15
Freitag, den 18. Januar 1895. 22. Jahrgang
iilimerMZeitiiiig
mit U«trrhalt««ss-Keit»ge .Lternr ««d Hlumrn".
cMrf-mt täalick Soew unb Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsprei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld m Fulda und auSwärtt 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten dir einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
□ Die Eröffnung des preuß. Landtags vollzog sich gestern im Weißen Saale des Kgl. Schlosses in den herkömmlichen feierlichen Formen. Der Weiße Saal stellte sich dabei zum ersten Male in seiner neuen prächtigen Gestalt dar. Vorher hatte Gottesdienst statt- gesunden, für die protestantischen Mitglieder im Jnterims- dom, für die katholischen in der St. Hedwigskirche. Kurz nach 12 Uhr erschien der Kaiser im Weißen Saale, wo sich bereits die Minister in Galauniform zur Seite des Thrones aufgestellt hatten. Die Schloßgarde schritt voran, stellte sich auf und präsenürte, Fürst Stolberg, Präsident des Herrenhauses, brachte ein Hoch auf den König aus, und dieser schritt die Stufen des Thrones hinan and nahm aus den Händen des Fürsten Hohenlohe die Thronrede entgegen, die er hierauf mit kräftiger Stimme verlas. Der Kaiser betonte besonders stark die Stelle, die von der Sorge für die Landwirthschaft, sowie diejenige, welche von der Abwehr der Angriffe auf die Staatsordnung handelt. Bei diesen Stellen erschollen auch Bravorufe, ebenso beim Schluffe und bei der Ankündigung des Gesetzes über die Versorgung der Hinterbliebenen evangelischer Geistlicher der neuen Provinzen. Nach Verlesung der Thronrede erklärte Fürst Hohenlohe den Landtag für eröffnet, und der Kaifer verließ, nach allen Seiten grüßend, den Saal, während die Versammlung in ein dreimaliges Hoch einstimmte, das der Präsident des Abgeordnetenhauses, Herr v. Köller, ausbrachte. Nachher versammelten sich Abgeordnetenhaus und Herrenhaus in ihren Geschäftsgebäuden zu den konstituirenden Sitzungen, die ergaben, daß beide Häuser beschlußfähig sind. Es waren 111 Herrenhausmitglieder anwesend, und 328 Abgeordnete hatten sich beim Bureau gemeldet — ein schlagender Beweis, wie sehr die Beschlußfähigkeit abhängig ist von den Diäten. Das Herrenhaus wählte sein bisheriges Präsidium wieder; das Abgeordnetenhaus wird ihm morgen darin folgen. Herr Miquel wird morgen dann noch den Etat im Abgeordnetenhause einbringen und jedenfalls in längerer Rede erläutern.
Es versteht sich von selbst, daß Herr Miquel dann auch wieder Stein und Bein klagen wird über die traurige Finanzlage, in die Preußen infolge der mangelnden Zuschüsse vom Reiche versetzt sei. Auch die Thronrede beginnt ja gleich mit der düsteren Prophezeiung, daß der Haushalt für 1895/96 mit einem Fehlbeträge, ja sogar mit einem „erheblichen" Fehlbeträge abschließen werde. Was aber auf derartige Prophezeiungen und Rechnungskunststückchen zu geben ist, lehrt die Thronrede selbst, die nach Empfehlung der — beschränkten — „Reichsfinanzreform" fortfährt: „Das letzte Rechnungsjahr hat einen Fehlbetrag von mehr als 31,000,000 Mark. Für das laufende Etatsjahr wird der Fehlbetrag — jedoch zum Th eil (!) in Folge vorübergehender Verhältnisse — wahrscheinlich nicht unerheblich hinter dem
Die Tochter des Houses,
4 Erzählung von C. Borges.
Nachdruck verboten.
„Fräulein Barbara füttert die Vögel allzu sehr", pflegte der Gärtnerbursche oft zu sagen, „und zum Dank verderben sie im Frühling die Saat und naschen die Kirschen von den Bäumen." Dessen ungeachtet kam er jetzt mit einem groben Besen, fegte den Schnee bei Seite, daß ein großer, freier Platz gesäubert wurde, auf dem die gefiederten Gäste sich zwitschernd niederließen.
„Was willst Du heute thun?" fragte die Tonte, als beide Damen endlich das Frühstück beendet hatten.
Barbara schaute zum Fenster hinaus.
„Du willst doch hoffentlich nicht ausgehen?" fuhr sie ängstlich fort, ohne die Antwort abgewartet zu haben.-
„Gewiß Tantchen, das war gerade meine Absicht. Es ist ein herrlicher Tag! Sieh doch! wie der Schnee glitzert und schimmert, der Wind hat sich gelegt, ein weiter Spaziergang wird mir gut thun!
„Aber der Schnee liegt sußhoch auf der Landstraße."
