M 2 Donnerstag, den 3. Januar 1895. 22. Jahrgang
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** Jahresrundschau.
Das Jahr 1894 ist ein Kriegsjahr. Zwar ist der Frieden auch in diesem Jahre unter den Völkern Europas gewahrt worden, um so mehr aber war der innere Friede innerhalb der einzelnen Völker oft genug gestört und zwar in ernsterer Weise, als dies jemals in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts der Fall war. In den romanischen Ländern erhob drohend die Anarchie ihr Haupt und erklärte der bestehenden Gesellschaft den Vernichtungskrieg. Der Schrecken ist ihre Waffe, und man muß gestehen, daß sie diese Waffe mit Erfolg zu handhaben gewußt hat. Der Schrecken, den die blutigen Thaten der Anarchisten hervorgerufen haben, hat vielen Leuten völlig die Köpfe verwirrt. Ueberall erhob sich der angstolle Ruf nach Hülfe, nach gesetzlichem Schutze gegen die Umsturzgefahr und machte sich selbst dort geltend, wo man durchaus keine Ursache hat, sich sonderlich vor dem Anarchismus zu fürchten. Das gilt besonders für unser Deutsches Reich, und doch ist gerade hier der „Kampf gegen den Umsturz" das Losungswort geworden, das tiefeinschneidend auf unsere ganze innere Entwickelung gewirkt hat. Der „Kampf gegen den Umsturz" hat den letzten Anstoß zu einem abermaligen Kurswechsel gegeben, der dem Deutschen Reiche in der Person des Fürsten Hohenlohe-Schillingsfürst seinen dritten Reichskanzler bescheert hat. Wer weiß, ob das Jahr 1895 uns nicht schon den vierten bringen wird? Im Deutschen Reiche ist ja nichts mehr bleibend, als der Wechsel.
Unsicher und unbeständig erschien ja auch schon während des ganzen Jahres 1894 die politische Lage im Deutschen Reiche. Fortwährend durchschwirrten allerlei Krisengerüchte die Luft, und schon im Januar sprach man von dem Rücktritt Caprivi's. Es kam aber nicht so weit, da der Kaiser — es handelte sich freilich nur um die Besetzung eines Beamtenpostens in den Kolonien — nachgab. Graf Caprivi stand damals noch zu fest, denn in der beherrschenden politischen Frage, der des russischen Handelsvertrages, stellte sich der Kaiser mit solcher Entschiedenheit auf die Seite seines Kanzlers, daß er sogar äußerte, er begreife nicht, wie Männer, die seine Uniform trügen, gegen ihn — d. h. gegen den jrussifchen Handelsvertrag stimmen könnten. Die Konservativen — so erklärte der Monarch bei einer anderen Gelegenheit — sollten sich nicht einbilden, daß sie ihn irgendwie in der Wahl seiner Rathgeber beeinflussen könnten, und daß er namentlich in Bezug auf den russischen Handelsvertrag nicht ganz hinter dem Grafen Caprivi stände. Dem konservativen Abg. Grafen Dönhoff-Friedrichstein, der neben dem Erbprinzen von Hohenlohe-Oehringen für den Vertrag stimmte, bezeugte der Kaiser seine Anerkennung mit den Worten, daß er wie ein echter Edelmann ge-
[] Die KHristMrrme.
Erzählung von C. Borges.
(13. Fortsetzung.)
„Vally ist meine Braut," wandte Kurt ein. „Wenn Sie ihr einige Wochen Obdach in Ihrem Hause gewähren wollen, so bin ich Ihnen von Herzen dankbar; ich hole mir dann meine Braut von Ihnen und reise später mit meiner Gattin nach Deutschland."
„Wie oft haben Sie unsere Vally gesehen, junger Freund?" fragte Lester erstaunt.
„Nicht allzu oft. Aber legen Sie nur kein Hinderniß in den Weg, Herr Lester; ich muß und will sie erringen, selbst wenn ich um sie arbeiten müßte wie Jakob um Rahel."
„Kurt! Kurt! was wird Deine Mutter sagen!" rief Saarfeld bestürzt. „Bedenke, wie sehr es ihr am Herzen liegt, eine standesmäßige Gattin für Dich zu wählen."
„Sie wird einsehen, daß ich nicht dem Vorbilde meiner Ahnen folge," versetzte Kurt gelassen. „Ich bringe ihr meine Christblume und sie. wird sie lieb gewinnen."
