Intelligenz-Blatt der freien Stadt Frankfurt, ^M verbunden mit dem Amtsblatt, Organ der hiesigen Staats-
■ behördew, und den Frankfurter Nachrichten als Gratisbeilage.»'
(Erpedition: am Geistpförtchen, SchlachthauSgasse 21.)
M 84. Dienstag, den 10. April 1855.
Ueberblicke der Ereignisse im Gebiete der politischen un- materiellen Interessen.
Frankfurt, 10. April. Nach allen über die Haltung der Decemberverbündeten auf den Wiener Konferenzen bekannt gewordenen Nachrichten war anzunehmen, daß Frankreich entschieden abgeneigt sei, auf Friedensvorschläge einzugehen, die es Rußland möglich machten das Schwert aus den Händen zu legen. „ Schleifung Sebastopels durch die Russen oder Eroberung dieser Festung" — das blieb zunächst die Parole, welche von Paris ausgegeben wurde. Sei es indeß, daß der Widerstand Englands und Oesterreichs, sei eS, daß die Ueberzeugung von der Unmöglichkeit Sebastopol zu erobern den Kaiser umstimmte, genug die Friedenssahne weht jetzt trotz der Truppensendungen, die fortgesetzt nach der Krim gehen, auch von dem Tuillerienpalaste. Sämmtliche Pariser Blätter, die bekanntlich keineswegs eine freie Meinung haben, sondern mehr oder weniger von der Regierung in der Aeußerung ihrer Ansichten bestimmt werden, erklären, daß die Belagerung von Sebastopol ein bloßes Mittel nicht der Zweck des Krieges sei; nicht auf Eroberungen der Westmächte, nicht auf eine Kränkung der russischen Ehre komme es an, sondern allein darauf, daß in einer Besorgnisse für die Zukunft ausschließenden Weise die Integrität der Türkei gesichert werde. Ihrer kriegerischen Ehre hätten die kämpfenden Staaten genug gethan, die Einen durch die Schlachten von Alma und Jnkermann, die Andern durch die muthige Vertheidigung von Sebastopol und daher könne jetzt der von den Interessen der Civilisation und deS Handels geforderte Friede geschlossen werden. Mit diesen Kundgebungen stehen anderweitige Nachrichten über die am französischen Hofe herrschende Stimmung in Einklang. Der Reise des Ministers Drouyn de L'huyS zu der Wiener Conferenz wird von Paris auS eine friedliche Bedeutung untergelegt und in- demselben Sinne wird diese Reise in Wien beurtheilt; nicht um daS Wort „Bruch" auszusprechen, so verkündet der officielle Pariser Correspondent der Jndependence Beige, sondern 'um einen mit der Ehre aller Parteien verträglichen Frieden zu ermöglichen, begebe sich der Minister nach Wien, dem es vorzugsweise zu danken, daß der Kaiser Napoleon von seinen kriegerischen Absichten zurückgekommen. Von großer Bedeutung ist außerdem die Anschauung, welche der vertrauteste und ehedem so kriegerisch gestimmte Rathgeber des Kaisers, Persigny, von der Sachlage sagt. Nach ihm ist der Hauptgewinn des Krieges nicht in Erorberungen durch Waffen, sondern in den diplomatischen Erfolgen zu suchen, welche er für Frankreich bereits herbei-