat von hier aus ein Manifest an die französische Nation gerichtet. Zum Schluffe desselben heißt es: „Die Re­publik kann in Frankreich niemals etwas Anderes sein, als ein vorübergehendes Regime. Was in diesem Augen­blicke vorgeht, ist ein Beweis mehr hierfür. Die Stunde ist nahe, wo das Land wird zu der Regierungsform zurückkehren wollen, die der Ruhm seiner Vergangen­heit gewesen ist und die Garantie seiner Zukunft sein wird. Die Vorsehung hat mir, als sie mich zum Re­präsentanten der Monarchie machte, ein schweres Ver- mächtniß auferlegt. Aber an dem Tage, an welchem mein Land mich rufen wird, werde ich in Ihnen das Vertrauen und in meiner Hingebung an das Land die Kraft finden, meine Aufgabe ganz und bis an's Ziel zu erfüllen. Mein Leben und mein Blut gehören Frankreich, dem Frankreich, das meine Vorfahren groß und geachtet gemacht haben. Das wird das Werk der Zukunft sein. Das Werk der Gegenwart ist, die un­mittelbaren Gefahren zu vermeiden. Mögen unsere Freunde von Neuem Zeugniß ablegen von ihrer Selbst­verleugnung, ihrer Vaterlandsliebe, und vereint mit allen guten Bürgern unter den Kandidaten denjenigen wählen, der der beste Träger sein wird, im Innern der Ordnung und des sozialen Friedens, nach Außen der Achtung und Ehre des Landes. Wirken wir heute für das Heil des Vaterlandes, morgen werden wir für seine Größe wirken."

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Januar.

Die Tochter des Hauses

7 Erzählung von C. Börges.

Der Freiherr legte die Zeitung nieder und reichte der neuen Hausbewohnerin die Hand zum Grube

„Willkommen, Fräulein Norden! Hoffentlich hat I d^i?Blicke^'ihre^Vawrs" auf

Ihnen gestern die weite Netze nicht geschadet. — »» I .Ar:' J , lyres^arers aus

ist auch ungewöhnlich kalt in diesem Winter.

Nachdruck verboten.

Als Barbara am nächsten Morgen erwachte, war , uvu, wllIlie ,ie tem ^orr

momentan die Furcht und Besorgniß des vorherigen so fest schien ihr die Kehle zuqeschnürt Abend gänzlich verschwunden; sie kleidete sich schnell 1 " ° - - ”c?-8-u9eRnun.

an, denn schon Eveline hatte sich eingestellt, um sie in das Frühstückszimmer zu geleiten.

Und dennoch, als sie jetzt an der Hand des Kindes die breite Marmortreppe hinabstieg, erbebte sie; denn sie wußte, day ste im nächsten Augenblick ihrem Vater gegenüber stehen würde.

* Mailand, 19. Jan. Vor dem Palast des Prinzen Fativ in der Via Borgo Nuovo wurde heute Vor­mittag eine kleine, mit Sprengstoff gefüllte Blech­büchse gefunden. Sie wurde nach der Polizei ge-

„Sie ist allzu ängstlich, doch scheint sie aus sehr guter Familie und kaum zu einer Gouvernante geboren", dachte der Freiherr; endlich redete er sie an:

„Mir kommt Ihre Stimme so sehr bekannt vor, Fräulein Norden, haben Sie sich früher schon in dieser Gegend aufgehalten oder habe ich Sie schon früher gesehen?"

Das war eine verfängliche Frage — sie umging daher die zweite und antwortete nur:

„Ich bin noch nie in dieser Gegend gewesen."

Es war ihr eine große Beruhigung, daß sie damit der Wahrheit getreu bleiben konnte, denn sie wußte, daß ihr Vater sich mit seiner ersten Gattin im Aus­lande aufgehalten hatte, und dort ward sie geboren. Glücklicher Weise stellte ihr Vater keine weitere Frage, beendete sein Frühstück und griff dann wieder zu seiner Zeitung.