„Stellen Sie sich die Sache nicht allzu leicht vor," nahm Lester ernst das Wort. „Denken Sie an das traurige Geschick von Vally's Mutter und lassen Sie die elende Geschichte sich nicht wiederholen. Herr Nobel vernachlässigte seine arme Frau, weil sie nicht mit ihm
handelt habe. Im Uebrigen stimmte aber die konservative Partei trotz den Bemühungen des Kaisers gegen den Handelsvertrag, was freilich nicht verhinderte, daß derselbe dennoch mit einer Mehrheit von 54 Stimmen (in der namentlichen Abstimmung) angenommen wurde. Das Centrum war bekanntlich hierbei getheilt; die Mehrheit stimmte für den Vertrag, eine Minderheit von 39 Abgeordneten — darunter die bayerischen geschlossen — dagegen. Die Mehrheit war der Meinung, daß der Vertrag, nachdem der deutsch-österreichische Vertrag bereits den Getreidezoll auf 3,50 Mark herabgesetzt hatte, der Landwirthschast Deutschlands kaum noch weiteren Schaden zufügen könne, der Industrie aber sehr nützen werde. Die Entscheidung der Frage, ob diese Meinung das Richtige getroffen oder nicht, kann nur die Zukunft bringen. Der Vertragstarif ist nun einmal für ein Jahrzent festgelegt, ein Rütteln daran wäre also für's Erste vergeblich. Dabei kann es keinem vorurtheilslosen Beobachter, und ganz gewiß keinem Centrumsmanne, einfallen, die Nothlage der Landwirthschast leugnen zu wollen. Gerade die Annahme des russischen Handelsvertrages muß die Aufmerksamkeit aller derjenigen, welche mit uns überzeugt sind, daß auf dem Gedeihen der Landwirthschast in erster Linie die Wohlfahrt des ganzen Volkes beruht, darauf hinlenken, wie der Landwirthschast durch ernstliche Reformen wirklich zu helfen ist. Zwar die Errichtung der Landwirth- schaft skammern, die int preußischen Landtage zum Gesetz erhoben worden ist, können wir als einen großen Fortschritt in dieser Hinsicht nicht betrachten, solange das Wahlrecht zu den Landwirthschafts- kammern diese zu einer sehr einseitigen Vertretung des Großgrundbesitzes macht. Der Antrag des Land- wirthes und Centrumsabgeordneten Herold, der durch die Schaffung einer Art von Dreiklassenwahlrechts auch dem mittleren und kleineren Grundbesitz zu einer angemessenen Vertretung in den Kammern verhelfen wollte, scheiterte leider an dem Widerstande der konservativen Großgrundbesitzer. Es ist kein Wunder, daß die Landwirthe sich infolgedessen von den Land- wirthschaftskammern wenig versprechen und in verschiedenen Provinzen von der Errichtung derselben nichts wissen wollen.
Um der Nothlage der Landwirthschast abzuhelfen, sind von konservativer Seite eine Reihe von Vorschlägen gemacht worden, deren Zweck durchweg die Hebung der Getreidepreise ist. Aber keiner dieser Vorschläge ist auch nur bei den Konservativen selbst ohne Widerspruch geblieben. Am meisten Anklang fand bei ihnen noch der Antrag des Grafen Kanitz, der eine Verstaatlichung derGetreide- einfuhr und Feststsetzung der Getreidepreise durcb den Staat bezweckt. Jndeß erweckte auch dieser Antrag bei den konservativen Parteien selbst schwere Bedenken und vereinigte deshalb im Reichstage nur 14
auf derselben gesellschaftlichen Stufe stand, — vernachlässigen Sie sein Kind nicht!" i
„Niemals!" betheuerte Kurt feierlich. „Ich habe zwar noch keine bedeutenden Leistungen im Leben'aufzuweisen, aber ich bin kein Schurke. Ich liebe Vally und bleibe ihr treu!"
8. Kapitel.
„Es ist empörend! Niemals werde ich mein Haupt wieder erheben dürfen! Die Schande erdrückt mich!"
Freifrau von Hochstein hatte in größter Auflegung diese Worte hervorgestoßen und zerknitterte einen Brief, dessen Inhalt die heftige Gemüthsbewegung verursacht hatte.
Es war ein herrlicher Maimorgen; die munteren Vöglein zwitscherten in den blühenden und dicht belaubten Bäumen, Käfer summten und bunte Schmetterlinge flogen emsig von Blüthe zu Blüthe. Doch die erzürnte stolze Frau achtete nicht auf das rege Leben um sie her, oder auf die Schönheit der Natur. Sie saß mit finsteren Blicken auf der Terrasse ihrer Villa in der Norddeutschen Hafenstadt, wo sich die Familie im Frühjahr gern einige Monate aufhielt, und wo sie vor einigen Monaten von Kurt Abschied genommen hatte.
Ihr zur Seite saß Helene; sie sah fast ebenso verstört wie die Mutter aus.
