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22. Jahrgang

Dienstag, den 15. Januar 1895.

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mit UrrtrrhaUrrrrgs-SeiLagr „Sterne und KLuwen".

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Vertrauen.

Vertrauen — das ist das Wort, das wir in diesen Tagen oft genug vernehmen konnten. Vertrauen fordert die Regierung, Vertrauen für sich und für die Richter, denen die Kautschukparagraphen der Umsturzvor­lage getrost übergeben werden sollen zur Ausführung und Auslegung „nach besten. Wissen und Gewissen". Das erinnert an das geflügelte Wort des Herrn v. Bötticher: „Nur Muth!" Damals handelte es sich um die Jnvaliditäts- und Altersversicherung. Es ist mit dieser dann aber nicht so wunderschön gegangen, wie Herr v. Bötticher sich gedacht; sein Wort wäre richtig gewesen, wenn cs zu der bekannten Redensart vervollständigt worden wäre: „Nur Mulh — die Sache wird schon schief gehen." Wie große Miß­stimmung das Gesetz namentlich in Handwerker- und bäuerlichen Kreisen yervorgerufen hat, ist bekannt, nicht minder, daß das „Wapperl-Gesetz" zu den zug­kräftigsten Hetz- und Agitationsmitteln der Führer des bayerischen Bauernbundes und für Herrn Dr. Sigl eine fehr willkommene neue Waffe in feinem Arsenal preußenfeindlicher Agitationen geworden ist „Fort mit dem „preußischen" Gesetz!" so hieß es fonan. Am Freitag har Herr Dr. Sigl schon wieder eine Vorlage eine „preußische" genannt, und das thut er allemal, wenn er weiß, daß ein Gesetz dem bayerischen Volke nicht behagen wird. Er benutzt dann die Verstimmung über das Gesetz, um die Verstimmung gegen die „Preußen" zu schüren, die daran natürlich, ebenso wie an allem andern Unheil in der Wett, schuld find. Heute war es die Umsturzvorlage, die Herr Dr. Sigl im Reichstage seinen Landsleuten als eine „preußische" denunzirte. Daraus läßt sich schließen, mit welchen Gefühlen man in Bayern dieser Vorlage — wie überhaupt dem neuesten Kurse in Berlin — gegenübersteht.

Vertrauen ist es jedenfalls nicht, was man in Süddeutschland gegenüber der gegenwärtigen Regie­rung hegt; das hat auch die Rede des votkspartei- lichen Äbg. Kröber bewiesen. Und ist es in Nord­deutschland dann viel besser? Auch bei uns hat man im Volke herzlich wenig Vertrauen zu den guten Ab­sichten der Regierung und zu dem Gange der inneren Entwickelung im Reiche. Aber selbst wenn diese Re­gierung Vertrauen verdiente, was wir bei einer so jungen Regierung nicht wissen können, so wäre es dennoch sehr verkehrt, aus Vertrauen zu den Männern der gegenwärtigen Regierung ein Gesetz von solcher Tragweite, wie die Umsturzvorlage, zu bewilligen, ohne sich vergewissert zu haben, daß auch nicht die kleinste Unklarheit, auch nicht eine einzige dehnbare und freiheitsgefährliche Bestimmung mehr darin ent­halten sei. Wir haben keine Hoffnung, daß es der Kommission gelingen wird, die Vorlage von allem Bedenklichen zu säubern. Wenn aber dehnbare Be­stimmungen und Fassungen in ihr bleiben, was dann?

„Ihr müßt zum deutschen Richterstande das Vertrauen haben, daß er das Gesetz vernünftig und gerecht auslegt und handhabt." Also auf die Richter sollen wir uns verlassen, das hat der Justizminister Schönstedt, das hat auch Herr v. Bennigsen gesagt. Wir werden uns hüten, den Richtern unser Vertrauen abzusprechen, denn nichts ist gefährlicher, als eine kritische Bemerkung über unsere Richter. Auch verdient der deutsche Richterstand im Ganzen auch die Aner­kennung, daß er der Gerechtigkeit mit dem besten Willen, unparteiisch zu urtheilen, waltet. Aber auch die Richter sind Menschen, sie können doch vielfach sehr schwer von den Anschauungen und Vorurtheilen sich frei machen, die nun einmal Jeder aus dem Kreise, in dem er lebt und aufgewachsen ist, in sich auf- nimmr. Und niemals und nirgends ist es schwerer, sich von diesen Vorurtheilen frei zu machen, als wenn es sich um politische Fragen handelt. Die Umsturz­vorlage aber muß, ob das nun beabsichtigt wird oder nicht, nothwendig die Justiz in den Dienst der Po litik stellen, wenn sie so bleibt, wie sie ist Das ist das größte Bedenken, das wir gegen die Vorlage haben, und wir zweifeln sehr, ob die Kommissionsberathung daran etwas ändern wird. Wir brauchen also gar nicht einmal von den sonderbaren Urtheilen zn sprechen, die in den letzten Jahren so manches Gericht gefällt hat, um es abweisen zu müssen, daß wir die Fallstricke der Umsturzvorlage mit in den Kauf nehmen aus Vertrauen zu" der Handhabung durch die Gerichte. . Jedenfalls ist Vorsicht hier sehr empfehlenswerth.

