jys 9 Freitag, den 11. Januar 1895. 22. Jahrgang
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* Die kathol. Kirche im Jahre 1894.
Wenn man einen Rückblick wirft auf die äußeren Gefchicke und Verhältnisse der katholischen Kirche im Verlaufe einer Jahresfrist, so wendet sich das Auge wie von selbst nach Demjenigen, der am Steuerruder des Schiffleins der Kirche steht und es lenkt durch die Wogen und Stürme der Zeit an's Gestade der Ewigkeit: die Lage, die Akte und Kundgebungen des Papstes und des heil. Stuhles nehmen vor Allem unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. In der Lage desselben ist keine namhafte äußere Veränderung eingetreten: der Papst ist noch immer der Gefangene im Vatikan, die römische Frage steht da nach wie vor, ; von ihren Leugnern selbst unwillkürlich anerkannt, un- gelöst und doch so dringend eine Lösung verlangend.
I.
Unter den pontifikalen Akten, die Leo XilL im abgelaufenen Jahre vollzogen hat, nimmt den ersten Rang unstreitig bie Epistola Apostolica „Praeclara“ vom 20. Juni ein. Sie ist ein Denkmal, würdig des Stellvertreters Christi, ein Denkmal, das dem Haupte und dem Geiste der katholischen, der allgemeinen, der Weltkirche die höchste Ehre macht. Es werden alle Völker der Erd e mit Liebe und Theilnahme eingeladen, den Weg des Heiles zu wandeln; nicht bloß die dem apostolischen Stuhle verbundenen, sondern auch Heiden, Schismatiker, Häretiker, Fürsten und Unterthanen werden an ihre Pflichten gemahnt zum Glauben, zur Gottesverehrung, zu Recht und Sitte. Es werden die Schäden des politischen wie des sozialen Lebens besprochen. Es wird der in Waffen starrenden Welt das Wort des Friedens gepredigt. Der Papst kann, schreibt?. A.Weiß, ruhig mit dem Worte schließen: „Ich habe nichts versäumt, ich habe euch die ganze Wahrheit, den ganzen Weg des Heiles ge= zeigt."
In der Encpclica an die polnischen Bischöfe ertheilt der Papst diesen unter Berücksichtigung der verschiedenen Verhältnisse, unter denen die polnische Nation in Oesterreich, Preußen und Rußland lebt, die weisesten Verhaltungsregeln zur Leitung der Gläubigen und zum Gedeihen der Religion und setzt insbesondere seine Bemühungen auseinander, das Loos der Katholiken in Rußland zu erleichtern. Eine andere Encyc- lica wendet sich an den peruanischen, eine dritte an den brasilianischen Episkopat, die Bischöfe auffordernd, für die kirchlich-religiösen Bedürfnisse der betreffenden Länder deren eigenthümlicheu Umständen gemäß zu sorgen; in beiden Rundschreiben wird die Wichtigkeit der kathol. Presse hervvrgehoben. Spezielle Erwähnung verdient die Encyclica über den Rosenkranz, die Leo XIII. auch voriges Jahr wieder erlassen hat. Immer neue Seiten weiß der heil. Vater dem Rosenkränze abzugewinnen, immer neue Schönheiten, neue Vorzüge und Heilswirkungen entdeckt er
Die (Ttainiiltfnabki itominn in Losnicn.
(5. Fortsetzung.)
XIII.
Was wird nun aus diesen Kindern? Einmal ausgenommen, bleiben sie gewöhnlich so lange, bis sie alle Klassen des Elementarunterrichtes durchgemacht haben. Bis dahin entscheiden Neigung und Verhältnisse schon den künftigen Beruf, auf weichen bann auch die Beschäftigung neben dem Unterricht vorbereiten soll. Wenn sie austreten, so sorgt man noch für sie, so gut man eben kann, damit sie das vorgesteckte Ziel erreichen. Bis jetzt sind zwei von ihnen als Priester in der Seelsorge, mehrere im Staaisdienst, viele noch in den höheren Studien. Gute Handwerker, brave Soldaten sind sie geworden, so daß die höheren Beamten des Heeres sagen, man erkenne die ehemaligen Zöglinge des Waisenhauses an ihrer besseren Bildung, wodurch sie sich vor den anderen bosnischen Soldaten auszeichnen. Einige von ihnen haben sich den Unteroffiziersrang erworben. Der Bischof von Banjaluka dringt vorzüglich darauf, daß man die Knaben ein Handwerk erlernen lasse. „Seht," sagte er neulich, „jeder deutsche Bursche, der daher kommt, setzt sich in der Stadt nieder und arbeitet, weil er etwas gelernt hat. Aber mein Volk versteht nichts, deshalb auch soviel Armuth und Elend." Der Erzbischof von Sera-
i« ihm, immer von Neuem muntert er zu dessen andächtiger Abbetung auf. Es ist ja gut und schön, daß wir unsere letzten Kräfte dransetzen, um auch durch äußere Mittel der sozialen Nsth und Verwirrung ab- zuhelfen; da aber die Sünden der Menschen und der Zorn Gottes die eigentliche Ursache unseres Elendes sind, so gibt es ner einen entscheidenden Weg zur Rettung: Buhe und Gebet. — Die Konferenzen in Rom in Sachen der orientalischen Patriarchate innerhalb des osmanischen Reiches, die als Resultat dieser Konferenzen erlassene Bulls „Orientalium“ und deren Wichtigkeit und Bedeutung haben wir vor Kurzem erst besprochen.
