Dienstag, den 1. Januar 1895.
22. Jahrgang
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Des Neujahrsfestes wegen erscheint die nächste Nummer am Mittwoch.
KlÜckwUltsch.
Wie wurzelt tief im Menschenherzen Der Hoffnung grüner Lebensbaum! Die Zukunft strahlt in gold'nem Lichte, Ein wunderschöner Märchentraum!
So froh begrüßt kein Volk den Fürsten, Deß' Haupt der Siegeslorbeer schmückt, Wie es dem neuen Jahr zujubelt, So toll begeistert und entzückt.
Vergessen sind des alten Jahres
Gemischte Gaben, Lust und Pein;
Nur Lust, so scheint es, soll int neuen Der ganzen Welt beschieden sein.
Nie soll, o Menschenherz, dir welken
Der Hoffnung lebensfrisches Grün, Und möge dir aus jeder Knospe Die Freudenblüthe hold erblüh'n!
Doch wisse, daß die reichsten Freuden
Nicht sind von dieser armen Welt, Wo allzubald die Blumen welken, Zu bald ein jedes Glück zerschellt.
O hoffe, Herz, in Jesu Namen, Der aller Gnaden Mittler ist! Ihn lieben schon, ist höchste Wonne, Ein Glück, das keine Welt ermißt.
Wenn Lieb' und Glaube dich geleiten, Dann hoffe froh und zage nicht!
Sie führen dich zum ew'gen Urquell
Des Glücks: vor Gottes Angesicht! E. Kl.
]:[ Zum Jahreswechsel.
Wenn die Glockeri in der Neujahrsnacht mit dem Schlage der zwölften Stunde das neue Jahr einläuten, dann erhebt sich überall in Stadt und Land ein Jubel, als ob mit dem Schwinden des alten Jahres auch alle Last und Sorge ein Ende hätte, die es uns gebracht, und als ob das neue Jahr uns nur eitel Glück und Sonnenschein bringen könne. Da zeigt sich so recht die schwache Menschennatur. Was das alte Jahr uns Gutes bescheert hat, ist schnell vergessen, keiner dankt ihm dafür, und jeder gibt ihm leichten Herzens den Abschied. Und mögen wir auch bereits oft genug erfahren haben, daß jedes Jahr sowohl Lust wie Leid bringt, wir wenden doch alle Hoffnung stets wieder bei jedem Jahreswechsel dem neuen Zeitabschnitt zu, wir erwarten von ihm für uns das Allerbeste und wünschen auch unseren Freunden mit frohem Munde das reichste Glück.
Und es ist doch wieder gut, daß die menschliche Natur im Allgemeinen so beschaffen ist, daß sie gern hofft und auch Anderen Glück wünscht. Aber zur Freude muß der Ernst sich gesellen, damit wir nachher nicht um so jäher aus allen Himmeln gestürzt werden. Unsere Stimmung wird weihevoller, unser Empfinden tiefer, unsere Hoffnungen heiliger, das Glück, das wir Anderen wünschen, höher und wahrer sein, wenn wir uns erinnern, daß nicht ein blinder Zufall, sondern
[] Die GHristMunre.
Erzählung von C. Borges.
(12. Fortsetzung.)
„O, ich fürchte mich," gestand sie schüchtern, aber ohne ihm seine zitternde Hand zu entziehen, „Man würde verächtlich auf mich herabblicken, wenn es bekannt würde, daß meine arme Mutter vor Hunger und Kälte im Walde gestorben, und daß ich ein Findelkind bin. Michael hat mir das tausend Mal gesagt, und es bricht mir fast das Herz, wenn ich daran denke. — Hier leben Sie allein, aber in der Heimath haben Sie Eltern, Verwandte, Freunde; wenn Sie dann Ihren Schritt bereuen, mich als Gattin heimgebracht zu haben, so würde ich sterben."
„Höre mich an, meine Vally," bat er flehentlich und drückte ihre Hand fester. — Der Wind ächzte und stöhnte in den Gipfeln der uralten hohen Bäume, doch sie achteten nicht darauf. Das junge Mädchen lauschte wie im Traume den Liebesworten, die er ihr ins Ohr flüsterte. Er erzählte von Vater und Mutter, von Schwestern, Freunden und der Heimath. Ihr Herz klopfte laut und stürmisch bei der Nennung des Titels und des altadeligen Namens, den er ihr nicht mehr verschweigen durfte. Sie lauschte in athemloser Spannung der Schilderung seines Heimathsschlosses, das er
der persönliche, allmächtige, allgerechte und allbarmherzige Gott wie der Schöpfer, so auch der Lenker aller Dinge ist. Nicht umsonst hat die Kirche das Fest des hl. Namens Jesu auf den ersten Tag des Jahres gelegt: in seinem Namen sollen wir das Jahr beginnen, sowie das wahre Leben der Seele mit der hl. Taufe, in der wir zugleich unseren Namen empfangen, beginnt. In Jesu Namen allein ist alles Heil gegeben; bleiben wir uns dieser Wahrheit während des neuen Jahres stets bewußt, so wird es für uns kein verlorenes, kein unglückliches sein, mag uns auch an irdischem Glücke noch so wenig zu theil werden.
