Zntelligenz-Blatt der Stadt Frankfurt a. At verbunden mit den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
(Expedition: am H. Geistpförtchen, Schlachthausgasse 21.)
M 185 Samstag den 7. August 1869.
Ueberblick der Ereignisse im''Gebiete der polittschen und materiellen Interessen.
Frankfurt, 7. August. (Depesche des Herrn von Thrle an den Freiherrn von Werther.) Berlin, den 18. Juli 1869. Ans Ew. Excellenz gefälligem vertraulichen Berichte vom 6. d. M habe ich ersehen, daß dem Herrn Grafen von Beust die Nachricht zugekommen und von demselben Ihnen gegenüber erwähnt worden ist, wir hätten in einer Depesche deS Herrn Reichskanzlers über die Französisch Belgische Eisenbahn-Angelegenheit ein „unfreundliches procédé" gegen Preußen erblickt. Bei der absoluten Zurückhaltung, welche die Regierung Sr. Majestät des Königs der gedachten Angelegenheit gegenüber während ihres ganzen Verlaufes beobachtet und ihren Vertretern im Auslande ebenmäßig vorgeschrieben hat, — einer Zurückhaltung, über die uns von mehr als einer Seite warme Anerkennung ausgesprochen worden ist, — konnte mich jene von dem Herrn Reichskanzler Ihnen mitgetheilte Notiz nur überraschen. Ew. Excellenz haben selbst dem Grafen Beust bereits gesagt, daß Ihnen von der uns zugeschriebenen Beschwerde nichts bekannt wäre, und ich kann bestätigend hinzufügen, daß die erwähnte Nachricht aus einem Mißverständniß herzurühren scheint, da wir über jene, in der Presse vielfach besprochene, uns aber von österreichischer Seite nicht mitgetheilte, Depesche uns in irgend welchem Sinne zu äußern, keine Veranlassung gefunden haben. — Inzwischen hat Freiherr von Münch-Bellinghausen mir am 11. d. M einen anderweiten Erlaß des Grafen Beust vorgelesen, worin meine Aufmerksamkeit darauf hingelenkt wird, daß in zwei Fällen die Königliche Negierung, resp, ihre Vertreter, Depeschen eines andern Cabinettes' am dritten Orte mitgetheilt hätten, was angeblich dem diplomatischen Usus zuwiderlaufe; der eine Fall betreffe eine nicht näher zu bezeichnende Depesche des Fürsten Gortschakoff, der andere die österreichische Depesche vom 1. Mai über die Französisch-Belgischen Eisenbahn-Verhandlungen. — Ich habe über diese Mittheilung des Baron Münch und meine ihm vorläufig ertheilte Antwort ein Pro- memoria aufgesetzt, von dem Ew. Excellenz hierbei Abschrift erhalten, und will dem Inhalte desselben nur wenige Bemerkungen hinzufügen. — DaS kaiserlich österreichische Cabinet kann sich versichert halten, daß wir uns höchstens berufen finden könnten, den Gebrauch zu kritisiren, den dasselbe von unsern Mittheilungen macht, dagegen über die Benutzung solcher Mittheilungen, welche dasselbe von dritten Regierungen erhält, uns nie ein Urtheil erlauben würden. Wir können daher auch unsererseits dem Grafen Beust nicht die Befugniß einräumen, unsere Behandlung der Mittheilungen dritter Regierungen zum Gegenstände amtlicher Bemerkungen zu machen.
Wir sind außer Stande zu erkennen, was den Herrn Reichskanzler bestimmen mochte, in dieser Angelegenheit als Anwalt des Fürsten Gortschakoff aufzutreten, welcher nicht den Weg über Wien zu wählen pflegt, um eine vertrauliche Anfrage an uns gelangen zu lassen, und sehen daher keinen Anlaß, uns über den Gegenstand irgendwie zu äußern. — Was die österreichische Depesche vom 1. Mai dieses Jahres betrifft, so wird der Herr Reichskanzler sich erinnern, daß er dieselbe uns weder durch Vorlesen noch schriftlich hat mittheilen lassen, und uns daher nicht in die Lage versetzt hat, rücksichtlich derselben eine Jndiscretion zu begehen. Im Gebrauche der Mittheilungen fremder Regierungen sind wir uns stets absoluter Discretion bewußt gewesen; von einer Verletzung dieses Grundsatzes aber kann doch unmöglich die Rede sein in einem Falle, wo solche Mittheilungen nicht existiren. Ob die uns von anderen Seiten über den Inhalt der bezeichneten Depesche gemachten Angaben genau sind oder nicht, vermögen wir bis zum heutigen Tage nicht zu constatiren; über unsere Verwendung dieser Angaben glauben wir nur denjenigen Rechenschaft schuldig zu fètn, von welchen sie herrühren. — Wenn die uns durch manche Umstände nahe gelegte Annahme begründet wäre, daß der Herr Reichskanzler seine Kritik gegen unsere angeblichen Mittheilungen an den Königl. Sächsischen Minister Freiherr» von Friesen habe richten wollen, so würden wir darin die Aufforderung erblicken, auszusprechen, daß wir, auch abgesehen von dem Mangel angreifbarer Specialfälle, die Berechtigung einer solchen Kritik schon aus allgemein national- politischen Gründen . abweisen. Unsere Mittheilungen an Deutsche Regierungen entziehen sich jeder Controle auswärtiger Cabinette, und in noch höherem Grade, vermöge der Solidarität der Norddeutschen Bundes-Diplomatie, diejenigen, die wir nach Dresden richten. — Ew. Excellenz ersuche ich ganz ergebenst, Sich in diesem Sinne gegen den Herrn Reichskanzler auszusprechen und ihm, wenn Sie es angemessen finden, diesen Erlaß und seine Anlage vorzulesen, jedoch nicht zu überlassen, gez. von Thile. Seiner Excellenz dem Herrn Fceiherrn von Werther in Wien.
Nur der Nâhe.
* Bad Homburg. Nach den neuesten Nachrichten aus EmS ist die Abreise S. M. des Königs vorläufig auf den 10. August festgesetzt. Wie bereits erwähnt, liegt es in der Absicht 'des Königs, nach Beendigung der Kur in Ems zunächst Wiesbaden und dann Homburg auf einige Tage zu besuchen. Von Homburg aus dürfte der König weiterhin Darmstadt und Kassel besuchen und am 24. nach Berlin zurück- hehren, um von hier aus Ausflüge nach verschiedenen Provinzen