Ein die gesammte katholische Welt zu begeisterten Huldigungen für das Papstthum veranlassendes Ereig- niß war die Feier des ersten Centenariums der Geburt des großen Pius IX. in Sinigaglia, Rom und Loreto, die ebenso sehr zur Verherrlichung des vorletzten wie des gegenwärtigen Pontifikates diente. Vergessen wir nicht die K. Säkularfeier der Translation des heiligen Hauses nach Loreto, die so beredte Manifestationen katholischen Glaubens und katholischen Lebens hervorrief. Ein Ereigniß von nicht zu unterschätzender Bedeutung war auch der große, an 17,000 Theilnehmer zählende spanische Pilgerzug nach Rom. Es war dies ein öffentliches, feierliches Glau- bensbekenntniß, das noch ein ganz besonderes Relief erhielt durch den Haß der Kirchenfeinde, durch die Ge- waltthaten gegen die Pilger.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Januar.
* Bei dem gestrigen Herrenabend im Neuen Palais zu Potsdam, zu dem u. A. das Reichstags-Präsidium, sowie verschiedene Abgeordnete der beiden konservativen Parteien, der Centrums-Partei und der nationalliberalen Partei geladen waren, verbreitete sich der Kaiser, welcher Admiralsuniform angelegt hatte, im Laufe der Unterhaltung, die nach Besichtigung der Erinnerungen an die Weihnachtsfeier der kaiserlichen Familie eintrat, in längerem, eindrucksvollem Vortrage über die Noth- wendigkeit der Forderungen zur Verstärkung der Marine. Als man zu Tisch ging, nahm der Kaiser seinen Platz zwischen den beiden ersten Präsidenten des Reichstages. Die Unter Haltung streifte die verschiedensten Gebiete; der Kaiser, welcher während des ganzen Abends in bester Stimmung war, äußerte sich über das Reichs- tagsgebände, sowie über den Krieg zwischen China und Japan.
* In der Sitzung des Staatsministerinms vom 4. d. M. hat der Kaiser, wie die .Kreuzztg/ einem anderen Blatte bestätigt, zum Schluffe eine Ansprache gehalten, in welcher er die innere Lage besprach und dabei „der Verhältnisse der Landwirthschaft mit besonderer Wärme gedachte". Die .Kreuzztg/ kündigt im Anschluß hieran für nächstes Jahr ein Zucker-
jevo, Moiffig. Stadler, hofft aus dem Waisenhause von Ma'iastern tüchtigen Zuwachs für sein Knabenseminar.
X V.
Das wäre alles für die Knaben, wird Mancher sagen, aber geschieht denn für die weibliche Jugend nichts? Ganz gewiß, die Mädchen haben dieselben Rechte wie die Knaben, und Mariastern hat schon lange auch für sie gesorgt. Das Frauenkloster Nazareth, das Eingangs dieser Abhandlung erwähnt wurde, ist das Werk der Trappisten. Die Schule der barmherzigen Schwestern in Banjaluka verdankt ihr Entstehen den Trappisten. Die Schwestern vom kostbaren Blut in Nazareth haben ein Waisenhaus für die arme, weibliche Jugend und ein Institut auch für höheren Unterricht. Sie thun an den verlassenen Mädchen dasselbe, was die Trappisten den Knaben erweisen.
Vor zwei Jahren schrieb ein edler, frommer Geistlicher aus Luxemburg dem Prokurator des Waisenhauses von Mariastern, Bruder Fridolin Teller: „Mein lieber Bruder! Löblich ist Ihre Rettungsanstalt. Ich mache Ihnen den Vorschlag, auch ein ähnliches Hans für die weibliche Jugend zu gründen, denn diese läuft noch mehr Gefahr, dem Verderben anheimzufallen. Mnthig daran, vertrauen Sie auf Gott, theilen Sie Ihrem Oberen diesen Vorschlag mit, ich werde den ersten Grundstein zu diesem schönen Werke geben." Darauf erwiderte der Bruder: „Hochwürdigster Herr!
st e u e r g e s e tz als ersten Schritt zur Hebung des land- wirthschaftlichen Nothstandes an.