Jetzt, da er sich wieder in die Lektüre vertieft hatte, wagte Barbara, genau das ernste Antlitz zu be­trachten. Sie sah vor sich die edlen, aristokratischen Züge des Vaters, seine hohe gewölbte Stirn und sein stark ergrautes Haar. Der untere Theil des Gesichtes wurde durch einen dichten Vollbart umrahmt: aber dennoch war unverkennbar ein bekannter Zug darin zu finden, der sie an Tante Agnes erinnerte. Als er jetzt sein Auge erhob, um einige Worte an seine Gattin

scheint täglich, 6*w- und Feiertag« ausgenommen. — Bierteljätzrücher Abounemeutsviei« ohne «rin„er!nh„ 7 I ~~-----------

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* Der Kaiser hat bei dem Kapitel des Schwarzen Adler-Ordens, das am Donnerstag abgehalten wurde, bestimmt, daß General Graf Waldersee fortan die Kette des Geueralfeldmaschall Grafen Moltke tragen solle.

* Der Kaiser hat dem bisherigen russischen Bot­schafter Grafen Schuwalow bei der Abschiedsaudienz die Brillanten zum Schwarzen Adler-Orden verliehen. Von I. M. der Kaiserin erhielt die Frau Gräsiu von Schuwalow deren Bildniß mit eigenhändiger Unterschrift.

* Der ,Reichsanzeiger' schreibt: In der Presse tauchen stets von Neuem Gerüchte über angebliche Ber- änderungen im Staatsministerium auf. Dieselben ent­behren jeder Begründung.

* In der heutigen und gestrigen Sitzung der Budget- Kommission des Reichstages kam es, wie schon zum Theil erwähnt, zu intereffanten Auseinandersetzungen zwischen dem Abgeordneten Müller-Fulda und den Vertretern des Kriegsministeriums. Gelegentlich der Berathung des Kapitels 26 der Ausgaben derHeeres- Verwaltung für die Bekleidung und Ausrüstung wies Abgeordneter Müller nach, wie die Reichskasse seit mehreren Jahren durch verfehlte Bestimmuiigen bei den Submissionen geschädigt worden sei und dadurch im Ganzen eine Einbuße von 2,750,000 Mk. erlitten habe. Derselbe gab hierüber eine Denkschrift zum Protokoll der Kommission, welche gedruckt und sämmtlichen Mit­gliedern zugestellt werden wird. General v. Gem­mingen erkannte heute die Müller'schen Auseinander­setzungen als zutreffend und seine Vorschläge als dankens- werth an und sagte die Beseitigung der bestehenden Mängel zu. Auf Wunsch des Kriegsministeriums hatte Abg. Müller ein Gutachten über die vorzunehmenden Reformen ausgearbeitet. In der darauf folgenden Abstimmullg wurde auf Antrag des Abg. Müller der Betrag von 415,000 Mk. an den Ausgaben für Kap. 26 gestrichen.

* Die wirthschaftliche Abtheilung der Centrums­fraktion im Reichstage hat sich nunmehr konstituiri und Herrn Domdekan Reindl zum Vorsitzenden gewählt, ftäEächjt M bearbeitenden Fragen sind festge- VvUy<.i. ouucmuunu; jm. vie Vorlage qeiprofflen wünschte E?Ä I Mi"

rathe seitens der Landeskreditanstalten zu beleihen sind und aus denen der Bedarf der Proviantämter zu decken wäre, 3) die Regelung des Eisenbahntarifwesens zu Gunsten der einheimischen Produktion, die Regelung der Schifffahrtsgebühren, 4) die Erleichterung des länd­lichen Kreditwesens, 5) die Abschaffung der Tranfit­läger für ausländisches Getreide und Aufhebung der Zollkredite. — In der am 17. d. M. stattgehabten Sitzung wurde nach lebhaften Erörterungen, an denen sich vorzugsweise die Abgeordneten Dr. Pichler Steimnger, Burger, Aichbichler, Müller-Fulda und Fusaugel betheiligteu, beschlossen, diesen Fragen zu-