Intelligenz-Blatt
der Keten Stadt âankfurt
(Expeditions-Comptoir am hl. Geistpsörtchen M 2140.
M 127. Dienstag, den 30. Mai 1854.
UeberMA Vee ^rsègmffs im Gsbiets dsr politischen «Kd WatsMLZleN Jrrtersfferr.
Frankfurt, den 30 Mat. Die letzten Tage haben uns eine Reihe von wichtigen Ereignissen gebracht. Am 23. sand zu Wien die sechste Conferenz der vier Großmächte statt, in welcher daS französischenglische und daS preußtsch-öfterreichische Bündniß vorgelegt wurde; fast gleichzeitig Damit erfolgte von Paris aus die Veröffentlichung deS österreichisch preußischen Bündnisses und deS Vertrags zwischen der Pforte und den West- mächten. Am 24. legten Preußen und Oesterreich dem Bundestage ihre gemeinsame Erklärung vor über die bisher von ihnen in der orientalischen Frage befolgte Politik Am 25. erfolgte die Eröffnung der Bamberger Conferenz, in welcher sich die Mittelstaaten über ihren Anschluß an daS österreichisch-preußische Bündniß berathen und zu gleichem Zwecke haben sich am 27. in Weimar die Vertreter der thüringischen Staaten zu Con- ferenzen vereinigt. Wenn man mehr die frühere Geschichte als die Gegenwart beachtet, so könnte man fast die Besorgniß empfinden, daß die Berathungen zu Wien, Frankfurt, Bamberg und Weimar störend aus einander einwirken oder gar zu einander widerstreitenden Ergebnissen führen könnten. Nach dem Resultat der letzten BundeSragSsttzung glauben wir, daß solche Besorgnisse nichtig seyn würden, daß vielmehr die Conferenzen zu Bamberg und Weimar durch die Gruppirungen bedingt sind, die sich seit 1848 auch in politischer Beziehung als Abstufung zwischen Großmächten, Mittel- und Kleinstaaten herausgestellt haben. Schon früher bestanden solche Gruppen auf dem handelspolitischen Gebiet. Die Bildung deS großen deutschen Zollvereins war dadurch erleichtert, daß der preußisch-Hessische Verein mit einem würtembergisch - bayerischen und einem thüringischen HandelSbund zu unterhandeln halte. Zumal ter thüringische Verein ist geographisch, sowie durch den Umstand, daß seine Beherrscher derselben Linie angehören, eine durchaus naturgemäße Gestaltung, aber auch die mehr nach politischen Grundsätzen künstlich grup- pirten Mitttlstaaten lassen keine Besorgniß aufkommen, daß die Bamberger Beschlüsse den Interessen Deutschlands widersprechen werden. ES ist deßhalb auch die Entgegensetzung von „Doctnn und Vaterland» unter die unbegründeten Angriffe auf die Mittelstaaten zu rechnen und eS scheint vielmehr, daß Deutschland der Verwirklichung einer selbstständigen und nationalen Politik entgegengeht. Wenn der österreichische Gesandte bereits im Jahre 1828 den deutschen Bund al« den „Bund deS Friedens und der Eintracht" charak- terisirte, so läßt sich hoffen, daß derselbe jetzt durch innere Eintracht zu der Stelle em- psrsteigen wird, wozu die Lage und VolkSzahl Deutschland berechtigt; dem Welttheile den Frieden zu gebieten und zu geben.