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Samstag, den 5. Januar 1895.
22. Jahrgang
mit Unterhaltung» Beilage „Sterne nnd Klumen".
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V Jahresrundschau im Auslande, i.
Es versteht sich für uns von selbst, daß unsere Augen, sowie sie über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes Hinwegschauen, zunächst nach Rom, nach dem Stuhle des hl. Petrus sich richten. Mit Freude und Dank gegen Gott gedenken wir, daß unser geliebter Oberhirte, Papst Leo XIII., mit 84 Jahren der älteste aller Fürsten des Erdkreises, uns auch im vergangenen Jahre in derselben körperlichen Rüstigkeit und geistiger Frische erhalten geblieben ist, wie iu den früheren Jahren. Wie rege und elastisch sein Geist noch ist, das haben wieder die Rundschreiben bewiesen, deren er in diesem Jahre mehrere erlassen hat; wir erinnern nur an seine herrlichen Encykliken an die Fürsten und Völker des Erdkreises und an unsere im Glauben von uns getrennten christlichen Brüder, vor Allem an die orientalischen schismatlschen Kirchen, zu beten Wiedervereinigung mit der römisch-katholischen Kirche der hl. Vater eine rastlose Thätigkeit entwickelte und noch fortwährend entwickelt. Unter den neuen Kardinalen, welche der Papst in diesem Jahre in das h Kollegium berief, befindet sich auch ein deutscher aus der Gesellschaft Jeju, Kardinal Steinhuber, desfen Erhebung zur Kardinalswürde eine bedeutsame Ehrung für die deutschen Katholiken sowohl wie für die Gesellschaft Jesu bildet, die leider noch inlmer von deutschem Boden ausgeschlossen ist.
In Oesterreich besteht die „Koalition" des Hohenwartklubs, der Polen und Liberalen nun schon 14 Monate, und ungefähr ebenso lange wird von der Wahlreform gesprochen, aber noch immer zeigt sich keine Aussicht, auf eine Verständigung zwischen den „koalirten" Parteien. Unfruchtbar war die Koalition auch im Uebrigen nach jeder Richtung hin; die Langeweile, die sich unter ihrer Herrschaft über Oesterreich lagerte, wäre tödtltch, wenn nicht zuweilen die nationalen Zänkereien, im letzten Jahre besonders zwischen der slavischen und italienischen Bevölkerung von Istrien und zwischen den slavischen und deutschen Bewohnern Steiermarks, etwas „Leben in die Bude" brächten. — Mit Schmerz mußte im vergangenen Jahre die katholische Welt die seltsamen Ereignisse verfolgen, die sich in Ungarn abgespielt haben. Der Liberalismus hat es dort unter der Führung des Abenteurermiuisteriums Wekerle-Szilagyi-Hieronymi unternommen, die Grundlagen des marianischen Königreiches umzustürzen, um ans dem Reiche des h. Stephan einen jüdisch-frei- maurerisch-heidnischen, dem Wesen nach revolutionären Staat zu machen. Die Civilehe und ihre Anhängsel bildeten den ersten, entscheidenden Schritt in dieser Richtung. Durch Ränke aller Art, durch einen beispiellosen Terrorismus gelang es, den widerstrebenden, aber leider allzu schwachen Monarchen auf die schiefe Ebene zu drängen, die ihn dazu führte, sogar einen Druck auf das Magnatenhaus auszuüben, und als dieses dann die anfangs verworfenen Gesetze unter dem
Aie KtWikenadlri IHatialtmi in Bosnien. I.
Wenn man das schöne und fruchtbare Vrbasthal gegen Banjaluka herauf kommt, desfen zierliche Berges- kuppeu schon den Eindruck der Mittelgebirge machen, so wird man ganz angenehm überrascht. So viel An- muth, so viel Kultur hätte man in Bosnien nicht ver- muthet. Bor dir in einiger Entfernung, dort wo der Vrbas und der Vrbanja zusammenfließen, liegt von den Bergen wie im Halbkreis umgeben, die Stadt mit ihren schlanken Minarels, die sich stolz den armen katholischen Kirchen gegenüber emporheben, malerisch sich lagernd wie eine ruhende Heerde.
