Charaktergemälde von der Porte St. Martin flößt mir immer eine Art Grausen ein, denn der'CHarakter solcher Schauerdramen besteht eben gerade in ihrer Charakterlosigkeit. Da wird ein Mann von der Straße heraufgeholt, in Lumpen gehüllt, zerrissen , nackt, roh, ein ächter Proletarier; er wird in einige Lappen sehr großer, sehr erbaulicher, sehr erhebender Tugenden gehüllt, mit einigen obligaten Redensarten auSge- stopft, daß er vor Moral und Edelmuth üderschäumt, daS ist der Held des Stückes; dann wird ein Rock von Seide, eine gepuderte Perücke, ein Paar Glacehandschuhe, ein Paar Hosen und eine elegante Schnürbrust, mit einiger Bvèheit auSgestattet, wo möglich so recht schlecht und schurkisch auSwattirt, lauter Galle, Gift und Bosheit, daS ist dann der Jntriguant, eS muß aber wenigstens ein Baron oder ein Marquis seyn; um diese herum tanzen und drehen sich nun jene Gänschen, welche die gemordete Tugend vorstellen und welche die Strohpuppe aus dem Volke vor der Strohpuppe aus der Gesellschaft reitet. Da habt Ihr ein solches französisches Charakiergemäloe, thut dazu einige Phrasen vom Glanze Frankreichs, von der Ehre des Kaisers w., und das Ding ist fertig. So sind sie alle, von „Maria Anna" bis zum „Bajazzo", von der „Frucht- Händlerin" bis zur „Tochter des Gefangenen"; mit etwas mehr oder weniger Unwahrscheinlichkeiten, mit etwas mehr ober weniger Phrasen. DaS ist der ganze Unterschied. So ist auch dieser „Droschkenkutscher". An Effecten fehlt eS nicht, an pikanten Sètuatio- neu fehlt es nicht, an spannenden und die Nerven reizenden Austritten ist kein Mangel und wenn Wan einige Illusion und einigen Glauben mitbringt, so wird man sich einige Stunden recht amüstren, und wir sind gewiß, die Casse macht, mit ihm wie mit allen Vorgängern aus dieser Schule ver Unnatur, recht gute Geschäfte, besonders da die Piece hier ganz vortrefflich gegeben wird und in Herrn Reger (Claude Thibaut), Herrn Wenzel (Arezzo) und Frau Stolte (Madelaine) recht gute Vertreter hat Frau Stolte h^Mhrte sich heute als eine sehr tüchtige Künstlerin, welche die Ungunst der Verhältnisse, mit denen sie hier zu kämpfen hat, nach Kraft bemeèstert. Wir glauben deßhalb aus ihr demnächst stätHndenveS Benefice „Donna Diana" aufmerksam machen zu sollen, in weichern Stücke sie die Titelrolle bei ihrem früheren GaftrsllencycluS auf hiesiger Bühne bereits mit so großem Beifall spielte. ' Z.
WsKeOe MachrichteK.
*** Berlin. Die gegenwärtigen Wirren im Orient, denen das Königreich Griechenland seine ungeteilte Aufmerksamkeit zuwendet, dürften eine Veränderung in der diplomatischen Vertretung Griechenlands, welche bereits seit längerer Zeit beabsichtigt wird, wesentlich beschleunigen. Es soll nämlich ehestens in der Person des Hrn. Schinas hier und in Wien ein griechischer Gesandter beglaubigt werden, der abwechselnd in der preuß. und öftere. Hauptstadt residirt. Es scheint der griechischen Regierung wichtig, bei den deutschen Großmächten entsprechend vertreten zu seyn.
Zu militärischen Kreisen hält man es für wahrscheinlich, daß der Generaladjutant des Königs, Generallieutenant v. Gerlach, zum Nachfolger des Generals v. Radowitz als Chef des Militär-Schul- und Erziehungswesens in der preußischen Armee ernannt werden wird.
Dem Vernehmen nach sind im Correspondenzwege von hier aus Unterhandlungen mit feen übrigen Zollvereinsstaaten wegen der in dem mit Oesterreich abgeschlossenen Verträge vorgesehenen Münzconvention angeknüpft worden. Durch diese soll die Basis für den Standpunkt gewonnen werden, welchen der Zollverein bei der abzuhaltenden Münzconferenz zu nehmen hat. Es wird auch von ihnen abhangen, ob Preußen allein oder in Verbindung mit mehreren oder allen Zollvereinsstaaten die Münzconferenz beschickt
Von Seiten des deutsch-österreichischen Telegraphenvereins sind seit Kurzem mit England, Frankreich und Belgien Verhandlungen darüber angeknüpft worden, daß diese Staaten den nächtlichen Telegraphendienst zu demselben einfachen Preise einrichten, wie er dem 1. Januar Y, Z. in dem Vereinsgebiet im Gange ist.