Intelligenz Blatt
der Stadt Frankfurt a. M.,
verbunden mit dm Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
(Expedition: am H. Geistpförtchen, SchlachthauSgaffe 21.)
Jg 255 Donnerstag dm 28. October 186&
Ueberblick du Ereignisse im Gebiete der politische« und materielle« Jutereffen.
Staat-n wieder zu einem neuen Bundestage in Frankfurt zusammenzubringen; allein ein durch ausländische Hülfe erzielter Sieg würde kaum beim deutschen Volke Gnade finden. Der Kaiser Franz Joseph mag nach Osten reisen und er mag nach Süden reifen, er mag des Sultans Gast und der gute Freund des Königs von Italien werden, allein er wird sich vergebens nach einem nützlichen Verbündeten umsehen, wenn er nicht den König von Preußen sucht. Nicht als ob Oesterreich einen Bundesgenossen brauchte. Es hat vielmehr Alles, um sich selbst zu einem großen, mächtigen und vor Allem glücklichen Reiche zu entwickeln. Wenn Oesterreich sich nur entschließen will, den Tag von Königgrätz zu vergessen, so wird es sich mit der Zeit ausweisen, daß jenes Mißgeschick nicht nur seine Machtstellung nicht beeinträchtigte, sondern im Gegentheil ihr einen neuen, festeren Boden verlieh." — Das Telegramm auS Knowsley, welches Lord Derby's Tod meldet, setzt hinzu, daß er ohne schmerzhaften Kampf gestorben sei. An seinem Krankenlager hat die treue Gattin (eine Tochter Lord Skelmersdale's, mit welcher er seit 1825 vermählt war) ihre Kräfte so übermäßig angestrengt, daß die Aerzte ihr selbst befehlen mußten, daS Bett zu hüten. In Knowsley Park weilen unter anderen Angehörigen natürlich auch die beiden Söhne des Verstorbenen, Edward Henry, bisher Lord Stanley und Unterhausmitglied für KingS Lynn (bekanntlich Minister deS Auswärtigen von 1866—68), folgt jetzt dem Vater in Namen und Würde; er wird als Earl von Derby in der nächsten Session seinen Sitz im Oberhause einnehmen, und für Kings Lynn ist eine Neuwahl auSzuschreiben.
Frankfurt, 28 October. Die Vorgänge der letzten
Wochen veranlassen die Times, sich über die Beziehungen zwischen Preußen und Oesterreich eingehend auszusprechen.
Der Hauptinhalt des Artikels ist folgender: „Preußen und
Oesterreich sind ein halbes Jahrhundert lang immerhin Nebenbuhler, aber auch Verbündete gewesen, und ihre Streitkräfte standen während dieser Zeit zusammen und bildeten die sicherste
Garantie für die Ruhe Europas. Sie haben ihren Streit gehabt und haben ihn beigelegt, und wenn Verträge Bestand haben, ist die Hauptursache ihrer Zwietracht aus dem Wege geräumt. Beide sind deutsche, friedliche, conservative, Angriffen abholde Staaten. Wenn sie sich herzlich die Hand reichen, so kann weder Rußland noch Frankreich viel zu ihrem Nachtheil unternehmen. Was könnte Oesterreich bei einer Äerdindung mit Frankreich gewinnen? Allenfalls könnte man daran denken, daS verlorene Uebergewicht in Deutschland lieber zu erobern. Allein Frankreich würde nur für den Rhein daS Schwert ziehen, und welche Popularität könnte Oesterreich in Deutschland ernten, wenn eS den Gallier über den heiligen Strom hereinbrechen ließe? Rußland kennt nur «rne Lösung der orientalischen Frage: die Besetzung der ^onau-Ufer und deS ganzen Gebietes zwischen diesem Flusse und den zwei Meerengen. Oesterreich muß sich entscheiden, nüches Ziel für seine Plane am besten paßt; wenn eS sich aber an der Donau behaupten möchte, dann darf eS nicht nach Frankreich blicken, sondern muß die Unterstützung Preußens uchen. Preußen ist ihm viel näher zur Hand. Preußen ann ihm zur Seite stehen und dem nordischen Angreifer ungs seiner Grenzlinie die Stirn bieten. Seit drei Jahren ™ "ufere feste Ueberzeugung gewesen, daß die zwei 'iiiajen Großmächte kaum ihre alten Streitigkeiten beilegen I onnten, ohne vom Zustande offener Feindschaft sofort zu einem »An und herzlichen Einverständniß überzugehen. Unsere imsuhten in dieser Beziehung mögen allerdings eben solche ^rngespinnste als die anderer politischer Propheten gewesen rQf Beust hat ohne Frage sein Bestes gethan, die Berwirklichung unserer anscheinend kühnen Prophe-
HJU verzögern, allein alle Geschicklichkeit und Thätigkeit, .Ersucht und Wichtigthuerei eines einzigen kann den Strom der Ereignisse nicht aufhalten, Geschehene ungeschehen machen, oder daS Un- abwenden. Durch eine Verbindung mit Frank- Siache "^Rußland könnte Oesterreich ohne Zweifel seine
Preußen kühlen, Bayern, Württemberg, Hannover nuyuujci «yuuijee waren im yagre iöo< ]aivn rmuiuiunuu- ^uchfen die Hand reichen und vielleicht die kleinen deutschen sich veraccordirt; kamen aber leider nicht zur Ausführung.
Aus der Nähe
-Königstein, 21. October. Nachdem die Hoffnungen auf Wiederherstellung der Postverbindung mit Camberg ziemlich aussichtslos geworden sind, ist eS an der Zeit, das Projekt einer Postverbindung mit Oberursel über Cronberg wieder lebhaft in das Auge zu fassen, da uns diese ungleich mehr Vortheile gewährt als jene. Alle Reisende ohne Ausnahme können nicht genug ihr Erstaunen darüber aussprechen, daß zwischen den volkS- und verkehrsreichen Städtchen Oberursel, Kronberg und Königstein nicht einmal eine fahrbare Chaussee und Postverbindung existirt. Gleichzeitig sei erwähnt, daß diese Chaussee uns in directe Verbindung mit der Kreisstadt Homburg und weiterhin mit Usingen, der Wetterau rc. brächte; es würde hierdurch für die Bewohner diesseitiger und jenseitiger Gegend eine große Annehmlichkeit geschaffen und der Verkehr wesentlich gehoben. Die Arbeiten zur Herstellung fraglicher Chaussee waren im Jahre 1867 schon einmal öffent-