Vor der Stadt, rechts von der Landstraße, begegnen wir einem Frauenkloster, Schwestern vom kostbaren Blut; werter, auf einem Hügel, steht das Kloster der Franziskaner, „das weiße Haus", weithin leuchtend in den Sonnenstrahlen. Jenseits des Flusses, dessen grüne Ufer mit Gebüfch besetzt sind, am Fuße der mit Wald bedeckten Gebirge, erblickt man lange, zusammenhängende Gebäude. Der hübsche Thurm, dessen Glocken Tag und Nacht nicht verstummen, grüßt herüber und ladet zum Besuche ein. Das ist die Trappistenablei Mari ast em. Wer in Banjaluka gewesen, wo sich Orientalisches und Occidentalisches mit einander ver-
Drucke von oben angenommen hatte, denselben die königliche Sanktion zu ertheilen. Doch war damit die Lage auch für das Ministerium Wekerle unhaltbar geworden, da der Riß zwischen ihm und der Krone durch das lange Widerstreben der letzteren doch zu offenkundig geworden war. Daß auch die brutale Verfolgung der Nichtmagyaren, wie sie besonders im Klausenburger Memorandumsprozeß gegen die Führer der Rumänen hervortrat, und der Kossuthrummel, der die unerhörtesten, direkt gegen das Herrscherhaus gerichteten Skandale zeitigte, das Ihrige dazu beigetragen hatten, um die Stellung der Wekerle und Konsorten unhaltbar zu machen, versteht sich von selbst. So hat denn das Weihnachtsfest den Ungarn das Beste beschwert, was sie Ui ter den heutigen Umständen erwarten konnten: den Sturz des Ministeriums Wekerle. Den Nachfolger wird ihnen erst das neue Jahr, jedenfalls schon in den nächsten Tagen, bringen. Vermuthlich wird wieder ein Liberaler die Erbschaft autreten; daß aber das kulturkämpferische Programm von Wekerle und Konsorten durchgeführt würde, glaubt Niemand mehr. Das Uebrige müssen dann die ungarischen Katho- i likcu besorgen: bei den nächsten Uitterhauswahlett müssen sie die kulturkämpferische Mehrheit des Unterhauses zerschmettern!
Die Zerschmetterung des belgischen Liberalismus durch die belgischen Katholiken mag ihnen als Vorbild dienen. Dort galt es, nachdem das neue Wahlrecht jedem Belgier das Stimmrecht gewährte, die Probe darauf zu machen, ob die katholische Partei, welche bisher noch gegen eine starke liberale Minderheit die Regierung geführt, wirklich das Volk hinter sich hat ober nicht. Sie hat die Probe glänzend bestanden: sogar eine Zweidrittelmehrheit besitzt sie jetzt sowohl in der Kammer wie im Senate. Die Liberalen sind fast vollständig aufgeriebett worden, an ihre Stelle traten theils Katholiken, theils — Sozialisten, die damit zum ersten Male in die gesetzgebenden Körperschaften Belgiens einzogen. Sehr erfreulich ist auch das Erstarken der sozialreformatorischen Richtung innerhalb der konservativen Partei; dieser Richtung gehört auch der Führer der Partei, Beernacrt, an, der schon lange vor den Wahlen infolge der Reibereien mit den Anhängern des manchesterlichen Woeste vom Ministerium zurückgetreten war, in dem jetzt de Burlet den Vorsitz inne hat. — Die anarchistischen Bombenwerfer regten sich inj letzten Jahre auch in Belgien wiederholt; die belgische Regierung ließ sich aber trotz der Attentate in Lüttich und Brüssel nicht verleiten, ein Anarchistengesetz dem Parlament vorzulegen, wie es verschiedene andere Regierungen gethan haben. Sehen wir von der deutschen „Umsturzvorlage" ab, so sind Anarchistengesetze erlassen worden in Frankreich, Italien, Spanien und der Schweiz.
Vor allen hatten die Anarchisten Frankreich zum Felde ihrer verbrecherischen Thätigkeit erwählt. Den Bombenattentaten im Cafe Terminus, in der Rue St. Jacques, im Hotel Espörance, in der Rue
mischt, aber nicht drüben am Waldessaum bei den stummen Mönchen, der würde glauben, nichts gesehen und gehört zu haben, weshalb denn auch sogar die vornehmsten Herrschaften sich der Mühe unterziehen, bett Weg oder die Fahrt nach Mariastern zu unternehmen; denn Manche sind erstaunt, in Bosnien noch andere Ordensleute zu finden, als Franziskaner, welche seit Jahrhunderten der Türkenherrschaft gleichsam getrotzt und denen der Ruhm gebührt, das bosnische Land dem Katholizismus erhalten zu haben.
II.
Schon in den frühesten Zeiten erwähnt die Geschichte katholische Bischöfe in diesen Landstrichen. Paulus und Titus haben ja persönlich das Evangelium in den Küstenländern von Dalmatien gepredigt, und es ist kein Zweifel, daß von da aus und von Griechenland das Christenthum auch nach dem benachbarten Bosnien gelangt sei. Später, als im neunten Jahrhundert die beiden Glaubenshelden Cyrillus und Methodius in Bulgarien und Mähren das Licht des Glaubens verbreiteten, da wird cs auch von Neuem die bosnischen Berge beleuchtet haben. Sicher ist es, daß das Christenthum gegen das Jahr 1000 über die ganze Balkanhalbinsel verbreitet war. Als jene Ketzerei aufkam, welche der hl. Dominikas bekämpfte, und deren Anhänger man in Südfrankreich Albigenser oder '
du Faubourg St. Martin, in der Madeleinekirche, in der Kirche von Jallien, im Restaurant Foyot und in der Rue Kleber, ferner zahllosen Bombenfunden folgte am Abend des 24. Juni zu Lyon d'.e Erdolchung Sadi Carnots, des Präsidenten der Republik. Der Mörder Caserio war ein Italiener, daher richtete sich zuerst die Volkswuth gegen seine in Frankreich wohnenden Landsleute, legte sich aber bald wieder, als die Regierung, an deren Spitze der thatkräftige Dupuy steht, energisch einschritt. Carnots Nachfolger wurde Casimir-Perier, ein Mann, auf defsen Energie die gemäßigten Republikaner die größten Hoffnungen setzen. Neben dem gewaltsamen Tode Carnots trat das Ableben des Grafen von Paris, des Hauptes der Orleans, sehr zurück. Den Rest des Jahres füllten in Frankreich die landesüblichen Spionengeschichten, darunter der Dreyfus-Skandal, aus. Ein neues koloniales Abenteuer haben die Franzosen mit dem Kriege gegen die Howas auf Madagaskar begonnen.