Dentsches Reich.

Berlin, 12. Januar.

* Der Kaiser toastete bei dem gestrigen Abschieds­diner für den rufsifchen Botschafter Grafen Schuwalow bei dem Offizierkorps des Alexander-Regiments zunächst auf den Zaren Nikolaus IL, während der Trinkspruch des Grafen Schuwalow dem Kaifer galt. Später erhob sich der Kaiser nochmals und richtete eine Ansprache an den Grafen Schuwalow, in welcher er hervorhob, daß er und das Offizierkorps den Botschafter als Regimentskameraden betrachteten und daß es für sie Alle schmerzlich sei, ihn aus ihrer Mitte scheiden zu sehen. Unter Ueberreichung eines Fahnenträgers in Bronze in der Uniform des Regiments forderte der Kaiser die Anwesenden auf, mit ihm die Gläser zu erheben und dieselben auf das Wohl des Siegers von Philippopel und des Erstürmers der äußerst festen Position von Arab-Konak, des Grafen Schuwalow, zu leeren. Tiefbewegt dankte dieser und richtete an die Tafelrunde die Aufforderung, nochmals auf das Wohl des Kaisers Wilhelm mit ihm zu trinken; er thue dies jetzt im Namen seines Herrn und Kaisers, des Zaren Nikolaus.

* Der Reichstag hat heute endlich die erste Lesung der Umsturzvorlage beendigt und die Vorlage nach

dem Anträge Gröber einer Kommission von 28 Mitgliedern überwiesen. Nach dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe, der versicherte, daß auch der Weg der gesetzlichen Fürsorge sür die arbeitenden Klassen in Zukunft weiter verfolgt werden solle, sprachen noch die Minister v. Bronsart und v. Köller, sowie die Abgeordneten Leuschner (Reichsp.), Frohme (Soz.) und v. Buchka (kons.). Das Interesse war aber so sehr ermattet, daß den Rednern nur nock ge­ringe Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das Für und Wider war ja auch erschöpft, neue Momente konnten kaum noch geltend gemacht werden. Zwischen dem Kriegsminister und den Sozialdemokraten gab es noch ein kleines Renkontre, das durch eine etwas sehr ver­ächtliche Bemerkung des Ministers gegenüber den Sozialdemokraten hervorgerufen wurde, die dann mit dem Rufe,, Unverschämt!" antworteten. Jn der wachsenven Unruhe des Hauses ging schließlich eine Rede des konservativen Abg. v. Buchka völlig unter, die, trotz­dem sie mit fabelhafter Geschwindigkeit heruntergeha Pelt wurde, noch viel zu lange dauerte. Etwas lebhafter wurde es nur, als der Redner mit einem kulinr- kämpferifchen Brimborium seinen Fraktionsgenossen Limburg-Stirum zu überbieten suchte, für Gustav Adolf schwärmte, das Ammenmärchen von der Ein­äscherung Magdeburgs durch Tilly zum Besten gab und feine Freude darüber ausiprach, daß die Jesuiten, selbst wenn das Jesuitengesetz aufgeyoben würde, nicht in sein liebes Mecklenburg hineingelassen werden würden. Natürlich wurden diese interessanten Aeußerungen protestantiscker „Toleranz" vom Centrum theils mit Lachen, theils mit Widerspruch ausgenommen. Am Montag wird die „Umsturzkommission" gewählt werden. Im Plenum werden zwei nationalliberale Interpellationen ,die über den Schutz der Deutschen im Auslande und die über die Handwerkerfrage, am Montag zur Verhandlung kommen.

* Das Centrum hat in feiner Fraktionssitzung am Samstag Abend beschloffen, in der Frage der Ver­stärkung der Disziplinargewalt des Präsi­denten nur einem verschärften Verweise bei groben Ausschreitungen zuzustimmen, weitergehende Vor­schläge aber abzulehnen.

* Wenn, wie anzunehmen ist, an die national­liberale Interpellation über die Handwerker­frage am Montag sich eine allgemeine Besprechung schließen wird, so wird Abg. Dr. Hitze den Stand­punkt des Centrums vertreten.

