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jqz 16 Samstag, den 19. Januar 1895. 22. Jahrgang

FuliiaerWZkitiilig

mit Untrrhaltrrrtgs-Kettagr „Sterne und Klumen".

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V Wochenrundschau.

Der Reichstag hat, wie vorauszusehen war, am Samstag die Umsturzvorlage an eine 28glie- drige Kommission verwiesen, die am Donnerstag zu ihrer ersten Sitzung zusammentritt. Ter erste Theil dieser Woche war dann vorwiegend der Handwerker- fr a g e gewidmet; es ergab sich aus den Verhand­lungen, daß die verb. Regierungen von dem Befähig­ungsnachweis und den Zwangsinnungen immer noch nichts wissen wollen; dagegen zunächst Handwerker­kammern und dann, nach Schluß der angeordneten Erhebungen, auch örtliche Organisalionen, die obliga­torisch gedacht sind, als Unterbau der Handwerker­kammern schaffen wollen. Centrum und Konservative nahmen letztere als Abschlagszahlung an, hielten jedoch am Befähigungsnachweis und den Innungen fest. Am Mittwoch, dem ersten „Schwerinstage", hat der Jesuitenantrag des Centrums die erste Lesung bestanden. Die Berathung dauerte nur kurze Zeit und trug im Allgemeinen einen ruhigen, leidenschafts­losen Charakter, da fast alle Redner sich auf kurze Erklärungen beschränkten. Die Redner des Centrums, Abgg. Gras Hompesch und Dr. Lieber, richteten ihre Mahnung, endlich Recht und Gerechtigkeit walten zu lassen, vornehmlich an den Bundesrath, weil der Reichstag ja bereits im vorigen Jahre durch drei Lesungen der Aufhebung des Jesuitengesetzes zuge­stimmt hat. Die Verhältnisse sind heute im Reichs­tage ganz dieselben; auch jetzt werden Konservative, Reichspartei, Nationalliberale und ein Theil der Frei­sinnigen den Antrag des Centrums ablehnen, es läßt sich aber erwarten, daß der übrige Theil des Reichs­tags, der dem Anträge zustimmen wird, die Mehrheit bildet, zumal das Centrum gewiß seinen letzten Mann aufbieten wird. Selbst unter denen, die den Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes ablehnen, sind zweifellos sehr viele, die am liebsten anders stimmen würden und sich nur von der Furcht vor dem Zorne ihrer durch Hetzprediger ä la Thümmel aufgeregten protestantischen Wähler leiten lassen. So ist z. B. der Antrag des Abg. Rickert, nur den § 2 des Jesuiten­gesetzes aufzuheben, offenbar nichts Anderes als ein Ausdruck der Verlegenheit, in der sich diese Herren befinden, die auf der einen Seite wohl die Ungerechtig­keit eines solchen Ausnahmegesetzes einsehen, auf der anderen Seite aber auch bei ihren fanatisirten Wählern keinen Anstoß erregen möchten. § 2 enthält die Ver- bannungs- und Jnternirungs - Befugniß, und Herr Rickert meint, das Centrum könne doch zufrieden sein, wenn diese beseitigt werden, umsomehr, als für feinen Antrag jedenfalls auch sehr viele Abgeordnete stimmen würden, die den Antrag des Centrums nicht annehmen könnten. Letzteres ist sehr wahrscheinlich, trotzdem wird sich das Centrum aber nicht mit der Aufhebung des § 2 begnügen, sondern daran festhalten, daß das ganze Gesetz fallen muß. Denn hier handelt es sich um eine Ehrensache!

Die Tochter des Houses.

5 Erzählung von C. Borges.

Nachdruck verboten.

2. Kapitel.

Schloß Adlerhorst, der Stammsitz der Freiherren v. Garkau, lag auf einer kleinen Anhöhe in einer wild romantischen Gegend. Von uralten hohen Bäumen, meistens dunklen Tannen oder stattlichen Buchen, um­geben, ragten kaum die Zinnen und Thürme des Daches über die Gipfel empor und bargen das stolze Gebäude vor den Blicken der Außenwelt. Barbara hatte eine weite, beschwerliche Reise zurückgelegt und ihr unruhiges Herz klopfte zum Zerspringen, als sie auf dem Bahn­steig den für sie harrenden Wagen bestieg und die feurigen Rosse sie blitzesschnell ihrem Ziele entgegen­führten.

„Edmund — Alex! Wo seid ihr? Wollt ihr denn heute nicht zu mir kommen und mich in meinem neuen Kleide sehen? Ihr wißt, wir gehen gleich in's Kon­zert, wo seid ihr denn eigentlich?" Frau v. Garkau öffnete mit diesen Worten die Thür des Schulzimmers, ohne es zu betreten.

