Intelligenz-Blatt
der Stad! Frankfurt a. M.,
verbunden mit den Frankfurter Skachrichten als Extrabeilage.
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(Txpeditton: am H. Geistpsörtchen, Schlachthausgasse 21J
M 159 Donnerstag dm 8, Juli 1869.
Ueberblick der Ereignisse im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.
Frankfurt, 8. Juli. Ein Korrespondent des „ New - y ork-Herald" berichtet über eine Unterredung mit Dem Grafen Bismarck, die er erbeten hatte, um sich über die innere Politik des norddeutschen Bundes zu orientiren und zu erfahren, wie der Minister über die Verwerfung der Steuervorlagen im Reichstage denke. Die Antwort, wie er sie ausgezeichnet hat, ging angeblich im Wesentlichen dahin: Die Schuld an der Verwerfung der Vorlagen und den Schwierigkeiten, die sich weiter daraus entwickeln könnten, liege daran, daß die Abgeordneten kein richtiges Verständniß für die Situation und für ihre eigene Stellung hätten. Sie dächten sich als einen Staat im ëtaate, bewegten sich also eigentlich noch in feudalen Vorstellungen. Sie hätten keinen Sinn für eine Gemeinsamkeit Der Interessen zwischen ihnen und der Regierung. Sie gefielen sich in Widersprüchen, Tadeln, Erheben von Schwierigkeiten, machten aber selbst keine nützlichen Vorschläge und meinten, eS sei die Sache des Ministeriums, zu sehen, wie eS herauskäme. Getheilt in zahlreiche Fraktionen, lebe von anderen Interessen beherrscht, fänden sie sich nur in der Opposition zusammen und wollten nicht einsehen, daß sie die Geldmittel ja nicht dem Ministerium, sondern dem Lande zu bewilligen hätten. Es werde vielleicht nöthig sein, im Herbst an die Wähler zu appelliren und zu sehen, ob sie nicht besseres Verständniß für die Aufgaben des modernen StaateS und die Stellung der Volksvertretung hätten, als die Herren, von denen jeder sich für einen Staatsmann par excellente halte. Die wiederholten Versicherungen persönlichen Vertrauens zu ihm hätten neben dieser Handlungsweise natürlich gar keinen Werth. Er habe die Sache längst satt und hätte wiederholt um seine Entlassung gebeten. Der König aber wolle seine Minister behalten und sich nicht neuen, noch nicht bewährten Rathgebern anvertrauen. Auf die Frage des Correspondenten, ob die europäische Lage in der That nicht eine Reducirung des Militär-Etats zulasse, wurde ihm die Antwort: Nein, Norddeutschland müsse bewaffnet und wachsam sein; denn es habe keine Bürgschaft für die Absichten Frankreichs und Oesterreichs. England und Amerika hätten einen Familienstreit unter sich, und von einer Allianz mit Rußland würde gerade die Opposition am wenigsten etwas hören wollen. Bei dieser Sachlage auf sich selbst angewiesen, könne Norddeutschland seine Militärmacht nicht herabspannnen. Das französische Volk habe zwar kein Verlangen nach Krieg, aber es habe ein Temperament, daS leicht zu entzünden sei, und wenn das geschehen, würde es sich mit einem Ungestüm ln den Krieg stürzen, von dem die uneinigen und phlegmatischen
deutschen Fraktionen keine Vorstellung hätten. Auf die Bemerkung des Correspondenten, daß diese Aeußerungen mehr Preußen als den Norddeutschen Bund anzugehen schienen, er- miDerte Graf Bismarck: Wie könnten die Interessen Beider in diesen Beziehungen getrennt werden? Stellen sie sich vor, daß der Staat Newyork eine Bevölkerung von 30 Millionen, und alle übrigen Staaten der Union nur eine solche von sechs bis sieben Millionen hätten.
Aus der Nähe.
* PhilippSeich, 3. Juli. Wir hatten gestern Vor- und Nachmittag mehrere Gewitter mit starkem Regen, wo bei einem derselben, Nachmittags zwischen 1 und 2 Uhr,' vermuthet werden konnte, daß der Blitz ganz in unserer Nähe eingeschlagen habe. Heute hat sich diese Vermuthung bestätigt. Eine'bisaus 40 Fuß ^öhe etwa 30“ im Durchmesser starke Eiche im nahen Walddistrikte Fasanerie ist bis auf etwa 60' Höhe durch und durch gespalten und stark zersplittert und, was höchst merkwürdig ist, über 40' seiner Rinde vollständig entkleidet. Diese Rinde liegt dann mit größern und kleinern Holzsplittern in Stücken nach allen Seiten hin bis zu 80 Fuß Entfernung um den nackten und zerrissenen Eichstamm verschlagen.
* Kostheim, 5. Juli. In der hiesigen Knabenschule sind 44 Kinder an den Masern erkrankt. Eine sanitätliche Untersuchung ist angeordnet.
* Bei der am 3. d. M. stattgehabten Generalversammlung der Schützengesellschaft zu Worms wurde nach eingehender, sehr lebhafter Debatte einstimmig beschlossen, den Vorschlag des Schützentages zu Offenbach zu acceptiren und das 5. mittelrheinische Bundesschießen im Jahre 1871 in unserer Stadt abzuhalten. Gleichzeitig wurde von den anwesenden Schützenmitgliedern die beträchtliche Summe von 1200 fl. für ein etwaiges Deficit gezeichnet,
* Mainz, 3. Juli. Ein Schiffer und Fruchthändler aus Werthheim versuchte gestern Abend, auf seinem hier vor Anker liegenden Schiffe seinem Leben ein Ende zu machen. Er brachte sich zu diesem Behufe vermittelst eines Dolches einen Stich auf der linken Seite der Brust bei. Der Unglückliche wurde sofort nach dem Rochushospitale verbracht. Die Wunde, die er sich beigebracht, ist eine sehr gefährliche. Als Motiv des Selbstversuchs bezeichnet er ein schweres körperliches Leiden.
* Cobl enz, 3. Juli. Gestern Abend trafen, von Cöln kommend, die beiden Söhne des Ministerpräsidenten, Grafen v. Bismarck-Schönhausen, mittelst Zuges hier ein und nahmen Wohnung im Gasthofe „zum Riesen." Heute früh verließen dieselben unsere Stadt, um sich nach Bonn zu begeben. —