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jß 3 ' Freitag, den 4. Januar 1895. 22. Jahrgang

Fuldaer M Zeitung

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*/ Jahresrundschan.

(Fortsetzung.)

Die gegenwärtige Zeit ist überhaupt am Aller­wenigsten dazu angethan, von den verfassungsmäßigen Rechten des Volkes, des Reichstags und der Bundes­staaten auch nur das Geringste zu opfern. Das lehrt die ganze innere Entwickelung seit der berühmten Königsberger Rede des Kaisers, die in dem Aufrufe gipfelte: „Auf zum Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung gegen die Umsturzparteien!" Auch wir durften diesen Aufruf freudig begrüßen, denn er ließ hoffen, daß er eine neue Zeit kräftiger christlich-fozialen Reformen einleiten solle. Was ist aber daraus geworden? Reformen verheißt die Thron­rede, mit der die neue Reichstagssession eröffnet wurde, nur sehr wenige, und es ist noch sehr zweifelhaft, wie sie beschaffen sein werden, um so mehr tritt in ihr der „Kampf gegen den Umsturz" hervor, und zwar jener „Kampf gegen den Umsturz", der durch Polizei und Staatsanwalt geführt wird. Auf diese Weise wird die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Schlimmer aber ist es, daß die Umsturzvorlage sehr bedenkliche K a u t- schukparagraphen enthält, die sich gegen jede be­rechtigte Parteiagitation anwenden lassen. Die Vor­geschichte der Umsturzvorlage ist auch nicht dazu an­gethan, daß man der Regierung mit Vertrauen ent­gegenkommen könnte. Man braucht sich da blos an die Umsturzpläne des vormaligen preußischen Minister­präsidenten Grafen Eulenburg, der die Beseitigung des Reichstagswahlrechts mit Hilfe eines „Staatsstreichs" erstrebte, zu erinnern. Graf Eulenburg ist nun aller­dings gegangen und durch Herrn v. Köller ersetzt worden, aber auch dieser ist ein sehr „schneidiger" Herr. Bedenklicher aber ist es, daß Graf Eulenburg sich des Vertrauens der Krone in höherem Maße als Graf Caprivi erfreute, der mit seinen gemäßigteren Ansichten nur deshalb gegen die Umsturzpläne Eulen- burg's durchdrang, weil hinter ihm die süddeutschen Regierungen, insbesondere der Großherzog von Baden, standen. Nachher ist Graf Caprivi dann doch durch die Krone gestürzt worden — zur großen Über­raschung der Bundesregierungen. Man kann sich denken, daß diese Ueberraschung keine angenehme war. Die Errichtung der badischen Gesandtschaft an den Höfen von Stuttgart und München gab zu denken. Die Art, wie durch Herrn v. Lucanus den Ministern v. Heyden und v. Schelling die seidene Schnur überbracht wurde, trug auch nicht zur Besserung der allgemeinen Stimmung bei; es machte auch ziemliche Schwierig­keiten, bis man für beide Minister Nachfolger in den Personen der Herren v. Hammerstein-Loxten und Schönstedt fand. Fürst Hohenlohe, der neue 76jährige Reichskanzler, übernahm dazu auch die Last des preußischen Ministerpräsidiums. Man konnte ihm zunächst ohne größeres Mißtrauen entgegenkommen, trotz seiner kulturkämpferischen Vergangenheit, an die er sich ja jetzt nicht mehr gern erinnert sieht; leider

□ Die KHristblurne.

Erzählung von C. Borges.

(Schluß.)

Der Anwalt willigte ein. Doch er wußte sich kaum vor Erstaunen zu fassen, als er die hoheitsvolle, königliche Gestalt und die feine aristokratische Bildung der jungen Frau gewahrte. Die elegante, nicht über­ladene Toilette erregte besondere Aufmerksamkeit, und er konnte nicht begreifen, daß in jenem einsamen Distrikt in Amerika dieser feine Geschmack sich ent­wickeln konnte.

„Run, was sagen Sie? wie gefällt Ihnen meine Christblume?" fragte Kurt, als seine Gattin das Zimmer verlassen hatte."

„Sie ist entzückend, aber — —"

„Aber die gesellschaftliche Welt will mehr von ihr wissen, ehe sie geduldet wird," ergänzte Kurt finster. „Die Damen werden fragen: Wer war sie vor ihrer Verheirathung? und die Herren: Wie groß ist ihr Vermögen?"

„Die Welt ist immer doppelt neugierig, wenn eine Fremde, die plötzlich erscheint, so anziehend ist, wie Ihre Gemahlin."

