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(Expedition: am fr. GeistpfSrtchen, SHlachthauSgaffe 21.)

M 303 Donnerstag dm 23, December 1869

rath Herr von Keudell den Prinzen Friedrich Wilhelm nach Wien begleiten werde und ermächtigt sei, über mehrere strei­tige Punkte deS Prager Friedens zu verhandeln. Gleich nach der Ankunst des Kronprinzen an unserem Hofe hatte ich hierüber eine Unterredung mit Sr. K. Hoheit, welche mir die früher ertheilten Zusicherungen bestätigte und seitdem wartete ich vergebens auf den Abgesandten des Königs Wilhelm. Ich kenne nicht die Gründe, welche die preußische Regierung be­stimmt haben, die Reise des Herrn von Keudell abzubestellen; aber das kann nur an meiner Erklärung liegen, daß auf alle Fälle der Prager Frieden vollkommen ausgeführt werden müsse. Dies wird ohne Zweifel der Grund gewesen sein, welcher den Kronprinzen bestimmt hat, alle weiteren Unterhandlungen ab­zubrechen. Ew. Exc. kann also in aller Wahrheit behaupten, daß der Besuch des Kronprinzen Friedrich Wilhelm in Wien absolut nur ein Akt der Höflichkeit ist, und daß der Status quo ante in den Beziehungen der beiden Kabinette lediglich fort besteht. Gleichzeitig erlaube ich mir, Ihnen dringend die Ueberwachung der preußische» Agitatoren zu empfehlen und nöthigenfallS auf das Entschiedenste zu protestiren. Das öster­reichische Kabinet besitzt unwiderlegliche Beweise dafür, daß die revolutionäre Partei in Böhmen nur durch den konstanten Beistand Preußens fortbesteht. Genehmigen Sie, Herr Graf, u. s. W. Graf Beust. — Mr brauchen wohl kaum zu be­merken, daß dieses angebliche Aktenstück vollständig erfunden ist. Die Ableugnung von Wien her hat auch sofort nicht auf sich warten lassen. Wir theilen es auch nur mit, um wieder an einem Beispiele zu zeigen, wie die Agenten deS Hietzinger Hofes fortwährend bemüht sind, die öffentliche Meinung deS Auslandes irre zu führen.

UeberbliS der Ereignisse im Gebiete der politischen Md materiellen Zatereffen.

Frankfurt 23. December. DaS Pariser Blatt: „Parle- ment" veröffentlicht folgende „vertrauliche Devesche", welche der österreichische Reichskanzler an den Gesandten in Berlin, Grafen Wimpfen, gerichtet hätte: Wien 8. December 1869. Excellenz! Wenn ich mir erlaube, Ew. Excellenz, einige ver­trauliche Einzelnheiten über die gegenwärtigen Beziehungen der Cabinette von Oesterreich und Preußen zu geben, so thue ich eS im gegenseitigen Interesse unserer Regierung und Ew. Excellenz, ihres würdigen Vertreters bei einer Macht, welche seit langer Zeit gewöhnt ist, ihre wahren Absichten hinter täuschenden Schein zu fälschen und welcher gegenüber daher die größte Vorsicht nothwendig ist. Da während meiner kurzen Abwesenheit, als ich Se. Maiestät nach dem Orient begleitete, die irrthümlichsten Gerüchte über ein angeblich zwischen den Cabiuctten schon abgeschlossenes Uebereinkommen umliefen, so sehe ich mich genöthigt, Ihnen hierüber einige Ausklärungen zu geben, welche Ihnen zur VerhaltungSlinie in Ihren Be­ziehungen zu der Regierung dienen sollen, bei welcher Sie beglaubigt find. AlS vor der Abreise Sr. Maj. nach dem Orient der Besuch des Prinzen Friedrich Wilhelm in Wien notificirt wurde, war die auswärtige Diplomatie von diesem Schritte sehr überrascht. Aber die damalige Lage Frankreichs und ihre eventuellen Folgen ließen eine vollständige Umwand­lung in der Haltung deS Berliner Cabinets gegenüber dm Provinzen vermuthen, welche seit dem letztm Kriege Preußm unterworfm sind,deren Einverleibung in die preußische Monarchie aber wegen der Nichtausführung einer der Bestimmungen deS Prager Friedens noch nicht dir Sanction Europa's er­halten hat. Diefe Vermuthung war um so zulässiger, als man vollkommen überzeugt ist, daß diese Provinzen die erste sich ihnen darbietende Gelegenheit benutzen werden, um an die fremde Gewalt zu appelliren und sich nöthigenfallS mit ihr zu verbünden, um das Joch, welches sie so lange tragen, abzuschütteln. Man glaubte also damals, daß die preußische Regierung vor Allem die Mittel und Wege aufsuchen würde, um Ordnung und Frieden in Europa dauernd zu begründen. Indem die österreichische Regierung diese Vermuthung annahm, ohne jedoch einer förmlichen Eröffnung Preußens vorzugreifen, beschränkte sie sich darauf, die dem Kronprinzen zu gewährende Aufnahme dem Urtheil Sr. Majestät zu überlasten, überzeugt, daß, falls das Berliner Cabtnet in Unterhandlungen treten wollte, es nicht ermangeln würde, Sr. K. Hoheit eine besondere Persönlichkeit zu attachiren, welche mit den nöthigen In­structionen und Vollmachten versehen wäre. In der That em­pfing ich einige Tage später die Anzeige, daß der LegationS-!

A«S der Mâtze.

* Herborn, 16. December. In der Generalversammlung des Gewerbevernns wurde gestern Abend von Reallehrer Grün ein Vortrag über Kulturgeschichte gehalten, der streng wissen» schastlich und deßhalb für die Zuhörer recht spannend war.— In Folge einer stattgefundenen Vergiftung durch Schwein­furtergrün und deS darauf erfolgten Todes eines Mannes in Münchhausen hat sich das hiesige Gericht mit dem Staatsan- walte von Dillenburg in gedachtes Dorf begeben, um die Untersuchung an Ort und Stelle zu beginnen. — Ei» Ein­wohner von Sinn, hiesigen Amtes, der den Markt unserer Nachbarstadt Wetzlar besucht hatte, um dort ein Paar Ochsen zu kaufen, kehrte Abends, ohne seinen Zweck erreicht zu haben, mit der Eisenbahn zurück, vermißte unterwegs seine Brief­tasche mit 202 Thalern Inhalt, ohne jedoch angeben zu können, !ob er solche verloren hat oder ob ihm dieselbe gestohlen worden.