Donnerstag, den 17. Januar 1895.
22. Jahrgang
Gleiche ich jetzt meiner Mutter, Tante Agnes?
getrocknet hatte.
Nachdruck verboten.
„Mein Bruder konnte nicht den Anblick seines Kindes ertragen. Er glaubte, durch sein liebloses Benehmen den frühen Tod der Mutter verursacht zu haben, und ließ Dich fortan unter meiner Obhut. Ich war sehr glücklich darüber, denn mein Herz blutete noch um den Verlust meines eigenen einzigen Kindes, und jetzt fand ich Ersatz. Tann reiste Dein Vater wieder m der Welt umher. Als Du fünf Jahre alt warst, kam er wieder, doch nur auf wenige Stunden Wir kamen überein, daß Du hier bleiben'solltest. Als Du herangewachsen warst, bat ich ihn oft, entweder hierher zu kommen, oder Dich nach dem Adlerhorst zu nehmen, aber dazu kann er sich nicht entschließen. Ich kenne wohl den Grund — er fürchtet, durch Dich an Nora erinnert zu werden, und schwach wie er ist, schiebt er gern diesen Augenblick so lange wie möglich hinaus. Du weißt, Barbara, Charakterschwäche ist ein Grundzug in der Garkau'schen Familie, und ich weiß nicht, woher Du die starke Willenskraft hast: jedenfalls von Deiner Mutter." '
Der Haushaltsplan für das Jahr 1895/96, welcher infolge des Abschlusses der Steuerreform und der Neuordnung der Eisenbahnverwaltung, wie des Kastenwesens im Bereiche der Verwaltung der direkten Steuern wesentliche Umgestaltungen erfahren hat, wird Ihnen unverweilt zugehen. Zu Meinem Bedauern fchließt er wiederum mit einem erheblichen Fehlbeträge ab.
Trotz der fortdauernden vorsichtigen und sparsamen Bemessung der Ausgaben und der günstigeren Entwickelung der eigenen Einnahmen Preußens ist es wesentlich wegen der zu Ungunsten der Einzelstaaten gänzlich veränderten Finanzlage des Reichs noch nicht gelungen, das Gleichgewicht des preußischen Staatshaushalts wiederherzustellen. Diesen seit mehreren Jahren bestehenden beklagenswerthen Zustand endlich zu beseitigen, muß unser ernstes Bestreben sein.
Die verbündeten Regierungen haben in der Erwartung, dadurch zu einem besser geregelten finanziellen Zustande zu gelangen, auf die bisherigen Mehrüberweisungen seitens des Reichs an die Einzelstaaten verzichtet. Sie werden ihre Vorlagen an den Reichstag auf eine mäßige Vermehrung der eigenen Einnahmen des Reichs und die Herstellung gesetzlicher Bürgschaften für die finanzielle Selbständigkeit des Reichs und seiner Glieder beschränken. Wenn es gelingt, auf dieser Grundlage eine Einigung herbeizuführen, so ist zu hoffen, daß die dringlichste Forderung, die Wiederher- . M „„ Ult t ucv
Gleichgewichts zwischen den Einnahmen ! Landwirthschaft fortdauernd ungünstig. Den hieraus und Ausgaben des Landes, erfüllt werden wird. erwachsenen schweren Uebelständen nach Möalicbkeit ;u
erwachsenen schweren Uebelständen nach Möglichkeit zu begegnen, ist Meine unablässige landcsväterliche Sorge und die dringendste Aufgabe Meiner Regierung.
Zum Zwecke der Erhaltung der neu geschaffenen Renten- und Ansiedelungsgüter wird Ihnen voraussichtlich noch in dieser Tagung der Entwurf eines Gesetzes, betreffend das Anerbenrecht bei Renten- und Ansiedelungsgütern, zugehen.
Geehrte Herren! Es gilt heute mehr als je, in einträchtiger Arbeit die Wohlfahrt des Ganzen zu fördern und es ist die ernste Pflicht aller Wohlgesinnten, gegenüber den wachsenden Angriffen auf die Staatsordnung sich einmüthig zur Abwehr zusammenzuschließen.
Ich vertraue auf die bereitwillige Unterstützung und die patriotische Hingebung der preußischen Landesvertretung und bitte Gott, daß er die bevorstehende Tagung dem Lande zu reichem Segen gedeihen lasse.
Zur weiteren Förderung des gewerblichen Fortbil- dungs- und Fachschulenwesens ist eine Verstärkung der etatsmäßigen Mittel vorgesehen.
Zu Meinem lebhaften Bedauern ist die Lage der
Der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Verpfändung der Privat-Eisenbahnen und der Kleinbahnen, wird wiederholt der Gegenstand Ihrer Berathung bilden.
Die schweren Sturmfluthen der letzten Wochen haben auch an den preußischen Inseln und Küsten der Nordsee bedauerliche Verheerungen angerichtet. Wegen Feststellung des Umfanges dieser Schäden und Einleitung der zu ihrer Beseitigung geeigneten Maßnahmen ist das Erforderliche veranlaßt.