„Wirklich? ich will Ihre Neugier befriedigen. Sie heißt Valeska Nobel. Ihr Vater hat sich nicht um

aber führte er sich sehr schlecht ein durch die Unter­stützung des staatsanwaltlichen Angriffs auf die Un­verletzlichkeit der Abgeordneten im „Falle Liebknecht". Eins hat Fürst Hohenlohe allerdings für sich: er war stets ein Freund der Familie Bismarck nnd darf also hoffen, etwas gnädiger als sein Vorgänger von dem grollenden Altreichskanzler behandelt zu werden. Verbürgen möchten wir dies aber nicht; hat doch selbst die berühmte Flasche Johannisberger, welche im Januar des verflossenen Jahres die Versöhnung zwischen dem Kaiser und Bismarck bewirkte, Letzteren nicht abge­halten, der Politik des Kaisers zu opponiren.

Die Umsturzvorlage hat bereits eine üble Folge gehabt: sie hat die feindlichen Brüder in der Sozial- demokratie bewogen, einen Waffenstillstand zu schließen, gerade als der Streit in der schönsten Blüthe stand. Der Streit Bebel-Voll mar, die Zwistig­keiten in der badischen Sozialdemokratie aus Anlaß des sonderbaren Verhaltens des „nationalliberalen Sozialdemokraten" R ü d t in der Ordensftage u. s. w. hatten einen für die Sozialdemokraten sehr bedenklichen Umfang angenommen — da kam die Umsturzvorlage und stellte für's Erste wieder einigermaßen die Einig­keit her.

Im erfreulichem Gegensätze zu diesen Zänkereien, deren es übrigens auch im liberalen Lager genug gab, stand das Bild der Einmüthigkeit, welche die deutschen Katholiken auf der großartigen Kölner Katho­likenversammlung für Freund und Feind dar­boten. Eine solche Versammlung bringen unsere Gegner nicht fertig. Ebenso reich an begeisternden Anregungen, wie an praktischer Arbeit, besonders hinsichtlich der sozialen Fragen, dabei an Theilnehmerzahl alle ihre Vorgängerinnen übertreffend, wird sie uns immer unvergeßlich bleiben. Auch sonst dürfen wir Katho­liken auf das letzte Jahr mit Befriedigung zurück­blicken, wie auf den glänzenden katholisch-sozialen Kursus in Freiburg i. B., auf so manche andere schöne Versammlung, ganz besonders aber auf die Be­gründung des schwäbischen Centrums, das jetzt endlich zur hohen Freude aller deutschen Katho­liken zur Thatsache geworden und sofort kräftig und erfolgreich mit einem echt volksthümlichen Programm in die Oeffentlichkeit getreten ist. Wir wünschen ihm den besten Erfolg bei den Landtagswahlen am 1. Februar und sind zugleich überzeugt, daß dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird. In allen Einzellandtagen, wo das Centrum vertreten ist, hat es rüstig ge­arbeitet: es sei nur an Bayern, wo es sich beson­ders um soziale Fragen handelte und wo das Centrum sich namentlich um die Bauern verdient machte, erinnert, ferner an Baden, wo die kirchenpolitischen Kämpfe so wacker und so schneidig, wie man es vom badi­schen Centrum gewöhnt ist, geführt wurden. Im preußi­schen Landtage ging's hauptsächlich um die Parität. Leider zeigte dabei der Kultusminister Bosse, daß er nicht geneigt ist, aus diesem Gebiete den Beschwerden und Forderungen der Katholiken gerecht zu werden.

sie bekümmert; ein wohlhabender Farmer nahm sich ihrer an und vermachte ihr nach seinem Tode — er starb im Januar — sein bedeutendes Vermögen, wo­rauf wir am Hochzeitstage zu Gunsten zweier Ver­wandten, die ihr das Erbe mißgönnten, verzichteten."

Der Anwalt stutzte. „Darf ich mir einige Fragen erlauben, die Ihnen vielleicht peinlich sind?" fragte er dann.

Ich will sie beantworten, so gut ich kann. Ich kenne Sie zu gut, um nicht zu wissen, daß Sie trif­tigen Grund zu unangenehmen Fragen haben!"

„Hat Ihre Gattin eine Schwester Laura? Wurden beide vor ca. zwölf Jahren an der Seite ihrer sterben­den Mutter gefunden? Wurde auch Laura von einem Farmer aufgenommen?"

Kurt prallte entsetzt zurück, fein Antlitz erbleichte.

„Ich weiß nicht wie Ihnen die Geschichte bekannt wurde, aber sie ist vollkommen wahr. Die arme Mutter schien von ihrem Gatten verlassen und starb im Urwald. Zwei Farmer erbarmten sich der armen Kinder. Sie fanden bei der Frau den Trauschein, die Geburts- und Taufscheine der Kinder. — Hier sind sie!"