Vor wenigen Augenblicken war ein Brief von Kurt
Stimmen auf sich. Es ist selbstverständlich, daß das Cent rum für einen solchen staatssozialistischen Antrag, an dem die Sozialdemokraten ihre helle Freude hatten, nicht stimmen konnte. Es wird sehr schwer sein, die richtigen Mittel zu finden, die der Landwirth- schaft aufzuhelfen geeignet sind. Auch bei den Regierungen herrscht darüber noch keine Klarheit. Um aber eine Verständigung anzubahnen, wurde von dem preußischen Landwirthschaftsminister die Agrarkonferenz einberufen, in der Männer der Theorie und Praxis ihre Ansicht über landwirthschastliche Reformen vortrugen, die zumeist das Erbrecht und das Kreditwesen betrafen. Beschlüsse konnten natürlich nicht gefaßt werden; hoffentlich werden aber die Anregungen, welche jener Meinungsaustausch ergab, in nicht all zu ferner Zeit zu gesetzgeberischen Vorschlägen sich verdichten. — Im Zusammenhang mit dem russischen Handelsverträge stand die Aufhebung des Identitäts- Nachweises und die Staffeltarife, jene im Interesse des Ostens, diese zum Vortheile des Westens und Südens. Auch die Ablehnung der Rheinkanalvorlag e int preußischen Landtage muß in diesem Zusammenhänge erwähnt werden, weil sie die Rache der Konservativen für den russischen Handelsvertrag bildete. — Zu Ende wurde die Handelsvertragspolitik auch in diesem Jahre nicht geführt; insbesondere scheiterte der Handelsvertrag mit Spanien an dem Widerstande des spanischen Senats. Die Folge war der Zollkrieg. Deutschland belegte die spanische Einfuhr mit einem Zuschlag von 50 Prozent und erklärte die vorhergegangenen Vereinbarungen mit Spanien für richtig.
Eine eigenartige Rolle spielte in der Handelsvertragsfrage der preußische Finanzminister Miquel. Man braucht da nur an das bekannte Wort zu erinnern, das ihm beim „süßen Wein" einst entschlüpfte: „Die Konservativen müßten die größten Esel sein, wenn sie den russischen Handelsvertrag annähmen". Durch seine Bemühungen um die Gunst der Konservativen wollte Herr Miquel diese für seine Steuerpläne einspannen. Diese oder richtiger, sein berühmter „Finanzautomat" bilden ja geradezu die fixe Idee, um die sich bei ihm Alles dreht. Wie sehr er aber auch die einzelstaatlichen Finanzminister und Landtage, insbesondere auch das preuß. Abgh., für seine Pläne mobil machte, ein wie großes Defizit er auch in Preußen herausrechnete: es half alles nichts, der Reichstag begrub sie allesammt mit Ausnahme der Börsensteuer, und er verstand es unter Führung des Centrums, durch richtigere Berechnung der Reichseinnahmen und durch Verminderung der Ausgaben, namentlich int Militär - und Marinetat, das Gleichgewicht im Reichshaushalt auch ohne weitere neue Steuern herzustellen. Wie sehr der Reichstag recht hatte, als er die Einnahmen höher schätzte, als Herr Miquel und Graf Posadowsky, haben dann im Laufe gekommen, der vor vier Wochen von Kalifornien abgesandt war. Kurt schrieb nur wenige, aber inhaltsreiche Zeilen. Er meldete seine Rückkehr auf der „Seekönigin an", die am zweiundzwanzigsten Mai einlaufen werde; doch den Hauptinhalt des Briefes bildete die Nachschrift; sie lautete:
„Ich bringe meine Gattin gleich mit. — Sie ist das beste, herrlichste Wesen auf der ganzen Welt. Um meinetwillen bitte ich Euch, meine „Christblume" mit offenen Armen zu empfangen. Wenn Ihr sie erst kennet, werdet Ihr sie um ihrer selbst willen lieben. Ihr Vater war ein Deutscher, obgleich sein Kind in Amerika geboren und erzogen wurde."
Der Freiherr hatte noch keine Ahnung von diesem Briefe; er saß mit seinen Freunden im Kursaal, doch ein Diener war abgesandt, um ihn rufen zu lassen. Mittlerweile saß die Freifrau an der Seite der Tochter, ein Bild stummer Verzweiflung.
„Wir hätten diesen Schritt nicht verhindern können, Mutter," erwiderte Helene auf eine letzte erregte Bemerkung. „Kurt ist 25 Jahre alt; er ist majorenn, und darf frei und selbständig wählen."
„Er befleckt unseren alten, ehrwürdigen Namen und denkt nicht daran, was er dem Hause und seinen Ahnen schuldet! Wie ist es nur möglich, die Frau seine „Christblume" zu nennen, vielleicht hat er am Weihnachtsfest sie zuerst gesehen! Und diese Person sollte als Herrin in unser altes Stammschloß ziehen und