Wenn unter diesen Umständen England und Frankreich eS dennoch, statt die russischen Anerbietungen anzunehmen, vorziehen sollten, den Krieg fortzusetzen, so kann ihr Zweck unmöglich sein, die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit der Türkei zu sichern. Das osmanische Reich dessen Kräfte schon jetzt auf das Aeußerste erschöpft sind, kann unmöglich noch längere und größere Anstrengungen machen, ohne die Zerrüttung, in der dasselbe ohnedies sich bereits befindet, zu unheilba
rer Höhe zu steigern. Den Verfall der Türkei noch mehr zu beschleunigen, liegt aber weder in dem Interesse Frankreichs noch Englands, da keine von beiden
Mächten in der Lage ist, wenn der Patient seinen Aerzten jetzt unter den Händen sterben sollte, das Erbe sofort in Besitz zu nehmen. England würde freilich, sofern eS jetzt zum Frieden käme, kaum noch einen Vorwand haben, seinen schönen
* Plan einer Reorganisation des türkischen Heeres nach dem Muster des englisch-ostindischen zur Ausführung zu bringen. Wir glauben jedoch nicht, daß dieses Experiment, welches immer ein sehr gewagtes bleibt, der englischen Regierung so sehr am Herzen liegt, daß sie lediglich zur Unterstützung desselben die ungehenren Opfer eines so riesenhaften Kampfes, wie der gegenwärtige Krieg schon in diesem Augenblicke ist, länger bringen sollte, als die unbedingte Nothwendigkeit gebietet. Wir sind deshalb nicht abgeneigt, die Aeußerungen, durch welche Lord Palmerston bei dem Festmahle in Ostindier- Hause seine Friedensliebe bekundete, für etwas mehr, als die gewöhnlichen obligaten Redensarten zu halten, zumal da es nach vielfachen Anzeichen keinem Zweifel unterliegt, daß nicht bloß in den höhern Ständen, sondern auch bei der großen Masse der englischen Nation die Kriegslust durch die Vernichtung des Heeres in der Krim, ■— des schönsten, welches England jemals in das Feld gestellt hat, — sehr gedämpft ist und allmälig friedlichen Gesinnungen zu weichen anfängt.
Eben so wenig, wie England eine vernünftige Ursache hat, einen Krieg zu verlängern, der dem britischen Jnselreiche weder Ruhm noch andere Vortheile verspricht, als solche, welche auch ohne den Krieg zu realisiren sind, hat Oesterreich eine vernünftige Ursache, seinerseits die Verlängerung des Krieges zu wünschen, oder sich selbst an dem Kriege zu betheiligen, da es schon jetzt thatsächlich in den Ponaufürstenthümern an Rußlands Stelle getreten ist, und mehr darauf bedacht sein muß, die Beute, die ihm ohne directe Betheiligung an dem Kampfe zugefallen ist, in Sicherheit zu bringen, als auf neue Eroberungen anszugehen.
Anders steht es freilich in Frankreich, wo der Abschluß des Friedens unter den gegenwärtigen Verhältnissen voraussichtlich als eine Niederlage des neuen Kaiserreiches ausgenommen werden würde. Die Frage über Krieg und Frieden kommt daher, sofern uns nicht Alles täuscht, in der Hauptsache auf die andere Frage hinaus, ob die dynastischen Interessen des Kaisers der Franzosen bereits mächtig genug sind, das allgemeine europäische Interesse zu überwiegen.
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