„Ach, der Schnee soll mich nicht hindern! Du weißt, ich gehe so gern durch den Schnee. Ich wollte heute nach Waltersdorf, denn ich habe Ilona ver
Anschlage und demjenigen des Vorjahres zurückbleiben." Also Herr Miquel muß jetzt, wenn auch unter Hängen und Würgen, zugestehen, daß er im vorigen Jahre den Fehlbetrag für's laufende Rechnungsjahr zu hoch angegeben, daß er zu schwarz gemalt hat. Wie will er uns jetzt überzeugen, daß er diesmal, beim Etat für 1895/96, nicht zu schwarz male? Daran wird er nichts ändern können, daß man seine düsteren Zukunftsbilder von den preußischen Finanzen nicht mehr so recht ernst nimmt. Um so weniger, als man ja ganz genau weiß, welchen Zweck er damit verfolgt: nämlich die Sümmungsmacherei für seinen „Finanzautomaten" und für neue indirekte Reichssteuern ! Aber da man seine Schliche zur Genüge kennt, wird all' seine Liebesmüh' vergeblich sein.
Im Uebrigen bildet die Thronrede nicht viel mehr als eine nüchterne Aufzählung der dem Landtage vorzulegenden Gesetzentwürfe. Diese betreffen: die Stempelsteuern; eine Neuordnung des gerichtlichen Kostenweseus — Vereinheitlichung und Verbilligung für Gegenstände von geringem Werthe —, namentlich in Grundbuch- und Vormundschaftssachen; eine Gebührenordnung für Notare, durch welche eine gleichmäßige Regelung der Notariatsgebühren für die ganze Monarchie bezweckt wird; verschiedene evangelische Kirchengesetze, besonders auch ein Reliktengesetz für die protestantischen Geistlichen der neuen Provinzen; Erweiterung des Staatsbahnnetzes und Betheiligung des Staats an Kleinbahnunternehmungen; Verpfändung der Privat- und Kleinbahnen; Beseitigung der Sturmschäden an der Nordseeküste. Für das gewerbliche Fortbildungs- und Fachschulwesen wird der Etat größere Summen auswerfen. Die Thronrede kündigt sodann unter lebhafter Betonung der „unablässigen landesväterlichen Sorge" und „dringendsten Aufgabe" der Regierung, der ungünstigen Lage der Landwirthschaft aufzuhelfen, einen Gesetzentwurf über das Anerbenrecht bei Renten- und Ansiedelungsgütern an, der offenbar einen ersten Versuch in der Richtung einer weiteren Ausdehnung des Anerbenrechts darstellt.
Recht merkwürdig nimmt sich dann der solgende kurze, einen Gesetzentwurf nicht ausdrücklich ankündigende Absatz aus: „Es gilt heute mehr als je, in einträchtiger Arbeit die Wohlfahrt des Ganzen zu fördern, und es ist die ernste Pflicht aller Wohlgesinnten, gegenüber den wachsenden Angriffen auf die Staatsordnung, sich ein- müthig zur Abwehr zusammenzuschließen."
Dann folgt der übliche Schluß. Was soll nun dieser sonderbare Absatz? Soll damit Stimmung für ein großes „Ordnungs-Kartell" auch im Landtage, oder für die Umsturzvorlage imReich, oder aber — für eine geplante preußische Umsturzvorlage gemacht werden? Zwar ist bestritten worden, daß die preußische Regierung eine Novelle zum preußischen Vereins- und Versammlungsrecht vorbereite, aber hat diese Ableugnung nicht vielleicht nur den
sprachen, sie zu besuchen und ein wenig die kranke Freundin aufzuheitern, die sie seit einigen Tagen bei sich hat."
„Welche Freundin, Barbara?"
„Es ist ein strebsames, braves Mädchen, das leider sehr kränklich ist; da hat Ilona ihre Eltern gebeten, sie zu pflegen, bis sie wieder stark und kräftig ist. Sie ist Erzieherin und muß für den Unterhalt ihrer alten Mutter sorgen. Ilona sagte mir, es sei ganz traurig, wenn sie von ihrer trostlosen Sage erzählte. Endlich ist es ihr jetzt gelungen, weit von hier eine angemessene Stellung zu finden, wo sie ein gutes Gehalt bekommt, daß sie den Lebensabend ihrer alten Mutter bedeutend erleichtern kann; nur muß sie warten, bis sie stark und kräftig genug ist."
„Wie heißt sie?"
„Wettern — Magdalene Wettern."
Endlich war das Frühstück beendet. Barbara zerschnitt einen Teller voll Brod in kleine Stückchen, um den ungeduldig umherflatternden Vöglein das Mahl zu bereiten.