Wegen Erweiterung des Staatseisenbahnnetzes durch Herstellung neuer Eisenbahnlinien wird Ihnen auch in diesem Jahre ein Gesetzentwurf zugehen, in welchem zugleich Mittel zur Betheiligung des Staates an Kleinbahn-Unternehmungen vorgesehen werden sollen.
Mit der Neuordnung der Behörden der staatlichen Eisenbahn-Verwaltung werden vom Beginne des nächsten Etats-Jahres ab umfangreiche Reformen des Kassen- und Rechnungswesens in Kraft treten, welche dazu beitragen werden, die Wirthschaftlichkeit der Verwaltung zu erhöhen.
Mäßigung der Kosten für Gegenstände geringeren Werths, namentlich in Grundbuch- und Vormundschaftssachen. Gleichzeitig wird Ihnen der Entwurf einer Gebührenordnung für Notare zugehen, in welchem auch die Notariatsgebühren für die ganze Monarchie gleichmäßig geregelt sind.
muß ich doch wissen, wem ich es zu danken habe." „Ein alter excentrischer Großonkel hat es Dir testamentarisch vermacht, Barbara. Ihm mißfiel die lange Abwesenheit Deines Vaters von seiner Heimath, noch mehr aber, daß er Dich nicht bei sich haben wollte. Um Dich einigermaßen schadlos zu halten, machte er
Ihrer Beschlußfassung werden ferner mehrere Gesetzentwürfe unterbreitet werden, welche die Durchführung der im abgelaufenen Jahre von den Synoden der evangelischen Kirchengemeinschaften beschlossenen Kirchengesetze zum Gegenstand haben. Dabei wird es sich besonders auch um die Sorge für die Hinterbliebenen der evangelischen Geistlichen der neuen Provinzen handeln.
Als Barbara am nächsten Morgen das Frühstückszimmer betrat, fiel ihr erster Blick auf einen kleinen Seitentisch, der mit zahlreichen Briefen, mit kleineren und größeren Packeten bedeckt war. In der ungewissen Furcht oder Hoffnung, ob „die Andern" — wie sie stets ihre Verwandten auf dem Adlerhorst zu nennen pflegte — sich ihres Geburtstages erinnert hätten, trat sie näher. Aber nein, ein einziger Blick hatte sie überzeugt, es war kein Brief mit der festen, steifen Handschrift des Vaters darunter. — Die wenigen Zeilen, die der Freiherr v. Garkau seinem ältesten Kinde ab und zu schrieb, waren stets so kühl gehalten, athmeten so wenig Liebe, daß Barbara oft darüber empört ge-
Dann umarmte sie innig ihre Tante, küßte sie und verließ das Zimmer. — Als sie später ihren gewöhnlichen Platz am Theetisch wieder einnahm, war sie ruhig und gefaßt, und ihre Wangen zeigten wieder den früheren rosigen Schimmer. Nur noch einmal kam sie auf die erste Unterhaltung zurück, als sie fragte:
„Noch eins ist mir unklar, liebe Tante. Woher , ■; . - . - - ö«... , ,. - -- --- "3—- - । kommt das Vermögen, welches ich im nächsten Jahre
fragte das junge Mädchen, nachdem es die Thränen erlangen soll? Bis jetzt hatte ich geglaubt, es sei ein -ptrnrfnpt w+p- I Erbtheil meiner Mutter, doch da es ein Jrrthum ist,
Tante Agnes schwieg. Barbara blickte starr vor sich nieder, ihr Antlitz war bleich und traurig. Endlich stand sie auf.
„Ich danke Dir, Tante Agnes, und ich freue mich, daß ich jetzt alles weiß. Von nun an betrachte ich das schroffe Benehmen meines Vaters gegen mich in anderem Lichte. Jetzt verstehe ich, warum er mich zeitlebens vernachlässigt hat, aber ich halte es doch nicht für rechtlich."
Die Thronrede, mit welcher heute der Preußische Landtag durch Se. Maj. den Kaiser eröffnet worden ist, hat folgenden Wortlaut:
Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags!
In gewohnter Weise habe Ich Sie zur verfassungsmäßigen Mitarbeit berufen und entbiete Ihnen bei Wiederaufnahme Ihrer Thätigkeit Meinen Königlichen Gruß.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Januar.
* Bei dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe findet am Mittwoch Abend 8V2 Uhr ein parlamentarischer Herrenabend statt, zu welchem die Minister, die Staatssekretäre, Bundesraths - Mitglieder und zahlreiche Abgeordnete aller Parteien, mit Ausschluß der Sozialdemokraten und Antisemiten, Einladungen erhalten haben. Ob der Kaiser erscheinen wird, steht noch nicht fest. Am Donnerstag findet auch bei dem Staatssekretär Frhr. v. Marschall eine Festlichkeit statt, zu der | ebenfalls Abgeordnete eingeladen worden sind.
