Intelligenz-Blatt
der Stadl Frankfurt a. M^
verbunden mit dm Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
(Expedition: am h. Geistpförtchen, SchlachthauSgaffe 21.)
M 263
Dienstag'den 26. October
1869
Ueberblick der Ereignisse im Gebiete der politischen mrd ■ materiellen Interessen.
Frankfurt, 26 October. (Die Flotte vonZars ko je- Sfelo.) Zarskoje-Sselo hat zwar keinen Ruhm als Hafenstadt (außer etwa in der Art, wie die berühmte „Seestadt Leipzig"), er liegt nicht am Ufer des Meeres, nicht einmal an einem See, Strom oder Fluß, und doch besitzt die russische Sommerresidenz auf dem künstlich geschaffenen Parksee eine Specialität im Marinewesrn, einen Hafen und eine Werft, welche so mannigfaltig, so reich, so eigenartig, so hübsch geordnet ist, daß wohl kein Ort etwas Aehnliches aufzuweisen hat. Scheint er auch auf den ersten Blick nur ein Luxus, nur ein Schmuck des Parks, eine vornehme Phantasie, in dem Sinne, wie das Riesenspielzeug im Gedichte, so bietet es doch auch eine ernste Seite, eS gewährt dem aufmerksamen Beobachter ein interessantes Studium der verschiedenartigsten Schiffe und Boote aller Schifffahrt treibenden Nationen, gebaut in den heterogensten Ländern und Zonen, und zwar nicht weniger als 5t> an der Zahl. Dabei ist noch die Liberalität einzig in ihrer Art, mit welcher jedem Offizier und seiner Familie, ja dem ganzen feineren Publikum der Gebrauch sämmtlicher Boote zur Verfügung gestellt ist. Am östlichen Ufer deS Sees liegt, von rothen Ziegelsteinen erbaut, mit weißen ragenden Zinnen ein Gebäude, welches dem Offizier und der Mannschaft zur Wohnung dient, mit einer Werkstätte, worin der Großfürst Alexej Alexandro- tvitfch, der Vertreter der Marine in der kaiserlichen Familie, eigenhändig arbeitet; dort befindet sich eine Halle, reich vergoldete altmodische Schiffe enthaltend aus der Zeit Catharina'SH., Sanduhren aller Größen und andere zum Seedienst gehörige Gegenstände. Den Vordergrund schmückt eine Statue Peterè kroßen, deS Schöpfers der russischen Flotte, links das Bild des heiligen Nikolai des Seefahrers, des himmlischen Be^ Putzers der Schiffsleute, umgeben von Fahnen, und davor oie ewige Lampe. Von hier aus streckt sich der See nach rechts nach links, mit einigen hübschen Inseln. Wie auf dem vmierdeck eines Schiffes steht auf der nächsten und kleinsten
Kanone, welche durch einen Schuß die Mittagsstunde verkündet, weiterem Kreise zum praktischen Nutzen, dem harmlos xrommirenden und in der Nähe Sitzenden zu momentanem
. Weiterhin ein Denkmal deS Sieges der Russen über nnh « , bei TscheSme. Architektonisch edel gehaltene Treppen 11m ^Ä^rten schmücken die Inseln und die Ufer. „5! iS Mannschaft in einem kleinen Halbkreise liegen in Reih sRnriA ^ Safiffe, Boote und Kähne der verschiedenen Länder, und »°^^°ine Tafel angebracht mit Benennung, Heimathland ho»»« ^?iQM der Erbauung. Da liegen nebeneinander eine "ttianische Gondel, in Kronstadt gebaut, ein türkischer Kai! aus
Konstantinopel, sehrlang, von prächtiger Form und reicher Goldverzierung; ein kleines Boot aus Manilla auf den Philippinischen Inseln; eine Dshunk aus Nangasaki; ein nationales Boot aus Westindien; eine zierliche Nachahmung des sogenannten Einbaumes bayerischen Hochgebirges; eine chinesische Sampanka, in Shanghai gebaut, höchst sonderbarer Form, vom einfach, nach hinten zweigetheilt, ein einziges Ruder bewegtste, welches der Matrose stehend, wie einen Quirl im Wasser hin und herbewegt; ein japanisches Flußboot aus Hakodade; ein kleines Boot von der Mündung des Amur; ein Kahn aus Astrachan; eine Gitschka für das Meer; eine andere für die Flußschifffahrt; ein finnisches Boot; ein Kahn aus Nishuei-Nowgorod; ein anderer aus dem Ladogasee; mehrere sogenannte Wasserschuhe; ein Kahn vom Ssaima-Canal und ein livländischer aus Pernau; Boote von den Aleutischen Inseln und Fahrzeuge der Eskimos aus Grönland, mit Häuten bezogen, ganz schmal, für eine oder zwei Personen; die dazu gehörigen Anzüge find vorhanden und bei passender Gelegenheit bedienen sich die Matrosen derselben. Außer diesen liegen noch andere niedliche Fahrzeuge da, auch ein eisernes Rettungsboot. Hie und da zerstreut auf dem See ankem kleine Segelschiffe, malerisch gruppirt, alle mit der Marineflagge, an Sonn- und Feiertagen mit vielen bunten Flaggm geschmückt: vom Pelikan und Schwan bis hinunter zur Ente und zum Fisch tragen sie , die Namm Alles dessm, was im Wasser schwimmt und kriecht. ■ Bei ausreichendem Winde manöveriren die Matrosen auf ihren , Segelbooten und beleben für den Vorübergehenden die Land- ; schast als angenehme Staffage. Abends, Schlag neun Uhr, , werden, wie auf einem Kriegsschiffe, alle Flaggen gesenkt und : die Boote unter eine aus Holz und Glas gebaute Anfahrt i gezogen, wo sie zur Nacht aufbewahrt werden und vor Regen i geschützt sind. Hier befinden sich noch einige, zum Gebrauch der höchsten Herrschaften reservirte Fahrzeuge und solche, deren : Bauart nur geschickten Seeleuten erlaubt, sich darauf zu i wagen. Am Belebtesten ist der See Abends, wenn die Musik i vor dem Schlosse spielt und die Boote von Offizieren und i geputzten Damen benutzt werden. Doch seinen Glanzpunkt - erreicht der See bei den Manövern am ersten Pfingsttage.
Nu- der Nähe.
* AuS Rheinhessen, 20. October. In unserer Magistratur hat der Tod einige Lücken gerissen. Kürzlich starb zu Mainz, nachdem er in der Sitzung sich unwohl gefühlt, der Obergerichtsrath Dr. Bernays. Hierdurch ist ein zweiter Sessel in unserem Provinzial - Gerichtshof vacant geworden. Zur Wiederbesetzung derselben ist bereits eine Ernennung erfolgt, welche dem Rath eine tüchtige unabhängige