„Sie sind im Kinderzimmer, Mama," versetzte schüchtern ein feines Sümmchen, und ein schwaches,

Der preußische Landtag ist am Dienstag vom Kaiser und König mit einer überaus nüchternen Thronrede eröffnet worden, in der zunächst wieder, gerade wie im vorigen Jahre und sicherlich ebenso vergeblich, die Miquel'sche „Reichsfinanzreform" in empfehlende Erinnerung gebracht war und mit dem Defizit begründet wurde, woran Preußen kränkelt. Indessen hat Herr Miquel in seiner Etatsrede am Mitt­woch selbst zugeben müssen, daß das Defizit des laufenden Jahres nur etwa halb so groß sein wird, wie er — man weiß, warum — im Voraus ange­geben hatte. Danach braucht man auch seiner Defizit­berechnung für 1895/96 nicht allzu hohen Werth bei« zulegeu. Schließlich wird sich Preußen eben nach der Decke strecken müssen, was Herr Miquel selbst am Mittwoch nicht zu leugnen vermochte. Die Thronrede sprach ferner ziemlich dunkel von der Abwehr von An­griffen auf die Staatsordnung, und man hat unwill­kürlich das Gefühl, daß trotz aller Ableugnungen eine Verschärfung des preußischen Vereins- und Versammlungsgesetzes.also eine Art „preußischer Umsturzvorlage", geplant sei. Die Thronrede kündigt auch eine Reihe evangelischer Kirchengesetze und Aus­führung der von den Synoden geäußerten Wünsche an. Für die katholischen Geistlichen wird nichts in Aussicht gestellt, obwohl diese doch den protestan­tischen gegenüber offenbar unparitätisch behandelt werden. ' Nicht einmal von der vom Centrum so oft und dringend geforderten Revision (nur diese wurde verlangt) des Kirch en vermö gensgesetzes läßt die Regierung etwas hören. Das ist „Parität" — unter einem katholischen Ministerpräsidenten!

Frankreich hat der Welt wieder einmal eine große Ueberraschung bereitet: den Rücktritt des Präsidenten Casimir-Perier. Aus einem An­laß, der heute noch kaum interessiren kann, hatte das Ministerium Dupuy seine Entlassung gefordert, und aus dieser Ministerkrise ist dann urplötzlich und zur allgemeinen Ueberraschung eine Präsidentschasts- krisis geworden. Die fortwährenden persönlichen An­griffe der Sozialisten haben ihn nicht kalt gelassen, die Unzuverlässigkeit der gemäßigt republikanischen Kammermehrheit aber hat ihm, wie es scheint, völlig die Hoffnung genommen, aus den Wirren der letzten Jahre wieder zu einer dauerhaften, gemäßigten parla­mentarischen Regierung zu gelangen. Und so warf er, sehr zum Verdrusie der Gemäßigten, die auf ihn so große Hoffnung gesetzt hatten, schon nach 205 Tagen Präsidentschaft die Flinte ins Korn. Am Donnerstag ist die Nationalversammlung — Senat und Kammer vereinigt — zur Wahl eines neuen Präsidenten zusammengetreten. Es wäre müßig, Ver- muthungen über die Person desselben anzustellen, denn der Telegraph wird diese Zeilen inzwischen überholt haben. Jedenfalls wird der neue Präsident der Repu­blik eine sehr schwierige Erbschast anzutreten haben, und vielfach wird geglaubt, daß große Wirren Frankreich bevorstehen, wenn nicht gar — die soziale

zartes Mädchen erhob sich aus einem Sessel in der Nähe des Ofens. „Darf ich zrM)ir kommen?"

„Eveline, was machst Du HM allein, mein Kind, warum sind die Lampen noch nicht angezündet? Fräu­lein Norden wird gleich hier sein! Geh' nach dem Kinderzimmer und sage Grethchen, die Lampe herein­zubringen, und bann schicke mir die Knaben."

Sie schien die letzte Frage der Klemen, „darf ich kommen?" gar nicht gehört zu haben, aber Eveline verstand ihre Mutter zu gut. Schweigend gehorchte sie.

Freifrau v. Garkau liebte ihre beiden gesunden, rothwangigen Knaben viel mehr, als ihr bleiches, un­ansehnliches ältestes Töchterchen. Nicht, daß sie Herz­oder lieblos gegen sie gewesen wäre, jedoch aus dem großen Füllhorn der mütterlichen Liebe fiel doch nur der geringste Theil auf Eveline herab, die trotz ihrer Jugend es zeitweise bitter empfand.

Der Vater liebte seine drei Kinder gleich. Jedoch ost finster und verschlossen, war ihm das fröhliche, muntere Spiel, das heitere, forglose Lachen der Kleinen oft zuwider und mißmuthig pflegte er sich dann in fein Arbeitszimmer zurückzuziehen.