„Ah!" rief der Anwalt freudig überrascht, „ich will Ihnen Alles erklären. Arthur Nobel war mein

Nun haben wir ja inzwischen freilich einen katholischen Reichskanzler und einen „katholischen" preußischen Justizminister bekommen — d. h. der Letztere ist katho­lisch getauft, lebt aber in Mischehe und läßt seine Kinder protestantisch erziehen! Ja solche Katholiken können es bei uns zu etwas bringen. Wie es mit der Gleich­berechtigung der Katholiken im deutschen Reiche steht, hat die Ablehnung des vom Reichstag angenommenen Centrumsantrages auf Aufhebung des Jesuiten- Gesetzes durch den Bundesrath bewiesen. Allerdings hat die hohe Körperschaft sich endlich überzeugt, daß die Redemptoristen und die Väter vom hl. Geist nicht „verwandt" mit den Jesuiten sind — aber das Ausnahmegesetz ist doch geblieben, während die Regierung sich dagegen verwahrt, daß ihre Umsturzvorlage ein Ausnahmegesetz gegen die Anarchisten und Sozialisten wäre! Nun, das Cen­trum hat seinen Jesuitenantrag wieder eingebracht, und da wollen wir doch sehen, ob der katholische Fürst Hohenlohe nicht sich ein Vergnügen daraus macht, oder besser seine Ehre daran setzt, seinen ganzen Einfluß im Bundesrathe dafür aufzubieten, daß diesmal das ge­hässige Gesetz auch vom Bundesrathe fallen gelasfen werde.

Die Katholiken der Diözese Fulda hatten, nachdem sie mehr als ein Vierteljahr keinen Oberhirten gehabt, die Freude, in dem bisherigen Seminarregens und Domkapitular Dr. Georg Ignaz Komp einen würdigen Nachfolger des verewigten Bischofs Joseph Wey land zu erhalten. An die-Stelle des hochverdienten Bischofs Pankratius v. Dinkel trat der Franziskaner Hötzl als Oberhirt der Augsburger Diözese. Der berühmte Pädagoge Professor Dr. Friedrich Justus Knecht wurde zum Weihbischofe in der Erzdiözese Freiburg, Domkapitular Sch rod zum Weihbischof in der Diözese Trier geweiht.

(Fortsetzung folgt.)

Deutsches Keich.

Berlin, 2. Januar.

* Der Kaiser soll in einer Ansprache beim Empfang der Generale im Lichthofe des Zeughauses betont haben, daß wir wie 1870 vor ernsten Ent­scheidungen ständen; doch drohten uns nicht Gefahren von äußeren, sondern von innern Feinden. Nächst Gott, der uns helfen werde, diese Feinde zu besiegen, sei unser bester Bundesgenosse unser starkes Heer.

* Die ,Nordd. Allg. Ztg/ versichert, die Regierung wolle keinen Konflikt mit dem Reichstage; sie strebe vielmehr dahin, zunächst eine breite Basis für ihre Politik aus den Konservativen, den Natioyalliberalen und dem Centrum herzustellen. Die Umsturzvorlage sei auch kein geeigneter Ausgangspunkt für einen Konflikt. Aber nachdem das Blatt von dem Streben der Regierung nach einem parlamentarischen Dreibund gesprochen, versichert es, die Regierung werde ihre volle bester Client, er starb vor wenigen Wochen und über­ließ mir die Auffindung seiner Kinder und Erben."

„Der Vater war ein — —"

„Er hat schwer gefehlt, aber sein ganzes Leben ist bittere Reue gewesen," unterbrach ihn der Anwalt. „Die nagenden Gewissensbisse beschleunigten sein Ende; aber er hinterläßt seinen Kindern ein bedeutendes Ver­mögen."

„Ich beanspruche kein Vermögen für meine Gattm. Aber Vally ist so zartfühlend, daß ich mich freuen würde, zu hören, ihr Vater sei nicht so schlecht ge­wesen, wie vermuthet werden muß."

„Er war ein Edelmann, obgleich er herzlos gegen seine Gattin handelte. Vielleicht wird es Sie über­raschen zu hören, daß Ihre Mutter eine Verbindung mit ihm und Ihrer Schwester Helene plante. Graf Erlau war stets Ihr Hausfreund!"

„Graf Erlau?"

„Ah! Sie verstehen also? Graf Erlau, alias Arthur Nobel erbte den Namen und Titel eines Vetters. Sie können Ihre Gattin als Tochter des Grafen Erlau vorstellen!" *

Herr Oswald erstattete nicht seinem Clienten den gewünschten Bericht, sondern schrieb einige Zeilen und theilte dem Freiherrn mit, daß er Kurts Gattin ge-