Zntelltgenz-Blatt der freien Stadt Frankfurt, verbunden mit dem Amtsblatt, Organ der hiesigen Staats- ^ behörden, und den Frankfurter Nachrichten als Gratisbeilage.
(Expedition: am Geistpförtchen, SchlachthauSgasse 21.)
Samstag, den 10, Februar
1855
Ueberblicke der Ereignisse im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.
Frankfurt, den 10. Februar. Die entschiedene Haltung, welche Preußen in der Politik der orientalischen Frage durch die Erklärung eingenommen hat, daß es den aus dem April- und dem Novembervertrage mit Oesterreich sich ergebenden Verpflichtungen nur unter der Bedingung der Theilnahme an den Wiener Conferenzverhandlungen entsprechen werde, gewährt einem großen Theile der in- und ausländischen Presse die Ueberzeugung, daß die preußische Regierung Kraft genug besitze, sich durch keine dringenden Forderungen der Dezemberverbündeten von der betretenen Bahn drängen zu lassen. Die „Jndependence" und auch deutsche Blätter bringen daher in diesen Tagen aus Paris die Nachricht, daß die französische Regierung gerne bereit sei, mit Preußen ein besonderes Abkommen zu treffen und demselben dadurch die Gelegenheit zur Theilnahme an den Wiener Conferenzen zu verschaffen. Wir sind nun der Meinung, daß die verbündeten Höfe sich zu solchen Conzessionen nicht bereit erklären würden, wenn sie nicht durch die natürliche Machtstellung Preußens dazu genöthigt wären. Auffallend ist uns aber die Nachricht mehrerer Blätter, daß vom Wiener Cabinet aus Rücksichten gegen Preußen in Paris und London diese Lösung der Differenz mit Preußen warm befürwortet und auch angerathen sei. Das wahre Sachverhâltniß besteht vielmehr darin, daß die Westmächte in ihrem eignen Interesse eine Ausgleichung der Differenz mit Preußen suchen mußten, und wir bemerken hierbei, daß die preußische Regierung keines Vormundes bedarf, und ihn noch viel weniger nach dem letzten Depeschenwechsel erwartet hat. Die Politik der preußischen Regierung ist eine selbstständige, eine auf die Wahrung deutscher Interessen gerichtete, und die Verhandlung hier am Bundestage in der Mobilmachungsfrage ergibt, daß auch die mitteldeutschen Staaten trotz der Agitation von anderen Seiten erkannt haben, wo sie eine unparteiische Vertretung ihrer Rechte zu hoffen haben. Ueber den Gang der Verhandlungen in Paris und London können wir den Lesern unserer Ueberblicke zwar keine Nachricht mittheilen, aber doch die Versicherung geben, daß Preußen die Erfüllung der von ihm prinzipiell aufgestellten Forderungen festhält und sich weder durch die Drohungen der Aufstellung eines französischen Corps in Böhmen noch durch die erfundene Nachricht von dem Abschluß eines Bündnisses der Westmächte mit Belgien, Holland, Dänemark u. s. w. schrecken läßt. Es ist sich dessen wohl bewußt, daß diese erwähnten Staaten