„So, Tantchen, jetzt hülle Dich in einen warmen Shawl", scherzte sie, als sie die Thür der Terrasse öffnete und die kalte, frische Winterlust in das behaglich durchwärmte Zimmer strömte. — Die kleinen munteren Gäste flogen zwitschernd auf einen nahen
Sinn: „Jetzt noch nicht?" Man hört in Berlin mancherlei von derartigen Plänen der preußischen Regierung ; man spricht davon, diese wolle nur abwarten, welches Schicksal der Umsturzvorlage vom Reichstage bereitet werde, um bann, falls dieser nichts oder zu wenig zu Stande bringt, durch eine Verschärfung des preußischen Vereins- und Versammlungsrechts dafür Ersatz zu schaffen oder gar unter allen Umständen der Umsturzvorlage des Reichs noch eine spezifisch preußische im Sinne des verflossenen Grafen Eulenburg folgen zu lasfen. Nun, man wird ja wohl bald Näheres darüber erfahren. Der Reichstag muß jedenfalls darauf bringen, baß ihm rnitgetheilt wirb, was für Pläne bie preußische Regierung noch über bie Umsturzvorlage hinaus schmiedet; denn dadurch erwächst ihm erst recht die Pflicht, die Umsturzvorlage mit aller Vorsicht, d. h. mit allem nöthigen Mißtrauen, zu prüfen._______
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Januar.
* Zu dem parlamentarischen Abend, den Fürst Hohenlohe am Mittwoch veranstaltet, sind auch die Chefredakteure der meisten größeren Berliner Zeitungen, sowie zahlreiche Vertreter der auswärtigen Presse geladen worden.
* Fürst Hohenlohe, so versichert die ,Kreuzztg.', hat in Friedrichsruh mit dem Fürsten Bismarck „äußerst lebhafte Aussprachen gepflogen." Alle Tagesfragen, besonders die politischen, seien „eingehendst" erörtert worden. Der Besuch dürfe als eine „ganz entschieden neue Kräftigung der alten Freundschaftsbande" aufgefaßt werden. Das mag für die Irenzztg.' Werth haben, für uns bedeutet die Bismarck-Hohenlohe'sche Verbindung jedenfalls keine „ganz entschieden neue" Kräftigung unseres Vertrauens zur gegenwärtigen Staatsleitung.
* Das Geschenk der deutschen Studentenschaft an den Fürsten Bismarck zum 80. Geburtstage soll in einem Prunkschranke bestehen, der etwa 30—40,000 Mark kosten dürfte; die Leipziger Studenten sollen davon 1500 Mark aufbringen! Fürst Bismarck hat Ehrengaben genug erhalten; wäre es in dieser „Zeit der schweren Noth" nicht besser, das Geld für die Armen und Nothleidenden zu verwenden?!
* Generallieutenant z. D. Karl v. Holleufer, einer der ältesten Offiziere der deutschen Armee, ist im Alter von 92 Jahren gestorben.
* Die Geschäftsordnungskommission des Reichstages verhandelte am Montag Abend in Gegenwart des Präsidenten v. Levetzow über die Erweiterung der Disziplinargewalt des Präsidenten. Herr v. Levetzow wünschte die Besugniß, ein Mitglied, das sich seinen Vorhaltungen nicht füge, für die betreffende Sitzung ausfchließen und, falls der Ausgefchlosiene dann den Saal nicht ver- Baum, um gleich darauf in Schauren das ihnen hingestreute Futter aufzupicken.
Es war ein lieblicher Anblick. Die anmuthige Gestalt des jungen Mädchens, in einem einfachen, dunklen Wollenkleide, stand inmitten der Vogelschaar, von denen einige so gezähmt waren, daß sie das Futter aus der Hand ihrer Beschützerin pickten.
Kurze Zeit später betrat sie, in einen warmen Pelzmantel gehüllt, wieder das Speisezimmer, in dem Frau von Soden, in ihrem Haushaltungsbuch vertieft, behaglich am warmen Ofen saß.
„Erwarte mich nicht zum Mittagessen", bat sie, „ich werde in Woltersdors jedenfalls länger bleiben."
„Wie Du willst, mein Kind, nur verspäte Dich nicht; es dunkelt so früh, und ich ängstige mich um Dich, wenn Du so lange fortbleibst."
„Um vier Uhr werde ich zurück sein, dann ist es noch nicht dunkel, denn die Luft ist soll hell und klar!"
Barbara hielt Wort. Zur festgesetzten Stunde erschien sie im Boudoir ihrer Tante und setzte sich auf ihren Lieblingsplatz, auf den niederen Schemel, ihr Haupt in den Schooß ihrer Tante bergend.
Sie war heute ungewöhnlich still, und ein tiefernster Ausdruck spiegelte sich in ihren Zügen. Kurz und einsilbig beantwortete sie alle Fragen der Tante, die dann endlich den Versuch, eine Unterhaltung anzuregen, aufgab und emsig weiter strickte.