Als die Lampen angezündet waren, nahm Eveline ihr Märchenbuch — ihr steter treuer Freund in der Einsamkeit — und vertiefte sich bald in die Seiten, ohne das Rollen des Wagens zu hören, der jetzt vor

R e v o l u t i o n. Die ftanzösischen Sozialisten wenigstens triumphiren bereits und feiern den Rücktritt Periers als einen großen Sieg ihrer Partei in Strömen von Champagner.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Januar.

* Der Kaiser wird morgen als Souverän und Oberhaupt des Schwarze« Adler-Ordens mit den an­wesenden kapitelfähigen Rittern im Berliner Schlosse die feierliche Investitur des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen, des Erbprinzen von Sachsen - Koburg- Gotha, sowie des Botschafters Generals von Werder, des Kriegsministers Bronsart von Schellendorf, des Fürsten Anton Radiziwill, des Generals Grafen v. Wartensleben und des Generals Grafen v. Waldersee vornehmen und ein Kapitel abhalten.

* Im Reichstage wurde heute uach kurzer Debatte der Antrag Graf Hompesch auf Aufhebung des Je­suitengesetzes in zweiter Lesung angenom­men. — Bei Fortsetzung der Berathung über die Justiz-Novelle kamen außer dem Staats-Sekretär Nieberding noch die Abgeordneten Rintelen (Cen­trum) und Enneccerus (nat.-liberal) zu Wort, dann wurde die Weiterberathung auf Freitag 1 Uhr vertagt. Abg. Rintelen erklärte, daß in der Forderung der Einführung der Berufung und der Entschädigung un­schuldig Verurtheilter alle Parteien einig seien. Aber gegen verschiedene andere Punkte der Vorlage habe ein großer Theil des Centrums schwere Bedenken, so gegen die Verweisung einer Anzahl Sttafsachen, die bisher den Schwurgerichten zufielen, an die Straf­kammern, gegen die Einschränkung der Beweisfiihrung für den Angeklagten und dessen Vertheidiger; nament­lich könne sich das Centrum nicht mit der Besetzung der Kammern durch die Landesjustizverwaltung, anstatt, wie bisher, durch die Kollegien einverstanden er­klären. Redner, der außerdem noch manche andere Ausstellungen an Einzelheiten der Vorlage machte, beantragte die Verweisung derselben an eine Kommission von 28 Mitgliedern, sprach aber den-. Wunsch au8, daß die Kommission nicht wieder, wie bei der lex Heinze, pro nihilo arbeiten möge, und Haß man sie deshalb weiter berathen lassen möge, wenn die Ses­sion des Reichstags vorzeitig geschlossen werden sollte. Abgeordneter Enueceerus (natl) hielt die bis­herige Geschäftsvertheilung durch das Präsidium der Gerichte für besser, als die vorgeschlagene durch die Miuisterialinstanz. Er empfahl endlich, auch zu den oberen Gerichten Schöffen heranzuziehen. Im Ganzen äußerte Redner so viele Bedenken gegenüber der Vorlage, daß es zweifelhaft erschien, ob sie schließ­lich für ihn annehmbar sein würde. Nach einer kurzen Entgegnung des Staatssekretärs Nieberding, der

dem Portal des Schlosses hielt. Erst als die Thür geöffnet wurde und Grethchen, das alte, erfahrene Kindermädchen, mit den Worten: „Hier ist Fräulein Norden, Eveline; — die gnädige Frau wird sogleich kommen," eine fremde Dame einließ, sprang die Kleine auf und trat scheu und verlegen einen Schritt zurück.

„Willst Du mir nicht die Hand geben?" fragte Barbara und streckte ihrem Schwesterchen die Hand entgegen, doch ihre Stimme zitterte so sehr, daß sie kaum die Worte hervorbringen konnte.

Ein Glück, daß nur das Kind gegenwärtig war, dem die Erregung der neuen Gouvernante vollständig entging, sich aber freute, daß sie jetzt in den Arm ge­nommen und herzlich geküßt wurde. Barbara näherte sich dem Feuer, noch immer das Händchen der Kleinen festhaltend, und zitternd vor Kälte und Aufregung ent­ledigte sie sich ihres Mantels, zog langsam die Hand­schuhe aus, um Zeit zu gewinnen, ihre Selbstbeherr­schung wiederzuerlangen.

Eveline beobachtete jede ihrer Bewegungen, dann überwand sie ihre natürliche Schüchternheit und schmiegte sich an die Fremde.

„War es sehr kalt auf der Reise?" fragte die Kleine, die jetzt glaubte, das peinliche Schweigen unterbrechen zu müssen.

„Ja, sehr kalt; aber ich werde hier bald warm