* In der gestrigen ersten Sitzung der Berliner Stadtverordneten fehlten bei Beginn, als das übliche Hoch auf den Kaiser ausgebracht wurde, sämmt- liche sozialdemokratischen Stadtverordneten. Früher waren sie dabei anwesend, blieben aber ruhig sitzen. Das ist wenigstens ein Erfolg des Vorgehens des Staatsanwalts gegen den Abg. Liebknecht!

* In der Budget-Kommission gaben die Konser­vativen zur Kabinets-Ordre von 1853 die Erklärung

Die Tochter des Hauses.

Erzählung von C. Borges.

Nachdruck verboten. Erstes Kapitel.

Hell leuchtete der Mond über der kleinen, von Wald und Bergen eng umschlossenen Gebirgsstadt. Es war ein kalter, frostiger Winterabend, und ein scharfer Wind strich schneidend durch das stille Thal hin, den frisch gefallenen Schnee fußhoch austhürmend. Auf den Dächern oder an den kahlen Zweigen der Bäume schimmerten die weißen Krystalle, hin und wieder schwirrte eine Eule krächzend mit langsamem, schwerem Fluge durch die blätterlosen Gipfel.

Doch fo fehr draußen der Sturm auch heulte und tobte und mit wilder Gewalt die Bäume peitschte, so daß sie ächzend und stöhnend gegen die hell erleuchteten Fenster eines stattlichen Hauses schlugen, so merkte man in dem behaglich durchwärmten Gemache nichts von der schneidenden Kälte dieses rauhen, stürmischen Dezemberabend.

Auf einem niederen Tabouret saß die Herrin des Hauses, die schon Jahren verwittwete Frau von Soden. Obgleich schon in der Mitte der Vierziger, war sie immerhin noch eine imposante, stattliche Er­scheinung mit tiefblauen, seelenvollen Augen und blühendem Antlitz, in dem aber ein gewisser Zug auf

nicht allzu große Charakterstärke fchließen ließ. — Sie trug noch immer tiefe Trauer, denn obgleich ihr Gatte schon seit 6 Jahren durch den unerbittlichen Tod von ihrer Seite gerissen war, konnte sie sich nicht entschließen, die schwarze Kleidung abzulegen. Durch ihre feinen, weißen Finger flogen ruhelos die klirren­den Nadeln eines Strickzeuges; nur ab und zu, wenn der Wind so heftig die Fenster rüttelte, schaute sie auf, rückte dann wohl ihren Stuhl, dem Feuer näher und fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.

Ihr gegenüber in die weichen Polster eines be­quemen Sessels gelehnt, saß sinnend und regungslos ein junges Mädchen. Ihre ineinander gelegten Hände ruhten müßig im Schooße, die dunkelbraunen Augen blickten träumend in's Leere, und die sonst so rosig angehauchten Wangen waren auffallend bleich. Das üppige, kastanienbraune Haar schmiegte sich in schweren Flechten fest um das Haupt und bedeckte in kleinen Ringeln fast die Hälfte der Stirn; doch die fest auf­einander gepreßten, schmalen Lippen zeugten unver­kennbar von großer Willenskraft.

„Du bist heute so schweigsam und so unthätig, Barbara," begann endlich die ältere Dame.

„Ja, Tantchen, ich weiß es — aber ich bin nicht wie Du; ich kann nicht arbeiten, wenn ich so viel zu denken habe."

„Was ist Dir denn eigentlich? Hast Du Sorgen?

Das scheint mir doch kaum möglich! Willst Du es mir denn nicht sagen und Dein Herz ausschütten? Schon seit einigen Tagen habe ich bemerkt, daß etwas auf Deiner Seele lastet — habe ich Recht?"

„Es ist morgen mein Geburtstag, Tante Agnes."

„Das weiß ich! Glaubst Du etwa, ich könnte das vergesien, mein Kind?"

„O nein, Tantchen, Du nicht, — ich weiß, Du denkst viel an mich und bist immer so gut und freundlich gegen mich gewesen — aber die Anderen werden sie wohl an mich denken?"

„Deshalb machst Du Dir Sorge, mein Kind; kümmert es Dich, ob die „Andern" an Dich denken oder nicht?" fragte die Tante mit leisem Vorwurf.

„Ja, aber noch mehr; — es kann und darf nicht länger so weiter gehen."

„Was meinst Du, ich verstehe Dich nicht?"

Ein leichter Schatten des Unmuthes und der Furcht lagerte sich auf Frau v. Sodens wohlwollendes Antlitz.

„Ich will's Dir sagen", versetzte Barbara, doch gleich hielt sie inne, setzte sich auf einen niederen Schemel zu den Füßen der Tante und schaute sie mit ihren dunklen Augen flehend an. — Sie war gerade keine auffallende Schönheit; das fein geschnittene Gesichtchen war heute auffallend bleich, und um die Mundwinkel zuckte es bedenklich. Und,;doch war Bar-