* Präsident v. Köller eröffnete die erste Sitzung des Abgeordnetenhauses mit einem dreifachen Hoch auf S. M. den Kaiser. Zu provisorischen Schriftführern beruft der Präsident alsdann die Abgg. Im Walle, Bode, Wayerbusch und Warzewski. Angemeldet sind über 300 Mitglieder, das Haus ist somit beschlußfähig. I Morgen: Vorlegung des Etats durch Finanzminister Miquel.
* Die erste Sitzung des Herrenhauses eröffnete I Präsident Fürst zu Stolberg mit einem dreimaligen Hoch auf S. M. den Kaiser und König und berief alsdann zu provisorischen Schriftführern die Herren v. Reinersdorff, v. Wiedebach, Graf Garnier und Hammer. Der Namensaufruf ergießt die Anwesenheit I von 111 Mitgliedern. Das Haus ist mithin beschluß- | fähig. Es folgt die Wahl des Präsidiums. Auf den ! Antrag des Grafen Schließen werden Fürst zu Stolberg als Präsident, Freiherr v. Manteuffel als erster, Bötticher-Magdeburg als zweiter Vizepräsident durch Zuruf wiedergewählt. Tie Gewählten erklären sämmt- lich dankend die Annahme der Wahl. Zu Schriftführern wurden wiedergewählt die Herren Graf Garnier, Hammer, v. Kitzig, v. Naumann, v. d. Osten, v. Reinersdorff, v. Rohr und v. Wiedebach. Morgen: Vereidigung neu eingetretener Mitglieder, Beschlußfassung über die geschäftliche Behandlung neuer Eingänge.
* Der Reichstag besprach heute die Interpellation des Abg. Heyl v. Hernsheim betreff. Handwerker- und Gewerbekammern. Abg. Hitze (Ctr.) erklärte Namens seiner Freunde, die Handwerkerkammern als Abschlagszahlung anzunehmen, vorausgesetzt, daß dieselbe obligatorisch seien und die Innungen nicht verdrängen sollen. Prinzipiell hält er an den Forderungen des Befähigungsnachweises und der obligatorischen Innungen fest, letztere überall da, wo die Mehrheit der Handwerker des Bezirks sie wünscht. Abg. Richter (fr- Volksp.) sprach sich gegen obligatorische Handwerkerkammern aus; er will überhaupt keinen Zwang und verwies die Handwerker auf Selbsthilfe. So lange man aber überhaupt amtliche Kammern habe, solle man für Handel und Handwerk auf Grundlage des allgemeinen gleichen Wahlrechts gemeinsame Kammern bilden. Organisire man die Arbeitgeber, so müsse man auch die Gehülfen organistren. Preuß.
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mitUnterholtrmgs^eiloge ,Sterne und Klumen".
„Nein, mein Kind, durchaus nicht. Aber dennoch würde ich Dich sofort als Nora's Kind wieder erkennen. Du hast dieselbe melodische, weiche Stimme, dasselbe heitere, silberhelle Lachen, welches uns Alle am ersten Abend so entzückte. Nora war so lebensfroh und heiter, so ganz verschieden von uns, die wir auf dem Adler- ... , o „u... o„
horst ein einsames, zurückgezogenes Leben geführt sein Testament zu Deinen Gunsten."
... I „Ah, so ist es. Ja, ich entsinne mich, Du hast es
mir gewiß schon gesagt, aber ich dachte nicht mehr daran. — Mein Vater heirathete wieder vor zwölf Jahren, meine kleine Schwester Eveline ist jetzt elf Jahre alt", flüsterte'sie dann im leisen Selbstgespräch, und wieder trat wider Willen eine Thräne in ihr großes, dunkles Auge.
Das letzte Rechnungsjahr hat einen Fehlbetrag von mehr als 31,000,000 Mark. Für das laufende Etatsjahr wird der Fehlbetrag — jedoch zum Theil infolge vorübergehender Verhältnisse — wahrscheinlich nicht unerheblich hinter dem Anschläge und demjenigen des Vorjahrs zurückbleiben.
Der zu Ihrer Beschlußfassung gelangende Gesetzentwurf, betreffend die Stempelsteuern, soll die auf dem Gebiete der direkten Steuern nunmehr abgeschlossene grundlegende Reform auf die indirekten Landessteuern ausdehnen und auch bei den letzteren die Vertheilung der Staatslasten nach der Leistungsfähigkeit in höherem Grade als bisher durchführen.
Ein nach gleichen Grundsätzen ausgearbeiteter Gesetzentwurf bezweckt eine Neuordnung des gerichtlichen Kostenwesens, unter dem Gesichtspunkte einer einheitlichen Gestaltung für alle Landestheile und der Er-
Die Tochter des Houses.
3 Erzählung von C. Borges.