7 Mittwoch, den 9. Januar 1895. 22. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin, 7. Januar.
* Der Reichstag nimmt morgen seine Sitzungen wieder auf und setzt die erste Berathung der sog. Umsturzvorlage fort. Für die Berathung sind drei Tage in Aussicht genommen. Die Vorsitzenden der Fraktionen haben die Mitglieder ersucht, sich vollzählig einzufinden, so daß ein beschlußfähiges Haus zu erwarten ist.
* Die Eröffnung des preußischen Landtags erfolgt am 15. d. M., Mittags 12 Uhr, durch den Kaiser persönlich im Weißen Saale des Berliner Schlosses.
* Reichstagspräsident v. Levetzow Jot, wie die ,Rordd. Allg. Ztg.' „von zuverlässigster Seite" erfährt, niemals an seinen Rücktritt gedacht. Der ,Reichsbote' meldet dagegen, daß Herr v. Levetzow zurücktreten will, wenn ihm nicht größere Disziplinarrechte er- theilt würden.
* Zum Unterstaatssekretär im preußischen Staatsministerium ist nach der ,Pos. Ztg.' Senatspräsident v. Mxperen, früher Regierungspräsident in Posen, ernannt worden.
* Dem Landtag wird ein Gesetz zur Einführung der Grundbuchordnung in Hessen-Nassau und Lauenburg zugehen.
* Der Kaiser soll sich lebhaft für die Verwüstungen interessiren, welche die letzte Sturmstuth an der Nordseeküste, besonders aber an der Insel Helgoland, angerichtet hat. Damit steht die Reise des Ministers der öffentlichen Arbeiten in Verbindung, der sich gestern nach Geestemünde begeben hat, um unter Zuziehung mehrerer wasserbautechnischer Räthe die Beschädigungen in Augenschein zu nehmen, die au dem im Bau begriffenen dortigen Fischereihafen durch die beiden Sturmfluthen der letzten Tage verursacht sind. Von dort beabsichtigt der Minister sich nach Helgoland zu begeben und die Schäden zu besichtigen, die an der dortigen Düne entstanden sind.
* Zum 80. Geburtstage des Fürsten Bismarck werden auch Deutsch - Amerikaner nach Friedrichsruh kommen. Es begibt sich dorthin eine Deputation von 80 Herren, die den Feldzug von 1870/71 mitgemacht haben und sich im Besitz von Kriegsehrenzeichen befinden, um dem Fürsten Bismarck ein Ehrengeschenk der Deutsch - Amerikaner zu überreichen. Dasselbe besteht aus einem massiv silbernen Obelisk, der eine Höhe von 1,80 Mir. hat und auf dessen Spitze sich ein Adler befindet, der in seinen Krallen die deutsche Fahne und das amerikanische Banner hält.
* Der Weiße Saal im Königlichen Schlosse zu Berlin wird, wie jetzt bestimmt ist, zwei Jahre hindurch die gegenwärtige provisorische Ausstattui'g behalten, erst dann soll mit dem Ersatz des Gipsmaterials durch Marmor begonnen werden. Auch die anderen, mit der Veränderung des Weißen Saales zusammen-
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(3. Fortsetzung.)
VII.
Mit vielen Opfern, Mühsalen und Widerwärtigkeiten aller Art hatte die junge Trappisten - Gemeinde es endlich dahin gebracht, eine ordentliche Existenz zu führen. Da kam das Jahr 1878 und mit ihm die Okkupation durch die österreichischen Truppen. Hierbei etwas aus der Geschichte des Landes.
Fünfhundert Jahre vor Christi Geburt finden wir die Illyrier oder Besten als Bewohner Bosniens, 78 vor Ehr. nehmen es die Römer in Besitz. Beim Verfall des römischen Reiches enffteht ein eigenes christliches Reich, aber schon 548 nach Chr. überfluteten es die Avaren und Slovenen und beherrschen es bis 1180, wo ein einheimischer Fürst, König Kulina, aufstand, von dem die Bosniaken noch heute gern erzählen, weil er ein weiser und mächtiger Herrscher gewesen. • Seine Nachfolger regierten bis 1254; da nahmen die Ungarn unter Bela IV.das Land für sich. Sie bleiben fast hundert Jahre die Herren desselben. 1353 begann wieder eine Reihe von eigenen Königen mit Stephan Tvrtko bis die Türken, welche 1453 Konstantinopel erobert hatten, im Jahre 1463 auch Bosnien überwältigten. Zehn Jahre lang wehrten sich die Bosniaken, bis Mohamed II. dem letzten König Stephan
hängenden Umbauten, namentlich die Erweiterung des Portals nach dem Schloßhofe zu, werden erst nach zwei Jahren in Angriff genommen werden. Der vom Hofbaurath Ihne aufgestellte Voranschlag ist um mehrere Millionen überschritten worden; es ist daher auch aus diesem Grunde eine Unterbrechung der Umbauten beschlossen bis zu einem Zeitpunkt, in welchem für diese Zwecke wieder größere Mittel verfügbar sind.