* Die Gcschäftsordnungskommissiou des Reichstags trift am Freitag zusammen, um zunächst über die Regelung der Priorität von Initiativanträgen zu berathen. Mit der Frage der Ausdehnung der Disziplinarbesug- nisse des Präsidenten wird sich die Kommission erst später befassen.
* Der Bundesrath wird seine erste Sitzung im neuen Jahre am 10. d. M. abhalten.
* Der Reichstag nahm den sozialdemokratischen Antrag auf Einstellung des Verfahrens gegen den Abg. Stadthagen gegen die Stimmen der Konservativen an und setzte dann die erste Lesung der Umsturz- Vorlage fort. Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) verlangte energische Bekämpfung der Sozialdemokratie, die den Anarchismus geboren habe und anarchistische Greuel- thaten beschönige. Wenn er (Redner) ein Gesetz zu machen hätte, so würde den Sozialdemokraten das Wahlrecht genommen und die Agitatoren ausgewiesen oder internirt werden. Denn diese ließen keine Zufriedenheit aufkommen und die Strikebrecher seien vor ihnen des Lebens nicht sicher. Sehr bedauerlich sei das Kokettiren gewisser Gebildeten mit der Sozialdemokratie. Die Vorlage sei jedenfalls das Geringste, was gefordert werden müsse. Abg. Gröber (Centr.) wandte sich gegen die Auer' sche Darstellung der Sozialdemokraten als harmlose Leute. Wäre diese Darstellung richtig, was hätten dann die Sozialdemokraten von der Vorlage zu befürchten! Für die Arbeiter habe die Sozialdemokratie in ihrer Gefammtheit seit ihrem Bestehen viel weniger gethan, als eine einzige barmherzige Schwester in einem Monat thue. Das Gentrum halte aber daran fest, daß die Sozialdemokratie durch Strafgesetze und Polizei allein nicht bekämpft werden könne, vielmehr bedürfe es dazu in erster Linie positiver Maßnahmen zur Hebung sozialer Mißstände. Redner beantragte Verweisung der Vorlage an eine 28er-Kommission, sagte Namens seiner Freunde gründliche Prüfung zu und ging schließlich zu einer neuen Kritik der einzelnen Bestimmungen übet, gegen welche er vielfach die schwersten Bedenken hege. An der Aufrechterhaltung von Religion, Ordnung und Sitte könne die katholische Kirche nur erfolgreich mitwirken, wenn man ihr die Hände frei mache. Staatssekretär Nieberding stellte fest, daß sich die Vorlage den Windthorst'schen Anträgen von 1884 völlig anschließe. Die Vorlage sei maßvoll gehalten und bleibe weit hinter den Anforderungen zurück, die von anderer Seite an die verbündeten Regierungen gestellt worden seien. Weiterberathnng morgen.
* Der Berliner Magistrat wird der ,Nat. - Zig.' zufolge demnächst in die Berathung darüber eintreten, in welcher Weise die Stadt Berlin den 80. Geburtstag ihres Ehrenbürgers, des Fürsten Bismarck, begehen wird.
Für die armen Mädchen ist hier bereits gesorgt, und bitte ich das, was Sie zu geben beabsichtigen, mir für unsere Schwestern in Nazareth zu schicken." Diese prompte Antwort verfehlte denn auch ihre Wirkung nicht. Der gesandte (Grund-) Stein war so schwer, daß er fähig war, dem bereits vollendeten Gebäude als Pfeiler zu dienen.
Diese Erfahrung mußte auch ein Major aus Hildesheim gemacht haben. Dieser liebenswürdige Herr schrieb nämlich vor einiger Zeit, er möchte gerne die Bekanntschaft des Bruders Fridolin machen, wenn der Weg diesen mal vorbeiführe, weil derselbe so nett zu bitten verstehe.
Und ein Hauptmann aus Wittenberg schrieb gelegentlich einer Sendung: „Kommen Sie nur wieder; ein paar Mark' kann man immer noch geben für das humane Werk der Trappisten in Bosnien."
XV.
Die Kinder der Bosniaken sind gelehrig und anstellig, wie denn auch dieses Volk genug Anlagen hätte, um sowohl auf dem materiellen als auch auf dem geistigen Gebiete etwas leisten zu können, wenn nicht die Türkenherrschaft es dem unvernünftigen Thiere gleich niedergehalten hätte. Die Landbewohner lassen ihre Kinder in crasser Unwissenheit aufwachsen, welche der Grund so mancher Hebel ist. Der Bosniak ist fromm, das äußere demüthige Wesen hat er mit den Orientalen gemein, aber das genügt bei weitem nicht.
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