Wie im Leben des Einzelnen, so ist es im Leben der Völker. Auch für sie gibt es kein Heil, kein wahres Glück, außer im Namen Jesu Christi. Das gilt ferner nicht nur vom ewigen Heile, sondern auch von der wahren menschlichen Glückseligkeit. Es gibt heutzutage viele Leute, welche die Religion zu einer bloßen Gefühlssache machen möchten, welche sich Christen nennen, aber nicht an die Gottheit Christi glauben und nicht nach der Lehre Christi leben wollen. Ein solches „Christenthum" ohne klares Bekenntniß und ohne praktische Bethätigung kann natürlich keinen Einfluß auf das Leben und die Wohlfahrt der Völker ausüben. Rathlos stehen deshalb jetzt die Lenker der Staaten vor den Folgen der Entchristlichung der Völker, die sie selbst nur allzulange gefördert. „Jetzt", so sagte der hl. V ater in seiner herrlichen Weihnachtsansprache an die Kardinäle, „geschieht es durch den Rathschluß der Vorsehung, daß die Völker in Folge der Enttäuschungen, der Unglücksfälle und der wachsenden moralischen und sozialen Gefahren wieder in Erwägung ziehen und zur Erkenntnis gelangen, wie thöricht es war, sich über das Reich Gottes hinwegzufetzen oder gar dasselbe zu verachten. Sie sehen, daß ebenso wie die Einzelnen, so auch die Staaten sich vergebens abmühen, Wohlfahrt, Glück und Vollkommenheit zu erreichen, wenn dieselben diese Güter nicht in dem Urheber, dem Leiter und dem Endziel der gesammten Schöpfung suchen. Sie sehen, daß nach Preis- gebung des Glaubens an Gott weder Pflichtgefühl noch Bürgertugend etwas werth sind, und daß die Gesetze selbst und die Strenge nicht hinreichen, um die Gemüther zu beschwichtigen und die Bolksmassen im Zaume zu halten, sondern diese vielleicht gar noch mehr erbittern." Und darum, so folgerte Papst Leo XIII., muß der christliche Glaube sich frei ausbreiten und kräftig in alle Adern des öffentlichen und privaten Lebens eindringen.
Möchten diese ernsten Mahnungen doch überall offene Ohren und Herzen finden! Wir Katholiken aber wollen, angefeuert und ermuthigt von den Worten unseres weisen Oberhirten, jeder in seinem Kreise dahin wirken, daß diese eindringlichen Lehren immer mehr zur Geltung kommen und Eingang finden in die Geister und Herzen unserer Mitmenschen, zumal unserer deutschen Landsleute: dann, aber auch nur dann dürfen
nur an ihrer Seite wieder betreten wolle, oder er verzichte auf Eltern, Heimath und Freunde, um mit ihr ein glückliches, stilles Leben zu führen.
„Ich will Deine Christblume sein," hauchte Vally endlich erröthend, „Du hast mich am Weihnachtsfest aus großem Leid errettet, darum will ich Freud und Leid mit Dir theilen."
„Am Weihnachtsfest werden Gaben ausgetauscht," flüsterte er ihr zu und schlüpfte einen kostbaren Diamantring von feinem Finger und steckte ihn ihr an; dann zog er eine Scheere aus der Tasche und schnitt eine kleine Locke ihres Haares ab und barg sie sorgfältig in seiner Brieftasche. Sie ließ es ruhig geschehen und blickte sinnend in das verlöschende Feuer, das eine erträgliche Temperatur verbreitet hatte. Doch sie vermochte kaum mehr sich aufrecht zu erhalten; müde lehnte sie ihr Haupt an seine starke Schulter, die Augenlider wurden schwer und fielen endlich fest zu. Die Natur hatte ihr Recht gefordert; ein fanfter Schlummer bedeckte mit einem leichten Schleier die Schrecknifse der vergangenen Wochen und die Freuden der letzten Augenblicke. Sorgsam hüllte er sie jetzt in seinen Mantel.