* Die,Post' weist auf Grund der Manöverberichte nach, daß die Meldung der ,Köln. Ztg.', der König von Württemberg habe einem hohen Staatsbeamten gegenüber die Gerüchte über Verstimmung zwischen ihm und dem Kaiser für grundlos erklärt und bemerkt, daß er nach seinem Unwohlsein noch einmal auf dem Manöverfelde erschienen sei, ehe er die Rückreise angetreten habe, auf einem Mißverständnis beruhen müsse. Danach hat der König am 7. und 8. Sept, v. I. dem Manöver beigewohnt. An diesem Tage kehrte er nach Königsberg zurück, erkrankte am 9. an einer leichten Erkältung und trat am 12. die Rückreise nach Stuttgart an. Die ,Post' meint, der Umstand, daß der König sich von dem Kaiser nicht mehr persönlich verabschiedete, habe zu den Gerüchten Anlaß gegeben.
* Geistlicher Rath Müller, der hochverdiente Organisator der Katholiken Berlins und der Delegatur, ist im Alter von 77 Jahren am Sonntag Abend in Neisse verstorben. Geistlicher Rath Eduard Müller, der auch lange Jahre Mitglied des Centrums im Reichstage war, ist weiteren Kreisen auch durch seine volksthüm- licheu Schriften bekannt. R. I P.
* Generallieutenant z. D. von Stnckrud ist am 3. d. M. zu Naumburg im Alter von 83 Jahren verstorben. Er machte den Krieg von 1866 als Kommandeur der 29. Jnfanteriebrigade und insbesondere auch die Schlacht bei Königgrätz mit. Während des Krieges 1870/71 war er zur Kommandantur von Berlin und zum Chef der Landgensdarmerie kom- manbirt.
* Der kommandirende General des 1. Armeekorps, General v. Werder, soll einem Königsberger Blatte zufolge nun doch den Abschied nachgesucht haben. Als sein Nachfolger gilt Generallieutenant Graf von Finckenstein, Kommandeur der 17. Division, der älteste Divisionskommandeur in der Armee.
Ausland.
* Wien, 5. Jan. Gegenüber der Meldung einer ungarischen Korrespondenz, wonach während des Wiener Aufenthaltes des russischen Spezialgesandten Puschkin die Frage eines Czareubesuches in Wien im Herbste erörtert worden sei, kann das ,Fremdenblatt' versichern, daß in den maßgebenden Kreisen von der ganzen Sache nichts bekannt sei.
* Budapest, 6. Jan. Die heute hier abgehaltenen zehn Volksversammlungen zu Gunsten des allge- Tomaschevitsch Thron und Leben raubte. Die schmählichsten und drückendsten Selavenketten schleppte nun das arme Volk und kam dabei immer mehr herunter, bis endlich, nach mehr als 400 Jahren, im Frühjahr 1875 auch die Bosniaken, zur äußersten Verzweiflung getrieben, sich an der Revolution betheiligten, welche in der Herzegowina ausgebrochen war. Sie kämpften zwar tapfer gegen ihre Unterdrücker, wären aber höchst wahrscheinlich unterlegen, wenn nicht die Oesterreicher sie nach dreien blutigen Jahren befreit hätten.
Ende Juli zogen die österreichisch-ungarischen Soldaten ein. Weil die türkische Bevölkerung in Banja- luka sich anscheinend friedlich verhielt, so ließen sie nur einige hundert Mann in der Kaserne zurück, der größere Heerestheil aber zog weiter ins Land hinein. Aber siehe, welche Täuschung, als die Fortziehenden kaum mehr einzuholen waren, begannen gefährliche Bewegungen unter den Türken. Am 14. August früh standen ungeheure Schaaren bewaffneter Mohamedaner da, freilich nicht lauter geschulte Soldaten, aber voll Fanatismus. Das Morden begann in der Stadt. Der bessere Theil der christlichen Einwohner flüchtete zu den Trappisten jenseits des Flusses, weil diese die Fähre inne hatten. Eine Brücke ist noch heute nicht da. Ein Theil der türkischen Horden rückte gegen die Kaserne. „Zuerst", hieß es, „die österreichischen Soldaten nieder, bann alle Christenhunbe." Ein anberer Trupp bemächtigte sich bes Franziskanerklosters, vor
meinen Wahlrechts sowie ber Vereins- unb Versammlungsfreiheit verliefen größtentheils ruhig. Eine Versammlung würbe aufgelöst. Auch in mehreren Provinzstäbten würben Volksversammlungen zu Gunsten bes allgemeinen Wahlrechts veranstaltet.
