Intelligenz-Blatt der MM Frankfurt a. M., verbunden mit den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
(Expedition: am h. Geistpförtchen, Schlachthausgasse 21.)
J2 177 Donnerstag den 29. Juli 1869z
Ueberblick der Ereignisse im Gebiete der politischen und matenellen Jutereffen.
Frankfurt, 29. Juli. (Die Deutschen in der Fremde und ihre Stellung zur deutschen Frage.) Die freisinnige Partei in ganz Deutschland hat, mit sehr un- bedeutenden Ausnahmen, sich für die Einigung Deutschlands auf dem Wege des Eintritts der acht Millionen Süddeutschen in den schon jetzt etwa 30 Millionen umfassenden norddeutschen Bund entschieden. Nur in Bayern und Würtemberg widersetzt sich bis jetzt die Mehrheit des Volkes der Betretung dieses Wegs, während in Baden und Hessen die überwiegende Mehrzahl und namentlich die alten Vorkämpfer der Opposition beinahe ausnahmsweise mit dem Willen von 4/s der deutschen Nation (wie er in dem auf allgemeinem Wahlrecht beruhenden norddeutschen Reichstag feinen formellen Ausdruck gefunden j hat) übereinstimmen. Es ist nun nicht ohne Interesse, zu constatiren, welches die Meinung der Deutschen außerhalb Deutschlands beziiglich dieser Streitfrage ist und ob die Deut scheu in der Fremde sich für den norddeutschen Bund, für dessen Ausdehnung auf das noch außerhalb stehende Süddeutschland aussprechen, oder ob diese sich der gegen die Ausdehnung des Nordbundes, als ein Grab der deutschen Sache, I wüthenden winzig kleinen süddeutschen Minderheit anschließen, i Gerade die Ansicht der Deutschen in der Fremde ist deshalb besonders wichtig, weil sie außerhalb des seit 1866 entbrann- i ten Kampfes stehen, daher unbetheiligt sind und weil sie von ; einem gleichfalls neutralen Standpunkte aus das Für und Wider ruhiger und unbefangener prüfen können. Hier zeigt i sich nun, daß alle Deutschen in der Fremde (mit weniger I Ausnahme einiger erbitterter Nächtlinge) für die neue Gestaltung Deutschlands und für Ausdehnung des Nordbundes über Süddeutschland schwärmen, während auch die geringste Massendemonstration Deutscher im Auslande, gegen den Nordbund, fehlt. Den neuesten Beleg hierfür liefert das am 5., 6. und 7. Mai in Porto Allegro (in der brasilianischen Provinz Rio Grande) von etwa eintausend Deutschen gefeierte Volksfest zur Verherrlichung der zum ersten Male entfalteten Norddeutschen Bundesflagge. Drei Tage lang wurde durch Festlichkeiten jeder Art und zum Schluß durch eine allgemeine Illumination mit Fackelzug das Aufziehen des schwarz-weiß- rothen Banners auf dem Consulatsgebäude in Porto Allegro gefeiert. Wir entnehmen einer Rede des Redacteurs der dortigen deutschen Zeitung folgende Stelle wörtlich, welche er nach Aufzählung der Vortheile des preußischen Sieges von i bezüglich der Stellung der Deutschen im Auslande an- üigt: „Jeder Tag nähert sich der Einigung und ehe viele I ^ahre vorübergehen, wird das deutsche Reich wieder erstanden
sein, aus dem Grabe der Vergangenheit mit neuer, jugendlicher Kraft, in vollem Glanze seiner Macht, im herrlichen Gewände seiner Führerschaft auf der Straße der Aufklärung, des Fortschrittes und der Civilisation. Die civilisatorische Mission, die der Deutsche im Auslande erfüllt, ist nicht der geringste Theil unseres Ruhmes, denn seine Tüchtigkeit, sein ernstes Wollen, sein nie ermüdendes Schaffen, zwingen den Nationen der Erde Achtung ab vor dem deutschen Character, und die Wechselbeziehungen, die durch die Ausgewanderten angeknüpft werden zwischen dem Vaterlande und den entlegensten Punkten ferner Regionen, bringen demselben reichen Gewinn und der Wissenschaft herrliche Ausbeute. Der Wandertrieb, der dem germanischen Stamme innewohnt, läßt die Distanzen schwinden und in den fernsten Gegenden deutsche Ansiedlungen erblühen, die zu immer größerem Aufschwungs kommen werden, je einiger und kräftiger sich das Stammland entwickelt, je nachdrücklicher der Schutz ist, den er seinen fernen Söhnen gewähren kann. Das war bisher die schlimmste Seite der deutschen Auswanderung, denn getheilt in dreißig Staaten, von denen keiner seine Flagge in fremden Meeren durch Kanonen- und Kriegsschiffe zur Achtung bringen konnte, standen die deutschen Staatsbürger im fernen Auslande schutzlos da, und die Wfachen Konsularschilde und buntfarbigen Flaggen prangten fast nur pro forma an den Häusern der Konsularagenten der deutschen Groß-, Mittel- und Kleinstaaten. Und das ist nun anders geworden; das Jahr 1866 hat nun den größten Theil von Deutschland unter Preußens Führerschaft im norddeutschen Bunde geeinigt, und die Einverleibung der Herzogthümer hat uns die Mittel geboten zur Beschaffung einer Flotte, deren Krieasflagge in wenigen Jahren in allen Meeren wehen wird. Deßhalb gerade ist unser heutiges Fest ein so berechtigtes, unsere gehobene Stimmung eine so natürliche, denn in der norddeutschen Flagge, die heute enthüllt wurde unter dem Donner der Salutschüsse und unter dem Freudenrufe aller Deutschen, begrüßen wir nicht nur die neue Aera des Vaterlandes, sondern auch die Besserung der Lage der hier ansässigen deutschen Staatsangehörigen. Der Redner schließt dann nach einigen weiteren begeisterten Worten über die Pflicht der deutschen Colonisten mit dem Satz: „Und so lasset uns mit freudiger Hoffnung in die Zukunft blicken, und die schwarzweiß-rothe Flagge nochmals grüßend, stimmt mit mir ein in den Jubelrus: Unser großes und herrliches Vaterland, es lebe hoch!“
Aus der Nähe.
* Offenbach, 24. Juli. In dem heute zur Ruhe beteten großh. Hess. Oberstlieutenant a. D. Friedrich Rup-