Intelligenz-Blatt
der MM Frankfurt a. M^
verbunden mit den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
(Expedition: am H. Geistpförtchen, Schlachthausgasie 21.)
M 201 Donnerstag den 26. August 1869.
Ueberblick der Ereignisse im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.
Frankfurt, 26. August. Die Kultur, die alle Welt beleckt, sie soll zum zweiten Male ihren Einzug in Egypten halten, und wenn man auch bezweifeln darf, daß der reifelustige Vicekönig geeignet ist, ein neues Pharaonenzeitalter zu inaugu- riren, so verdienen doch ebenso wie seine politischen Bestrebungen (Abschütteln der Oberhoheit des Sultans) so auch die Versuche, das vor Jahrtausenden so reich gesegnete Nilland vermittelst europäischer Civilisation zu neuem Glanz und Wohlstand zu erheben, unsere Beachtung. Am Interessantesten in letzterer Beziehung ist die Expeditiou, welche ein Engländer, Sir Sam. Baker, zur Vernichtung des Sklavenhandels einerseits, sowie zur Unterwerfung der oberen Nilgegenden unter die egyptische Herrschaft vom Vicekönige ausgerüstet erhält. Dieselbe ist, wie den „Daily News" aus Alexandrien geschrieben wird, zum Aufbruch bereit. Gewaltige Massen von Waaren für den nicht, und wenn der aus der ackerbauenden Bevölkerung aus- Handel mit den eingeborenen Stämmen sind zusammengebracht,'gehobene egyptische Soldat an Ort und Stelle eintrifft, so um auf zwei verschiedenen Wegen nach Khartum befördert zuwertauscht er die Waffen desKrieges mit den Werkzeugen des werden. Die schweren Frachtgüter, Maschinen und eiserne Friedens und begibt sich an die Bestellung des jungfräulichen
Was die aus 10 Dampfern und
Dampfer miteinbegriffen, gehen den Nil hinauf von Kairo nach Korosko etwas nordwärts von Derr, wo der Transport durch die nubische Wüste auf Kameelen beginnt. Die leichteren Artikel werden in Kisten, welche je zwei eine Kameelsladung von 400 Pfd. bilden, von Suez nach Soudkim verschifft und von dort auf Kameelen eine Strecke von 270 Meilen durch die Wüste nach Berber (18° nördl. Breite) geschafft, um dort in Booten nach Khartum verladen zu werden. Das ganze Material soll am letzten Punkte, wo der blaue und der weiße Nil ihren Zusammenfluß haben, gegen den 30. October vereinigt sein. Die Truppen für die Expedition haben sich bereits in Bewegung gesetzt. Was die aus 10 Dampfern und 30 Segelfahrzeugen bestehende Flotille anbelangt, so wird dieselbe in wenigen Tagen den hohen Wasserstand des Nil benutzen, um von Kairo den Fluß hinaus nach Khartum abzugehen. 50 Schiffbauleute werden mitgenommen, um bei den zur Beschiffung des Nyanza-See's nöthigen Arbeiten verwendet zu werden. Die Abreise Sir Samuel Bakers, der von seiner , Gattin auf diesem Zuge begleitet wird, ist auf den 10. Sept, anberaumt. Hinsichtlich der etwa aufzubringenden Sklaven- fahrzeuge und ihrer Insassen hat mit Bewilligung des Khedive Sir Samuel folgenden Plan entworfen: Ein fruchtbarer 'andstrich auf beiden Ufern des Nils unterhalb Khartum foll nr dieselben angewiesen und ihnen zu bestimmten Antheilen teuerfrei eingeräumt werden. Alle aus der Gefangenschaft bereiten Sklaven werden mit dem Datum und den näheren Um- uanden bei Wegnahme des betreffenden Schiffes namentlich
und einzeln in besondere Register eingetragen und erhalten einen „teskeri“ oder Freischein. Man wird ihnen sodann den Gebrauch und die Vortheile des Wasserrades beibringen, ihnen Sämereien austheilen, sie zum Säen anhalten und ihnen schließlich landwirthschaftliche Geräthe liefern, mit welchen sie sich nach Sir Samuel's Meinung bald befreundm dürften. Um alle diese Maßregeln zu leiten, sollen besondere Beamte in diesem Distrikte angestellt werden. Neben einem thatkräftigen Einschreiten gegen den Sklavenhandel, glaubt Sir Sam. Baker am besten die Civilisation der Eingeborenen zu fördern, indem er ihnen sofort ein gutes Beispiel gibt und gleich oberhalb Gondokoro, wo jetzt die Herrschaft des Vicekönigs ihre Grenze findet, mit der Baumwollkultur beginnt. Die Baumwollpflanze selbst ist in jenen Gegenden schon einheimisch, doch sind die Eingeborenen noch nicht mit dem Werthe derselben bekannt. Jetzt sind Sämereien der feinsten Sorten mit unter den Vorräthen der Expedition. Pflüge und Ackergeräthschaften aller Art fehlen nicht, und wenn der aus der ackerbauenden Bevölkerung aus-
Friedens und begibt sich , „ . _______
Bodens, der unter günstigen Regen- und" Witterungsverhältnissen unabhängig von der schwierigen künstlichen Bewässerung Egyptens ist. Als erstes Erforderniß der Civilisation wird unter den eingeborenen Stämmen der Friede erzwungen, die egyptische Herrschaft begründet und jeder Häuptling augehalten werden, die Zahl seiner Leute anzugeben. Um der periodisch unter den Eingeborenen wüthenden Hungersnoth zu begegnen, soll es ferner den Häuptlingen zur Pflicht gemachi werden, im Verhältniß zu der Zahl ihrer Stämme eine gewisse Bodenfläche mit Getreide zu bestellen. Von Gondokoro wird ein guter Weg parallel mit Dem Niel bis über den letzten Katarakt (3.22 nördl. Breite) gelegt werden. Karren, Pferde, Kameele, Maulthiere rc. stehen schon bereit und in sehr kurzer Zeit wird eine Wagencommunication zwischen Gondokoro den Transport wesentlich erleichtern. Vorderhand ist der finanzielle Erfolg der Expedition noch in keiner Weise zu beurtheilen, allein abgesehen von dem Handel mit Elfenbein, Gummi, Wachs und sonstigen Produkten hofft Sir Samuel Baker Bedeutendes zu erreichen und denkt an nichts Geringeres als Egypten zum ersten Lande der Welt hinsichtlich der Baum- wollproduction zu machen. Schon jetzt wird von einer Eisenbahn von Sonakim durch die von Sir Samuel Baker bereisten und beschriebenen fruchtbaren Distrikte Oberegyptens nach Khartum und von Cassala nach dem blauen Nil gesprochen, und man berechnet schon, daß die Baumwollernte Obernubiens in fünf Tagen dann durch den Suez-Kanal nach dem Mittelmeer gebracht werden könnte. Der Vicekönig hat ein Auge für