* Brüssel, 5. Jan. Die Rechte der Kammer hat gestern über bie Frage ber Annexion bes Kongostaates burch Belgien berathen. Der Ministerpräsident legte dar, daß die Schwierigkeiten, welche der Annexion entgegenftanben, nicht mehr bestäuben, unb betonte, baß bie Mächte keine Einwenbungen erheben würben. Die Angelegenheit wirb bie Kammern im Februar beschäftigen.
* Paris, 5. Jan. Der Verlust, den der Staat und die Departements durch die Betrügereien der Südbahngesellschaft erleiden, beträgt zehn Millionen. Der Untersuchungsrichter verhörte heute drei Abgeordnete und zwei Senatoren, die in die Angelegenheit verwickelt finb.j
* Die Lage in Italien hat sich bisher noch nicht geklärt. Einerseits wirb versichert, bie Schließung ber Kammersession, unter gleichzeitiger Annahme ber Entlassung des Gesammtkabinets, gelte für Mitte dieses Monats als bevorstehend, die Mehrzahl der bisherigen Minister trete jedenfalls in das neue Sabine! wieder ein; Crispi werde sich voraussichtlich zurückziehen. Andererseits heißt es, die Nachricht, Crispi werde vor den allgemeinen Wahlen abdanken, sei durchaus falsch, Crispi genieße bas vollste Vertrauen bes Königs und sei fest entschlossen, den Wahlkampf mit großer Energie zu führen. Soviel aber dürfte wohl feststehen, daß die gegenwärtige Kammer nicht mehr einberufen werden wird, und daß die Neuwahlen Ende April ober Anfang Mai ftattfinben. — Den Kampf gegen Crispi führt nach Giolittis Abreise nach Deutschlanb ber Radikale Cavalotti. U. a. behauptet derselbe, das Crispi dem Abg. Chiara ein Empfehlungsschreiben an bie Banca Romana, bezw. an bereu Direktor Taulougo gegeben unb an ben berüchtigten Panama-Schwindler Cornelius Herz eine Orbensauszeichnung verkauft habe. — Zn ben inneren Wirren gesellen sich noch Schwierigkeiten in ber erythräischeu Kolonie. Vor einigen Tagen gelangte nach Rom aus Massauah bie Melbung, baß bie Derwische mit einer Streitkraft von 15,000 Manu vor Kasfala lagerten, um zum Angriffe gegen bie Italiener vorzugehen. Gleichzeitig würbe gemelbet, ber Vizekönig von Tigreh, Ras Manga sch a, ein Aboptivsohu des verstorbenen Negns Johannes, sei entschlossen, mit ben Derwischen gegen bie Italiener gemeinschaftliche Sache zu machen, uachbem einer seiner Vasallen, Ras Agos, von ben Italienern bei Saganeiti geschlagen worben. Offiziösers. its würbe zunächst ber Versuch gemacht, bie Richtigkeit bieser Melbuugen zu bestreiten, alsbalb aber würbe bestätigt, daß der Oberbefehlshaber ber italienischen Truppen in Massauah, General Baratieri, einen Zug nach Abua, ber Haupt-
ber Stabt auf einem Hügel gelegen, unb vertrieb bie Mönche. Es scheint, baß keine große Orbnung bei ben Türken gewesen, benn es geschah kein birekter Angriff auf bie Trappisten. Aber in ben Felbern vor ber Stabt war unaufhörlich stürmische Bewegung. Man hörte bas Knattern ber Gewehre unb dazwischen fürchterliches Geschrei. Die Mönche hatten in aller Eile das Kloster, so gut sie konnten, nun doch zu einer Art Festung gemacht, indem sie Thüreu unb Fester vermauerten, verrammelten unb oerbarrifabirten. Die einen, mit einem Gewehre bewaffnet, patrouillirten rnuthig braußen herum unb spähten scharf aus, ob sich nichts nahe, bie anberen lagen weinend unb betenb vor dem Altäre. Neuer Schrecken überfiel bie Armen, ba sich das Gerücht verbreitete, es sei auch diesseits des Flusses von der Gebirgsseite her ein bewaffneter Türken- haufe im Anzug. Wäre dem so gewesen, bann wäre bie Lage eine sehr schlimme geworben. Obwohl ber Fluß anfangs etwas gegen bie Jenseitigen geschützt hätte, so wäre es am Enbe boch um bas Kloster geschehen gewesen. Aber bas Gerücht war falsch unb schließlich kam man mit bem bloßen Schrecken davon. Der Allmächtige ließ bas Flehen ber Seinen nicht unerhört. Um bie Kaserne herum, welche bie Türken erstürmen wollten, wüthete ber Kampf am heißesten. Die österreichischen Kugeln trafen sicher, aber bie Uebermacht war zu groß. Es wäre am Enbe um alles, was ben Christennamen trug, geschehen gewesen,