Endlich graute im fernen Osten der trübe neue Wintermorgen. Valesca schlief noch immer. Ein glückliches Lächeln umspielte ihre bleichen Lippen; Kurt
wir hoffen, daß unser Volk und unser Vaterland so glücklich werden, wie wir Alle es ihnen beim heutigen Jahreswechsel wünschen!
Deutsches Reich.
Berlin^ 29. Dezember.
* Am Neujahrstage, Vormittags 10 Uhr, findet in der Kapelle des Königl. Schlosses Hierselbst ein feierlicher Gottesdienst und unmittelbar nach demselben im Weißen Saale Gratulationscour bei dem Kaiser und der Kaiserin statt.
* Seit gestern weilt der frühere Generalgouverneur von Warschau, General - Feldmarschall v. Gurko, in Berlin. Derselbe gedenkt morgen die Reise nach der Riviera fortzusetzen.
* In 15 sozialdemokratischen Volksversammlungen wurde gestern die Aufhebung des Berliner Bierboykotts beschlossen, zum Theil nach recht stürmischen Verhandlungen. Diejenigen, welche ein materielles Interesse an der Aufrechterhaltung des Bierboykotts hatten, boten natürlich Alles auf, die Aufhebung zu verhindern.
* Das preußische Landwirthschaftsministcrium veröffentlicht eine Nachweisung der in den Jahren 1895 und 1896 behufs anderweiter Verpachtung zur öffentlichen Ausbietung kommender Domainen-Vorwerke. Es kommen deren im Jahre 1895 52, im Jahre 1896 41 zur Ausbietung.
* Aus der Börsenreformvorlage theilt ein Berliner Börsenblatt die beiden Abschnitte über das Maklerwesen und das Emissionsgeschäft mit, „wie sie in der kommissarischen Berathung, die im Reichsamt des Innern gepflogen worden, Gestaltung gefunden." Sie. unterscheiden sich, wie das Blatt selbst hervorhebt, nur in wenigen Punkten von den betreff. Vorschlägen des Börsen-Untersuchungsausschusses. „Wir unterlassen" — so bemerkt die ,Nat.-Ztg.' hierzu — „die Wiedergabe der in Rede stehenden Mittheilungen, da diese, wie wir zuverlässig erfahren, ohne Bedeutung für die Beurtheilung des jetzigen Standes der Angelegenheit sind. Es mag dahingestellt bleiben, ob in einem früheren Stadium dieselben, und in welchem derartig formulirte Vorschläge den Berathungen zu Grunde gelegen haben; gegenwärtig ist es nicht der Fall."
* Der frühere nationalliberale Reichstagsabgeordnete Kulemann, Landgerichtsrath in Braunschweig, der sich mit anerkennenswerthem Eifer und Verständniß an sozialreformatorischen Bestrebungen betheiligt, hatte sich kürzlich in der neugegründeten, unter Leitung des christlich-sozialen protestantischen Pastors Naumann in Frankfurt a. M. stehenden Wochenschrift ,Die Hülfe' sehr scharf gegen die Umsturzvorlage ausgesprochen, die er als „unnöthig und deshalb schädlich" entschieden verwarf; darob wurde er von der als parteioffiziös geltenden ,Nationalliberalen Korrespondenz' derb angerempelt, ja ihm sogar die fernere Zugehörigkeit zur nationalliberalen Partei
rührte sich nicht, doch sehnte er sich nach dem glücklichen Gelingen seines Unternehmens und wünschte seinen Schützling bald in Mutter Delores' treuer Pflege zu wissen."
„O! wie gut, daß. Du no-L hier bist! Ich träumte. Du habest mich ver .,, tt. lln sei allein im Walde," frohlockte Vally, als' "^5utgte.
„Meine Christblume, 'ftef er tief bewegt, „wenn wir im'nächsten Winter m Deutschland sind, sollst Du die blühenden Christblumen sehen. Meine Schwester pflegt fie im Garten, und sie blühen immer am Weihnachtsfest." '
„Ich habe sie hier noch nie gesehen! Doch jetzt laß uns an die Heimkehr denken, denn ich bin wirklich hungrig und erschöpft. — Wie gut, daß wir bis Tagesanbruch gewartet, haben, denn ich kenne die Gegend jetzt ganz genau. Hinter jenen Hügeln tiegt Saratonka, in zwei Stunden sind wir dort."
So war es. Saarfeld erkannte den bekannten Schritt des Pferdes, er eilte in den Hoftaum, doch schien Kurt seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er an der Seite seines Freundes das wohlbekannte Gesicht des Lester sah.
„Gott sei gedankt," sagte Herr Lester, als er Vally vom Pferde half, „ich fürchtete, zu spät gekommen zu sein."