Auch in Italien fehlte es nicht an Aufregungen. Im Anfänge des Jahres dauerte der Aufstand auf Sizilien noch fort, der bann auch nach Oberitalien, nach Pisa, Manttta, Carrara übersprang und schließlich durch die Ersetzung einer eisernen militärischen Zwangsherrschaft für's Erste unterdrückt wurde. Der Abgeordnete de Felice Giuffrida wurde als angeblicher Aufwiegler zu der unerhört harten Strafe von 18 Jahren Zuchthaus verurtheilt. Einige Bomben-Attentate gegen die Kammer, das Justiz- und Kriegsministerium, sowie ein sehr sonderbares Revolver - Attentat gegen Crispi, das diesem bei seinen Schwierigkeiten in der Kammer merkwürdig gelegen kam, bildeten den Anlaß zur Be- schließung eines Anarchisten - Gesetzes, das sogar die Verschickung von Anarchisten ohne Richterspruch nach einer Straf-Kolonie zuläßt. Auf Grund dieses Gesetzes verfügte Crispi kurzerhand auch die Auflösung sämmtlicher sozialistischen Vereinigungen, ja auch von gewerkschaftlichen, Wohlthätigkeits- und anderen Vereinen, die in sozialistischen Geruch bei der hohen Obrigkeit gerathen waren. Das hatte die Bildung einer gegen Crispi gerichteten Liga der Freiheit zur Folge. Arg bloßgestelll wurde Crispi durch die von Giolitti der Kammer und durch diese der Oeffentlichkeit übergebenen, s. Z. im Banka-Romana-Prozeß verschwundenen Aktenstücke. Es zeigt sich, daß Ehren-Crispi auch zu den Biedermännern gehört, die bei der Bank recht bedeutende „Anleihen" gemacht haben, d. h. sich am Nationalvermögen bereichert haben. Zur Rache vertagte Crispi die Kammer ans unbestimmte Zeit, die Opposition wendet sich an ihre Wähler und bearbeitet diese nach Kräften, denn wer weiß, ob nicht die Auflösung der Kammer und Neuwahlen vor der Thür stehen. Daß bei alledem das Finanzelend Jungitaliens eher schlimmer als besser geworden ist, kann nicht Wunder nehmen.
Rußland scheint vor einer neuen Entwickelung im guten Sinne zu stehen. Nikolaus II, der nach dem Tode Alexanders III. der Selbstherrscher aller
Kathari nannte, in Italien aber Patrini, wurde auch Bosnien davon angeftedt. Hier nannte man sie Pata- rener. König Sulina (1380) bekannte sich dazu, aber nur im Geheimen. Diese Ketzerei stammt eigentlich aus Bulgarien, ihr Urheber ist popJeremia (927 bis 950), unter der Regierung des bulgarischen Kaisers Peter Simeonovitsch. Er gab seiner Sekte den Namen der Gottgeliebten, Bogomili. Das große griechische Schisma drang auch in Bosnien ein, wurde aber nicht allgemein. Die Franziskaner tarnen zum ersten Male nach Bosnien gegen 1235, gerufen, wie es scheint, vom bosnischen Bischöfe, um ihm in der Ausrottung der patarenifcheu Irrlehre zu helfen; 1327 wurde ihnen das ausschließliche Recht der Inquisition im Lande eingeräumt. Damals bildete sich das „bosnische Vikariat", aus 7 Kustodien bestehend. Die Türken eroberten 1463 das Land. Die Renegaten oder Abtrünnigen, deren türkische Nachkommen man heute noch am bosnischen Namen erkennt, waren wenig zahlreich. Die schismalischen Griechen, deren Schlauheit bekannt ist, wußten sich mit den neuen Oberherren so abzufinden, daß sie Schonung fanden. Desto grimmiger richtete sich die Wuth der Tyrannen gegen die glaubenstreuen Katholiken, so daß jetzt, ziemlich genau gerechnet, nur mehr der sechste Theil der Bevölkerung katholisch ist. Die Türken wollten keine katholischen Priester